Die Ambler-Warnung - Ludlum, Robert

Robert Ludlum 

Die Ambler-Warnung

Roman

Aus d. Amerikan. v. Wulf Bergner and Violeta Topalova
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Die Ambler-Warnung

Robert Ludlum beherrscht unangefochten das Feld des klassischen Spionage- und Agententhrillers. Auch sein neuester Roman bietet wieder eine rasante Story um Intrige und tödlichen Verrat: Ex-Agent Hal Ambler wird von seinen einstigen Auftraggebern auf einer entlegenen Insel gefangen gehalten. Als ihm die Flucht gelingt, nimmt eine mörderische Jagd ihren Lauf.


Produktinformation

  • Verlag: Heyne
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 638, 12 S.
  • Seitenzahl: 656
  • Heyne Bücher Nr.43291
  • Deutsch
  • Abmessung: 186mm x 121mm x 56mm
  • Gewicht: 523g
  • ISBN-13: 9783453432918
  • ISBN-10: 3453432916
  • Best.Nr.: 22834714
"Ludlum packt mehr Action in einen Thriller als fünf seiner Kollegen zusammen." The New York Times

"Ludlum packt mehr Action in einen Thriller als fünf seiner Kollegen zusammen."

"Ludlum packt mehr Action in einen Thriller als fünf seiner Kollegen zusammen."
Robert Ludlum erreichte mit seinen Romanen, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden, weltweit eine Auflage von über 280 Millionen Exemplaren. Robert Ludlum verstarb im März 2001. Die Romane aus seinem Nachlass erscheinen bei Heyne.

Leseprobe zu "Die Ambler-Warnung" von Robert Ludlum

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Leseprobe zu "Die Ambler-Warnung" von Robert Ludlum

Das Gebäude besaß die Unsichtbarkeit des Gewöhnlichen. Es hätte eine große Highschool oder ein regionales Rechenzentrum der Steuerbehörde sein können. Der quadratische, beige Klinkerbau - Erdgeschoss und drei Stockwerke, die einen Innenhof umgaben - war ein typisches Gebäude, wie sie in den fünfziger und sechziger Jahren errichtet worden waren. Kein zufälliger Passant hätte es eines zweiten Blickes gewürdigt.

Nur gab es hier keine zufälligen Passanten. Nicht auf dieser vorgelagerten Insel sechs Meilen vor der Küste Virginias. Offiziell gehörte die Insel zum National Wildlife Refuge System, das Biotope für Wildtiere schuf, und wer sich für sie interessierte, erhielt die Auskunft, wegen des überaus empfindlichen Ökosystems sei die Insel für Besucher gesperrt. Teile der Leeküste der Insel waren tatsächlich von Fischadlern und Gänsesägern bewohnt: von Räubern und ihren Beutetieren, die beide von dem größten Raubtier überhaupt, dem Menschen, bedroht waren. Aber in der Inselmitte lag mit gepflegten Rasenflächen und gestalteten sanften Hügeln ein sechs Hektar großes Gelände, auf dem das gesichtslose Gebäude stand.

Die Boote, die Parrish Island dreimal täglich anliefen, trugen NWRS-Markierungen, und aus der Ferne wäre nicht zu erkennen gewesen, dass die zur Insel transportierten Leute keineswegs wie Park Ranger aussahen. Hätte ein Fischerboot in Seenot versucht, die Insel anzulaufen, wäre es von Männern in Kaki mit freundlichem Lächeln und hartem, kaltem Blick abgefangen worden. Niemand kam jemals nahe genug heran, um die vier Wachttürme oder den Elektrozaun um das Gelände zu sehen und sich über sie zu wundern.

Obgleich die Psychiatrische Klinik Parrish Island äußerlich so unscheinbar war, enthielt sie eine größere Wildnis als diejenige, die sie umgab: die des menschlichen Geistes. Selbst in Regierungskreisen wussten nur wenige, dass diese Einrichtung existierte. Trotzdem erforderte simple Logik ihre Existenz: eine Psychiatrie für Patienten, die über streng geheime Informationen verfügten. Für die Behandlung von Geisteskranken war eine sichere Umgebung erforderlich, wenn das Gedächtnis dieser Patienten voller Staatsgeheimnisse war. Auf Parrish Island konnten Sicherheitsrisiken präzise unter Kontrolle gehalten werden. Das gesamte Klinikpersonal war gründlich überprüft und für den Umgang mit streng geheimen Informationen zugelassen worden. Audiound Videoüberwachungssysteme, die Tag und Nacht in Betrieb waren, boten weiteren Schutz gegen eine Gefährdung der Sicherheit. Als zusätzliche Vorsichtsmaßnahme wurde das Klinikpersonal alle drei Monate ausgewechselt, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass unerwünschte Bindungen entstehen konnten. Die Sicherheitsbestimmungen schrieben sogar vor, die Patienten seien mit Nummern, nie mit Namen zu identifizieren.

Nur selten gab es einen Patienten, der als extrem gefährlich galt, was an der Art seiner psychischen Störung oder seinem besonders brisanten Wissen liegen konnte. Ein so eingestufter Patient wurde von den übrigen Patienten isoliert und in einer geschlossenen Abteilung untergebracht. Im dritten Stock des Westflügels gab es einen solchen Patienten: Nr. 5312.

Jede Krankenschwester, die durch Rotation in die Abteilung 4W versetzt wurde und dem Patienten Nr. 5312 erstmals begegnete, wusste nur sicher, was sie mit eigenen Augen sah: dass er etwas über eins achtzig groß und schätzungsweise vierzig Jahre alt war; dass seine kurz geschnittenen Haare braun, seine Augen ungetrübt blau waren. Begegneten ihre Blicke sich, sah die Krankenschwester zuerst weg - die Intensität seines starren Blicks konnte entnervend, fast körperlich bedrängend sein. Den Rest seines Persönlichkeitsprofils enthielt seine Krankenakte. Über die Wildnis in seinem Geist konnte man nur spekulieren.

Irgendwo in Abteilung 4W gab es Detonationen und ein Blutbad und Schreie, aber sie waren lautlos, auf die unruhigen Träume des Patienten beschränkt, die jetzt lebhafter wurden, obwohl sie allmählich erwachten. Diese Augenblicke des Halbschlafs - wenn der Sehende nur registriert, was er sieht; Augen ohne ein bewusstes Ego - waren mit einer Serie von Bildern angefüllt, von denen jedes sich aufwölbte wie ein Stück Film, der vor einer überhitzten Projektionslampe zum Stehen gekommen ist. Eine Wahlversammlung an einem schwülheißen Tag in Taiwan: Tausende sind auf einem riesigen Platz versammelt, über den nur hin und wieder eine schwache kühlende Brise streicht. Ein politischer Kandidat, der mitten im Satz durch eine kleine, gut verdämmte Sprengladung getötet wird. Vor wenigen Augenblicken hatte er noch engagiert und leidenschaftlich gesprochen; jetzt lag er in einer Lache seines Blutes auf dem hölzernen Podium. Er hob den Kopf, blickte ein letztes Mal über die Menge hinaus und fixierte dabei einen einzelnen Mann: einen chang bizi - einen Weißen. Den einzigen Menschen, der nicht kreischte, weinte oder flüchtete. Den einzigen Mann, der jetzt nicht überrascht wirkte, denn die Detonation war schließlich sein Werk. Der Kandidat starb, während er den Mann anstarrte, der übers Meer gekommen war, um ihn zu töten. Dann wölbte sich das Bild auf, verschwamm, wurde zu gleißendem Weiß.

Ein weit entferntes Glockensignal, ein Dreiklang in Moll, ertönte aus einem unsichtbaren Lautsprecher, und Hal Ambler öffnete seine vom Schlaf leicht verklebten Augen.

War es wirklich Morgen? In dem fensterlosen Raum konnte er das nicht beurteilen. Aber dies war sein Morgen. Die in die Decke eingelassenen Tageslicht-Leuchtstoffröhren wurden in der folgenden halben Stunde stetig heller: eine technologische Morgendämmerung, deren Intensität durch die Weiße seiner Umgebung noch gesteigert wurde. Damit begann zumindest ein Scheintag. Amblers Zelle maß drei mal dreieinhalb Meter; der Fußboden war mit weißen Vinylfliesen ausgelegt, die Wände mit weißem PVC-Schaum beschichtet, der sich gummiartig zäh anfühlte und unter Druck wie eine Ringermatte leicht nachgab. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis die Schiebetür mit ihrem hydraulischen Seufzen zur Seite glitt. Er kannte diese Abläufe und noch Hunderte dieser Art. In einem Hochsicherheitstrakt strukturierten sie das Leben, wenn man es überhaupt "Leben" nennen konnte. Er durchmaß Zeiten grimmiger Klarheit, aber auch Intervalle, die von Fluchtfantasien geprägt waren. Und im weitesten Sinn hatte er das Gefühl, er sei entführt worden, nicht nur sein Körper, sondern auch seine Seele.

Im Verlauf seiner fast zwanzigjährigen Tätigkeit als Geheimagent war Ambler zweimal in Gefangenschaft geraten - in Algerien und Tschetschenien - und hatte längere Zeit in Einzelhaft gesessen. Er wusste, dass die Umstände für tiefsinnige Gedanken, Seelenerforschung oder philosophische Grübelei ungünstig waren. Vielmehr füllte sich der Verstand mit Bruchstücken von Werbespots, Popsongs, halb vergessenen Gedichten und einem übersteigerten Bewusstsein für kleine Unbequemlichkeiten. Die Gedanken kreiselten, trieben ziellos dahin und berührten selten interessante Themen, denn sie blieben letztlich an die eigenartige Qual der Isolation gefesselt. Seine Ausbilder beim Geheimdienst hatten versucht, ihn auf solche Extremsituationen vorzubereiten. Die Herausforderung bestehe darin, hatten sie immer wieder betont, den Verstand daran zu hindern, sich selbst anzugreifen wie ein Magen, der seine Magenwand verdaut.

Aber auf Parrish Island befand er sich nicht in der Hand von Feinden; er wurde von seiner eigenen Regierung festgehalten - von dem Staat, dem er fast zwanzig Jahre lang gedient hatte.

Und er wusste nicht, warum.

Weshalb eine solche Einrichtung überhaupt existierte, war ihm keineswegs ein Rätsel. Als Agent eines als Consular Operations bezeichneten US-Nachrichtendiensts hatte er von der Klinik auf Parrish Island gehört. Ambler verstand auch, wieso es eine Einrichtung dieser Art geben musste; niemand war gegen die Verirrungen des menschlichen Geistes gefeit, auch Geheimnisträger nicht. Aber es war gefährlich, jedem beliebigen Psychiater Zugang zu solchen Patienten zu gewähren. Diese Lektion hatten die US-Geheimdienste im Kalten Krieg teuer bezahlt, als ein in Berlin geborener Psychoanalytiker in Alexandria, zu dessen Klientel mehrere Spitzenbeamte zählten, als Informant der berüchtigten Stasi, des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit, enttarnt worden war.

Das alles erklärte jedoch nicht, weshalb Hal Ambler sich hier befand, seit ... wie lange war das nun schon her? In der Ausbildung war ihm eingebläut worden, wie wichtig es ist, in der Haft das Zeitgefühl nicht zu verlieren. Irgendwie hatte er es doch verloren, und seine Fragen nach der Haftdauer blieben unbeantwortet. War er ein halbes Jahr, ein Jahr oder noch länger hier? Es gab so vieles, was er nicht wusste. Sicher wusste er nur, dass er durchdrehen würde, wenn ihm nicht bald die Flucht gelang.

Routine: Ambler konnte sich nicht entscheiden, ob ihre Einhaltung seine Rettung oder sein Untergang war. Schweigend und effizient absolvierte er seine tägliche Gymnastik, die er mit hundert einarmigen Liegestützen abschloss, bei denen er zwischen links und rechts wechselte. Baden durfte er nur jeden zweiten Tag; heute war kein Badetag. An dem kleinen weißen Waschbecken in einer Ecke des Raums putzte er sich die Zähne. Der Stiel seiner Zahnbürste bestand aus weichem Kunststoff, denn hartes Plastikmaterial ließ sich eventuell zu einer Waffe zuschleifen. Als er eine in die Wand eingelassene Klappe berührte, glitt ein kompakter Elektrorasierer aus einem Fach über dem Becken. Er durfte ihn genau hundertzwanzig Sekunden lang benutzen, bevor er das mit einem Sensor ausgestattete Gerät in das Sicherheitsfach zurücklegen musste; sonst ertönte ein Alarmsignal. Als er fertig war, spritzte Ambler sich Wasser ins Gesicht und fuhr sich mit nassen Fingern durchs Haar, um es halbwegs zu kämmen. Es gab keinen Spiegel, nicht einmal eine reflektierende Oberfläche. In dieser Abteilung war sogar das Fensterglas entspiegelt. All das diente bestimmt obskuren therapeutischen Zwecken. Er schlüpfte in seine "Tageskleidung", die Uniform der Insassen: ein weißes Sweatshirt aus Baumwolle und eine weiße Jogginghose mit Gummizug.

Er drehte sich langsam um, als er hörte, wie sich die Tür öffnete, und roch das Desinfektionsmittel, dessen Tannenduft immer im Korridor hing. Wie gewöhnlich kam ein stämmiger Mann mit Bürstenhaarschnitt herein, der eine Uniform aus taubengrauem Popeline trug und das Namensschild auf seiner linken Brustseite sorgfältig mit einem Stoffquadrat abgedeckt hatte: eine weitere Vorsichtsmaßnahme, die das Personal in seiner Abteilung beachten musste. Die breite Aussprache des Mannes ließ erkennen, dass er aus dem amerikanischen Mittelwesten stammte, aber seine gelangweilte, nicht im Geringsten neugierige Art war so ansteckend, dass Ambler sich herzlich wenig für ihn interessierte.

Nochmals Routine: Der Krankenpfleger trug einen breiten Nylongurt in einer Hand. "Arme hoch", befahl er grunzend, als er auf Ambler zutrat und ihm den Gurt um die Taille legte. Ohne diesen speziellen Gürtel durfte Ambler den Raum nicht verlassen. Zwischen zwei dicken Nylonlagen steckten mehrere flache Lithiumbatterien; hatte er den Gurt angelegt, lagen zwei Metallkontakte knapp oberhalb seiner linken Niere auf der Haut.

Dieser Gürtel - offiziell als REACT-Gürtel (Remote Electronically Activated Control Technology) bekannt - wurde normalerweise bei Transporten von Schwerverbrechern benutzt; in Abteilung 4W gehörte er zur Alltagskleidung. Der Elektroschocker konnte aus bis zu hundert Metern Entfernung aktiviert werden und war so eingestellt, dass er eine Achtelsekunde lang 50 000 Volt abgab. Dieser Stromstoß hätte selbst einen Sumo-Ringer zu Boden geworfen, wo er dann zehn bis fünfzehn Minuten lang epileptisch gezuckt hätte.

Sobald das Gurtschloss eingeschnappt war, begleitete der Krankenpfleger ihn den weiß gekachelten Flur entlang zur allmorgendlichen Medikamentenausgabe. Ambler ging langsam und schwerfällig, als wate er durch tiefes Wasser. Dieser Gang war oft die Folge von Psychopharmaka in hoher Dosierung und daher allen, die in den Abteilungen arbeiteten, wohl vertraut. Amblers Bewegungen standen im Widerspruch zu dem hellwachen Blick, mit dem er seine Umgebung musterte. Das gehörte zu den vielen Dingen, die dem Krankenpfleger entgingen.

Ambler hingegen entgingen nur wenige Dinge.

Das Gebäude war jahrzehntealt, aber es war regelmäßig mit modernster Sicherheitstechnik nachgerüstet worden: Die Türen wurden nicht mit Schlüsseln, sondern mit Karten geöffnet, die Transponderchips enthielten, und wichtige Verbindungstüren erforderten einen Irisscan, sodass kein Unbefugter sie öffnen konnte. Ungefähr dreißig Meter von seiner Zelle entfernt lag der sogenannte Evaluationsraum mit einer Fensterwand aus grauem polarisiertem Glas, durch das der Proband beobachtet werden konnte, ohne den Beobachter sehen zu können. Dort saß Ambler bei seinen regelmäßigen "psychiatrischen Evaluationen", deren Zweck dem anwesenden Arzt anscheinend ebenso wenig klar war wie ihm selbst. In den letzten Monaten hatte Ambler wahre Verzweiflung kennengelernt, die jedoch nicht mit psychischen Störungen zusammenhing; vielmehr beruhte seine Verzweiflung darauf, dass er seine Aussichten auf Entlassung realistisch einschätzte. Obwohl das Personal alle drei Monate wechselte, hatten sich alle angewöhnt - das spürte er -, ihn als Lebenslänglichen zu betrachten, der hier noch eingesperrt sein würde, wenn sie längst nicht mehr hier arbeiteten.

Vor einigen Wochen hatte sich jedoch alles verändert. Diese Veränderung war nichts Objektives, nichts Greifbares, nichts Sichtbares. Trotzdem war es eine schlichte Tatsache, dass er jemanden erreicht hatte, und das würde den Ausschlag geben. Vielmehr würde sie ihn geben. Sie hatte schon damit angefangen. Sie war eine junge psychiatrische Krankenschwester namens Laurel Holland. Und - so einfach war das - sie stand auf seiner Seite.

Einige Minuten später erreichte der Krankenpfleger mit seinem schwerfälligen Patienten einen großen halbkreisförmigen Bereich der Abteilung 4W, der hochtrabend als Lounge bezeichnet wurde. Dieser Name war denkbar unpassend. Zutreffender war die technische Bezeichnung: Überwachungs-Atrium. An einem Ende standen einige primitive Fitnessgeräte und ein Bücherregal mit einer fünfzehn Jahre alten Ausgabe der World Book Encyclopedia. Am anderen Ende befand sich die Ausgabe: eine lange Theke mit einem lamellenartigen Schiebefenster aus Drahtglas, hinter dem auf einem Wandregal weiße Plastikflaschen mit pastellfarbenen Etiketten standen. Wie Ambler aus eigener Erfahrung wusste, konnte der Inhalt dieser Flaschen einen ebenso wirkungsvoll wehrlos machen wie stählerne Handschellen. Das Zeug bewirkte Erstarrung ohne inneren Frieden, Trägheit ohne innere Ruhe.

Die Klinik legte jedoch weniger Wert auf Ruhe als auf Ruhigstellung. An diesem Morgen war in der Lounge ein halbes Dutzend Krankenpfleger versammelt. Das war nicht ungewöhnlich: Nur das Personal nutzte die Lounge wirklich. Die Abteilung war für ein Dutzend Patienten eingerichtet; gegenwärtig war dort ein einziger untergebracht. Das hatte dazu geführt, dass dieser Bereich inoffiziell zu einer Art Erholungs- und Entspannungszentrum für Pfleger wurde, die in anderen Abteilungen eher belastende Arbeit taten. Und ihre Tendenz, sich hier zu versammeln, steigerte wiederum die Sicherheit dieser Abteilung.

Als Ambler sich umdrehte und zwei Krankenpflegern zunickte, die sich auf einer niedrigen Schaumstoffcouch herumlümmelten, ließ er langsam einen Speichelfaden über sein Kinn rinnen; der Blick, den er auf sie richtete, war unscharf und verschleiert. Er hatte längst registriert, wer alles anwesend war: sechs Krankenpfleger, der behandelnde Psychiater und - Amblers einzige Rettungsleine - die psychiatrische Krankenschwester.

"Jetzt gibt's Bonbons", sagte einer der Pfleger, und die anderen kicherten hämisch.

Ambler stapfte langsam zur Theke, hinter der die Schwester mit den kastanienbraunen Haaren mit seinen Morgenpillen wartete. Ein unsichtbarer Funke - ein flüchtiger Blick, ein angedeutetes Kopfnicken - sprang zwischen ihnen über.

Ihren Namen hatte er zufällig erfahren; sie hatte versehentlich ein Glas Wasser verschüttet, wobei der Stoff, der ihr Azetatnamensschild hätte verdecken sollen, nass und durchsichtig geworden war. Laurel Holland - die Buchstaben waren unter der Abdeckung schemenhaft zu erkennen gewesen. Er hatte ihren Namen geflüstert; sie hatte nervös, aber irgendwie nicht ungehalten gewirkt. Damit war der Funke zwischen ihnen übergesprungen. Er studierte ihr Gesicht, ihre Haltung, ihre Stimme, ihr Auftreten. Sie war Anfang dreißig, schätzte er, mit grün gefleckten haselnussbraunen Augen und geschmeidiger Figur. Cleverer und hübscher, als ihm bewusst gewesen war.

Gespräche zwischen ihnen bestanden nur aus wenigen gemurmelten Worten, die von den Überwachungssystemen nicht registriert wurden. Vieles ließ sich jedoch allein durch Blickkontakte und vielsagendes Lächeln ausdrücken. Für das System war er Patient Nr. 5312. Aber für sie war er inzwischen weit mehr als nur eine Zahl, das wusste er.

In den vergangenen sechs Wochen hatte er ihre Sympathie gewonnen. Nicht durch Schauspielerei - die hätte sie vermutlich rasch durchschaut -, sondern indem er sich auf eine Art gestattete, auf sie zu reagieren, die sie ermutigte, ihrerseits das Gleiche zu tun. Sie hatte etwas in ihm gesehen - sie hatte ihn als geistig normal erkannt.

Dieses Wissen hatte ihm neues Selbstvertrauen verliehen und seinen Fluchtwillen gestärkt. "Ich will nicht hier sterben", hatte er ihr eines Morgens zugemurmelt. Sie hatte keine Antwort gegeben, aber ihr betroffener Blick hatte ihm alles gesagt, was er wissen musste.

"Ihre Medikamente", hatte sie am folgenden Morgen fröhlich gesagt und ihm drei Tabletten, die etwas anders aussahen als die üblichen dämpfenden Neuroleptika, auf die Handfläche gelegt. Tylenol, hatte sie dabei nur mit den Lippen gesagt. Die Vorschriften bestimmten, dass er die Tabletten unter ihrer Aufsicht einnehmen und danach den Mund öffnen musste, damit sie überprüfen konnte, dass er sie auch geschluckt hatte. Das tat er, und binnen einer Stunde hatte er den Beweis dafür, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Er fühlte sich leichtfüßiger, auch geistig beweglicher. Innerhalb weniger Tage wurde er wacher, war wieder voller Energie - mehr er selbst. Er musste ganz bewusst weiter den ruhiggestellten Patienten spielen und das ungelenke Compazine-Schlurfen vortäuschen, das die Krankenpfleger von ihm gewöhnt waren.Die Psychiatrische Klinik Parrish Island war eine mit modernster Technologie ausgestattete Hochsicherheitseinrichtung. Aber auch die ausgeklügeltste Technik konnte den menschlichen Faktor nicht völlig kontrollieren. Jetzt, da sein Körper sie vor der Überwachungskamera verbarg, steckte sie ihre Schlüsselkarte in den Gummizug seiner weißen Jogginghose.

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