Ein absonderliches Paar, das eigentlich nicht zusammen passt: der
Lyriker Gottfried Benn und der Bremer Kaufmann und Kunstmäzen
Friedrich Wilhelm Oelze, seit Ende 1932 ständiger Briefpartner des
Dichters - eine Beziehung, die in der Literaturgeschichte des 20.
Jahrhunderts ihresgleichen sucht. Ihre Freundschaft lebt von
Anziehung und Abstoßung, von Nähe und Distanz, vom Spiel mit Masken
und Verstellungen, vom Austausch und Wettstreit mit Goethezitaten,
vom Geben und Nehmen. Beide Männer wollen gerettet werden - und sie
retten sich. Ein Märchen beinahe, das in ihrem Fall wahr
wird.
Der Roman erzählt die Geschichte von Kunst und Kommerz, die sich
nicht lieben, aber doch voneinander nicht lassen mögen. Der Leser
wird in "gemischte Charaktere" geführt - lebensprall in
ihrer Individualität und in eine sprachliche Gestalt gefasst, die
weit über die Aufzeichnung von bloßen Psychogrammen hinausgeht und
einer literarischen Tradition verpflichtet ist, wie man sie heute
nur selten findet.
"Das ist ein großer Roman. Er steht zudem in der literarischen
Tradition, müsste in der Literaturszene ein Erfolg werden und hätte
meiner Ansicht nach jeden Preis verdient" - so das Urteil
eines befreundeten Lektors und Gutachters in literarischen
Wettbewerben, der weder der Autorin noch dem Verleger nach dem Mund
redet. Es geht um die Beziehung zwischen dem Dichter Gottfried Benn
(1876-1956) und dem Bremer Kaufmann Friedrich Wilhelm Oelze
(1891-1978). Ihr Briefwechsel stellt nicht nur in der
Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts etwas Besonderes dar, er
ist auch ein überaus anregendes Beispiel für das komplizierte
Verhältnis von Kunst und Kommerz. Kreatives und Kaufmännisches
bestimmen den Diskurs, Quellenstudium wie Intuition verbinden sich:
Es ist eine Kombination aus Wahrheit und Fiktion, eine Hommage an
Bremen zudem und an sein historisch gewachsenes Mäzenatentum.
Gottfried Benn (1886-1956) zählt mit zu den bedeutendsten deutschen
Lyrikern und expressionistischen Dichtern
des 20. Jahrhunderts. 1951 erhielt er als erster den neu
geschaffenen "Georg-Büchner-Preis". Das Interesse an der
Dichterfigur ist nach wie vor groß, während Oelze bislang nur in
einer Studie von Hans Dieter Schäfer ("Herr Oelze aus
Bremen", 2001) zum Thema gemacht worden ist. Aber auch hier
bleibt der Kaufmann blass und hinter dem Dichter zurück, obwohl
Benn der Freundschaft mit dem Bremer zu weiten Teilen sein
künstlerisches Überleben im Dritten Reich und den Erfolg in den
fünfziger Jahren verdankt. Marlis Thiel richtet ihren Blick bewusst
auf die Gestalt im Hintergrund. Sie gibt dem weltgewandten und weit
gereisten Oelze in ihrem Roman eine Ge- schichte: ein Leben in
Bremen, eine Karriere als Geschäftsmann und Bedeutung als Bürger,
Ehemann, Familienvater, als öffentliche wie private Person seiner
Stadt. Mit Berlin und Bremen stellt sie zugleich zwei konträre
Lebensarten und Milieus gegenüber, die sich wechselseitig spiegeln.
Stilistisch beeindruckend und gekonnt ist es, wie ein auktorialer
Erzähler berichtet, darstellt und zur Form des inneren Monologes
übergeht, so dass der Leser meint, den beiden Männern über ihre
Schultern zu sehen, wobei sich private Situationen und privates
Umfeld mit öffentlichen, oft politischen Themen vermischen.
Kaleidoskopartige Spiegelungen, Kongruenzen, Divergenzen bestimmen
die Szenerie, veranschaulichen die erste, von zwei Weltkriegen
geschüttelte Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Das Interesse an
der Entstehung von Kunst berücksichtigt beide Seiten, den
"Produzenten" wie den, der gleichermaßen am Prozess
beteiligt ist: den guten Geist, psychologischen Betreuer und
Berater des Künstlers, die Person im Hintergrund, den Kenner der
Gesetze des Marktes. Ein Mann, der sowohl mit Kaffee und Rum als
auch mit Bildern und Antiquitäten handelt, sich als Kunstsammler
versteht, ein Geschäftemacher, Musikliebhaber und Goethekenner, der
gleichermaßen am Kunstprozess beteiligt ist, der die Kunst oft erst
möglich macht, der sich Ende 1932 in seinem ersten Brief als
glühender Verehrer des Dichters zu erkennen gibt. Für Benn war
Oelze von hilfreicher, stabilisierender und erheblicher Bedeutung.
Ein Kunstmäzen, der dem Dichter aus Berlin trotz mancher
Widrigkeiten die Treue hielt. Was aber hätte Benn ohne den Bremer
Kaufmann erreicht? Eine schwierige Frage. Der Roman gibt darauf
nicht nur eine Antwort.
Marlis Thiel, Dr. phil., 1950 in Grevesmühlen geboren, nach dem Abitur Studium der Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Soziologie in Göttingen, Berlin und Bremen, 1989 Diplom-Sozialwissenschaftlerin, 1998 Promotion mit einer Arbeit über Klaus Mann, 2000 Autorenstipendium der Freien Hansestadt Bremen, 2006 Förderpreis des Schriftstellerverbandes für das gute Buch, erschienen unter dem Titel "Vielleicht das Meer", lebt als freie Autorin in Bremen.
Inhaltsangabe
Aus dem Inhalt: - Ein Brief und ein Treffen in Oldenburg - Ein Kaufmann weint nicht - Berlin, im September 1934 - Zwischen Biarritz und Rupenhorn - Die Sphinx in Hannover - Einsamer nie - Krieg vom Schreibtisch aus - Der Krieg draußen - Ratten und Ruinen und ein Geburtstagsbrief - Auch Reiche kennen die Verdammnis - Auch das, noch einmal - Wiedergeburt aus dem Geiste des Kapitalismus - Am Ziel aller Wünsche? - Besuch in Oberneuland - Jene Stunde wird keinen Schrecken haben - Nachwort
4 Marktplatz-Angebote für "Der Kaufmann und der Dichter" ab EUR 4,90
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