"Der Zeitplan" ist ein Kriminalroman ohne Verbrechen, in
dem sich der Protagonist auf die Suche nach der verlorenen Zeit
begibt. Eine dunkle Allegorie der Moderne mit den literarischen
Mitteln der Moderne.
Schon bei seiner Ankunft in Bleston beschleicht Jacques Revel, der
für ein Jahr in einem Export-Import-Unternehmen arbeiten soll, ein
unbestimmtes Gefühl von Unbehagen, er fühlt sich verfolgt und
beobachtet. Um zu verstehen, was um ihn herum passiert, beginnt er
zeitversetzt mit Aufzeichnungen, in denen sich Gegenwart und
Vergangenheit annähern und kreuzen. Doch durch die Niederschrift
seiner Beobachtungen wird auch das Gewöhnliche rätselhaft und
bedrohlich, die Stadt zu einem mythischen Labyrinth. Langsam wird
er zum Opfer seiner eigenen Gedanken und das Chaos der Großstadt
spiegelt sich in den verrückt-genialen Strukturen seiner Erzählung.
Ein mehr als fünfzig Jahre alter Roman - und schon eine Vorlage für die sogenannte Postmoderne: die Aufsplitterung der Realität, die tragende Rolle des Zufalls, die Unwägbarkeit des Lebens, die Übereinstimmung von Wirklichkeit und Erfindung und nicht zuletzt das Spiel mit dem Krimigenre. Jacques Revel kommt in eine englische Albtraumstadt (im Buch erstmals Butors Stadtplan-Skizze). Er sitzt im Zug, und was er durch die Scheibe sieht, löst sich in "Myriaden kleiner Spiegel" auf, "jeder reflektiert ein zitterndes Körnchen des spärlichen Lichts". Am Ende erkennt man die Quintessenz des Romans. Revel ist Französischkorrespondent für eine Firma, er gewöhnt sich nur schwer ein. Er geht durch die labyrinthische Stadt und schreibt darüber ein Tagebuch, die Atmosphäre ist beklemmend, überall wähnt man Brudermord. Revel will die geheimen Verbindungen akribisch ergründen, aber das geht nicht, denn der Feind ist die Stadt. Die Stadt als schauriges Wesen: Lovecraft hat das faszinierend beschrieben, Butor kommt ihm sehr nah. Butor las auch gern Jules Verne und Zola (so Jürgen Ritte im Nachwort), und er war selbst ein Vorbild. Alle haben …
Die Stadt weist die Annäherungsversuche
Revels zurück
Es peitscht der Regen, er hat dich lieb
Michel Butors Debütroman „Der Zeitplan” erzählt die Geschichte
einer schleichenden Verhexung durch die nordenglische
Industriestadt Bleston
„Das Gedächtnis der Bewohner Blestons für das Wetter erregt meine
Bewunderung und erschreckt mich zugleich; sie können genau sagen,
ob es an dem gleichen Tage des vergangenen Jahres etwas mehr oder
weniger geregnet hat, als ob darin der Hauptunterschied zwischen
diesen beiden 1. November läge, als ob sich für sie in der
Zwischenzeit niemals etwas ereignet hätte.”
Ein Leben aus Regen: So stellt sich Jacques Revel die nordenglische
Industriestadt Bleston dar. Anfang der fünfziger Jahre kommt Revel
hierher, um die französische Korrespondenz der Firma Matthews and
Sons zu übernehmen. Nicht nur das Wetter, auch das Essen ist
bedeutend schlechter als daheim; der Schock, den Revel in Bleston
erleidet, geht allerdings über kulinarische und klimatische Fragen
weit hinaus. Gleich bei seiner Ankunft verspürt er eine
existentielle Bedrohung. Irgendetwas ist dieser Stadt eigen, das
ihn …
Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension
Zwischen "Behagen und Unbehagen" changiert Rezensent Stephan Speicher in seinem Urteil über den Roman einer Dorfjugend von Ulla Hahn. Denn einerseits anerkennt er die Darstellung der dörflichen Beschränktheit, die sich ziemlich eindrücklich auf den Leser überträgt. Andererseits sind ihm die eingestreuten Zeitanalysen der sechziger Jahre zu erbaulich und lassen ihn an den eigenen, etwas beschränkten Schulfunk zurückdenken. Die unvermittelte Konzentration der Protagonistin auf ihre Schullektüre lässt die Hauptfigur auch etwas veröden, stört sich Speicher. Den bisherigen Erfolg des Buches kann er allerdings verstehen: Aufgrund der "saugenden Atmosphäre" des Buches, die einem mit Beginn der Lektüre gleichsam in die Geschichte zieht, prophezeit er dem Roman eine anhaltend große Leserschaft.
Zwischen "Behagen und Unbehagen" changiert Rezensent Stephan Speicher in seinem Urteil über den Roman einer Dorfjugend von Ulla Hahn. Denn einerseits anerkennt er die Darstellung der dörflichen Beschränktheit, die sich ziemlich eindrücklich auf den Leser überträgt. Andererseits sind ihm die eingestreuten Zeitanalysen der sechziger Jahre zu erbaulich und lassen ihn an den eigenen, etwas beschränkten Schulfunk zurückdenken. Die unvermittelte Konzentration der Protagonistin auf ihre Schullektüre lässt die Hauptfigur auch etwas veröden, stört sich Speicher. Den bisherigen Erfolg des Buches kann er allerdings verstehen: Aufgrund der "saugenden Atmosphäre" des Buches, die einem mit Beginn der Lektüre gleichsam in die Geschichte zieht, prophezeit er dem Roman eine anhaltend große Leserschaft.
"Butors Sprache und Konzeption in diesem Roman sind von betörender Genauigkeit. Alles hat hier in der Präzision seiner wohlfeilen Sätze seinen eigenen Platz." [Quelle: Marica Bodrozic, Ö1 - Ex Libris, 13. Dezember 2009]
"Ähnlich ergeht es dem Leser dieser hervorragend übersetzten, sehr schön ausgestatteten Ausgabe: Vom ersten Satz an ist er von Revels 'Zeitplan' und von Blestons Stadtplan in Bann geschlagen. (...) Der Leser kann nicht anders als die Geschichte dieser Stadt, diese Geschichte, die zugleich eine literarische Stadtschöpfung ist, zu lieben." [Quelle: Tobias Lehmkuhl, Süddeutsche Zeitung, 08. Dezember 2009]
"Musikalisch ist auch der Erzählstil dieses Romans, von bezwingendem Rhythmus der Fluss seiner Sätze." [Quelle: NDR Kultur - Neue Bücher, 08. Dezember 2009]
"Ein 'Meilenstein der Literatur!'" [Quelle: Rendel Morsbach, ekz, Dezember 2009]
"Eine wichtige Neuausgabe, klugerweise in der Übersetzung des großen Helmut Scheffel." [Quelle: FAZ, 05. November 2009]
"Der Roman gilt als eines der konsequentesten Beispiele des Nouveau Roman. Butors Einfluss (und der des Romans) ist unübersehbar. (...) Das ist der Ton von Schauerromanen, und der Hass des Helden und Tagebuchautors Revel auf dieses Bleston trägt noch zur schaurig-schönen, beklemmenden Atmosphäre bei." [Quelle: Peter Urban-Halle, DeutschlandRadioKultur, 28. September 2009]
Michel Butor, geboren 1926, gilt neben Alain Robbe-Grillet und Nathalie Sarraute als der bedeutendste Repräsentant des nouveau roman. Er lebte mehrere Jahre in Ägypten, Griechenland und England, war Gastprofessor in den USA, Kanada, Japan und Deutschland; ab 1970 unterrichtete er französische Literatur an der Universität in Nizza, seit 1975 lehrt Butor in Genf (emeritiert 1991). Er lebt in Lucinges (Frankreich).
Veröffentlichungen: Paris - Passage de Milan (1954), Der Zeitplan (1956), Paris-Rom oder Die Modifikation (1957), Genius loci (bisher 4 Bände, 1958-92), Stufen (1960), Repertoire (Essays, mittlerweile 5 Bände, zwischen 1960 und 1982), Euer Faust. Oper (1962), Illustrationen. Texte zu Bildern (bis jetzt 4 Bände, 1964-76), Bildnis des Künstlers als junger Affe (1967), Mati re de r ves (bis jetzt 5 Bände, 1975-85), Improvisations sur Flaubert (1984), Improvisations sur Henri Michaux (1985), Improvisations sur Rimbaud (1989).
Leseprobe zu "Der Zeitplan"
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