"Ich habe einen Roman von Mister Greenway gekauft",
erzählte Whitney. "Er ist übrigens nicht besonders gut. Ich
finde den Brief, den Sie mir soeben gezeigt haben, viel
besser." "Ich schätze Ihre literarische Urteilskraft,
Walter", sagte Connally, "aber den Brief verstehe ich
nicht." "Der Brief ist meines Erachtens ein Geständnis,
Sir", meinte Whitney, "er gibt ja zu, seine Frau getötet
zu haben." "Aber er schreibt doch nicht, daß er sie in
die Schlucht gestoßen hat, und das war schließlich die
Todesursache. Also, was meint er dann?"
"Was er meint, weiß ich nicht", gestand Whitney,
"auch in seinem Roman sagt er nie, was er meint. Er sagt
lediglich, was er denkt. Meinungen überläßt er dem Leser.
Vielleicht sollten Sie den Roman lesen, Sir." "Ich werde
mich hüten", erklärte Connally, "ich bin jetzt vierzig
Jahre lang mit ihm befreundet, weil ich nie ein Wort von ihm
gelesen hab. Warum sollte ich das ändern, gerade jetzt, wo er einen
Freund braucht?"
Georg Kreisler, geboren 1922 in Wien. Die Kindheit in seinem jüdischen Elternhaus war überschattet von Ausgrenzung und Antisemitismus. 1938 emigrierte er mit seinen Eltern in die USA, wo er in die Army eingezogen wurde. 1955 kehrte Georg Kreisler nach Europa zurück. 2004 erhielt er den Richard-Schönfeld-Preis für literarische Satire. Neben über 500 Liedern schrieb er Romane, Essays, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Opern. 2010 wurde ihm der Friedrich Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg für sein Lebenswerk verliehen. Georg Kreisler verstarb 2011.
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