Leseprobe zu "Der Türke" von Tom Standage
Kapitel 2
Der Türke eröffnet das Spiel
Wolfgang von Kempelen war ein vielseitig talentierter Mann. Er war nicht nur außerordentlich sprachbegabt, sondern bewies sich auch als geschickter Staatsbeamter und brillanter Mechaniker und verstand es zudem, sich sehr geschickt in Szene zu setzen. Schon die erste Vorführung seines Schachautomaten am Wiener Hof gestaltete er als regelrechtes Schauspiel , wie sie dann mit kleinen Abwandlungen das Publikum über Jahrzehnte in ihren Bann schlagen sollte.
Zu dem ausgewählten Personenkreis, vor dem der Automat im Frühjahr 1770 seine erste Vorstellung gab, zählte auch die Kaiserin selbst. Sicherlich hatten viele der Anwesenden sechs Monate zuvor Pelletiers Zaubervorstellung gesehen, nach der Kempelen seine gewagte Ankündigung gemacht hatte, und warteten nun darauf, dass er sich bis auf die Knochen blamieren würde.
Als Maria Theresia das Zeichen zum Beginn gab, schob Kempelen seinen Automaten aus einem Nebenraum nach vorne, damit das Publikum ihn gut in Augenschein nehmen konnte. Hinter einem hölzernen Kasten saß die lebensgroße Figur eines aus Holz geschnitzten Mannes, der mit seinem Turban, seinem mit Hermelin verbrämten Kaftan und seinen weiten Hosen wie ein orientalischer Magier aussah. Die Wahl des Kostüms entsprach der Mode der Zeit. Der türkische Stil mit seiner reizvollen Verbindung von Eleganz und Exotik war äußerst populär in Wien, wo man mit Vorliebe türkischen Kaffee schlürfte, seine Diener türkisch ausstaffierte und auch der Musik mit Trommeln und Zymbeln gerne eine orientalische Note gab. Doch war die türkische Tracht der hölzernen Figur mehr als nur modisch, sie suggerierte auch die Kenntnis des Schachspiels, das irgendwann zwischen dem 8. und dem 11. Jahrhundert aus Persien nach Europa gekommen war.
Der Kasten, hinter dem die Figur saß, war etwa 1,20 Meter lang, 85 Zentimeter tief und 90 Zentimeter hoch und stand auf vier Messingrollen, die es erlaubten, ihn samt der sitzenden Figur nach Belieben herumzuschieben, zu drehen und dem Publikum von allen Seiten zu zeigen. Die Vorderseite des Kastens war mit drei gleich großen Türen versehen, unter denen sich eine breite Schublade befand. Die hölzerne Figur ließ ihren rechten Arm ausgestreckt auf dem Kasten ruhen, ihr Blick war fest auf ein dort angebrachtes großes Schachbrett gerichtet. In der linken Hand hielt sie eine lange türkische Pfeife, als hätte sie gerade eben noch geraucht.
Kempelen trat vor und verkündete, er habe eine Maschine gebaut, wie es sie bisher noch nie gegeben habe: einen automatischen Schachspieler. Ein skeptisches Murmeln lief durch den Saal. Bevor er ihn in Aktion vorführen werde, erklärte Kempelen, könne man das Innere begutachten. Daraufhin zog er ein Bund Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete die linke Tür an der Vorderseite des Kastens. Damit gab er den Blick auf einen komplizierten Mechanismus aus dicht gepackten Rädchen, Nocken, Gestängen und anderen Uhrwerksbestandteilen preis, unter denen besonders eine große horizontale Walze auffiel, aus der kleine Stiftchen herausragten, wie man das von Spieluhren kannte. Während das Publikum die Mechanik in Augenschein nahm, trat Kempelen auf die Rückseite des Kastens. Hier öffnete er ein weiteres Türchen, das sich direkt hinter dem Mechanismus befand, und hielt eine brennende Kerze, deren flackernder Schein durch das Räderwerk hindurch zu sehen war. Nachdem er den Zuschauern auf diese Weise bewiesen hatte, dass man durch den Kasten hindurchsehen konnte, schloss Kempelen die hintere Tür wieder zu.
Als nächstes zog Kempelen die breite Schublade an der Vorderseite des Kastens heraus, um ihr einen Satz roter und weißer, aus Elfenbein geschnitzter Schachfiguren zu entnehmen, die er auf den Deckel des Kastens stellte. Darauf schloss er die beiden verbleibenden Türen auf der Vorderseite auf und gewährte Einblick in die Hauptabteilung des Kastens, die beinahe zwei Drittel seines Innenraums einnahm. Darin befand sich ein rotes Kissen, ein kleines hölzernes Kästchen und ein Brett mit goldenen Buchstaben. Kempelen legte diese Gegenstände auf ein Tischchen neben dem Automaten und ließ die Tür geöffnet, damit die Zuschauer das Hauptabteil genau in Augenschein nehmen konnten. Es war mit dunklem Tuch ausgeschlagen und beinahe leer, abgesehen von einigen metallenen Rädchen und Zylindern und zwei von links nach rechts verlaufenden, an Quadranten erinnernden Messinggestängen.
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