Der Kommissar und das Schweigen / Van-Veeteren-Krimi Bd.5 - Nesser, Hakan

Hakan Nesser 

Der Kommissar und das Schweigen / Van-Veeteren-Krimi Bd.5

Roman

Aus d. Schwed. v. Christel Hildebrandt
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Der Kommissar und das Schweigen / Van-Veeteren-Krimi Bd.5

Dass er spannende Geschichten erzählen kann, deren Auflösung auch Kenner des Genres unerwartet trifft, hat btb-Bestsellerautor Hakan Nesser bereits mehrfach und mit großem Erfolg bewiesen. Seine Fangemeinde in Deutschland ist inzwischen riesig. Mit seinem eigenwilligen Ermittler Van Veeteren hat er einen Helden geschaffen, der das Zeug zum Klassiker hat - ein Mann mittleren Alters mit Magenbeschwerden, der klassische Musik liebt und seine Fälle mit einer Mischung aus schwarzem Humor und Intuition löst. Diesmal steht Van Veeteren vor einer besonders schwierigen Aufgabe. Aus einem Ferienlager sind zwei kleine Mädchen verschwunden. Kurz darauf werden sie ermordet aufgefunden. Steckt ein obskurer Sektenführer hinter den Taten? Oder hat man es mit einem unbekannten Psychopathen zu tun? Vor allem aber: Kann Van Veeteren ihn stoppen, bevor er erneut zuschlägt?


Produktinformation

  • Verlag: BTB BEI GOLDMANN
  • 2003
  • Ausstattung/Bilder: 2003. 317 S.
  • Seitenzahl: 320
  • btb Bd.72599
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 118mm x 24mm
  • Gewicht: 309g
  • ISBN-13: 9783442725991
  • ISBN-10: 3442725992
  • Best.Nr.: 11303422
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Wenn ich mal wieder Worte wie Schisma oder Gymnopédies lesen möchte, dann ist es Zeit für einen neuen VV-Krimi. In der ansonsten eher kargen Sprachlandschaft Nessers sind solche Begriffe die Orientierungspunkte, in einer Welt, die ansonsten reichlich aus den Fugen geraten ist. Van Veeteren wird dieses mal in die Provinz abberufen, nach Sorbinowo (gibt's - im Gegensatz zu Maardam - tatsächlich, irgendwo in Polen!), wo die Ereignisse nicht so ganz der üblichen Chronologie zu folgen scheinen. Eine anonyme Anruferin berichtete von einem ermordeten Mädchen. Verschwunden ist aber aus dem Ferienlager der ominösen Glaubensgemeinschaft "Reines Leben" keines. Und als später dann nicht eine, sondern gleich zwei Mädchenleichen entdeckt werden, wird die Partie für Schach-Fan Van Veeteren zum Blinde-Kuh-Spiel. Wenig hilfreich ist dabei, dass die Schwestern im Ferienlager überraschenderweise ein plötzliches Schweigegelübde abgelegt haben. Die fein gesetzte Ironie, die Kargheit der Sprache und das leise Grauen, das durch die Hintertür kommt - das sind die wesentlichen Elemente, die Nesser zu einem der besten schwedischen Krimi-Autoren machen. Diese bewährte Rezeptur funktioniert auch in seinem siebten Krimi - und macht die Lust an der Melancholie zum Hochgenuss. (bl)

"Ein großartiges Buch, ein verzweifeltes Buch. Nie war Nesser besser!" (Die Welt)<br/><br/>"Wie Hakan Nesser den widerwilligen Van Veeteren auf die Spur des Mörders setzt, ihn zwingt, den Fall zu lösen, das ist erstklassige Krimilektüre." (Hörzu)<br/><br/>

"Wie Håkan Nesser den widerwilligen Van Veeteren auf die Spur des Mörders setzt, ihn zwingt, den Fall zu lösen, das ist erstklassige Krimilektüre."
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Krimiautoren Schwedens. Für seine Kriminalromane um Kommissar Van Veeteren erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in mehrere Sprachen übersetzt und wurden erfolgreich verfilmt. Daneben schreibt er Psychothriller, die in ihrer Intensität und atmosphärischen Dichte an die besten Bücher von Georges Simenon und Patricia Highsmith erinnern. "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" oder "Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla" gelten inzwischen als Klassiker in Schweden, werden als Schullektüre eingesetzt, und haben seinen Ruf als großartiger Stilist nachhaltig begründet. Håkan Nesser lebt mit seiner Frau derzeit in London und auf Gotland.

Leseprobe zu "Der Kommissar und das Schweigen /..."

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Leseprobe zu "Der Kommissar und das Schweigen /..."

I

15. Juli

1

Das Mädchen in Bett Nummer zwölf wachte früh auf. Ein Sommermorgen. Durch die dünnen Gardinen drang sanftes Dämmerlicht in den Schlafsaal. Es begann behutsam die Nacht auszuwischen, das Dunkel aus den Ecken zu tragen, schnupperte an den ahnungslosen Träumen der anderen Mädchen. An ihren ruhigen Atemzügen. Das Mädchen blieb eine Weile liegen und lauschte ihnen. Vorsichtig versuchte sie Nuancen auszumachen. Kathrine schlief wie üblich auf dem Rücken und schnarchte leise mit offenem Mund. Belle zischte wie eine Schlange. Marieke zu ihrer Rechten schnaubte, ein Arm baumelte über den Bettrand und das dichte rote Haar lag wie ein Fächer auf dem Kopfkissen ausgebreitet. Ein Tröpfchen Speichel hing in ihrem Mundwinkel. Kurz spielte das Mädchen mit dem Gedanken, ihn mit dem Zipfel ihres Lakens abzuwischen, ließ es dann aber bleiben.

Sie hätte es Marieke erzählen sollen. Zumindest Marieke. Hätte etwas sagen sollen, eine Nachricht hinterlassen oder was auch immer. Aber jetzt war es zu spät dafür, und schließlich hatte sie gestern Abend noch nicht wirklich gewusst, was sie tun sollte. Hatte lange hin und her überlegt. Das war kein einfacher Beschluss. Sie war dagelegen und hatte ihn fast ausgebrütet, hatte sich in dem knarrenden Eisenrohrbett hin und her gewälzt bis tief in die Nacht hinein, bis Marieke und auch Ruth gefragt hatten, ob sie vielleicht krank wäre, und Belle sie mehrere Male gebeten hatte, diesen Lärm doch zu lassen.

Belle war ziemlich reizbar, aber sie hatte einen Vater, der Jellinek irgendwie nahe stand, und deshalb musste man sich gut mit ihr stellen. Das wurde jedenfalls behauptet. Es wurde so viel hier in Waldingen behauptet.

Sie hatte also im Bett gelegen und mit sich gerungen. Sie wusste nicht, wie spät es gewesen war, als sie endlich eingenickt war, und nicht, wie spät es jetzt war, aber besonders viele Stunden Schlaf konnte sie nicht abbekommen haben, das war zu spüren. Wie auch immer, am besten, sie stand jetzt auf. Sie hatte sich zwar immer auf ihren inneren Wecker verlassen können, aber es gab keinen Grund zu glauben, dass er sie auch weiter wach halten würde. Absolut keinen.

Vorsichtig schob sie die schwere Decke zur Seite und setzte sich auf. Holte Jeans, T-Shirt und Turnschuhe aus dem Schrank und zog sich hastig an. Spürte, wie sich in ihrem Zwerchfell Unruhe breit machte, verdrängte sie aber mit Hilfe ihrer Wut.

Mit ihrer Wut und ihrem Gerechtigkeitsgefühl.

In unterdrückter Hektik schnappte sie sich die restlichen Kleidungsstücke. Es war nicht einfach, alles auf einmal an sich zu raffen, aber sie schaffte es. Schnürte den Rucksack zu und schlich sich hinaus. Die Tür knarrte wie immer, als sie sie aufschob, und einige Treppenstufen gaben einen unglücklichen Jammerton von sich, als sie auf sie trat, doch in weniger als einer halben Minute war sie draußen.

Sie lief eilig über das taufeuchte Gras zum Waldrand und blieb erst stehen, als sie den kleinen Hügel hinter sich gelassen und die erste Talmulde erreicht hatte. Als sie außer Sichtweite des Hauses war. Außer Reichweite.

Eine Weile blieb sie zögernd im Blaubeergestrüpp stehen, zitternd in der noch anhaltenden Nachtkühle, während sie über Himmelsrichtungen nachdachte. Sie spürte, wie sie buchstäblich mit den Zähnen klapperte. Wenn sie geradeaus weiter durch den Wald ginge, müsste sie früher oder später zur großen Straße kommen, das wusste sie. Aber es war ein ganz schönes Stück bis dorthin. Auch wenn es ihr gelingen würde, sich ziemlich gerade zu halten, würde es mindestens eine halbe Stunde dauern, und es war natürlich nicht gesagt, dass sie nicht vielleicht aus Versehen im Kreis gehen würde. Das war ganz und gar nicht sicher. Ihr ganzes Leben lang hatte sie in der Stadt gewohnt, Wälder und Natur waren nicht gerade ein vertrautes Milieu.

Fremdes Revier, wie man so sagte.

Im normalen Fall hätte sie natürlich ein Gebet sprechen können. Zu Gott beten, dass er ihr beistehe und ihr ein Stück auf dem Weg helfe, aber das fand sie an diesem Morgen nicht passend.

Nicht passend und in gewisser Weise auch nicht ehrlich.

Gott hatte in letzter Zeit sein Gesicht gewechselt. Ja, das traf es ungefähr. Er war groß geworden, riesig und unergründlich und- auch wenn ihr dieser Gedanke nicht gefiel - ein klein wenig erschreckend. Über den sanften, bärtigen, Sicherheit ausstrahlenden Onkel ihrer Kindheit hatte sich ein Schatten gelegt.

Etwas Finsternes.

Und wenn sie es genau bedachte, dann begriff sie, dass gerade dieses Finsterne der Grund dafür war, warum sie jetzt hier zögernd im Blaubeergestrüpp stand.

Zögernd und mit Angst und Wut kämpfend. Und mit ihrem Gerechtigkeitssinn, wie gesagt.

Genau deshalb.

Rechts fiel das Gelände ab. Zum See und dem geschlängelten Kiesweg zu Finghers Hof hin, wohin sie abends immer grüppchenweise gingen, um Milch zu holen. Kartoffeln, Gemüse und Eier.

Immer zu viert mit den beiden klapprigen Leiterwagen und Jellinek an der Spitze. Niemand hatte richtig verstanden, warum Jellinek immer dabei sein musste. Die Schwestern hätten doch genügt? Aber vielleicht wollte er sie nur vor Gefahren bewahren. Wahrscheinlich war es so. Finghers Hof war der einzige Kontakt, den sie mit der Anderen Welt hatten, wie Jellinek sie in seinen Reden, die er vormittags und am Abend hielt, zu bezeichnen pflegte.

Die Andere Welt?

Jetzt stehe ich in der Anderen Welt, dachte sie. Ich bin nicht mal zweihundert Meter in sie hineingelaufen, und schon weiß ich nicht mehr, in welche Richtung ich gehen soll. Vielleicht stimmte ja doch, was er gesagt hatte? Vielleicht war tatsächlich Jellineks Gott der richtige Gott und nicht ihr eigener, ihr guter, verzeihender und fast ein bisschen kindischer Freudengott?

"Teufel auch!", murmelte sie und erschauerte wieder, diesmal aber vor allem wegen des Fluchs. Was um alles in der Welt nützte ein Gott, wenn er nicht gütig war?

Aber was wollte sie eigentlich tun, wenn sie es schaffen würde, zur großen Straße zu kommen? Ja, auf diese Frage hatte weder sie noch einer der Götter eine Antwort.

Das würde sich schon zeigen, wie ihre Großmutter immer zu sagen pflegte. Kommt Zeit, kommt Rat. Sie warf einen letzten Blick über den Hügel, auf die Gebäude dahinter, nur der alleroberste Teil des spitzen Dachs des Esssaals lugte noch zwischen den Bäumen hervor.

Und dann natürlich das große schwarze Kreuz, das anzunageln sie am ersten Tag mitgeholfen hatten. Sie holte tief Luft, kehrte allem den Rücken zu und machte sich auf den Weg hinunter zum See. Es war immer noch am sichersten, den vertrauten Kiesweg einzuschlagen.

Sie erreichte ihn genau bei der Riesenbirke, in die Marieke und sie geplant hatten, vor ihrer Abreise ihre Namen einzuritzen.

Vorausgesetzt, sie schafften es, sich nach draußen zu schleichen. Wenn sie sich zwanzig Minuten Zeit von dem Reinen Leben stehlen konnten, es ihnen gelang, ungesehen hinauszuhuschen und zurückzukommen. Eigentlich hatten sie sich keine große Hoffnungen in diese Richtung gemacht - es war eher etwas, was man so sagte - aber jetzt stand sie doch hier und strich mit den Händen über die weiße, glatte Rinde.

Das Reine Leben? dachte sie. Die Herde des Guten Lichts?

Die Andere Welt?

Scheißgerede.

Das Wort rutschte ihr ebenso schnell heraus wie gestern.

Scheißgerede. Da hatte sie es nicht unterdrücken können, wie eine böse, ungezogene kleine Sommerschwalbe war es ihr herausgeflogen, und plötzlich war es zu einer Wolke angeschwollen.

Ja, genau so war es gewesen. Eine dunkle, bedrohliche Wolke, die sich über alle Anwesenden im Saal des Lebens hängte. Die die Mädchen dazu brachte, die Luft anzuhalten, und Jellinek, seine bleichen Augen für Sekunden, die ihr wie Tage erschienen, auf sie zu richten.

"Ich möchte hinterher mit dir reden", hatte er schließlich gesagt, und dann hatte sein Blick sie verlassen, und er hatte in seinem üblichen ruhigen Tonfall weitergesprochen. Über die Reinheit und das Weiße und die Nacktheit und all das andere.

Hinterher im Weißen Raum.

Aber auch dort hatte er nicht viele Worte an sie verschwendet. Nur die Tatsache festgestellt.

"Der Teufel, mein Mädchen. Du hast den Teufel in dir. Morgen werden wir ihn austreiben."

Dann hatte er sie mit einer müden Handbewegung ins Bett geschickt.

Sie hatte davon gehört, dass man Teufel austrieb, aber sie wusste nicht, wie es vonstatten ging. Sie hatte geglaubt, das wäre etwas, womit sich nur die Erwachsenen beschäftigten, aber so war es wohl nicht. Jeder konnte vom Teufel besessen sein, sogar ein Kind, das hatte sie gestern Abend gelernt.

Und jetzt sollte er ausgetrieben werden. Sicher nicht gerade ein angenehmes Erlebnis. Sicher um einiges schlimmer als die Auspeitschung der Sünden, und obwohl sie nun seit mehr als zwei Wochen hier war, war es ihr immer noch nicht gelungen, sich an die Rute zu gewöhnen. Jedes Mal musste sie hinterher heimlich ein wenig weinen, und sie hatte nie bemerkt, dass eines der anderen Mädchen in ähnlicher Weise reagierte.

Plötzlich war das Weinen wieder in ihr. Ohne Vorwarnung brannte es in ihrem Hals, und dann liefen ihr die Tränen über die Wangen, sodass sie gezwungen war, sich an den Wegrand zu setzen. Sie wollte nur eine Weile dort sitzen bleiben, um die Tränen laufen zu lassen, wollte warten, bis alles vorbei war. Es war doch lächerlich, mitten auf dem Weg dahinzuspazieren und dabei zu heulen. Auch wenn es bestimmt nicht später als sechs oder halb sieben war und obwohl sie kaum Gefahr lief, einem Menschen zu begegnen - so war es doch peinlich.

Sie zog ein Taschentuch aus ihrem Rucksack und putzte sich die Nase. Blieb dann sicherheitshalber noch einige Minuten sitzen - und gerade als sie aufstehen wollte, um weiterzugehen, hörte sie einen Zweig in der Nähe knacken. Und mit einer schnell anwachsenden Gewissheit wurde ihr klar, dass sie ganz und gar nicht so allein war, wie sie geglaubt hatte.

II

17.-18. Juli

2

"Und wer hat das behauptet?", fragte Jung und öffnete eine Coca-Cola-Dose. "Dass er aufhören will, meine ich?"

Ewa Moreno zuckte mit den Schultern.

"Keine Ahnung, woher das Gerücht kommt", sagte sie. "Aber Rooth und Krause haben gestern in der Kantine darüber geredet . . . wundern würd's mich aber nicht."

"Was?", fragte Jung. "Was würde dich nicht wundern?" Er nahm ein paar kräftige Schlucke und versuchte anschließend nicht zu rülpsen.

"Dass er die Nase voll hat, natürlich. Er ist jetzt mindestens fünfunddreißig Jahre dabei. Und wie lange willst du noch weitermachen?"

Jung überlegte, während er diskret eine Wolke Kohlensäure durch die Nase ausstieß.

"Manchmal wird man ja auch schon vorzeitig abgeschossen", sagte er. "Wenn man Glück hat, meine ich. Nein, ich versuche mich fit zu halten, indem ich gar nicht darüber nachdenke. Willst du?"

Er reichte ihr die Dose, und Moreno trank sie bis zum Boden leer.

"Verdammte Hitze", sagte sie. "Ich glaube, ich habe seit heute Morgen drei Liter getrunken. Aber übrigens, du kannst doch Münster fragen. Wenn jemand es weiß, dann er."

Jung nickte.

"Wie alt ist er?"

"Wer? Münster?"

"Nein, der Hauptkommissar natürlich. Er ist doch noch nicht sechzig, oder?"

"Keine Ahnung", sagte Ewa Moreno. "Wie lange müssen wir hier eigentlich noch herumhängen? Es passiert ja doch nichts. Außer dass das Gehirn anfängt zu kochen."

Jung schaute auf seine Uhr.

"Noch eine Stunde laut Befehl."

"Fahr noch eine Runde", sagte Moreno. "Dann kommt wenigstens noch etwas Zug in die Geschichte. Es ist ja wohl nicht Sinn der Sache, dass wir hier sitzen und uns einen Sonnenstich holen. Oder was meint der Inspektor?"

"Man muss bereit sein, auf seinem Posten zu sterben", erwiderte Jung und startete das Auto. "Das steht im Reglement. Jedenfalls fände ich es verdammt schade, wenn er abspringen würde . . . Es ist zwar manchmal nicht ganz einfach, aber trotzdem. Wohin soll's denn gehen?"

"Zum Kiosk, um noch mehr Cola zu kaufen", sagte Moreno.

"Euer Wille ist mir Befehl", erklärte Jung. "Aber ich glaube, ich nehme diesmal was ohne Kohlensäure. Verdammt, guck dir das an! Obwohl, es hängt schließlich in der Sonne ..."

Er deutete auf das gigantische Thermometer am Giebel der Schwimmhalle.

"Siebenunddreißig Grad", stellte Moreno fest.

"Genau! So warm wie das Blut, nicht mehr und nicht weniger."

"Ich habe Durst", sagte Moreno.

Kommissar Van Veeteren kroch ins Auto und schloss die Augen.

"Diese Frau!", knurrte er. "Und dieser Frau habe ich mein Leben geschenkt."

Er stöhnte. Das Auto hatte über eine Stunde in der knallenden Hitze auf dem Marktplatz gestanden. Als er jetzt die Hände aufs Lenkrad legte, hatte er kurz den Geruch verbrannten Fleischs in der Nase. Zum Teufel, dachte er. Diesen Weg müssen wir alle mal gehen.

Der Schweiß lief ihm den Körper hinunter. Übers Gesicht, den Nacken und unter den Achseln. Er kurbelte die Scheiben herunter und wischte sich sorgfältig die Stirn mit einem zweifelhaften Taschentuch ab.

Betrachtete anschließend das nasse Tuch. Bestimmt waren auch ein paar Tropfen kalter Schweiß darunter.

Fünfundzwanzig Jahre meines Lebens! korrigierte er sich und startete den Wagen. Bog aus der Parkbucht. Ein Vierteljahrhundert!

Und jetzt hatte sie versucht, ihm noch einmal zwei Wochen zu stehlen. Er ging erneut ihr Gespräch durch.

Die Hütte draußen bei Maalvoort. Ja, vielen Dank . . . Viel Platz. Vier Zimmer und Küche. Dünen, Strand und Meer ... Renate und er. Jess und die Zwillinge ...

Er wunderte sich darüber, wie sorgfältig sie die Sache geplant hatte. Das Gespräch hatte schon eine ganze Weile gedauert, getrieben von den günstigen Winden seines guten Willens, wie es schien, und dann waren plötzlich die Fragen und dieser Vorschlag vollkommen überraschend auf ihn niedergeprasselt . . . Er hätte es besser wissen müssen. Verdammt, wurde er denn nie schlauer?

Hatte er nicht im August Urlaub? Da würde doch Jess endlich für ein paar Wochen nach Hause kommen. Wie wäre das schön, die Enkelkinder mit Großvater und Großmutter gemeinsam . . . (der Teufel und seine Großmutter! war ihm da eingefallen, und er musste mitten in seiner Überraschung lachen) . . . Das Haus war so ziemlich das Letzte gewesen, sie hatte sich erst spät darum gekümmert, und die meisten waren schon belegt gewesen. Wenn er seine Ruhe haben wollte, würde ihn nichts daran hindern, es gab genügend Platz für Privatsphäre, wie gesagt. Sowohl drinnen als auch draußen ...

Eine gewisse Planung lag mit Sicherheit dahinter. Das war eine klassische Überrumpelung, dachte er. Eine typische, elegante Überrumpelung seitens seiner ehemaligen Ehefrau, die in alten, trüben Wassern fischte. Verdammte Scheiße.

Er stellte die Stereoanlage an und gleich wieder aus.

Jess und die Kinder...

"Wie schade", hatte er geantwortet.

Und Erich hatte auch versprochen zu kommen, zumindest für ein paar Tage.

"Wie schade, meine Liebe. Das ist dir zu spät eingefallen. Ich habe schon gebucht."

"Gebucht?" Ihre Augenbrauen waren in ehrlichem Zweifel in die Höhe geschossen. "Du hast gebucht?"

"Kreta!", stieß er auf gut Glück aus. "Zwei Wochen vom Ersten an."

Sie glaubte ihm nicht. Das sah er sofort, die eine Augenbraue sank zurück in die Ausgangsposition, während die andere wie ein stummer, geknickter Verweis in der Stirn haften blieb.

"Kreta", wiederholte er vollkommen unnötigerweise. "Rethymnon, aber ich wollte auch rüber auf die Südseite . . . und, tja ..."

"Fährst du allein?"

"Allein? Verdammt, natürlich fahre ich allein. Was denkst du denn?"

Er krachte mit dem linken Vorderrad gegen den Rand einer Verkehrsinsel und fluchte laut und herzhaft.

Ein Vierteljahrhundert also! Fünf Jahre in Freiheit, und immer noch war sie da und konnte aus dem Hinterhalt ihre Pfeile abschießen. Worauf war sie eigentlich aus? Er erschauerte mitten in der Sommerhitze. Wischte sich mit dem Taschentuch über den Nacken. Bog auf den Rejmer Plejn ab und fand einen freien Parkplatz unter einer der Ulmen.

Kreta? dachte er und stieg aus. Warum eigentlich nicht? Ja, genau. "Warum eigentlich nicht"! Wenn man die Unschuld mit einem neuen Hymen wiederherstellen konnte, dann dürfte es doch wohl eine einfache Sache sein, aus einer Notlüge eine rückwirkend fungierende Wahrheit zu machen.

Ich drücke mich heute ja elegant aus, dachte er bei sich. Beim Teufel und seiner Großmutter! Eine rückwirkend fungierende Wahrheit! . . . Ich sollte noch heute mit meinen Memoiren beginnen.

Er überquerte den Marktplatz. Schob sich einen Zahnstocher in den Mund und betrat das Reisebüro an der Ecke.

Die Frau, die vorne am Schalter saß, hatte ihm den Rücken zugekehrt, und es dauerte eine Weile, bis ihm klar wurde, wer sie war. Ihr kastanienbraunes Haar war seit dem letzten Mal noch ein bisschen kastanienbrauner geworden, und ihre Stimme hatte eine deutlich hellere Tonlage angenommen.

Dem Teufel sei Dank.

Ulrike Fremdli. Als er sie das letzte - und einzige - Mal getroffen hatte, war gerade ihr Ehemann ermordet worden. Van Veeteren rechnete kurz nach und kam zu dem Schluss, dass es im Februar gewesen sein musste. Im vergangenen Februar - diesem feuchtkalten, gottverlassenen Monat, der gelobten Zeit der Hoffnungslosigkeit, wie Mahler es zu nennen pflegte. Sie hatten in einem einfachen, aber gemütlichen Wohnzimmer in einem ganz normalen, gemütlichen Reihenhaus draußen in Loewingen gesessen. Er und Ulrike Fremdli, die frisch gebackene Witwe. Er hatte ihr die üblichen, klinisch trostlosen Fragen vorgelegt, und er war von ihrer Art beeindruckt gewesen, mit ihnen umzugehen.

Mit den Fragen und mit ihrer eigenen, schockartigen Trauer. Als er sie verließ, war ihm klar gewesen, dass er einer Frau begegnet war, in die er sich hätte verlieben können. Vor dreißig Jahren. Zu der Zeit, als er sich noch verliebte. Er hatte auch später immer wieder einmal daran gedacht. Doch, das wäre schon möglich gewesen.

Wenn er sein Leben nicht einer anderen geschenkt hätte, natürlich.

Und jetzt saß sie hier und buchte eine Reise. Ulrike Fremdli. Knapp über die Fünfzig, soweit er es beurteilen konnte. Mit frischer Kastanienfarbe im Haar.

Es gab da so gewisse Muster ...

Er zog eine Wartenummer und setzte sich auf den dünnen Stahlrohrsessel hinter ihr, ohne sich zu erkennen zu geben. Es gab natürlich keinen Grund dafür, dass sie sich noch ebenso intensiv an ihn erinnerte wie er an sie. Oder sich überhaupt an ihn erinnern würde. Er wartete. Blätterte in einem der Kataloge, die vor ihm auf dem Glastisch lagen. Schob den Zahnstocher hinüber in den rechten Mundwinkel und versuchte so auszusehen, als würde er nicht lauschen.

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