Der unglückliche Mörder / Van-Veeteren-Krimi Bd.7 - Nesser, Hakan

Hakan Nesser 

Der unglückliche Mörder / Van-Veeteren-Krimi Bd.7

Roman

Aus d. Schwed. v. Gabriele Haefs
Broschiertes Buch
 
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Der unglückliche Mörder / Van-Veeteren-Krimi Bd.7

Kommissar Van Veeteren schwört Rache - sein Sohn Erich, seit Jahren das Sorgenkind der Familie, wird ermordet aufgefunden, gerade als er wieder anfing, im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen. Hat er sich auf kriminelle Geschäfte eingelassen? Wenig später wird die Leiche einer jungen, unbescholtenen Frau entdeckt - von derselben Waffe erschlagen wie Erich Van Veeteren. Was verband die beiden jungen Leute? Wer hatte ein Interesse, sie aus dem Weg zu räumen?


Es ist eine neblige, nasskalte Nacht. Der Regen gießt in Strömen, und der Junge, der am Straßenrand geht, ist kaum zu sehen. Als der Mann den Aufprall hört, ist es bereits zu spät: die Verletzungen des Jungen sind tödlich - und der schwer angetrunkene Fahrer gerät in Panik und macht sich aus dem Staub. Warum sollte er sein ganzes Leben zerstören wegen dieses Unglücksfalls? Sich von seiner Karriere verabschieden? Seine Zukunft aufs Spiel setzen, die auf einmal in leuchtenden Farben vor ihm steht. Gut, es plagen ihn durchaus Gewissensbisse, aber andererseits haben sich gerade in den letzten Tagen erfreuliche Dinge getan: Er ist frisch verliebt, seine Arbeit erfüllt ihn. Warum also sollte er sich stellen? Er kann nicht wissen, dass seine Feigheit schließlich drei weiteren Menschen den Tod bringen wird und seine Vertuschungsmanöver ihn letztlich gründlicher ruinieren werden, als seine Todesfahrt es je gekonnt hätte ... Denn schon bald macht er einen entscheidenden Fehler: Diesmal tötet er gezielt - aus reiner Verzweiflung, wenn man so will. Offensichtlich ist er in der Tatnacht beobachtet worden, jedenfalls wird er mit anonymen Briefen bombardiert. Irgendjemand will Geld für sein Schweigen, und so bringt er einen Mann um, den er für den Erpresser hält. Die Polizei sieht zunächst keinen Zusammenhang zwischen der Fahrerflucht und diesem Mord, doch die Aufklärung genießt höchste Priorität: Der Tote ist nämlich Erich Van Veeteren, der `verlorene Sohn` des Kommissars, der wegen Drogendelikten im Gefängnis saß und gerade dabei war, im bürgerlichen Leben wieder Fuß zu fassen. Kommissar Van Veeteren macht sich schreckliche Vorwürfe, sich nicht genügend um ihn gekümmert zu haben. Und er schwört Rache. Er wird den Mörder seines Sohnes finden - koste es, was es wolle ...


Produktinformation

  • Verlag: btb bei Goldmann
  • 2001
  • Ausstattung/Bilder: 2001. 319 S.
  • Seitenzahl: 320
  • btb Bd.72628
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 121mm x 25mm
  • Gewicht: 311g
  • ISBN-13: 9783442726288
  • ISBN-10: 344272628X
  • Best.Nr.: 09862995
Schreckliche Abwärtsspirale<br /> Was für eine grauenvolle Situation: Da fährt einer einen anderen tot und damit nicht genug, statt sich möglichst rasch zu stellen, manövriert er sich immer tiefer in den Schlammassel hinein.<br /> Bis zu diesem Zeitpunkt durch und durch angepasst, bürgerlich, unbescholten verfällt er Schritt für Schritt dem Wahn, alle potentiellen Zeugen beseitigen zu müssen. Und Nesser lässt den Leser an diesem Prozess eines schrecklichen Verfalls hautnah teilnehmen.<br /> Doch nicht genug mit diesen unheilvollen Vorgängen, bei denen man den Mann, einen honorigen Bürger, der ebenso ein Nachbar von nebenan oder ein Kollege aus der Buchhaltung sein könnte, am liebsten packen und ihn anschreien möchte: „Hör endlich auf! Es wird nur mehr schlimmer! Die Spirale kann nur noch abwärts gehen!“<br /> van Veteren - verzweifelter Vater<br /> Nein, auch Kommissar van Veteren, den der Leser sechs Bände lang Gelegenheit hatte, kennen und schätzen zu lernen, muss das Schlimmste erleben, was Eltern wiederfahren kann: Sein Sohn wird ermordet!<br /> Das ist wie ein Schlag in die Magengrube des Lesers, so sehr ist das Leid des Kommissars fast körperlich zu spüren.<br /> Und hin und her geht das Gefühls-Ping-Pong – denn die Erzählperspektive wechselt kontinuierlich zwischen dem Täter, einem fürwahr „unglücklichen Mörder“ und seinem untröstlichen „sekundären Opfer“, dem Vater, dem er das Kind nahm (gerade als die beiden auf dem Weg waren, nach vielen Schwierigkeiten wieder zueinander zu finden) und so mehr Schmerz zufügte, als es ein Messer, eine Kugel hätte tun können.<br /> Komplexes Psychogramm von Täter und Co-Opfern<br /> Ein durch und durch faszinierendes, aber auch deprimierendes Buch, in dem alle nur verlieren können – alle, bis auf den Leser: Der gewinnt einen kostbaren Einblick in die Psyche einer Reihe von Menschen, die das selbe schreckliche Schicksal miteinander verkettet hat und dadurch die Erkenntnis, dass es sich viel viel zu einfach macht, wer die Welt nur in „Gut“ und „Böse“ einteilt.<br /> Sicherlich kein fröhlicher Roman – aber ein wichtiger und ausgesprochen spannender!<br /> (Michaela Pelz, www.krimi-forum.de) <br />

"Lest Nesser und Van Veeteren - schlauer kann ein Krimi gar nicht sein!" GIG

"Inzwischen hat Nesser seine Fangemeinde erheblich erweitert und wird auch in Deutschland häufig mit dem Etikett "besser als Mankell" versehen. Nicht ohne Grund, hat er doch mit seinem jüngsten Roman "Der unglückliche Mörder" Krimi-Maßstäbe gesetzt."
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Krimiautoren Schwedens. Für seine Kriminalromane um Kommissar Van Veeteren erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in mehrere Sprachen übersetzt und wurden erfolgreich verfilmt. Daneben schreibt er Psychothriller, die in ihrer Intensität und atmosphärischen Dichte an die besten Bücher von Georges Simenon und Patricia Highsmith erinnern. "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" oder "Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla" gelten inzwischen als Klassiker in Schweden, werden als Schullektüre eingesetzt, und haben seinen Ruf als großartiger Stilist nachhaltig begründet. Håkan Nesser lebt mit seiner Frau derzeit in London und auf Gotland.

Leseprobe zu "Der unglückliche Mörder / Van-Veeteren-Krimi Bd.7"

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Leseprobe zu "Der unglückliche Mörder / Van-Veeteren-Krimi Bd.7"

Der Junge, der bald sterben würde, lachte und befreite sich aus der Umarmung. Wischte sich einige Chipskrümel vom Hemd und stand auf.

"Ich muss jetzt los", sagte er. "Wirklich. Der letzte Bus geht in fünfzehn Minuten."

"Ja", sagte das Mädchen. "Das musst du wohl. Ich trau mich einfach nicht, dich hier übernachten zu lassen. Ich weiß nicht, was meine Mutter sagen würde, sie kommt in zwei Stunden nach Hause. Hat heute Abend Spätdienst."

"Schade", sagte der Junge und zog sich den dicken Pullover über den Kopf. "Wäre schön, bei dir zu bleiben. Könnten wir denn nicht ... ich meine ..."

Er wusste nicht, wie er den Satz beenden sollte. Sie lächelte und nahm seine Hand. Hielt ihn fest. Sie wusste, dass er nicht wirklich meinte, was er da sagte. Wusste, dass er nur so tat. Er würde sich niemals trauen, dachte sie. Würde mit so einer Situation einfach nicht umgehen können ... und für eine kurze Sekunde spielte sie mit dem Gedanken Ja zu sagen. Ihn bleiben zu lassen.

Nur um seine Reaktion zu testen, natürlich. Um zu sehen, ob er der Situation gewachsen wäre oder ob er seine Maske fallen lassen würde.

Nur um ihn einen Moment lang glauben zu lassen, sie wolle sich wirklich nackt mit ihm ins Bett legen.

Könnte doch witzig sein. Könnte ihr allerlei über ihn beibringen, aber sie tat es dann doch nicht. Gab den Gedanken auf; es wäre nicht gerade aufrichtig, und sie mochte ihn viel zu sehr, um sich so egoistisch und berechnend zu verhalten. Sie mochte ihn ungeheuer gern, wenn sie es recht bedachte, und deshalb würden sie früher oder später sowieso dort landen. Mit ihren nackten Körpern unter derselben Decke liegen ... doch, das fühlte sie seit einigen Wochen, es gab keinen Grund, diese Tatsache zu leugnen.

Der Erste. Er würde der Erste sein. Aber noch nicht an diesem Abend.

"Ein andermal", sagte sie und ließ ihn los. Fuhr sich mit den Händen durchs Haar, um sich von der statischen Elektrizität zu befreien, die sein glatter Hemdenstoff hervorgerufen hatte. "Ihr denkt auch nur an das eine, ihr verdammten Gorillamännchen!"

"Äh", sagte er und versuchte eine Miene kleidsamer Enttäuschung zu zeigen.

Er ging in die Diele. Sie strich ihren Pullover gerade und folgte ihm.

"Wir könnten ganz still sein, du könntest dich schlafend stellen, und ich könnte mich morgen ganz früh davonschleichen", sagte er, um sich nicht zu früh geschlagen zu geben.

"Wir holen das alles nach", sagte sie. "Nächsten Monat hat meine Mutter Nachtschicht - dann vielleicht?"

Er nickte. Stieg in seine Stiefel und suchte nach Schal und Handschuhen.

"Verdammt, ich hab mein Französischbuch liegen lassen. Würdest du es für mich holen?"

Das tat sie. Nachdem er seinen Mantel zugeknöpft hatte, umarmten sie sich noch einmal. Durch alle Stoffschichten hindurch konnte sie seinen steifen Penis spüren; er drückte sich gegen sie und sie registrierte kurz eine zitternde Mattigkeit. Das war ein schönes Gefühl, wie zu fallen, ohne an die Landung denken zu müssen, und sie begriff, dass die Verbindungen zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Hirn und Herz, genauso schwach sind, wie ihre Mutter behauptet hatte, als sie kürzlich beim Frühstück ein ernstes Gespräch geführt hatten.

Wenig, worauf Verlass war. Die Vernunft ist nur ein Taschentuch, mit dem wir uns danach die Nase putzen, hatte ihre Mutter gesagt und ausgesehen, als wisse sie, wovon sie da redete.

Was natürlich auch der Fall war. Drei Männer hatte sie gehabt, und keiner davon war ein Sammlerstück gewesen, wenn die Tochter das richtig verstanden hatte. Ihr Vater am allerwenigsten. Sie biss sich in die Lippe und schob ihn weg. Er lachte leicht verlegen.

"Ich mag dich, Wim", sagte sie. "Wirklich. Aber jetzt musst du los, sonst verpasst du den Bus."

"Ich mag dich auch", sagte er. "Deine Haare ..."

"Meine Haare?"

"Du hast so verflixt schöne Haare. Wenn ich ein kleines Tier wäre, würde ich darin wohnen wollen."

"Also echt", sie lachte. "Willst du damit sagen, ich hätte Ungeziefer in den Haaren?"

"Nicht doch." Er verzog den Mund zu einem breiten Grinsen. "Ich meine nur, wenn ich vor dir sterbe, dann will ich als kleines Tier wiedergeboren werden und in deinen Haaren wohnen. Damit wir trotzdem noch zusammen sind."

Sie wurde ernst.

"So darfst du nicht über den Tod sprechen", sagte sie. "Ich mag dich so sehr, aber sprich nicht so leichtfertig über den Tod, bitte."

"Verzeihung", sagte er. "Ich hatte vergessen ..."

Sie zuckte mit den Schultern. Ihr Großvater war einen Monat zuvor gestorben, sie hatten sich eine Weile darüber unterhalten.

"Das macht nichts. Ich mag dich trotzdem. Wir sehen uns morgen in der Schule."

"Machen wir. Aber jetzt muss ich wirklich gehen."

"Soll ich dich nicht wenigstens zur Bushaltestelle bringen?"

Er schüttelte den Kopf. Öffnete die Wohnungstür.

"Sei nicht albern. Es sind doch nur zwanzig Meter."

"Ich mag dich", sagte das Mädchen.

"Ich dich auch", sagte der Junge, der bald sterben würde. "Und wie!"

Sie umarmte ihn zum letzten Mal, und er lief die Treppen hinunter.

Der Mann, der bald töten würde, sehnte sich nach Hause.

Nach seinem Bett oder nach seiner Badewanne, das wusste er nicht so genau.

Nach beidem vermutlich, entschied er, während er heimlich auf seine Armbanduhr schaute. Zuerst ein richtig heißes Bad, dann das Bett. Warum sollte man entweder - oder sagen, wenn man auch sowohl - als - auch haben konnte? Himmel, er saß hier jetzt schon seit über vier Stunden mit diesen Trotteln zusammen ... vier Stunden! Er schaute sich am Tisch um und fragte sich, ob einer von den anderen dasselbe Gefühl haben könnte. Und alles ebenso satt haben wie er selber.

Es sah nicht danach aus. Muntere und entspannte Gesichter überall; ein wenig kam das natürlich vom Alkohol, aber die anderen schienen sich in dieser Gesellschaft offenbar wohl zu fühlen. Sechs Herren in ihren besten Jahren, dachte er. Erfolgreich und wohlhabend, zumindest nach normalen Maßstäben. Möglicherweise sah Greubner ein wenig müde und niedergeschlagen aus, aber vermutlich kriselte es wieder einmal in seiner Ehe ... oder in der Firma. Oder warum nicht in beidem, wie gesagt?

Nein, jetzt reicht es, beschloss er und kippte den letzten Cognacrest. Wischte sich mit der Serviette die Mundwinkel und erhob sich langsam.

"Ich sollte jetzt wohl", setzte er an.

"Schon?", fragte Smaage.

"Ja. Morgen ist auch noch ein Tag. Und mehr hatten wir doch nicht auf der Tagesordnung?"

"He", sagte Smaage. "Wenn, dann noch ein Cognäcchen. He."

Der Mann, der bald töten würde, erhob sich endgültig.

"Ich sollte jetzt auf jeden Fall", sagte er noch einmal und ließ den Satz absichtlich in der Schwebe. "Darf man den Herren eine gute Nacht wünschen, und sumpft hier nicht mehr allzu lange herum."

"Prost", sagte Kuijsma.

"Friede, Bruder", sagte Lippmann.

Draußen im Foyer merkte er plötzlich, dass er wirklich ziemlich viel getankt hatte. Es fiel ihm schwer, in den Mantel zu finden, so schwer jedenfalls, dass der tätowierte Athlet hinter dem Garderobentresen sich die Mühe machte, dahinter hervorzukommen, um ihm zu helfen. Das war unleugbar ein wenig peinlich. Eilig lief er die kurze Treppe hinunter, in die erfrischende Kühle der Nacht hinaus.

Regen hing in der Luft, und die schwarz glänzenden Pflastersteine auf dem Markt erzählten von dem Guss, der sie vor nicht langer Zeit getroffen hatte. Der Himmel wirkte unruhig und verhieß noch weitere Schauer. Der Mann band sich sein Halstuch um, bohrte die Hände in die Taschen und ging an der Zwille entlang zum großen Platz, wo sein Wagen stand. Gar nicht blöd, so ein kleiner Spaziergang, dachte er. Schon nach einigen hundert Metern wird man viel klarer im Kopf. Was bestimmt nicht schadet.

Die Uhr am Warenhaus Boodwick zeigte zwanzig Minuten nach elf, als er an dessen hell erleuchteten Eingang vorüberkam, doch der Ruyders Plein lag dunkel und verlassen da wie eine vergessene Grabstätte. Über der Langgraacht hing jetzt der Nebel, und als er die Eleonorabrücke überquerte, rutschte er einige Male aus; die Temperatur konnte nur um weniges über Null liegen. Er schärfte sich ein, vorsichtig zu fahren. Überfrierende Nässe und Alkohol im Blut waren keine gute Kombination. Für einen kurzen Moment erwog er sogar, sich ein Taxi zu nehmen, aber er konnte keins sehen, und so ließ er diese Idee wieder fallen. Außerdem würde er am nächsten Morgen das Auto sehr früh brauchen, und die Vorstellung, es auf dem großen Platz stehen zu lassen, kam ihm nicht sonderlich attraktiv vor. Obwohl er erst kürzlich eine ziemlich aufwändige Alarmanlage hatte einbauen lassen, wusste er ja, wie die Lage war. Es wäre keine Kunst für zwei geschickte Diebe, das Auto aufzubrechen, die Stereoanlage herauszuholen und sich in Sicherheit zu bringen, ehe irgendwer auch nur begriffen hätte, was vor sich ging. So war es nun einmal, stellte er mit nüchterner Resignation fest und bog in die Kellnerstraat ab.

Ansonsten war es ja nicht das erste Mal, dass er mit etwas Schnaps im Leib losfuhr. Es war schon ein- oder zweimal vorgekommen, und es hatte niemals Probleme gegeben. Als er jetzt quer über den Platz auf seinen roten Audi zuging, versuchte er sich zu erinnern, wie viel er sich an diesem Abend zu Gemüte geführt hatte, aber es gab da doch etliche Unklarheiten, und er kam zu keinem sicheren Ergebnis. Also öffnete er mit der Fernbedienung den Wagen und ließ sich hinters Steuer fallen. Stopfte sich vier Halstabletten in den Mund, ließ den Motor an und dachte an sein Schaumbad.

Eukalyptus, beschloss er. Schaute auf die Uhr. Es war zwei Minuten nach halb zwölf.

Der Bus fuhr in dem Moment an ihm vorbei, als er aus dem Haus kam.

Er hob die Hand, in dem reflexmäßigen Versuch, den Fahrer zum Anhalten zu bewegen. Danach fluchte er ausgiebig und sah zu, wie die Rücklichter auf der leichten Steigung zur Universität hin verschwanden.

Scheiße, dachte er. Warum muss der ausgerechnet heute Abend den Fahrplan einhalten? Typisch. Verflixt typisch!

Doch als er auf die Uhr sah, stellte er fest, dass er fast fünf Minuten zu spät dran war, und dass deshalb alles nur seine Schuld war.

Seine und Katrinas, nicht zu vergessen. Beim Gedanken an sie hob sich seine Laune ein wenig. Energisch zog er seinen Rucksack gerade, streifte die Kapuze über und setzte sich in Bewegung.

Er hatte eine gute Dreiviertelstunde vor sich, aber er würde auf jeden Fall um kurz nach zwölf zu Hause sein. Das war nicht so schlimm. Seine Mutter würde am Küchentisch sitzen und auf ihn warten, davon konnte er natürlich ausgehen. Sie würde am Tisch sitzen und diese zutiefst vorwurfsvolle Miene an den Tag legen, die sie im Laufe der Jahre zu großer und stummer Dramatik entwickelt hatte, aber das war nicht die Welt. Jeder kann schließlich den Bus verpassen, das kommt in den besten Familien vor.

Beim Keymerfriedhof spielte er mit dem Gedanken an eine Abkürzung. Aber er beschloss, den Friedhof zu umrunden; zwischen Gräbern und Kapelle sah es nicht gerade einladend aus, schon gar nicht in dieser kalten Finsternis mit frostigen Nebelfetzen, die durch Gassen und Gänge und aus den schwarzen Kanälen krochen. Offenbar wollten sie die Stadt in eine nächtliche Decke hüllen. Ein für alle Mal.

Ihn schauderte, und er beschleunigte sein Tempo. Ich hätte bei ihr bleiben können, dachte er plötzlich. Hätte Mama anrufen und bei Katrina bleiben können. Sie hätte natürlich zuerst herumgequengelt, aber was hätte sie schon tun können? Der letzte Bus war ja schließlich weg. Ein Taxi konnte er sich nicht leisten, und weder Uhrzeit noch Witterung ließen es angebracht erscheinen, dass ein Junge ganz allein unterwegs war.

Oder dass eine Mutter ihn dazu ermunterte.

Doch das waren nur Gedankenspielereien. Zielstrebig ging er weiter. Durch den Stadtwald - über den spärlich beleuchteten Geh- und Radweg - lief er fast und erreichte damit die Hauptstraße schneller als erwartet. Jetzt noch das letzte Stück, dachte er. Die lange, triste Wanderung entlang der Hauptstraße, keine besonders angenehme Strecke, wenn man es genau nahm. Es war kaum Platz für Radfahrer und Fußgänger. Nur den schmalen Streifen zwischen Straßengraben und Fahrbahn, und die Autos fuhren schnell. Es gab keine Geschwindigkeitsbegrenzung und keine nennenswerte Straßenbeleuchtung.

Zwanzig Minuten Wanderung über eine dunkle Straße im November. Er war erst zweihundert Meter weit gekommen, als ein kalter Wind aufkam und den Nebel zerriss, und dann brach der Regen über ihn herein.

Verdammt, dachte er. Jetzt könnte ich in Katrinas Bett liegen. Nackt, und ganz dicht bei Katrina, mit ihrem warmen Körper und ihren behutsamen Händen, ihren Beinen und ihrer Brust, auf die er fast die Hand hätte legen dürfen ... dieser Regen musste ein Zeichen sein.

Doch trotz allem ging er weiter. Ging weiter durch Regen und Wind und Dunkelheit und dachte an sie, die die Erste sein sollte.

Die die Erste hätte sein sollen.

Er hatte ein wenig schräg geparkt, musste rückwärts aus der Lücke fahren und als er gerade glaubte, es geschafft zu haben, schrammte seine rechte Heckflosse an einem dunklen Opel vorbei.

Zum Teufel, dachte er. Warum habe ich mir kein Taxi genommen? Vorsichtig öffnete er die Tür und schaute nach hinten. Erkannte, dass wirklich so gut wie gar nichts passiert war. Eine Bagatelle. Er schloss die Tür wieder. Man musste ja auch bedenken, überlegte er weiter, man musste ja auch bedenken, dass die Fenster beschlagen waren und die Sicht fast minimal.

Warum genau man das bedenken musste, wollte er nicht weiter untersuchen. Er fuhr rasch vom Platz und überquerte die Zwille ohne Probleme. Es herrschte kaum Verkehr, er ging davon aus, dass er in einer Viertelstunde oder höchstens zwanzig Minuten zu Hause sein würde, und während er am Alexanderlaan auf Grün wartete, fragte er sich, ob von dem Eukalyptusschaum wirklich noch etwas übrig sein könnte. Als die Ampel wechselte, brüllte der Motor auf ... das kam von dieser verdammten Feuchtigkeit. Danach fuhr er einen zu engen Bogen und knallte gegen die Verkehrsinsel.

Das aber nur mit dem Vorderrad. Kein größerer Schaden passiert ... oder gar keiner, wenn man genauer hinsah. Er brauchte einfach nur ein fröhliches Gesicht aufzusetzen und weiterzufahren, redete er sich ein, aber dann ging ihm plötzlich auf, dass er um einiges betrunkener war, als er gedacht hatte.

Verdammt, dachte er. Ich muss auf jeden Fall wach bleiben. Wäre gar nicht komisch, wenn ...

Er kurbelte das Seitenfenster zehn Zentimeter nach unten und drehte das Gebläse voll auf, um zumindest die Fenster frei zu kriegen. Danach fuhr er lange in vorbildlich niedrigem Tempo weiter und passierte Bossingen und Deijkstra, wo sich während der vergangenen fünfunddreißig Jahre kein Verkehrspolizist mehr hatte sehen lassen, und als er die Hauptstraße erreichte, ging ihm auf, dass er sich unnötig vor Frostglätte gefürchtet hatte. Inzwischen regnete es heftig; er schaltete die Scheibenwischer ein und verfluchte zum fünfzigsten Mal in diesem Herbst, dass er immer wieder vergaß, sich neue zuzulegen.

Morgen, dachte er. Morgen fahre ich als Erstes zur Tankstelle. Es ist doch Wahnsinn zu fahren, ohne richtig sehen zu können ...

Später konnte er einfach nicht sagen, ob er zuerst etwas gehört oder gesehen hatte. Der weiche Aufprall und das leichte Rucken des Lenkrades jedenfalls hatten sich seiner Erinnerung am deutlichsten eingeprägt. Und seinen Träumen. Dass das hier, was für den Bruchteil einer Sekunde am Rand seines Blickfeldes vorüberwirbelte, mit der kleinen Vibration zusammenhing, die seine Hände wahrnahmen, begriff er nicht sofort. Jedenfalls nicht bewusst.

Das passierte erst beim Bremsen.

Es passierte erst später - nach diesen fünf oder sechs Sekunden, die vergangen sein mussten, nachdem er den Wagen angehalten hatte und über die triefnasse Fahrbahn gelaufen war.

Dabei dachte er an seine Mutter. Daran, wie sie einmal, als er krank war - es musste während der allerersten Schuljahre gewesen sein - ihre kühle Hand auf seine Stirn gelegt hatte, während er kotzte und kotzte und kotzte; grüngelbe Galle in einem roten Plastikeimer. Es hatte so teuflisch wehgetan, und diese Hand war so kühl und schön gewesen, und er fragte sich, warum in aller Welt er gerade jetzt daran denken musste. Diese Erinnerung lag mehr als dreißig Jahre zurück und er glaubte nicht, seither noch einmal daran gedacht zu haben. Seine Mutter war seit über einem Jahrzehnt tot, es war wirklich ein Rätsel, warum die Erinnerung jetzt auftauchte und wieso er ...

Er entdeckte den Jungen erst, als er fast schon an ihm vorbei war und er wusste sofort, dass er tot war.

Ein Junge in einem dunklen Dufflecoat. Er lag unten im Graben; seltsam verzerrt, mit dem Rücken an einem zylindrischen Zementrohr, das Gesicht dem Mann zugekehrt. Als starre er ihn an und versuche irgendeinen Kontakt aufzunehmen. Als wolle er ihm etwas sagen. Seine Gesichtszüge waren teilweise unter seiner Kapuze versteckt, aber die rechte Gesichtshälfte - die allem Anschein nach gegen den Zement geschleudert worden war - lag entblößt da wie ein ... wie ein anatomisches Objekt.

Er blieb stehen und kämpfte gegen seinen Brechreiz an. Dieselben Reflexe, dieselben alten Reflexe wie vor dreißig Jahren, zweifellos. Zwei Wagen fuhren vorüber, in entgegengesetzten Richtungen, aber niemand schien ihn bemerkt zu haben. Er spürte, dass er jetzt zitterte. Er holte zweimal tief Luft und stieg in den Graben. Kniff die Augen zusammen und riss sie nach einigen Sekunden wieder auf. Beugte sich vor und tastete behutsam nach dem Puls des Jungen, an dessen Handgelenken und an dem blutverschmierten Hals.

Es gab keinen. Verdammt, dachte er und spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Verdammte Pest, ich muss ... ich muss ... ich muss ...

Kundenbewertungen zu "Der unglückliche Mörder / Van-Veeteren-Krimi Bd.7"

4 Kundenbewertungen (Durchschnitt 5 von 5 Sterne bei 4 Bewertungen ***** ausgezeichnet)
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Bewertung von hel aus Bad Honnef am 24.05.2010 ***** ausgezeichnet
Zunächst spielt einer trauriger Zufall eine große Rolle in Hakan Nessers Krimi "Der unglückliche Mörder". Ein erfolgreicher und wohlhabender Geschäftsmann verabschiedet sich von einem Männerabend. Statt mit Bus oder Taxi zufahren setzt er sich mit reichlich Alkohohol im Blut in sein Auto - und fährt einen Jungen tot. Aus dem Zufall wird Berechnung, denn er weigert sich Verantwortung für die Tat zu übernehmen. Doch er wurde gesehen, und als er erpresst wird, wird er zum verzweifelten Mörder, doch er tötet den Falschen, ausgerechnet den Sohn des pensionierten Kommissars van Veeteren. Der setzt alles daran, den immer tiefer fallenden Mörder zu finden. Nochmal setzt sich der entschlossene Ermittler an die Spitze seiner Mordkommission. Nach einer kleinschrittigen, aber intelligenten Spurensuche, die ihn bis nach New York bringt, kommt es zum Show-Down.
Nesser gelingt wie so oft ein spannender, psychologisch durchdachter Krimi mit einem überraschenden Ende. Der Leser, der von Beginn an mehr weiß als die Kriminalbeamten, wird Teil der Ermittlungen. Man kann Nesser nur empfehlen, er bietet Spannung, gute Sprache und wie immer ein überraschendes Ende.

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Bewertung von Janssen aus Varel am 01.02.2009 ***** ausgezeichnet
Wenn man bedenkt, dass eine Sekunde Unachtsamkeit ein ganzes Leben zerstören kann, sollte man diesen hervorragenden Krimi immer im Gedächtnis behalten. Ein, wie nicht anders zu erwarten, toller Krimi.

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Bewertung von Catrin aus saarbrücken am 28.03.2002 ***** ausgezeichnet
Die Handlung ist sehr spannend und die Figuren und Charaktere sind sehr gut beschrieben. Ein mitreißender Krimi und bis auf den Schluss denke ich auch sehr glaubwürdig.

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Bewertung von Manfred Luke aus 70794 Filderstadt am 02.01.2002 ***** ausgezeichnet
Ein spannender und gut geschriebener Kriminalroman. Die Personen, ob Mörder, Erpresser, Ermordete und Mördersucher sind gut und sehr plastisch beschrieben.
Außerdem begrüße ich es, dass die Polizisten bei ihren Besprechungen auch Rotwein und Bier trinken und von dem manchmal stupiden Kaffee Abstand nehmen.
Nesser ist eine gute Alternative zu Mankell.
Es ist nur etwas erstaunlich, warum die Handlung in den Niederlanden spielt.
Etwas unwahrscheinlich ist die Hilfsbereitschaft der New Yorker Poilzei, um den Mörder endlich dingfest zu machen.

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