Nie zuviel und nie scharf genug könne man in der Natur beobachten;
nur, wer sich in der genauen Betrachtung der Naturphänomene übe,
lerne, den Zusammenhang der Erscheinungen zu sehen und die
Gesetzmäßigkeiten des Lebens zu erkennen. Und Goethe selbst folgte
dieser seiner Maxime: Mit Ausdauer widmete er sich seinen
naturwissenschaftlichen Studien und Untersuchungen, denen er selbst
zuweilen größere Bedeutung beimaß als den literarischen Werken. Mit
seiner Farbenlehre, seinen Reflexionen zur experimentellen Methodik
und zu den Formgesetzen der Arten, die er unter den Begriffen des
Urphänomens, der Morphologie und der Metamorphose zusammenfaßte,
setzte er bleibende Akzente im Wissenschaftsdiskurs seiner Zeit.
Literarisch dienten ihm die erforschten Bildungsgesetze der Natur
als Muster für sein dichterisches Schaffen ebenso wie für seine
Darstellungen gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Schöpferische Phantasie und wissenschaftliches Naturstudium
durchdringen und ergänzen einander. Bewußt läßt sich Goethe von
seiner Intuition und seiner Vision leiten und beeinflussen. Seine
ganzheitlich-integrative Sichtweise und ein tiefes Naturgefühl
führen Goethe bereits früh zur Einsicht in die Ambivalenz der
modernen naturwissenschaftlichen Forschung. Nicht der Wissenschaft
gebührt das Primat, sondern dem Leben: Grau, teurer Freund, ist
alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.
(Mephistopheles)
In den geflügelten Worten hat sich Goethes Weltsicht bis heute
erhalten. Der grüne Goethe bietet in einer Zusammenstellung von
weithin verbreiteten ebenso wie von weniger bekannten Zitaten aus
Goethes Werken einen kompakten Zugang zu einem
ökologisch-systematischen Naturdenken, das es (wieder) zu entdecken
gilt.
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