Der Geist bei der Arbeit - Hagner, Michael

Michael Hagner 

Der Geist bei der Arbeit

Historische Untersuchungen zur Hirnforschung

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Der Geist bei der Arbeit

Nach"Homo cerebralis"und"Geniale Gehirne"nun der abschließende Teil einer Trilogie zur Geschichte des modernen Gehirns.

"Geist und Bewußtsein sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet"- dies manifestierten Hirnforscher im Jahr 2004.
Auch diese Erkenntnis ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis einer 200jährigen Geschichte. Dabei waren die Theorien der Hirnforscher, mit denen sie versuchten, Sprache, Denken, Einbildungskraft, Moral und Gefühle im Gehirn zu lokalisieren, zu keinem Zeitpunkt unabhängig von den kulturellen, sozialen und politischen Umständen, unter denen sie ihre Forschungen betrieben.
Die Cerebralisierung des Menschen ist ein unvollendetes und möglicherweise unvollendbares Projekt der Moderne. Neben faszinierenden Einsichten birgt es stets auch die Gefahr in sich,"Gehirn"mit Symbolen, Deutungen und Werten zu überfrachten und dadurch überzogene Erwartungen zu wecken, die nicht zu erfüllen sind oder zu heiklen biopolitischen Forderungen führen. Anthropologische Ansprüche an die Hirnforschung bewegen sicheher an der Grenze zwischen Science und Fiction. Vor dem Hintergrund dieser Debatten plädiert Michael Hagner für einen gelassenen und (selbst-)kritischen Umgang mit ihren Ergebnissen.


Produktinformation

  • Verlag: Wallstein
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 284 S. m. 39 Abb.
  • Seitenzahl: 284
  • Deutsch
  • Abmessung: 222mm x 148mm x 24mm
  • Gewicht: 485g
  • ISBN-13: 9783835300644
  • ISBN-10: 3835300644
  • Best.Nr.: 20841337
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 04.12.2006

Der Feind im Labor
Michael Hagner schließt seine großartige Hirn-Trilogie ab

Von der Philosophie hin zu einer Biologie des Geistes - so stellt sich manch einem heute die Bahn des Fortschritts in der Selbstaufklärung des Menschen dar. Das bisherige, bloß spekulative Wissen über menschliches Fühlen, Denken und Handeln soll endlich einer illusionslosen, sprich: naturwissenschaftlichen Forschung Platz machen. Mit solchen Wachablösungsphantasien freilich ist es so eine Sache. Denn wer die Tradition beerbt, erbt auch ihre Probleme. "So wie von Descartes einst die Zirbeldrüse wegen ihrer Einzigartigkeit zum Sitz der Seele erklärt worden war, scheint heute das Gehirn eine Einheit stiften zu sollen, die in der Forschungspraxis obsolet geworden ist." Der kühne Anspruch einer vollständigen Biologisierung des Menschen muß sich daher die Frage gefallen lassen, "ob das Gehirn zum letzten Stützpunkt der abendländischen Metaphysik geworden ist".

Mit Fragen dieser Art fährt Michael Hagner, Wissenschaftsforscher an der ETH Zürich, in seinem jüngsten Buch den großen Vereinfachern in der Debatte um Gehirn und Geist in die Parade. Es stellt den …

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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Sehr aufschlussreich findet Rezensent Michael Pauen dieses Buch, das sich mit dem Bemühen beschäftigt, den Aktivitäten des Gehirns ein Bild zu geben. Wie Pauen darstellt, sind die bekannten bunten Bilder von Gehirnströmen nicht die ersten Versuche, Geistesarbeit darzustellen. Und Michael Hagners historische Untersuchung hat dem Rezensenten dabei erhellende Einblicke in die Begrenztheit solcher Darstellungen gewährt, die äußerst abhängig von den dominierenden wissenschaftlichen Paradigmen seien. So wurden im 17. und 18. Jahrhundert mechanische Automaten für den Gipfel wissenschaftlicher Errungenschaft gehalten, folglich dominierten entsprechende Gehirnmodelle. Mit dem Aufkommen biologischer Erklärungen galt dann auch der Anatom Franz-Josef Gall als ernst zu nehmen, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts poetisches Talent an der Schädelform ablesen wollte. Wohlgemerkt, die heutigen Enzephalogramme sind wissenschaftlich sehr wertvoll, betont Pauen, aber Hagners Buch lasse einen ahnen, dass sie nicht der Weisheit letzter Schluss sein dürften.

© Perlentaucher Medien GmbH
Michael Hagner, geb. 1960, ist Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich.

Leseprobe zu "Der Geist bei der Arbeit"

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Leseprobe zu "Der Geist bei der Arbeit" von Michael Hagner

Einleitung (S. 7)

Dem Geist bei der Arbeit zusehen – das ist eine Formulierung, die ein großes Versprechen enthält. Man hat sie in den letzten Jahren häufiger gehört, wenn von den neuen visuellen Untersuchungsmethoden der kognitiven Neurowissenschaften die Rede war. Mit Hilfe des Neuroimaging, so heißt es immer wieder, werden Stoffwechselprozesse und neuronale Aktivitätsmuster in Echtzeit abgebildet, die einen unmittelbaren Einblick geben in die Welt des Denkens und der Gefühle.

Man könnte daraus den Schluß ziehen, daß diese neuen Verfahren das Fenster zu den geistigen Prozessen geöffnet haben und daß sich Neurowissenschaftler überhaupt erst seit wenigen Jahren trauen, Phänomene wie Bewußtsein, Emotionen, Gedanken oder Vorstellungen zu ihrem Untersuchungsgegenstand zu machen. Eine solche Sichtweise, die durch manche euphorische Rhetorik über eine Revolution in den Neurowissenschaften und durch Online-Datenbanken genährt wird, die höchstens 10 Jahre alte Literatur enthalten, ist irreführend.

Hirnforscher haben sich schon lange vorher für den Geist bei der Arbeit interessiert. Sie verfügten nicht über die gleichen Technologien wie ihre Nachfolger heute, doch ihre theoretischen Annahmen, Hypothesen und Absichten waren kaum weniger ambitioniert. Auch sie betrachteten den Geist als ein biologisches Phänomen, das den quantitativen Verfahren der Naturwissenschaften zugänglich ist.

Wie lassen sich aus diesen Ähnlichkeiten, die noch keine unmittelbare Nachbarschaft bedeuten, Verbindungspfade finden zwischen der vergangenen und der heutigen Forschung?

Gewiß versteht man die Entstehung, Durchsetzung, Veränderung, Zirkulation und Verabschiedung einer Idee, eines Modellobjekts oder eines Verfahrens nur in einem jeweiligen historischen Kontext. Weder die computergestützte Technologie des Neuroimaging noch die molekularbiologische Untersuchung synaptischer Prozesse sind aus historischen Ereignissen herzuleiten, die länger als 30 bis 40 Jahre zurückliegen.

Auch die allgemeine gegenwärtige Faszination von der Hirnforschung ist nicht unmittelbar aus der Vergangenheit ableitbar, sondern kann nur aus Bedürfnissen und Interessen der Gegenwart heraus erklärt werden. Trotz dieses Umstands sollte das, was diese gegenwärtigen Forschungen inklusive ihres öffentlichen Zuspruchs ausmacht, nicht auf ihre technologischen Bedingungen und auch nicht auf wirkliche oder vermeintliche neue Entdeckungen und Erkenntnisse reduziert werden.

Auch heute noch sind Postulate, Theorien und Werte forschungsrelevant und öffentlichkeitswirksam, die weiter zurückreichen und bereits mehrere historische Konjunkturen hatten, dann zurückgedrängt wurden und nach einer gewissen Latenzzeit in etwas veränderter Gestalt wieder hervorgeholt wurden.

Daten, die mit den allerneuesten technologischen Verfahren erhoben werden, finden sich zum Teil in einem Interpretationshorizont wieder, der wesentlich älter ist. Wie sind solche Überlagerungen von verschiedenen Zeitschichten in einer Wissenschaft erklärbar? Am ehesten dadurch, daß man von längerfristigen Phänomenen ausgeht, die über ihre jeweilige historische Implementierung hinaus stabil bleiben, wobei Stabilität nicht bedeutet, daß sie zu jeder Zeit die gleiche erkenntnisleitende Funktion hätten.

Insofern unterscheiden sie sich von Naturgesetzen, Regeln oder Gleichungen, denen eine stärkere Robustheit bzw. Unveränderlichkeit zugesprochen wird. Mir geht es hier um bestimmte Annahmen, Sichtweisen, Deutungsangebote und Zukunftsvisionen, die nicht für die gesamte Hirnforschung verbindlich sind. Doch in den kognitiven Neurowissenschaften begründen und unterhalten sie Traditionen, und sie bewirken, daß Forschungsprojekte, selbst wenn sie in einem ganz anderen Zusammenhang entstanden sind, sich dieser Traditionen bewußt oder unbewußt bedienen.

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