Zeichnete sich im Spätwerk William Turners eine Abkehr von
hergebrachten Wahrnehmungsmodellen ab, ein Durchbruch neuartiger
naturwissenschaftlicher Denkmodelle, eine Auseinandersetzung mit
Goethes Farbenlehre? Oder doch nur ein ernsthaftes Augenleiden, wie
der Augenarzt Richard Liebreich in Abwesenheit des Patienten
diagnostizierte? Was eigentlich sieht der bildungsbeflissene
Urlauber, wenn er bei der Besichtigung von Albert Einsteins Berner
Arbeitszimmer belehrt wird, genau hier sei die Spezielle
Relativitätstheorie entwickelt worden? Und was der begeisterte
Leser, der eine angeblich von Marcel Proust zerbrochene Vase
betrachtet oder im Kommentar der Werkausgabe die Rezepte fu¿r die
im Roman zubereiteten Gerichte nachschlägt? Warum sträubte sich
Martin Heidegger fast zehn Jahre lang, eine Kreuzfahrt nach
Griechenland zu unternehmen (ein Geschenk seiner Frau Elfriede)?
Und wie zeigte sich ihm das nahe und doch »immer ferne« Land vom
Oberdeck der MS Jugoslavija, das er nur im Ausnahmefall verließ?
Warum vertieft sich der Leser einer Sondernummer u¿ber die
»Dekonstruktion der Philosophie« in ein Foto, das nicht Jacques
Derrida, sondern seine Pfeifensammlung zeigt? Und ist der Herr, der
zufällig neben Derrida saß, als dieser in einem der Cafés von
Montparnasse portraitiert wurde, jetzt Teil der
Philosophiegeschichte? Peter Geimers Portraits widmen sich solchen
Begegnungen mit Abwesenden, sie untersuchen die rätselhafte
Strahlkraft intellektueller Stars. Denn Star ist nur, wer noch da
gesucht wird, wo er ganz offenkundig nicht mehr ist. Oder
u¿berhaupt nie war. Weshalb Dr. Liebreich eigens einen Apparat
entwickeln musste, der es ihm ermöglichte, die Welt mit den Augen
seines ausgebliebenen Patienten zu sehen.
Peter Geimer ist Oberassistent an der Professur für Wissenschaftsforschung der ETH Zürich und freier Mitarbeiter im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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