Der Name der Welt - Johnson, Denis
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"Eine Prosa von erstaunlicher Kraft und Schönheit." - Philip Roth Mike Reed, Assistenzprofessor für Geschichte an einer Universität im amerikanischen Mittelwesten, trifft auf einer Party eine beschwipste Schönheit: Kunststudentin, rothaarig, in einem blauen Samtkleid. Er nimmt sie kaum wahr; vie Jahre zuvor hat er seine Frau und seine Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren, noch immer fühlt er sich im dunklen, ausweglosen Tunnel seiner Trauer gefangen. Einige Zeit später begegnet er der Studentin wieder: Bei einer gewagten Performance im Kunstseminar kommt er zu spät, muss unmittelbar vo…mehr

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Produktbeschreibung

"Eine Prosa von erstaunlicher Kraft und Schönheit." - Philip Roth

Mike Reed, Assistenzprofessor für Geschichte an einer Universität im amerikanischen Mittelwesten, trifft auf einer Party eine beschwipste Schönheit: Kunststudentin, rothaarig, in einem blauen Samtkleid. Er nimmt sie kaum wahr; vier Jahre zuvor hat er seine Frau und seine Tochter bei einem Verkehrsunfall verloren, noch immer fühlt er sich im dunklen, ausweglosen Tunnel seiner Trauer gefangen. Einige Zeit später begegnet er der Studentin wieder: Bei einer gewagten Performance im Kunstseminar kommt er zu spät, muss unmittelbar vor der Bühne Platz nehmen und starrt der nackten Rothaarigen, die sich dort produziert, direkt zwischen die Beine. Zutiefst verstört spürt er ihr fortan nach, sieht sie als Nackttänzerin in einer Bar und dann als stimmgewaltige Sängerin beim Gottesdienst einer ländlichen Sekte, der Frieslander. Und wie so oft bei Johnson laufen zwei unvereinbare Existenzen aufeinen Moment der Begegnung zu, der an eine Epiphanie grenzt, mit dunklen Untertönen von Verdammnis und Erlösung ...
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • Seitenzahl: 142
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 142 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 21 cm
  • Gewicht: 263g
  • ISBN-13: 9783498032302
  • ISBN-10: 3498032305
  • Best.Nr.: 22813075

Autorenporträt

Denis Johnson, geboren 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers, gilt nach einigen Romanen und einer legendären Short-Story-Sammlung als einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwart. 2007 erhielt Denis Johnson den National Book Award. Er lebt in Idaho/USA.

Rezensionen

Besprechung von 30.11.2007
Dem All ist alles wurst
Denis Johnson erzählt von einem, der tot war / Von Verena Lueken

Nie hätte Michael Reed gedacht, dass er einmal mit Dankbarkeit das Angebot einer Universität annehmen würde, dort Geschichte zu unterrichten. Seine eigene Studienzeit hatte mit dem, was er in seiner Kindheit im Fernsehen als "Dreißiger-Jahre-Kintoppversion" des Campuslebens kennengelernt hatte, nichts zu tun; es gab keine Herbstfeuer und keine Abende im Haus netter Professoren, stattdessen Leistungsanforderungen, Prüfungen, nichts Romantisches. Das alles kommt, als er fast fünfzig ist und, nach einigen Jahren in den Diensten eines reaktionären Senators in Washington, mit seiner Familie das Machtzentrum verlässt, um als Assistenzprofessor dann doch noch in eine Collegestadt zu ziehen. Dort verläuft sein Leben so ereignis- und arbeitsarm, dass er selbst den Eindruck hat, er wäre in den Ferien. Aber diese Art der Lehranstellung ist begrenzt, und es wird Zeit, dass Reed sich nach etwas anderem umschaut. Möglicherweise bietet ein Essen bei einem Kollegen, bei dem Rumpunsch serviert, ein wenig Musik gemacht und das Fehlen des Ehrengastes, eines bedeutenden israelischen Komponisten, bedauert wird, Gelegenheit zur ersten Kontaktaufnahme mit einem neuen Arbeitgeber.

Nichts im Werk von Denis Johnson ließ darauf schließen, dass er einmal einen College-Roman schreiben würde, obwohl er selbst in einer Universitätsstadt in Idaho lebt und unterrichtet. Es ist auc schon eine Weile her, dass er das getan hat; der kurze Roman "Der Name der Welt" stammt aus dem Jahr 2000, nur ist er erst jetzt übersetzt worden - und zwar vorzüglich von Thomas Überhoff, der die trockene und doch oft lyrische Prosa Johnsons schnörkelfrei ins Deutsche bringt. Und der Roman, der so beschaulich beginnt, ist nur ein paar Seiten alt, als wir, auf die Fährte gesetzt von einer beiläufigen Bemerkung, zu spüren beginnen, dass es nicht wirklich um das Universitätsleben geht in dieser Geschichte über Michael Reed, sondern um die Trauer und darum, was sie mit dem Leben macht.

Denis Johnson hat Bücher über Drogenabhängige und Häftlinge in der Todeszelle geschrieben, Erzählungen von Habenichtsen, Tagelöhnern und anderen Verlorenen, von Menschen, die ein Zeitalter nach der nuklearen Apokalypse leben, von Mördern, die er nicht erfunden hat, und solchen, die seiner Phantasie entsprangen, und immer wieder von Engeln und Auferstandenen von den Toten. Johnson wurde 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geboren, wuchs aber in Washington, D. C., auf. Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte er 1970, seinen ersten Roman 1983 ("Engel"), es folgten vier weitere Romane, einige Gedichtbände, die Erzählsammlung "Jesus' Son" - sein (auch weil es verfilmt wurde) wohl berühmtestes Buch -, eine Novelle und Reportagen aus Afrika und dem Irak, wo er gerade wieder unterwegs ist, so dass er den National Book Award, den er mit einem Roman über den Vietnam-Krieg ("Tree of Smoke", noch nicht übersetzt) vor kurzem gewann, nicht persönlich entgegennehmen konnte. Wer weiß, was da auf uns zukommt.

Ins Deutsche übersetzt wird er seit gut zehn Jahren, und zwar in nicht chronologischer Reihenfolge, was es noch schwieriger macht, sich ein stimmiges Bild von diesem außergewöhnlichen Autor zu machen, der einer der bedeutendsten seiner Generation ist. Jedes Buch ist anders. Einige verbindet, dass sie von der einen oder anderen Sucht handeln, die Johnson selbst alle kennt; und alle, auch die Reportagen aus Liberia (1990 und 1992) und Somalia (1995), die er für amerikanische Zeitschriften schrieb und die im vergangenen Jahr bei uns unter dem Titel "In der Hölle" herauskamen, überwältigen den Leser mit ihrer radikalen Literarizität. Seine Sprache ist immer die Prosa eines Dichters, überzogen mit einer Lasur apokalyptischen Schauderns, und wenn wir im "Namen der Welt" etwas entdecken können, das uns an andere Bücher Johnsons erinnert, so sind es der Blick in die schreckliche Dunkelheit, die in der Seele der Hauptfigur herrscht, und die Erlösung, die der Autor ihr dann ohne großes Aufhebens doch noch schenkt.

Sie kommt, so scheint es zunächst, in Gestalt einer jungen Rothaarigen, die allen Ernstes Flower Cannon heißt, Cello spielt, sich in einer öffentlichen Performance die Schamhaare rasiert, als Stripperin einen Wettbewerb gewinnt und in einer Zimmerkirche bei einem Gesangsabend als Teil des Chors ein Lied "in die unendliche Gleichgültigkeit des Weltalls" hinaussingt. Und dabei denkt Michael Reed einen dieser wunderbaren Johnson-Sätze, die einen immer wieder umhauen: "In unser aller Namen fühlte ich mich einsam, und auf einmal wusste ich, da war kein Gott." Da ist kein Pathos, kein Selbstmitleid, nur Gewissheit. Reed, so wissen wir nach den ersten harmlosen Seiten, hat durch einen Unfall Frau und Tochter verloren. Wenn er überhaupt über ihn nachdachte, so hasste er diesen Gott, "in dessen leeren, silberhellen Augen niemand zu unbedeutend, zu unauffällig, zu unschuldig und zu gering war, um bei der Zuteilung von Tragödien übersehen zu werden." Und dann fällt plötzlich dieser Hass von ihm ab, er wird frei für ein Leben, das er, wie es am Ende heißt, für durchaus bemerkenswert hält. Da ist aus Reed ein Journalist geworden, was einer der Witze ist, die Johnson sich mit uns erlaubt.

"Der Name der Welt" ist ein ungleichmäßiges Buch, banal streckenweise und dann wieder von überirdischer Schönheit - bei weitem nicht Johnsons bestes, aber was heißt das schon angesichts von Romanen wie "Fiskadoro" oder "Engel" oder ebender Reportagen "In der Hölle", in denen Welten aufscheinen und wieder untergehen und wir so nah an Leben und Tod herangeführt werden, dass uns die Grenzen verwischen und wir Dinge erfahren, von denen wir nicht zu träumen wagten und in denen eine Poesie herrscht, an die wir schon lange nicht mehr glauben wollten. Und von alldem spüren wir auch hier genug.

Denis Johnson: "Der Name der Welt". Roman.

Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Überhoff. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007. 144 S., geb., 14,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 09.10.2007
Schamlos ist der Engel
Als spräche Christus selber: Denis Johnsons Roman „Der Name der Welt” ist starke religiöse Speise
Der Amerikaner Denis Johnson ist ein Erzähler der Offenbarung. Die apokalyptische Gestimmtheit seiner Bücher kommt aus ihren Schauplätzen und Milieus, den kahlen amerikanischen Landschaften mit ihren Sonnenuntergängen, dem nächtlichen Feuer der Fabriken, den winterlichen Beleuchtungen der Städte, aus schummrigen Lokalen, dem Müll einer Zivilisation am Rand der Natur; vor allem aber entsteht das Klima von Apokalypse aus dem Inneren der Figuren, den Verlorenen, Kranken, Süchtigen, Wahnsinnigen, Trauernden und Verzweifelnden die seine Bücher bevölkern.
Die kranke Atmosphäre bei Johnson durchdringt oft den ganzen Leib, und selbst das unbedeutende Abenteuer des Autorasens findet bei ihm seine psychosomatische Metapher: Der „Schrecken des Schnellfahrens”, so heißt es in Johnsons neuem Roman „Der Name der Welt”, machte dem Ich-Erzähler „die Nebenhöhlen frei” und ließ ihm „auf der Zunge Pennys schmecken”. Nun hat Michael Reed, diese Ich-Figur, vier Jahre bevor der Roman einsetzt, seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall verloren. Er glaubt, darüber allmählich hinwegzukommen, und darum beginnt das kleine, dichte Buch mit dem Grau einer mittelständischen Campus-Novelle – ganz untypisch für Johnson, so scheint es. Reed ist Geschichtsdozent an einem glanzlosen College im Mittleren Westen, er war zuvor Mitarbeiter eines Senators, und nun ödet ih sein Beruf an. Er ist Gast freundlicher Dinnerpartys von Kollegen und sucht zuweilen die Kunsthalle der Universität auf, um sich in ein einziges Bild zu vertiefen: ein geometrisch exakt gezeichnetes Quadrat, um das herum konzentrisch, aber zunehmend aus der geradlinigen Regel fallend, mit der Hand gezeichnete weitere Quadrate wuchern, bis an den Rändern nur noch unregelmäßige Figuren wie Baumringe wuchern.
Das Zentrum seines Unglücks und immer freiere Bahnen darumherum – so deutet der gebildete Reed mit zaghafter Zuversicht dieses Bild. Ähnlich betrachtet er die Studenten, die im Winter auf einem gefrorenen Teich mit Schlittschuhen um einen kleinen Felsenmonolithen kreisen; sie wiederholen sein liebstes Kunstwerk und zeichnen, so glaubt er, die Form seines trauernden Lebens. Dass so matte, so gut deutbare Zeichen nicht die Wahrheit sprechen können, das zu spüren muss man nicht einmal erfahrener Johnson-Leser sein.
Der Abstieg in die Unterwelt einer nie bewältigten Trauer, in die heißkalte Hölle der Gottverlassenheit – der Moment, auf den alle Bücher von Denis Johnson führen – setzt hier ein mit einer schönen Frau. Seit Michael Reed seine Ehefrau und seine Tochter verloren hat, ist ihm auch die Lust an der Sexualität vergangen: das Fleisch ist das Sterbliche, also der Tod; jedes schöne Mädchen ist auch eine Tochter. Ein völlig unprüder Horror vor dem Sex hat Reed erfasst, das christliche Motiv der Fäulnis. Die Frau, die das wieder ändert, eine Kunststudentin mit dem seltsamen Namen Flower Cannon, begegnet ihm auf Einladungen und bei einer Performance, bei der sie nichts anderes tut, als sich mit großer Ruhe öffentlich die Scham zu rasieren. Außerdem arbeitet Flower als Stripperin.
Sie wird dem College-Dozenten, dessen Vertrag ausläuft und dessen Zukunft unsicher ist, zum Engel der Erleuchtung. Diese nun hat nichts Positives oder gar Doktrinäres. Flower bringt ihn durch Erzählung eigenen, rätselhaften Unglücks dazu, dass Reed sein Unglück zum ersten Mal voll ermisst, weint, um sich schlägt, mit dem Auto rast, neuen Sex versucht, also all das tut, was zum Leben gehört. Der graue, mittelständische Beginn des Romans war ein Zustand des Zombietums eines seelisch Gelähmten, jene Hölle, die wir Alltag nennen. Es ist die Welt der meisten amerikanischen Romane, die wir so gern lesen.
Die Offenbarung, die Johnson dagegensetzt, ist stärkere Speise. Dem Mädchen Flower folgend, gelangt Michael Reed in die Versammlung einer der vielen amerikanischen Freikirchen. Dort passiert nichts, als dass säuberlich angezogene Menschen, getrennt nach Geschlechtern gesetzt, in einer Halle im Chor singen. Flower kommt hierher nicht der Glaubenslehre wegen, sondern um diese reine Musik zu hören und um sich mit einem Jungen zu unterhalten, der taubstumm ist. Hier beginnt ein Spiel der Paradoxe, das religiöse Kunst immer kannte, das so aber wohl nur im erhitzten, von kirchlichen Institutionen nicht eingehegten Glaubensleben Amerikas plausibel wirkt.
Reeds erlösende Erfahrung bei dem geistlichen Gesang lautet: „Ich fragte mich, wie sich das Ganze wohl draußen auf den einsamen grünen Feldern unter dem wolkenlosen blauen Himmel anhören würde, wie herzergreifend schwach selbst ein solcher Chor in die unendliche Gleichgültigkeit des Weltalls hinaufklänge. In unser aller Namen fühlte ich mich einsam, und auf einmal wusste ich, da war kein Gott.” Denis Johnson arbeitet manchmal mit etwas zuviel Symbolik, Rätselwesen und allegorischen Figuren. Aber dann schreibt er einen solchen Satz hin, als spräche Christus selber: „In unser aller Namen fühlte ich mich einsam.”GUSTAV SEIBT
Denis Johnson
Der Name der Welt
Roman. Aus dem Englischen von Thomas Überhoff. Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. 143 Seiten, 14,90 Euro.
Alle Bücher von Denis Johnson führen in die Unterwelt einer nie bewältigten Trauer
Denis Johnson Foto: Cindy Lee Johnson/Rowohlt
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"Eine Prosa von erstaunlicher Kraft und Schönheit." - Philip Roth

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Über weite Strecken hat Rezensent Frank Schäfer sein Vergnügen an diesem Roman gehabt, obwohl eigentlich sehr wenig passiere. Denis Johnson erzählt darin, so erfahren wir, von einem Mann, der nach dem Verlust seiner Familie nur langsam ins Leben zurückfindet. Einen guten Teil der Zeit kreist er um sich selbst und reflektiert - als Uni-Dozent und Historiker ist der Protagonist Michael Reed natürlich interpretationsgeschult - sein Leben, dessen Ereignisarmut er in seiner Umgebung immer wieder gespiegelt sieht. Das tut er in Schäfers Augen zwar mit "einigem Scharfsinn" und "interpretatorischer Verve". Dennoch stört den Rezensenten auf die Dauer die "zweite Lektüreebene" dieses "poetologischen Romans". Denn so sehr sich der Rezensent zunächst von "Reeds Einfallsreichtum" unterhalten fühlt, so sehr scheint er zum Ende des Romans hin davon ermüdet, dass Johnson die für ihn typische "Rollenprosa" in diesem Fall so gestaltet, dass die Interpretation jeder Handlung immer gleich mitgeliefert wird: "Man wäre manchmal einfach gern selber drauf gekommen."

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