Der Tod des Narren - Marsh, Ngaio

Der Tod des Narren

Ein Inspektor-Alleyn-Roman

Ngaio Marsh 

Übersetzer: Walter, Edith
Broschiertes Buch
 
Sprache:
Nicht lieferbar
Nicht lieferbar
9 Angebote ab € 1,70
Bewerten Empfehlen Merken Auf Lieblingsliste


Andere Kunden interessierten sich auch für

Der Tod des Narren

Auf Mardian Castle begeht man das heidnische Fest des Schwertertanzes, eine Tradition, an der sich seit vielen Hundert Jahren wenig geändert hat. Doch als der Darsteller des Narren auf grausame Weise ermordet wird, ändert sich alles. Inspektor Alleyn von Scotland Yard übernimmt den Fall ...


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • Seitenzahl: 318
  • Goldmann Krimi
  • Gewicht: 280g
  • ISBN-13: 9783442049462
  • ISBN-10: 3442049466
  • Best.Nr.: 02268418
Ngaio Marsh wurde 1899 in Christchurch, Neuseeland, geboren. Ihr Vorname Ngaio (sprich: "Najo") ist ein maorisches Wort und bedeutet soviel wie "Spiegelungen im Wasser". Ihren ersten von insgesamt 32 Kriminalromanen schrieb sie 1932 in London, wo sie zunächst als Innenarchtitektin arbeitete, nebenbei aber auch malte und Stücke schrieb. 1949 gründete sie die British Commonwealth Theatre Company. Ihre lebenslange Begeisterung für das Theater schlug sich auch in ihren Romanen nieder: Die meisten spielen im Theatermilieu, denn ihre große Leidenschaft galt den Figuren und Dramen Shakespeares. Ngaio Marsh wurde 1978 zum "Grand Master" der Mystery Writers of America ernannt, zwei Mal für den Edgar-Allan-Poe-Award nominiert und ein Mal mit dem Silver Dagger ausgezeichnet. Sie wird heute in einem Atemzug mit Dorothy Sayers und Agatha Christie genannt und wurde mit ihren Romanen um den adeligen Inspektor Roderick Alleyn weltberühmt. Ngaio Marsh arbeitete und lebte zeitlebens abwechselnd in England und Neuseeland, wo sie 1982 starb.
In diesem Teil Englands meldete sich die Wintersonnenwende mit Schnee und frostiger Kälte an. Die Bäume zitterten im Nordwind. Ab vier Uhr nachmittags ließ sich in South Mardian kein Mensch mehr auf der Straße blicken.

Es schlug eben vier, als auf einem Hügel oberhalb des Dorfes ein kleines, robust aussehendes Auto auftauchte und mehr schlecht als recht die Straße herunterzurutschen begann. Angestrengt spähte die Fahrerin durch den von den Scheibenwischern freigehaltenen Ausschnitt der Windschutzscheibe, dennoch war sie in ihrer Sicht behindert, da ihr unter dem Kopftuch hervorquellende graue Haarsträhnen in die Augen hingen. Ihre Hände, die in Wollhandschuhen steckten, umklammerten das Steuer mehr, als sie es beherrschten. Die Frau hatte mehrere Schals um den Hals gewickelt und trug dazu einen handgewebten Umhang. Ihre in unförmigen Stiefeln steckenden Füße behandelten Kupplungs- und Gaspedal ziemlich müde. Von Zeit zu Zeit huschte ein kaum merkliches Lächeln über ihre Züge. Schließlich gelangte sie nach South Mardian und brachte den Wagen vor einer imponierenden Toreinfahrt mit einem Ruck zum Stehen.

Das Tor selbst war aus Schmiedeeisen und kunstvoll zu nennen, aber die beiden Flügel wurden von einem mehrfach verschlungenen und verknoteten Strick zusammengehalten. Hinter dem Tor erhoben sich, etwa eine Viertelmeile entfernt, auf einem Hügel die Reste einer normannischen Burg, die sich geradezu drohend von dem blaugrauen Himmel abhoben. Von den Mauern der Ruine teilweise umgeben, stand da noch ein abgrundtiefhässliches viktorianisches Landhaus.

Die Autofahrerin warf einen Blick auf eine Landkarte. Es gab keinen Zweifel: Das war Mardian Castle. Es dauerte bei dieser eisigen Kälte geraume Zeit, bis es ihr gelang, den Strick aufzuknoten und zu entwirren. Auf der anderen Seite des Tores hatten sich Schneewehen angesammelt, und es kostete sie einige Anstrengung, ehe es ihr gelang, das Tor weit genug zu öffnen, um mit dem Wagen passieren zu können. Dann hielt sie noch einmal an, stieg aus und schloss das Tor wieder.

"St. Agnes war's und, ach, so bitterkalt", zitierte sie mit einem leichten deutschen Akzent. Wenn sie erschöpft oder erregt war, dehnte sie das "O" und verwechselte "V" und "W".

"Aber", fügte sie hinzu, "ich sehe weder Has' noch Eule, noch sonst ein lebend Wesen, ach, du liebes Gottchen." Sie freute sich über die gelungene Improvisation. Ihr engster Freundeskreis hatte es sich in letzter Zeit angewöhnt, "ach, du liebes Gottchen" als amüsanten Stoßseufzer zu verwenden.

Von einem Gebüsch her klang plötzlich wildes Geschnatter herüber, und eine Schar erhaben aussehender Gänse watschelte heraus. Mit aufgeregtem Geschrei kamen sie auf die Autofahrerin zu. Sie rettete sich in den Wagen, warf die Tür zu, legte den ersten Gang ein und fuhr weiter, wobei zwei mächtige Stiere sie von einem Abhang herunter aufmerksam beobachteten. Sie war blass, aber ruhig und summte eine vertraute Melodie vor sich hin.

Als sie sich dem viktorianischen Haus näherte, bemerkte sie, dass es aus demselben Stein erbaut war wie die Ruine. Na, wenigstens etwas!, dachte sie. Sie quälte den Wagen das letzte Stück des vereisten Abhangs hinauf, durch die Überreste eines normannischen Bogenganges, und gelangte in einen Hof hinein. Dort atmete sie ein paarmal tief und dankbar auf.

Der halbkreisförmige Hof war auf der einen Seite von alten, zinnenbewehrten Mauern umfriedet, er endete auf der anderen wie abgeschnitten vor dem neuen Haus. Er war mit Geröll übersät und von Unkraut überwuchert. Halb im Schnee vergraben erhob sich in der Mitte eine auf zwei Tragsteinen ruhende rechteckige Steinplatte.

"Ich hab's gefunden!", rief die Autofahrerin aus.

Aufs Geratewohl griff sie unter ihre Schals und betastete ihr Lieblingshalstuch aus roter Seide. Auf diese Weise innerlich gestärkt, stieg sie aus dem Wagen und schritt die Treppe zum Haustor hinauf.

Es war riesig und stammte, wie sie befriedigt feststellte, von der Ruine. Es gab keinen Klingelknopf, aber eine an der Mauer befestigte und mit schmiedeeisernen Schnörkeln verzierte Glocke, die zwar alt aussehen sollte, aber ganz offensichtlich keine Antiquität war. Die Frau zog an der Kette, und die Glocke dröhnte mit einem ganz fürchterlichen Gebimmel. Die Gänse tauchten wieder auf, reckten ihre langen Hälse und kreischten schrill durcheinander. Dann watschelten sie zielstrebig auf sie zu. Eine oder zwei bemühten sich erfolglos, die Stufen zu erklimmen, und die Frau versuchte die ganze Schar mit einem herrischen Blick in Schach zu halten. Der Lärm, den sie machten, war so groß, dass die Frau es völlig überhörte, als hinter ihr die Tür geöffnet wurde.

"Schwierigkeiten?", fragte eine Stimme. "Kommen Sie schnell rein, damit ich die Tür wieder schließen kann. Verschwindet, ihr Vogelbrut!"

Die Besucherin wurde am Arm gepackt, herumgedreht und energisch über die Schwelle gezogen. Die Tür knallte zu, und sie stand einer Frau mit rötlich braunem Haar gegenüber, die sie mit mildem Erstaunen musterte.

"Ja?", sagte die Frau. "Ich glaube nicht, dass ... - was ist das doch für ein grässliches Wetter."

"Dame Alice Mardian?"

"Das ist meine Großtante: Sie ist vierundneunzig, und ich denke nicht ..."

Mit einer geradezu königlichen Geste warf die Besucherin ihren Umhang zurück, durchforschte eine Innentasche und entnahm ihr eine Visitenkarte.

"Das muss natürlich eine Überraschung für Sie sein", entschuldigte sie sich. "Vielleicht hätte ich Ihnen schreiben sollen, aber ich muss Ihnen sagen - ganz, ganz offen sagen -, dass ich so von Neugier getrieben wurde - nein, Neugier war es nicht, viel eher Jagdfieber - und es nicht länger aushielt. Keinen Tag länger. Nicht einmal eine Stunde." Sie unterbrach sich, ihre Lippen zitterten. "Wenn Sie so freundlich wären, einen Blick auf die Karte zu werfen."

Die andere tat es, flüchtig.

Mrs Anna Bünz

Freunde britischer Folklore

Verein zur Pflege alter Sitten und Gebräuche

Die Steckenpferde

Morisco Croft

Bapple-Under-Baccomb

Warwickshire

"Ach, du meine Güte!", meinte die Frau mit dem rötlich braunen Haar beinahe erschrocken und fügte hinzu: "Aber kommen Sie erst mal rein."

Sie führte die Besucherin durch eine Halle - in der es kaum wärmer zu sein schien als im Freien - in einen Salon, der, wenn das überhaupt möglich war, ihr noch weitaus kälter vorkam. Er war mit allen möglichen Gegenständen voll gestopft. Mit mittelmäßig gemalten Porträts, die vom Boden bis zur Decke reichten, mit Tischen, die fast zusammenbrachen unter der Last der Fotografien und Nippessachen, mit Statuetten, die sich gegenseitig über die Schultern blickten. In einem riesigen offenen Kamin fristete verschämt ein winziges Feuerchen sein Leben.

"Setzen Sie sich doch", bat die Frau mit dem rötlich braunen Haar unsicher, "Mrs - äh - Buns."

"Besten Dank, aber wenn Sie freundlicherweise verzeihen wollen - es heißt Bünz. Mit ü, ü!" Mrs Bünz spitzte schulmeisterlich übertrieben die Lippen. "Oder wenn das Ü zu schwierig sein sollte, dann bitte Bins oder Burns, denn dann kann man mich wenigstens nicht mit den Korinthenbrötchen verwechseln, die ja auch 'Buns' heißen." Sie lachte so vertraulich über ihren eigenen Witz, als sei sie eine alte Freundin des Hauses. "Es ist natürlich ein deutscher Name. Mein lieber, inzwischen leider verstorbener Mann und ich sind vor dem Krieg herübergekommen. Inzwischen bin ich, das darf ich wohl so sagen, in England ganz zu Hause. Aber", fuhr Mrs Bünz fort, und ihre Zungenspitze zitterte plötzlich, als erwarte sie einen besonderen Leckerbissen, "jetzt zu unserem Thema, Miss - äh ..."

"Mardian", sagte Miss Mardian und errötete tief.

"Ach, was für ein Name!"

"Wenn Sie so freundlich wären ..."

"Aber natürlich, ich komme sofort zur Sache. Es ist so, Miss Mardian: Ich bin dreihundert Meilen weit gefahren, um Ihre Großtante zu sprechen."

"Ach, du liebe Güte! Leider ruht sie im Augenblick ..."

"Ihnen ist der Name Rekkage natürlich bekannt."

"Nun ja, es gab da den alten Lord Rekkage, der den Verstand verlor."

"Das kann nicht derselbe sein."

"Er weilt schon lange nicht mehr unter den Lebenden. Eine in Warwickshire in der Nähe von Bapple ansässige Familie."

"Ja, die meine ich. Im Hinblick auf seine geistige Gesundheit müssen Sie falsch unterrichtet sein. Er war ein großer Wohltäter, und er hat den 'Verein zur Pflege alter Sitten und Gebräuche' gegründet."

"Das stimmt. Und er hat sein ganzes Vermögen einer noch viel ausgefalleneren Gesellschaft hinterlassen."

"Den 'Steckenpferden'. Wie ich sehe, meine liebe Miss Mardian, haben wir verschiedene Interessen. Aber", Mrs Bünz hob ihr gewaltiges Doppelkinn, "ich will dennoch fortfahren. Es steht so viel auf dem Spiel. So viel!"

"Ich kann Ihnen leider keinen Tee anbieten", bedauerte Miss Mardian vage. "Der Boiler ist explodiert."

"Aber das macht doch nichts. Bitte, Miss Mardian, können Sie mir verraten, was für besondere Interessen Dame Alice hat? Natürlich, in ihrem bewundernswert hohen Alter ..."

"Tante Akky? Nun, sie besucht gern Versteigerungen. Sie hat fast alle Möbel in diesem Raum bei Auktionen erworben. Als Mardian Place abbrannte, gingen viele Familienerbstücke verloren. Also hat sie aus Teilen der alten Burg dieses Haus gebaut und es mit Sachen eingerichtet, die sie ersteigert hat. Das tut sie schrecklich gern."

"Dann hat sie einen Instinkt für Antiquitäten, ach!", rief Mrs Bünz, klatschte begeistert in die Hände, und wieder war ihr deutscher Akzent nicht zu überhören. "Ach, Gott sei Dank!"

"O verflixt!", rief Miss Mardian und hob warnend den Finger. "Da kommt Tante Akky."

Sie erhob sich verlegen. Mrs Bünz schnaufte einmal kurz vor Erwartung und zupfte, während sie aufstand, energisch ihren Umhang zurecht.

Die Tür öffnete sich - und Dame Alice Mardian trat ein. Sie wirkte irgendwie formlos und hölzern und ähnelte der Arche Noah. Ihr Gesicht schien, wenn man ihm überhaupt einen Ausdruck zuschreiben wollte, auf verschwommene Weise fröhlich.

"Was gibt es hier für einen Aufruhr?", fragte sie und kam mit den steifen Schrittchen sehr alter Leute näher. "Hallo! Ich wusste nicht, dass du eine Freundin zu Besuch hast, Dulcie."

"Das habe ich auch nicht", antwortete Miss Mardian. Sie deutete lässig mit beiden Händen zu Mrs Bünz hinüber. "Das ist Mrs - Mrs ..."

"Bünz", half ihr die Besucherin. "Mrs Anna Bünz. Dame Alice, es ist mir eine so unaussprechliche Freude ..."

"Ganz überflüssig", sagte Dame Alice forsch. "Gar kein Grund vorhanden. Wie geht's?" Sie hatte ein zu locker sitzendes falsches Gebiss, das ganz selbstständig die Endsilben von jedem Wort abhackte und die Zischlaute noch schärfer klingen ließ. "Spreche nicht mehr mit Fremden", fügte sie hinzu. "Zu alt dafür. Dulcie hätt's Ihnen sagen müssen."

"Es scheint um den alten Lord Rekkage zu gehen, Tante Akky."

"Guter Gott! Rekkage, der Spinner. Hat so lange Jagden geritten, bis er auf den Kopf fiel. Wie du, Dulcie. War einer der Besten, aber verrückt. Finden Sie nicht auch?", fragte sie Mrs Bünz und blickte sie zum ersten Mal an.

Mrs Bünz begann verzweifelt schnell zu sprechen. "Als er starb", plapperte sie, die Augen schließend, "gab Lord Rekkage mir, der Vizepräsidentin der 'Freunde britischer Folklore', den Auftrag, gewisse Papiere zu überprüfen."

"Hast du wegen des Boilers telefoniert, Dulcie?"

"Tante Akky, die Telefonleitung ist gestört."

"Dann lass dir einen Gaul satteln und reite."

"Wir haben keine Pferde mehr, Tante Akky."

"Das vergesse ich immer wieder."

"Aber gestatten Sie mir", rief Mrs Bünz, "gestatten Sie mir, auf der Rückfahrt eine Nachricht zu überbringen. Es wäre mir ein unendliches Vergnügen ..."

"Reiten Sie?"

"Ich habe ein kleines Auto."

"Sie fahren Auto? Sehr vernünftig von Ihnen, muss ich sagen. Richten Sie William Andersen im Dorf einfach aus, dass unser Boiler explodiert ist. Wäre Ihnen sehr dankbar. Meine Nichte begleitet Sie hinaus. Bitte Sie, mich zu entschuldigen."

Sie streckte den Arm aus, und Miss Mardian begann kräftig daran zu ziehen.

"Nein, nein! Ach, bitte, ich flehe Sie an!", rief Mrs Bünz und rang die Hände. "Dame Alice, bevor Sie gehen! Ich bin zwei Tage gefahren. Wenn Sie mich nur eine Minute anhören wollten. Auf den Knien flehe ich ..."

"Wenn Sie betteln wollen", wehrte Dame Alice ab, "sind Sie bei mir an der falschen Adresse. Ich habe nichts mehr zu verschenken. Dulcie!"

"Aber nein, nein, nein, ich bettle doch nicht! Oder nur", korrigierte sich Mrs Bünz, "um ein paar Minuten Ihrer Aufmerksamkeit. Ich will nur eine Kleinigkeit wissen."

"Dulcie, ich gehe!"

"Ja, Tante Akky."

"Ich, die ich geleitet wurde ..."

"Ich verabscheue neumodische Religionen", sagte Dame Alice, die mit Hilfe ihrer Nichte bei der Tür angelangt war und sie öffnete.

"Bedeutet Ihnen die Wintersonnenwende nichts? Bedeutet Ihnen der 'Mardian-Moriskentanz der Fünf Söhne' nichts? Ist ..." Etwas in den beiden Gesichtern ihr gegenüber ließ Mrs Bünz verstummen. Dame Alices Oberkieferprothese fiel klappernd auf ihr Gegenstück. In der Stille, die diesem Missgeschick folgte, brachen die Gänse in wüstes Geschrei aus. Eine Männerstimme rief laut etwas, und eine Tür fiel krachend ins Schloss.

"Ich weiß nicht", sagte Dame Alice mühsam und leidenschaftlich, "ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie wollen. Aber ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich in Ruhe ließen." Sie wandte sich an ihre Großnichte. "Du bist eine geschwätzige Närrin. Ich bin wütend. Ich gehe."

Sie machte kehrt und trippelte mit raschen, kleinen Schrittchen in die Halle hinaus.

"Guten Abend, Tante Akky, guten Abend, Dulcie", erklang draußen eine Männerstimme. "Ich habe mich gefragt, ob ..."

"Ich bin auch auf dich wütend. Ich gehe hinauf. Ich will niemanden sehen. Schlecht für mich, wenn man mich durcheinander bringt. Schaff mir die Frau vom Hals, Dulcie."

"Ja, Tante Akky."

"Und du führ dich anständig auf, Ralph."

"Ja, Tante Akky."

"Bring mir einen Whisky mit Soda in mein Zimmer, Mädel."

"Ja, Tante Akky."

"Diese verdammten Zähne!"

Zerstreut lauschte Mrs Bünz auf das Geräusch sich entfernender Schritte. In dem monströsen Durcheinander des Zimmers allein gelassen, breitete sie enttäuscht die Arme aus. Es war eine Geste der Verzweiflung. Ein großer, junger Mann kam herein.

"Oh, tut mir Leid", sagte er. "Guten Abend. Es muss was passiert sein. Tante Akky ist leider wütend."

"Leider, leider."

"Ich bin Ralph Stayne, der Neffe. Sie ist schon ein bisschen schwierig, unsere Tante Akky. Aber mit vierundneunzig hat man ein Recht dazu, glaube ich."

"Leider, leider."

"Es tut mir ganz entsetzlich Leid. Kann ich irgendetwas für Sie tun? Aber ich sage Ihnen lieber gleich, dass ich selber ganz schön in der Tinte sitze."

"Sie sind der Neffe von Dame Alice?"

"Eigentlich ihr Urgroßneffe. Ich bin der Sohn des Dorfgeistlichen. Dulcie ist meine Tante."

"Sie armer Junge", sagte Mrs Bünz zerstreut. In ihren Augen lag ein nachdenklicher und berechnender Ausdruck. "Sie könnten mir wirklich helfen. Ja, das könnten Sie tatsächlich. Ich bin eigens aus Bapple-under-Baccomb in Warwickshire hergefahren. Bedauerlicherweise muss ich gestehen, dass ich zwei Tage unterwegs war, was zum Teil am Wetter lag. Ich beklage mich nicht, nein, nein, nein ... Aber ich schweife ab, Mr Stayne. Ich studiere den Volkstanz - den mitteleuropäischen und - ihn vor allem - den englischen. Meine kleinen wissenschaftlichen Abhandlungen über dieses Thema fanden große Beachtung. Ich studiere die Tänze, tanze aber auch selbst. Ich beherrsche sie sehr gut, Mr Stayne. Ach ja, du liebes Gottchen."

"Wie bitte?"

"Du liebes Gottchen! Ein Stoßseufzer, der im 16. Jahrhundert aufkam. Mein kleiner Gesellschaftskreis hat ihn wieder aufleben lassen, nur so zum Spaß."

"Ich fürchte, ich ..."

"Ich wollte Ihnen damit nur zeigen, dass ich mich in aller Bescheidenheit eine Expertin nennen darf", erklärte Mrs Bünz. "Tatsächlich, Mr Stayne, habe ich in Fachkreisen einen so guten Ruf, dass der inzwischen verstorbene Lord Rekkage ..."

"Meinen Sie den Spinner Rekkage?"

"... mir nicht weniger als drei große Koffer mit unglaublich kostbaren Familienpapieren zu treuen Händen hinterließ. Eines dieser Dokumente, das ich erst vorgestern entdeckte, hat mich nach Mardian Castle geführt. Ich habe es bei mir und kann es Ihnen zeigen."

Ralph Staynes Miene verriet immer größeres Unbehagen.

"Tja, nun, hören Sie, Mrs ..."

"Bünz."

"Mrs Burns, es tut mir schrecklich Leid, aber wenn Sie auf das hinauswollen, was ich vermute, dann kann ich Ihnen leider, leider nicht helfen."

Plötzlich wandte Mrs Bünz sich mit einer erhabenen Geste zum Fenster.

"Sagen Sie mir eins - sagen Sie es mir! Im Hof sehe ich - und betrachte sie tief bewegt - in Schnee eingehüllt und im Augenblick von Geflügel umlagert, eine leicht schräg liegende rechteckige Steinplatte. Ist das der 'Mardian-Stein', Mr Stayne? Der Dolmen der Mardians?"

"Ja", bestätigte Ralph. "Das stimmt, das ist er."

"Das Dokument, von dem ich spreche, bezieht sich auf den 'Mardian-Stein'. Und es handelt vom 'Tanz der Fünf Söhne'."

"Tatsächlich?"

"In dem Dokument wird die Behauptung aufgestellt, dass der so genannte Mardian-Moriskentanz - das bei weitem großartigste aller englischen rituellen Tanzspiele - bis vor fünfzehn Jahren regelmäßig zur Wintersonnenwende am Mardian-Stein aufgeführt wurde, ohne dass die Forschung, die Experten, Volkstanzgruppen und Vereinigungen etwas davon wussten."

"Oh!", entfuhr es Ralph.

"Und nicht nur das", flüsterte Mrs Bünz erregt und brachte das Gesicht ganz dicht an das seine heran, "es scheint keinen Grund dafür zu geben, warum der Brauch nicht bis heute fortlebt, bis zu dieser Wintersonnenwende, bis zu dieser Woche, Mr Stayne. Nun, wollen Sie mir antworten? Sagen Sie mir, ob das zutrifft?"

"Also ich bin aufrichtig der Meinung, dass Sie die ganze Sache vergessen sollten", entschied Ralph. "Ehrlich."

"Aber Sie leugnen es nicht?"

Er zögerte, begann zu sprechen, unterbrach sich wieder.

"Nun schön", meinte er endlich. "Ich will nicht abstreiten, dass einmal im Jahr ein sehr kurzes, sehr einfaches und - davon bin ich überzeugt - völlig unbedeutendes Tanzspiel in Mardian aufgeführt wird.

9 Marktplatz-Angebote für "Der Tod des Narren" ab EUR 1,70

Zustand Preis Porto Zahlung Verkäufer Rating
leichte Gebrauchsspuren 1,70 1,20 Banküberweisung P's Bücherkiste 100,0% ansehen
wie neu 2,50 1,20 offene Rechnung, Banküberweisung Versandantiquariat Ratatösk 100,0% ansehen
wie neu 3,00 1,30 PayPal, Banküberweisung, Selbstabholung und Barzahlung jurgen4545 100,0% ansehen
3,00 2,00 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, Banküberweisung Miss Bücherwurm 96,7% ansehen
4,20 1,70 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), PayPal, Banküberweisung Libresso Antiquariat, Einzelunternehmen 100,0% ansehen
6,50 0,00 Banküberweisung, offene Rechnung, PayPal, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) Sammlerantiquar iat 98,9% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 7,20 6,50 Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, offene Rechnung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) winni´s antiquariat und kleintransporte 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 7,20 6,50 Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, offene Rechnung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) winni´s antiquariat und kleintransporte 100,0% ansehen
wie neu 8,00 6,50 Selbstabholung und Barzahlung, PayPal, offene Rechnung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) winni´s antiquariat und kleintransporte 100,0% ansehen
Mehr von