Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen - Gebhardt, Miriam

Miriam Gebhardt 

Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen

Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert

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Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen

Erziehung und Angst - eine Geschichte der elterlichen Verunsicherung

Miriam Gebhardt untersucht die Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert und stellt fest, dass Ärzte, Erzieher und Eltern stets getrieben waren von der Furcht vor dem kleinen Haustyrannen. Bis in die sechziger Jahre warnte man Väter und Mütter eindringlich vor zu viel Verständnis und Zärtlichkeit gegenüber ihrem Nachwuchs. Es galt die strenge Parole: 'Kinder nicht küssen!'

Deutsche Eltern im 20. Jahrhundert waren hin- und hergerissen zwischen Norm und Liebe, zwischen Strenge und Verständnis. Von allen Seiten stürmten Ratschläge und Warnungen auf sie ein, man solle sich nur ja nicht von den Bedürfnissen des Kindes gängeln lassen. Es galt, ein wildes Wesen zu zähmen. Wissenschaftler, Ärzte und Hebammen waren sich einig - gefordert wurde eiserne Konsequenz beim Einhalten der Schlaf- und Essrhythmen, wenig Körperkontakt und kein Mitleid. Nur so würde der Nachwuchs für die Härten des Lebens gerüstet.

Miriam Gebhardt untersucht die Geschichte der Früherziehung im 20. Jahrhundert und widmet sich Fragen, die heute noch brandaktuell sind. Denn nach wie vor erhitzt kaum eine Debatte die Gemüter mehr als jene darüber, wie man den Nachwuchs am besten auf das Leben vorbereitet.

"Erkenntnissatte Studie über die Erziehung des 20. Jahrhunderts." -- Die Zeit, 29.04.10

"Hilfreicher als viele Ratgeber." -- Bücher

"Es wird gezeigt, wie rasch und stark sich die in der Ratgeberliteratur und von Experten verbreiteten Ansichten und Überzeugungen ändern, relativiert ihre Bedeutung immens. Auf diese Weise regt das sachlich und fundiert geschriebene Buch dazu an, öfter mal einen Ratgeber im Laden liegen zu lassen und auszuschalten, wenn wieder mal eine Super-Nanny im TV Erziehungsnormen offeriert." -- Hamburger Abendblatt


Produktinformation

  • Verlag: Dva
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 330 S.
  • Seitenzahl: 336
  • Deutsch
  • Abmessung: 220mm x 146mm x 36mm
  • Gewicht: 570g
  • ISBN-13: 9783421044136
  • ISBN-10: 3421044139
  • Best.Nr.: 26327672
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 09.02.2010

Sachbücher des Monats Februar
Empfohlen werden nach einer monatlicherstellten Rangliste Bücherder Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzender Gebiete.
1. ULRICH RAULFF: Kreis ohne Meister. Das Nachleben Stefan Georges. C. H. Beck Verlag, 544 Seiten, 29,90 Euro.
2. MIRIAM GEBHARDT: Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert. Deutsche Verlags-Anstalt, 336 Seiten, 24,95 Euro.
3.-4. WOLFGANG MARTYNKIEWICZ: Salon Deutschland. Geist und Macht 1900- 1945. Aufbau Verlag, 450 Seiten, 26,95 Euro.
JEAN-MICHEL PALMIER: Walter Benjamin. Aus dem Französischen von Horst Brühmann, Suhrkamp Verlag, 1374 Seiten, 64 Euro.
5. THEODOR W. ADORNO: Nachgelassene Schriften, Abt. IV: Vorlesungen – Band 3: Ästhetik (1958/59). Herausgegeben von Eberhard Ortland, Suhrkamp Verlag, 522 Seiten, 43,80 Euro.
6. ALBRECHT WELLMER: Versuch über Musik und Sprache. Carl Hanser Verlag, 328 Seiten, 21,50 Euro.
7. MARC BEISE: Die Ausplünderung der Mittelschicht. Alternativen zur aktuellen Politik. Deutsche Verlags-Anstalt, 224 Seiten, 19,95 Euro.
8. JOACHIM GAUCK: Winter im Sommer – Frühling im …

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Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Titel und Cover des Buches findet Heinz-Elmar Tenorth eher abschreckend. Und eine Geschichte der Erziehung im 20. Jahrhundert, wie es im Untertitel heißt, ist das Buch für ihn auch nicht. Dafür aber erkennt er im Rückgriff der Autorin auf Elterntagebücher eine echte Pionierleistung. Wie sich Ratgeberwissen im konkreten Fall, als Alltagswissen niederschlägt beziehungsweise damit verbindet, das kann Tenorth hier nachlesen, und er ist dankbar für diese neu erschlossene Quelle zum Thema. Miriam Gebhardts scharfe Kritik an den Ratgebern kann der Rezensent entlang der so beschriebenen historischen Entwicklung gut nachvollziehen. Anders als Gebhardt kennt er allerdings durchaus Autoren, die die "pädagogische Überwältigung" des Kindes schon in den 20er Jahren kritisch sahen. Als Mittel der Aufklärung gegen die Expertenhörigkeit, findet Teborth, taugt das Buch gut.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Erkenntnissatte Studie über die Erziehung des 20. Jahrhunderts." (Die Zeit, 29.04.2010)

»Es wird gezeigt, wie rasch und stark sich die in der Ratgeberliteratur und von Experten verbreiteten Ansichten und Überzeugungen ändern, relativiert ihre Bedeutung immens. Auf diese Weise regt das sachlich und fundiert geschriebene Buch dazu an, öfter mal einen Ratgeber im Laden liegen zu lassen und auszuschalten, wenn wieder mal eine Super-Nanny im TV Erziehungsnormen offeriert.«

»Es wird gezeigt, wie rasch und stark sich die in der Ratgeberliteratur und von Experten verbreiteten Ansichten und Überzeugungen ändern, relativiert ihre Bedeutung immens. Auf diese Weise regt das sachlich und fundiert geschriebene Buch dazu an, öfter mal einen Ratgeber im Laden liegen zu lassen und auszuschalten, wenn wieder mal eine Super-Nanny im TV Erziehungsnormen offeriert.«
Miriam Gebhardt, geboren 1962, lebt als Journalistin und Historikerin in München. Sie hat mit einer Arbeit über das deutsch-jüdische Bürgertum promoviert und schreibt u.a. für Stern, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung und Marie Claire.

Leseprobe zu "Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen"

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Leseprobe zu "Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen"

Die Arbeit an diesem Buch hat bei mir ein Gefühl der Verwunderung hinterlassen; Verwunderung darüber, wie sehr in diesem Land alle Erziehungsdebatten von Angst geprägt sind. Sicher haben Eltern immer Sorgen um ihre Kinder, sie befürchten nicht nur in Deutschland, dass nicht alles optimal läuft bei der Erziehung und Betreuung, dass der eigene Nachwuchs den Anschluss verpassen und den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen könnte. Bemerkenswert an der deutschen Diskussion der letzten Jahre ist jedoch: Eltern scheinen sich nicht nur um ihr Kind zu ängstigen, sondern auch vor ihrem Kind. Die Angst vor dem eigenen Kind ist so groß, dass Experten Eltern versprechen müssen, sie vor ihrem Kind zu beschützen. Monatelang stand eine Schrift des Kinder- und Jugendpsychiaters Michael Winterhoff ganz oben auf den Bestellerlisten, die als Patentrezept für den Umgang mit dem Kind Strenge, Konsequenz und klare Grenzen verordnete. Autorität und Disziplin scheinen neuerdings wieder die wichtigsten Erziehungsinstrumente zu sein. Abgesehen von der Frage der Berechtigung solcher Ratschläge - das will ich als Historikerin nicht beurteilen - ist das Bild vom Kind, mit dem die mehr oder weniger ausgewiesenen Fachleute die geforderte Strenge begründen, doch erstaunlich. Winterhoffs erstes Erfolgsbuch heißt Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Damit ruft der Autor ein vertrautes Argument unserer Großeltern und Urgroßeltern auf - die Warnung vor dem kindlichen Tyrannen oder dem Kleinen Haustyrannen. Die Zeitschrift Stern verkaufte im Jahr 2005 eine ihrer Titelgeschichten mit der Headline »Die kleinen Tyrannen. Wie Kinder ihre Eltern dressieren und wie Mütter und Väter kontern können«. Auf dem Cover ließ ein kleines Ungeheuer die Peitsche über seinen vor Angst schlotternden Eltern kreisen. Auch die Bildsprache des Spiegel-Titels »Wie viel Mutter braucht das Kind?« im Februar 2008 ging in diese Richtung. Gezeigt wurde ein überdimensionales Kleinkind, das eine winzige und völlig verhuschte Mutter mit fester Faust gepackt hielt. Kinder werden, so konstatiert die Zeitschrift Eltern, hierzulande als »Bonsai-Terroristen«, »Saddam Husseins im Taschenformat« oder »Kotzbrocken« bezeichnet.
Solche Titelgeschichten, Formulierungen und Abbildungen sind nicht allein damit zu erklären, dass sie die Auflage steigern. Sie verweisen vielmehr auf latente Einstellungen in der Gesellschaft. Die Haltung zum Kind ist offensichtlich nicht nur von realen Befürchtungen um die Zukunft der nächsten Generation bestimmt. Der Diskurs um die kindliche Tyrannei bringt mehr zum Vorschein als die Angst der Mittelschicht vor der familialen Deklassierung - in ihrer Eigenwahrnehmung fühlen sich Eltern ohnmächtig gegenüber ihren omnipotenten Zwergen.
Die Angst der Eltern vor dem Versagen im Umgang mit unberechenbaren und unkontrollierbaren Kindern erklärt auch die Sehnsucht nach klaren, möglichst strikten Expertenanweisungen. Ratgeber oder Ratgebersendungen wie Die Super Nanny, durch die das Publikum das Gruseln lernt, erfreuen sich großer Beliebtheit und sorgen für gute Quoten. Lautstark wird die staatliche und institutionelle Einmischung in die zentrale Aufgabe der Familie, die Versorgung und Erziehung ihrer kleinen Kinder, gefordert. Im Dezember 2007 hat die Bundesregierung beschlossen, Eltern und Kinder künftig stärker zu beaufsichtigen. Zur Vorbeugung von Verwahrlosung und Misshandlung sollen Säuglinge und Kleinkinder von Geburt an bis ins Alter von vier Jahren regelmäßig einem Arzt vorgestellt werden. Bei Verdachtsmomenten ist eine Meldepflicht geplant, außerdem sollen Hebammen, Mediziner, Behörden und Polizei enger kooperieren. Die Anregung der SPD-regierten Länder, außer neuen Pflichten auch neue Rechte, nämlich Kinderrechte, im Grundgesetz zu verankern, wurde nicht aufgegriffen.
Es vergeht kein Monat, ohne dass sich ein Sozialisationsexperte dafür ausspricht, es müsse endlich ein Elternführerschein eingeführt werden. Vor zwanzig Jahren hoffte man zumindest in alternativen Erziehungsmilieus noch auf eine Rückkehr zu »natürlichen« Methoden, zu Spontanität und Intuition im Umgang mit Kindern jeden Alters. Eltern sollten sich nicht von Experten zur Hilflosigkeit erziehen lassen. Heute ist keine Rede mehr von Autonomie und Eigenverantwortung der Eltern oder gar der Kinder im Sozialisationsprozess. Nach Meinung des bekanntesten deutschen Sozialisationsexperten, Klaus Hurrelmann, sind zwei Drittel der Eltern gar nicht oder nur sehr eingeschränkt in der Lage, ihre Sprösslinge selbstständig zu erziehen. Diese Meinung teilen viele. Die Regierung hat mit dem Modellprojekt »Pro Kind« zur intensiven Betreuung sozial schwacher Erstgebärender reagiert.
Die Expertenhörigkeit gibt zu denken, wenn man weiß, dass Eltern nicht erst seit gestern, sondern seit der Aufklärung informiert und seit dem späten 19. Jahrhundert immer intensiver und mit immer professionelleren Medien instruiert wurden. Die Klage der Fachleute über die Unfähigkeit der Eltern, mit den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Anforderungen an die Sozialisation der Kinder Schritt zu halten, müsste eigentlich als Erstes auf sie selbst zurückfallen. Daran zeigt sich, wie blind der Ratgeberdiskurs für seine eigene Geschichte ist. Es wird der Anschein vermittelt, als sei die wissenschaftliche Kindererziehung ein Produkt der Gegenwart, das nur endlich eins zu eins von den Familien beachtet werden müsse. Das Fortschrittsdenken der Expertise verstellt die Möglichkeit einer kritischen Bilanz des bislang Erreichten. Der geschichtslose Erziehungsdiskurs fragt kaum danach, wodurch Experten ihren qualitativen Wissensvorsprung vor der Restgesellschaft gerechtfertigt sehen. Allgemein gesagt: Die immer lauter werdende Forderung nach mehr Normativität und Führung in der Frage der familialen Sozialisation, der sich sogar Historiker anschließen, hat offensichtlich nicht nur fachliche Hintergründe. Es geht zugleich um ein gesellschaftspolitisches Thema, um die öffentliche Führungsrolle des Neuen Bürgertums, das sich nicht zuletzt bei der Kindererziehung durch die Bevorzugung von Privatschulen hervortut.
Ein weiteres Phänomen der aktuellen Diskussionen neben der Ängstlichkeit und der Expertengläubigkeit ist die Verlegung des kritischen Zeitpunkts im Sozialisationsprozess auf immer frühere Zeitpunkte. In den letzten zwei Jahrzehnten diskutierten Sozialisationsexperten, wie wichtig peer groups und Selbstsozialisation für das Aufwachsen seien. In den 60er und 70er Jahren hatte sich die Gesellschaft vor allem mit Chancengleichheit in Schule und Ausbildung beschäftigt. Heute ist die früheste Kindheit von alles entscheidender Bedeutung. Die Aufwertung der ersten Lebensjahre liegt im wissenschaftlichen Großtrend des Naturalismus, der die biologischen Grundlagen des menschlichen Daseins betont, der Denken, Fühlen, Handeln, Geschlechterverhältnisse, Temperamentsfragen usw. mit Biologie erklären möchte. Dazu gehört auch die Ansicht, schon die ersten Beziehungserfahrungen im Säuglingsalter wirkten sich auf die hirnanatomischen Strukturen aus, mit weitreichenden Konsequenzen für das ganze Leben. Ein wichtiges Thema ist die Rückdatierung der kognitiven Kompetenzen des Kindes in die ersten Lebensstunden, ja sogar in die vorgeburtliche Zeit, in der Hoffnung, noch früher in den Lauf der Entwicklung eingreifen zu können.

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