Der Wille zur Lust - Flaßpöhler, Svenja

Svenja Flaßpöhler 

Der Wille zur Lust

Pornographie und das moderne Subjekt. Diss.

Broschiertes Buch
 
versandkostenfrei
innerhalb Deutschlands
25 ebmiles sammeln
EUR 24,90
Sofort lieferbar
Alle Preise inkl. MwSt.
Bewerten Empfehlen Merken Auf Lieblingsliste


Der Wille zur Lust

Mit der Moderne entstand eine Pornographie, die allein der Erregung diente. Erstmals äußerte sich dieser Wille zur Lust in den Schriften des Marquis de Sade. Seitdem ist die Pornographie in viele Bereiche des Alltags vorgedrungen und zu einem prägenden Element westlicher Kultur geworden. Svenja Flaßpöhler zeichnet diese Entwicklung nach und erläutert schließlich, warum insbesondere der Film geeignet ist, unser Bedürfnis nach selbstgenügsamer Erregung zu stillen. Die bewegten Bilder zeigen uns etwas vermeintlich "Reales" - etwas, das die Schrift nur als Abwesendes zu bezeichnen vermag - und erregen uns fast wie auf Knopfdruck. Damit werden wir zu Lustmaschinen, die sich selbst genügen und den Anderen nicht mehr brauchen, um Befriedigung zu erlangen.


Produktinformation

  • Verlag: Campus Verlag
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 259 S.
  • Seitenzahl: 259
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 142mm x 19mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783593383316
  • ISBN-10: 3593383314
  • Best.Nr.: 20938431
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 27.03.2007

Was ist Pornografie?
Svenja Flaßpöhlers Studie „Der Wille zur Lust”
In den Verdacht angestaubter Prüderie gerät, wer sich immer noch an nackten Busen als dem einzigen Verkaufsargument für ein Lottolos oder an Nahezu-Nackt-Clips auf MTV stört. Zu schweigen von der Bilderschwemme pornografischen Inhalts im Netz sowie dem immer noch wachsenden Milliardengeschäft der Porno-Industrie. Porno allerorten und dennoch: Von einer „vollständig pornographischen Gesellschaft” mag Svenja Flaßpöhler in ihrer Dissertation „Der Wille zur Lust” auch deswegen nicht reden, weil Kunst, Kino, Werbung „mehr sagen als nur das Eine”.
Für Flaßpöhler ergibt sich aus der offenherzigen Ausbreitung sexueller (Ein-)Stellungen in der Alltagskultur vor allem die Frage nach „einer existenziellen Verbindung” von Subjekt und Pornographie in der Moderne. Wie konstruktiv und konstitutiv ist Porno tatsächlich für unser Frauen- und Männerbild? Svenja Flaßpöhler, promovierte Philosophin und Journalistin, wählt für ihre Antwort den Weg durch 200 Jahre Geistesgeschichte. Sie geht von der Aufklärung aus, die nicht Gott, sondern dem Menschen die Möglichkeit der …

Weiter lesen

Perlentaucher-Notiz zur Sueddeutsche Zeitung-Rezension

Nach reichlich Philosophiegeschichte von Hegel bis Foucault gelangt Svenja Flaßpöhler in ihrer Studie zu der Erkenntnis, Sex sei wesentlich von Pornografie zu unterscheiden, berichtet Rezensentin Britta Voss und begrüßt diese häufig übersehene Distinktion, nach der Sex für die Phantasie Spielräume, und Foucault zufolge sogar für den "Willen zur Wahrheit", lasse, Pornografie hingegen auf reine Stimulanz ziele. Letztere trägt für die Autorin wegen der dargestellten irrealen Dauergeilheit utopischen Charakter wie schon beim Marquis de Sade. Dieser philosophischen Adelung mag die Rezensentin nicht uneingeschränkt zustimmen und erinnert an Gewalt verherrlichende Pornografie und generell an das transportierte Frauenbild. Hier nur auf das Verbot von Gewaltdarstellung zu pochen, wie es die Autorin mache, reicht der Rezensentin nicht, denn irgendwie habe das doch sehr wahrscheinlich Einfluss auf unser menschliches Miteinander.

© Perlentaucher Medien GmbH

15.12.2009, Zeitschrift für Sexualforschung "Ein gelungenes und anregendes Buch"
Svenja Flaßpöhler, geboren 1975 in Münster, promovierte im Fach Philosophie über Pornographie und das moderne Subjekt, 2007. Sie arbeitet als Autorin u. a. für die Welt, Psychologie Heute und den Deutschlandfunk.

Leseprobe zu "Der Wille zur Lust"

Bitte klicken Sie auf die Navigation oder das Artikelbild, um in Der Wille zur Lust zu blättern!



Leseprobe zu "Der Wille zur Lust" von Svenja Flaßpöhler

Die Pornographie, so scheint es, ist salonfähig geworden. Auf überlebensgroßen Plakaten klemmt Ex-Pornostar Gina Wild ein Dosengetränk "in klassischer Titfuck-Pose" zwischen ihre Silikonbrüste und lächelt in die Kamera; die lolitahafte Popsängerin Britney Spears verwandelt sich in ihrem Videoclip Toxic (2004) in eine professionelle tease, die dickliche, bebrillte Männer gekonnt auf der Flugzeugtoilette verführt; die Kunstkritikerin Catherine Millet entwirft sich in ihrer Autobiographie Das sexuelle Leben der Catherine M. als eine durch und durch triebgesteuerte Kunstszenen-Nymphomanin; die Schriftstellerin Nelly Arcan erzählt von ihrer Vergangenheit als Hure, und die ehemalige Pornodarstellerin Sibel Kekilli verlässt die Berlinale 2004 mit einem Goldenen Bären. Das Pornographische, schreibt Jörg Metelmann, "ist [...] vollends aus den tabuisierten Räumen des tolerierten Verwerflichen an die Oberflächen der breiten Öffentlichkeit getreten; es pornoisiert den Mainstream, die Popkultur. Pornowerbung schmückt Fassaden und Museen, Popstars wollen mit eindeutig zweideutigen Clips den Pop retten, ›explicit contents‹ füllen die CD-Regale und Buchläden".

Doch derart pornographisiert wie Metelmann meint, ist die breite Öffentlichkeit dann in letzter Konsequenz doch nicht. Zwar gibt es auf Plakatwänden durchaus Frauen zu sehen, die verheißungsvoll lächelnd und eine Schürze mit der Aufschrift "Kleine Schweinerei gefällig?" tragend ihren Mund zu einem saftigen Fleischspieß führen. Völlig undenkbar ist es hingegen, in einer Werbung tatsächlich ein steifes Glied, geschweige denn eine Fellatio zu zeigen. Und auch im Mainstreampop gibt es nach wie vor Grenzen - Grenzen, die etwa durch den Skandal um die herausgerutschte Brust Janet Jacksons bei einem Superbowl-Auftritt deutlich markiert werden. Überschreitungen des guten Tons sind tatsächlich nach wie vor nur in der alternativen Musikszene zu beobachten, so etwa wenn die kanadische Elektropunkerin Peaches ihr Schamhaar wild aus den Hot-Pants wuchern lässt, sich während ihrer Auftritte ein Mikrophon zwischen die Beine schiebt und auf ihrer Internetseite eine Scrotch Gallery einrichtet. Doch selbst Peaches ist immer noch weit davon entfernt, tatsächlich ihre Vulva in die Kamera zu halten: Die Genitalien bleiben in den Medien der breiten Öffentlichkeit bedeckt - und dies zunächst einmal einfach deshalb, weil eine Zurschaustellung pornographischen Materials nach §184 des Strafgesetzbuches verboten ist.

Doch vielleicht lässt sich für die öffentliche Zurückhaltung noch ein weiterer Grund anführen. Denn mit Winfried Menninghaus könnte man vermuten, dass es selbst einer provokanten Elektropunkerin wie Peaches letztendlich um einen ästhetischen und nicht um einen sexuellen Genuss geht. So behauptet Menninghaus unter Rückgriff auf Sigmund Freud, dass wir Genitalien nicht schön, sondern sexuell erregend fänden und sich genau auf diese Differenz die Genese des Ästhetischen zurückführen lasse:

"Wären auch die menschlichen Genitalien selber schön, wären sexuelle und ästhetische Erregung koextensiv. Nur in dem Maß, in dem es zwischen beiden eine Diskrepanz gibt, eröffnet sich die Möglichkeit eines funktionalen Eigenwerts des Ästhetischen und einer Sublimierung durch Schönheit [...]."

Leseprobe zu "Der Wille zur Lust" von Svenja Flaßpöhler

5. Die pornographische Besessenheit (S. 246-247)

»[D]ie pornographische Besessenheit läßt sich nur allzu leicht auf eine von der Tat auf den Ritus übertragene Todesabwehr zurückführen, man fickt gleichsam gegen die Gefahr der Selbsterkenntnis an.« Georg Seeßlen: Der pornographische Film.

Abschließend möchte ich die Ergebnisse der einzelnen Kapitel noch einmal zusammenfassen und engführen. Im ersten Kapitel habe ich gezeigt, dass Foucault – und (mit ihm) die sich an ihn anschließende Forschungsliteratur – den entscheidenden Unterschied zwischen Wille zum Wissen und Pornographie übersieht: Nämlich die Tatsache, dass die Pornographie primär erregen, der Wille zum Wissen hingegen primär wissen will. Zwar produziert der Wille zum Wissen auch Lust – doch diese Produktion ist ein unliebsamer Nebeneffekt, der durch entsprechende Maßnahmen umgehend korrigiert werden muss. Diese unterschiedlichen Primärzwecke manifestieren sich sowohl auf der Darstellungsebene als auch in der jeweils differierenden performativen Kraft:

In der Pornographie kippen die Körper im Dienste der Erregung notwendig ins Utopische – und genau aufgrund dieses Umkippens konstituiert sich die performative Kraft der Erregung. Genauer: Die pornographische Darstellung erregt, weil sie durch einen unüberwindbaren Riss von der Wirklichkeit getrennt ist. Der Wille zum Wissen dagegen schreibt sich in die Körper ein – denn seine Primärintention ist es, über das Wissen funktionsfähige Gesellschaftskörper zu konstruieren. Während also der Wille zum Wissen das regulative Ideal der körperlichen Norm an den gottlosen Himmel hängt, propagiert die Pornographie die Utopie der Lustmaschine. Im zweiten Kapitel habe ich den Marquis de Sade als den berühmt-berüchtigten ›Pornosophen‹ der Moderne vorgestellt. Denn für Sade ist die sexuelle Erregung nicht nur der Primärzweck seines pornographischen Schreibens, sondern sie ist gleichzeitig der Mittelpunkt seiner radikalmaterialistischen Philosophie: Wenn das Metaphysisch-Göttliche als unhinter fragter Existenzgrund ein für alle Mal ausgedient hat, so lautet Sades These, dann kann der Mensch sich nur durch seinen Körper – und das heißt: durch die sexuelle Erregung – in der Welt halten. Genauer: Der Mensch muss seiner natürlichen Zerstörungslust freien Lauf lassen, denn die Materie kann nur durch widerstreitende, heterogene Kräfte in unaufhörlicher Bewegung bleiben. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dieser radikale Immanenzanspruch als eine schleichende Wiedereinführung des Transzendenten: Denn in dem Augenblick, in dem die (vermeintliche) Natur des Menschen zum normativen Ideal stilisiert wird, kommt das Göttliche mit umgekehrtem Vorzeichen wieder ins Spiel – und genau aufgrund dieser prekären Spannung zwischen Immanenz und Transzendenz kippt der vermeintlich natürliche Triebkörper um in eine sich bis in alle Ewigkeit selbst ankurbelnde Lustmaschine. Genauer: An die Stelle von Gott ist das universale Prinzip der Zerstörungslust getreten – ein Prinzip, das für ewiggleiche dramaturgische Kurven innerhalb der Orgien sorgt und den libertinen Triebkörper, ihn jeglicher Endlichkeit enthebend, zur göttlichen Lustmaschine stilisiert.

Im dritten Kapitel bin ich der Dynamik dieser göttlichen Lustmaschine näher auf den Grund gegangen, indem ich die Bewegungsstruktur des Sadeschen Triebsubjekts in Beziehung zu jener des Hegelschen Transzendentalsubjekts gesetzt habe – denn sowohl Sade als auch Hegel haben es sich zur Aufgabe gemacht, das Subjekt ohne göttliche Hilfe in Gang zu halten. Dabei hat sich gezeigt, dass in beiden Subjektmodellen der Tod bzw. die Todesangst eine zentrale Funktion übernimmt. Während diese Angst das Transzendentalsubjekt auf die Bahn der Entwicklung katapultiert, reizt sie das Triebsubjekt im Gegenteil zu immer neuen Überschreitungen.

Genauer: Während die Angst das Transzendentalsubjekt in die Dynamik der wechselseitigen Anerkennung treibt, verführt sie den Libertin gerade zur lustvollen Negation des Anderen. Diese Negation vollzieht sich in unendlichen kreisförmigen Wiederholungen, nämlich in den andauernden, vollkommen risikolosen Unterwerfungen von Opfern, die in der Regel mit deren Tod enden. Diese sich in einer Endlosschleife wiederholenden Unterwerfungen haben den Zweck, dem Libertin die größtmögliche Lust auf Erden zuteil werden zu lassen – nämlich den postorgasmischen, spannungslosen Zustand des so genannten ›kleinen Todes‹.

Inhaltsangabe

Dank 7

Einleitung 8

1. Zum Unterschied von Pornographie und scientia sexualis 24
1.1 Scientia sexualis: Wissen als Primärzweck 30
1.1.1 Die Wende am Beginn der Moderne 31
1.1.2 Die Geister wieder loswerden 36
1.1.3 Regulative Himmelskörper 47
1.2 Pornographie: Lust als Primärzweck 56
1.2.1 "Frevlerische Diskurse"57
1.2.2 Erregung statt Einpflanzung 61
1.2.3 Körperutopien 80

2. Lustmaschinen: Vom Materialismus zur Pornographie 82
2.1 Sades "Pornosophie"82
2.2 Immanente Triebkräfte 87
2.2.1 Tat ohne Täter 87
2.2.2 Die Natur ist asozial 91
2.2.3 Die Einbildungskraft als erregender Zerrspiegel 98
2.3 Transzendenz durch die Hintertür 105
2.3.1 Wollust als Pflicht 106
2.3.2 Die ewiggleiche Dramaturgie der Orgie 111
2.3.3 Die Überschreitung 116
2.3.4 Die Zerstörungslust macht vor sich selbst halt 120
2.4 Die Lustmaschine 125

3. Selbstvollendende Lustmaschinen 130
3.1 Hegel: Selbstvollendung durch den Anderen 132
3.1.1 Erfahrung statt Kategorienbrille 132
3.1.2 Die Begierde als Initialzündung 136
3.1.3 Herr und Knecht 140
3.2 Sade: Selbstvollendung durch reine Negation 145
3.2.1 Der Libertin kämpft nicht 145
3.2.2 Wohldosierte Stromstöße 146
3.3 Der Tod bei Sade und Hegel 158
3.3.1 Verfügung ins Allgemeine 159
3.3.2 Der ›kleine Tod‹163
3.4 Asymptotische Annäherung vs. kreisförmige Wiederholung 167
3.4.1 Triebverdrängung bis zur Vervollkommnung 167
3.4.2 Der Libertin fängt immer wieder bei (fast) Null an 170
3.5 Hand an sich legen: Die Selbstvollendung der Libertins 174
3.5.1 Primärer Narzissmus 175
3.5.2 Der Masturbator 180

4. Selbstvollendung ohne Verlangen: Der Pornofilm 184
4.1 Flinker Kupferstecher: Von Sade zum Pornofilm 187
4.1.1 Die Schrift verliert ihre repräsentative Kraft 190
4.1.2 Der Geschlechtsakt im reinen Licht der Apparatur 202
4.2 Sichtbarkeit gegen die Angst 210
4.2.1 Negierte Komplizenschaft 213
4.2.2 Die Angst im Griff des Masturbators 222

5. Die pornographische Besessenheit 246

6. Literatur 252
Mehr von