Der Vollzeitmann - Achilles, Achim
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Achim Achilles 

Der Vollzeitmann

Wie wir uns unser eigenes Leben zurückerobern

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Der Vollzeitmann

Achim Achilles - der Mann, der nicht nur läuft ...Nie in der Geschichte der Menschheit steckte der Mann in derart vielen Krisen wie zu Beginn des dritten Jahrtausends. Die moderne Frau ernährt sich selbst, weiß den Akkuschrauber zu führen und lässt in Reagenzgläsern mannfrei befruchten. Das Land sehnt sich nach echten Kerlen, aber sie dürfen weder riechen, noch schreien und erst recht nicht autoritär sein. Die Emanzipation hat stolze Krieger in verunsicherte Schluffis verwandelt. Der Mann ist nur mehr da, um herumkommandiert zu werden. Was bleibt, ist die männliche Identitätskrise: Was kann Mann machen? Wo kommt er her? Wo will er hin? Achims Botschaft: Rückeroberung des eigenen Lebens, egal welcher soziodemographischer Herkunft. Wenn ihr Frauen uns unser Leben nicht zurückgebt, dann holen wir es uns eben! Ein Buch für ein Land, das seit 30 Jahren ausdauernd darüber diskutiert, wie Männer auf gar keinen Fall sein dürfen.


Produktinformation

  • Verlag: Südwest-Verlag
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 299 S. m. Illustr.
  • Seitenzahl: 304
  • Spiegel Online
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 145mm x 29mm
  • Gewicht: 494g
  • ISBN-13: 9783517085319
  • ISBN-10: 3517085316
  • Best.Nr.: 26238889
Achim Achilles lernte im Alter von drei Jahren das Laufen, zwei Sieger-, eine Ehrenurkunde (Messfehler) bei den Bundesjugendspielen. Ausdauerprobleme verhinderten Sport als viertes Abiturfach (nach Religion, Erdkunde und Töpfern), stattdessen Deutsch. Drei völlig verschenkte Fitnessclub-Mitgliedschaften. Lernte Mona in einem Kurs für Seidenmalen in der Toskana kennen. Sie war die Busfahrerin, die die Gruppe vom Bahnhof Siena abholte. Seither immer wieder verzweifelte Versuche, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen, die aber ähnlich scheiterten wie regelmäßiges Lauftraining. Gelegentliche Auftritte in Laufklamotten sind im Prinzip die einzige Chance für ihn, in seinem Berliner Wohnblock (Altbau) ein wenig an Sozialprestige zu gewinnen. Tüftelt an Schweiß aus der Sprühdose, um hartes Training auch geruchsecht vorzutäuschen.

Leseprobe zu "Der Vollzeitmann" von Achim Achilles

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Leseprobe zu "Der Vollzeitmann" von Achim Achilles

EINE TANKSTELLE IN BERLIN, MORGENS UM FÜNF UHR

Als Jochen sah, wie der Heini mit dem Cabrio fast den Schluffi mit dem Kinderwagen ummähte, da durchfuhr ihn dieser wunderbare Satz: "Die Tankstelle ist das Frauenhaus des Mannes" - brillanter Gedanke. Klar, Tankstellen waren die letzten Schutzräume einer aussterbenden Art, seitdem das Internet die Peepshows praktisch vernichtet hatte. Jochen kritzelte die Worte in sein Notizbuch zu all den anderen Sätzen, die er dort bereits aufbewahrte. "Frauen sind gar nicht so schlimm" war bislang sein Liebling gewesen. Viele seiner Sätze drehten sich um Frauen, aber elegant provokant, nicht mit dem Holzhammer wie Mario Barth. Das Sätzesammeln war Teil seiner neuen Strategie. Das ewige Umschwänzeln von Frauen mit SMS oder Sushi hatte in der letzten Zeit kaum Erfolg gebracht. Seit ein paar Wochen versuchte er daher, Frauen einfach lässig zu ignorieren. Das machte ihn viel interessanter, jedenfalls ab dem Moment, da die Frauen es merken würden. Der Tag würde kommen. Ganz sicher. Denn aus all den brillanten Sätzen würde er eines Tages etwas Großes entwerfen, einen Roman oder erst mal einen Liedtext. Und alle Männer würden anerkennend raunen: Mann, der Jochen, der sagt, wie's ist. Er würde nicht nur Teil einer neuen Männerbewegung sein, er würde sie anführen. Mit seiner Musiksendung war Jochen auf dem besten Weg. Denn er hatte ein einzigartiges Konzept entwickelt: gute Jungs-Musik von früher und zwischendrin immer wieder so ein provozierender Frauen-Satz. Das war politisch unkorrekt. Deswegen würden die Hörer dranbleiben wie Süchtige. Sie brauchten den nächsten tückischen Satz, sie wollten schmunzeln, wiehern, auf jeden Fall zustimmend nicken. Frauenbeauftragte weltweit würden ausrasten. Aber die Männer wären auf seiner Seite. Auf Twitter hatte die Sendung schon dreiundzwanzig Follower. Das war gut für den Anfang. Wenn jeder Follower nur einen weiteren Follower pro Woche animierte, war er in vierzehn Tagen schon fast bei hundert. Alle großen Geschäftsmodelle verbreiten sich heute schneeballartig, am Anfang langsam, aber dann rasend schnell. Trotz des Ruhms würde Jochen weiter in seiner Techi-Bude wohnen, mit Bretti zusammen. Gemeinsam waren sie schon mehrfach ganz kurz vor dem Durchbruch gewesen, geschäftlich, bei Frauen, eigentlich überall. Jetzt endlich würde es so weit sein. Die Prominenz und die Werbeverträge würden ihm nichts anhaben, charakterlich. Er bereitete sich seit Jahren innerlich vor auf diesen Moment. Er würde weiter die Stehplatzkarte für Hertha kaufen, sich allerdings einen schnelleren Rechner zulegen. Er war es so satt, auch auf den pixeligsten Porno ewig warten zu müssen. Und er würde sich einen Personal Coach leisten, der ihn fit machte. Brad Pitt sah nur so aus, weil er seinen eigenen Trainer hatte. Jochen nahm sich seit Jahren vor, Sport zu machen, erst mal was Leichtes wie Laufen. Er hatte sogar schon ein Buch mit Anweisungen gekauft. Aber er kam einfach nicht dazu. Immerhin hatte er schon von Spezi auf Cola Zero umgestellt, wenn auch ohne sichtbaren Erfolg. Selbst seine weitesten T-Shirts konnten die Fleischwurst nicht verbergen, die sich in Hüfthöhe um seinen Körper gelegt hatte. Dafür fühlte sich sein Speiseröhrenende von dem vielen Cola-Süßstoff jetzt an wie der Feudel in einer usbekischen Autobahntoilette, schlaff und schmutzig.

"Wir Männer sind in Gefahr. Das war die Kernbotschaft, sein Markenzeichen, das immer wieder penetriert werden musste."

Den Job an der Tanke würde er jedenfalls behalten, auch wenn er die Kohle dann nicht mehr brauchte. "Das ist Volksnähe: Star-Moderator schuftet für Hungerlohn", würde Bild auf Seite eins melden und ein unscharfes Handy-Foto zeigen. Jochen würde Bild dafür verklagen. Sein Job sei Privatsphäre, würden seine Anwälte argumentieren. Das war natürlich Marketing. Nach dem Streit mit Bild würden die Leute zur Tanke pilgern, um ihrem bescheidenen Lieblingsmoderator bei der Arbeit zuzuschauen. Jochen würde Außenlautsprecher anbringen. Und wer für über dreißig Euro tankte, bekam eine Autogrammkarte. Eigentlich war Jochen fertig mit Bild. Das Mistblatt hatte seine Sendung nie angekündigt im Berlin-Teil, obwohl er eine geniale Pressemitteilung an die Redaktion geschickt hatte. "Beyond Cool - für Männer, die noch leben", lautete die Überschrift. Das war ja wohl ein Knaller, gerade für eine Bauarbeiter-Zeitung. "Die noch leben" - das hieß ja: Einige waren schon tot. Und wer die Männer getötet hatte, war auch klar. Wir Männer sind in Gefahr. Das war die Kernbotschaft, sein Markenzeichen, das immer wieder penetriert werden musste.

"Man kann auch Kluges penetrieren" - noch so ein tückisch eleganter Spruch, der in seinem Buch stand. Seine Rache an den Frauen zeichnete sich durch gehobene Perfidie aus. In der nächsten Sendung würde er aber erst mal den Tankstellen-Satz fallen lassen, ganz nebenbei, als sprudelten solche Gedanken einfach aus ihm heraus. Die Hörer würden jubeln oder jaulen oder voller Andacht schweigen. Beyond Cool war bereits mit der dritten Folge auf dem Weg zum Kult. "Du musst Männer zum Weinen bringen, erst recht morgens um drei", hatte der Programmchef gesagt, einer, den sie beim richtigen Rundfunk frühpensioniert hatten und der jetzt ehrenamtlich beim Offenen Kanal arbeitete. Bretti kannte ihn noch von früher und hatte ein Gespräch eingefädelt.

Der Offene Kanal war nicht gerade das Quoten-Paradies, schon gar nicht morgens um drei mit einem Laienprediger als Vorlauf, der sich auf der Multikulti-Schiene ins Programm schlawienert hatte. Religiöse Minderheit geht immer. "Viele Minderheiten sind auch die Mehrheit", hatte ihm der Programmchef die Philosophie erklärt. "Männer sind ja eine Minderheit", hatte Jochen geantwortet. Sie hatten herzlich gelacht.

Jochens Sendeplatz war eigentlich der schwulen Community vorbehalten gewesen, aber es hatte sich gerade niemand gefunden, der schwules Radio machen wollte. Jochens Radio für Männer war ja thematisch auch nicht so weit weg. Und schon war Beyond Cool im Berliner Radio, wenn auch auf einer Frequenz, die sich noch nicht überall herumgesprochen hatte. Dennoch konnte Jochen sein Glück kaum fassen. So nah war er einem Traumjob noch nie gewesen:
DJ mit Tiefgang. Er würde in der Liste der wichtigsten Berliner zum Aufsteiger des Jahres werden, weit vor Wowereit und nur knapp hinter Preetz.

Der Cabrio-Heini war ausgestiegen und debattierte mit dem Kinderwagen-Typen. Die Schuldfrage war eindeutig. Aber das würde ein Cabrio-Heini nie zugeben, schon gar nicht einer, der Cowboy-Stiefel trug.

Leseprobe zu "Der Vollzeitmann" von Achim Achilles

16 UHR (S. 121-122)

Martin stand wie jeden zweiten Tag in der Apotheke. Er war Premium-Kunde. Der Apotheker, ein pickeliger, dicker Mann mit weißen Klümpchen in den Mundwinkeln, sah branchentypisch ungesund aus, hatte ihm aber freiwillig zehn Prozent Rabatt auf alles eingeräumt. Normalerweise kaufte Martin Soja-Eiweiß, weil Dorothea glaubte, davon abzunehmen, er erwarb Vitasprint für sich und Orthomol für alle. Der Glaube an teure bunte Süßigkeiten, die mit ihrer leicht bitteren Note Heilkraft, Jugend und Vitalität versprachen, klebte ihn und Dorothea zusammen. Heute war die Aufgabe besonders heikel.

Dorothea hatte ihm morgens »ganz dünne Binden« auf seinen Aufgabenzettel geschrieben. Martin fühlte sich wie der Dienstbote. War er ja auch. Aber nicht für alles. Es gab Frauensachen, die sollte ein Mann gar nicht so genau wissen. Dazu gehörte zum Beispiel alles, was aus einem Slip ragen konnte und aussah, als habe es einen Langstreckenflug hinter sich. Ob »ganz dünn« eine Chiffre für »homöopathisch« war, also was Sanftes, eine Art Wellness-Binde, nicht so süß? Der Apotheker war wirklich ein feiner Kerl. Er grinste nicht mal, als Martin endlich seine Bestellung aufgab, nachdem alle anderen Kunden den Laden verlassen hatten. »Tja, da wollen wir mal sehen«, sagte der Pillendreher und ging auf ein Regal zu, das Martin noch nie zuvor gesehen hatte.

»Warum sind Frauen toll, wenn sie Kondome kaufen, aber Männer lächerlich, wenn sie nach Binden verlangen?«

Tatsächlich: Saugfähiges, so weit der Körper tropfte. Windeln, für Babys wie für Senioren, nur keine ganz dünnen Binden. Martin war froh, dass er sich in einem Alter befand, das ziemlich genau zwischen den beiden großen Windelphasen des Lebens lag. Frauen kannten dieses Gefühl ja gar nicht. Sie trugen fast immer Watte zwischen den Beinen.

Während Martin und der Apotheker sich durch den Bindenberg arbeiteten und Packungsaufschriften studierten, traten zwei Zahnspangen-Mädchen durch die Tür.Als Martin die Teenies bemerkte, sagte er rasch: »Dann kommt meine Frau noch mal selber.« Er wollte die Wühlerei in dem peinlichen Regal umgehend beenden. Nachher dachten die jungen Dinger noch, er brauchte Einlagen. Aber der Blödmann von Apotheker musste trotzdem noch mal alle Peinlichkeiten zusammenfassen.

»Tja, tut mir leid, der Herr, ganz dünne Binden sind offenbar gerade ausverkauft.« Martin überlegte angestrengt: Was war peinlicher? Zuzugeben, dass er Binden für seine Frau kaufte? Oder die Mädchen in dem Glauben zu lassen, er leide an Inkontinenz? »Ich werd’s meiner Frau ausrichten«, sagte Martin so lässig, als kaufte er jeden Tag Tampons, Vaginalzäpfchen und Enthaarungscreme. Die Mädchen grinsten. Warum sind Frauen toll, wenn sie Kondome kaufen, aber Männer lächerlich, wenn sie nach Binden verlangen?

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