Der fremde Gast - Link, Charlotte

Charlotte Link 

Der fremde Gast

Roman

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Der fremde Gast

Rebecca Brandt hat beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Nichts kann die junge Witwe über den Tod ihres Mannes hinwegtrösten. Da lernt sie durch Zufall in Südfrankreich die beiden Studenten Inga und Marius kennen und schöpft durch die Freundschaft mit dem jungen Paar neuen Lebensmut. Während eines Segeltörns kommt es zu einem schrecklichen Unfall: Marius fällt über Bord, und schließlich muss davon ausgegangen werden, dass er ertrunken ist. Wochen später erscheint sein Bild in der Zeitung. ImZusammenhang mit einem furchtbaren Verbrechen in Deutschland wird nach ihm gesucht.


Produktinformation

  • Verlag: GOLDMANN
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 479 S.
  • Seitenzahl: 479
  • Goldmann Taschenbücher Bd.45769
  • Deutsch
  • Abmessung: 18, 5 cm
  • Gewicht: 376g
  • ISBN-13: 9783442457694
  • ISBN-10: 3442457696
  • Best.Nr.: 12848634
"Links neuer Thriller 'Der fremde Gast' fesselt und ist dabei herrlich leicht wegzulesen."

"Fesselnd."
Charlotte Link, geboren 1963, gehört zu den erfolgreichen deutschen Autorinnen der Gegenwart. Veröffentlichung großer Gesellschaftsromane (mit z. T. TV-Verfilmungen) sowie psychologischer Spannungsromane in bester englischer Erzähltradition. Die Autorin, seit vielen Jahren aktive Tierschützerin, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Frankfurt/Main. 2007 wurde sie für ihr literarisches Werk mit der "Goldenen Feder" ausgezeichnet.

Leseprobe zu "Der fremde Gast"

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Leseprobe zu "Der fremde Gast" von Charlotte Link

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Leseprobe zu "Der fremde Gast" von Charlotte Link

Prolog

Anonymer Brief an Sabrina Baldini

"Der Mai ist gekommen ... Wie schön dein Garten doch blüht und grünt, Sabrina! Ich habe dich gestern Abend gesehen, als du noch draußen gesessen hast. Wo war dein Mann? Er ist wenig daheim bei dir, stimmt's? Weiß er eigentlich, dass du keineswegs die treue Gattin bist, die er in dir sieht? Hast du ihm alle die Untiefen deines Lebens gebeichtet? Oder behältst du die entscheidenden Dinge für dich? Es würde mich interessieren, ob du es schaffst, neben ihm alt zu werden und ihm dabei deinen Ehebruch zu verschweigen.

Wie auch immer, du bist viel allein. Es wurde dunkel, und du warst immer noch draußen. Später bist du ins Haus gegangen, aber du hast die Terrassentür offen gelassen. Wie unvorsichtig von dir, Sabrina! Hast du nie gehört, dass das gefährlich sein kann? Die Welt ist voller böser Menschen ... voller rachsüchtiger Menschen. Rachsucht ist böse, aber manchmal ist sie nur allzu verständlich, findest du nicht? Jeder bekommt das, was er verdient. Die Welt kann man nur dann ertragen, wenn man an eine ausgleichende Gerechtigkeit glaubt. Manchmal lässt die Gerechtigkeit zu lange auf sich warten, dann muss man ihr auf die Sprünge helfen.

Du verstehst, dass du den Tod verdient hast, Sabrina, nicht wahr? Es hätte dir klar sein müssen seit jenen lang vergangenen Tagen, da du so furchtbar versagt hast. Man nennt das unterlassene Hilfeleistung, was du da getan hast. Oder besser: nicht getan hast. Was war der Grund, Sabrina? Faulheit? Gleichgültigkeit? Du wolltest dich mit niemandem anlegen? Dir nicht die Finger verbrennen? Nicht anecken? Ach, es sind doch immer die gleichen Geschichten! Du warst so engagiert in deinem Einsatz für andere. Aber nur, solange du dir keinen Ärger einhandeln musstest. Viel Gerede, nichts dahinter. Es ist so bequem, wegzuschauen! Und es bringt nichts als Verdruss, wenn man sich einmischt!

Aber man muss bezahlen. Irgendwann. Immer. Sicher hast du gehofft, dieser Kelch geht an dir vorüber, nicht wahr, Sabrina? So viele Jahre ... Da verblassen die Erinnerungen, und vielleicht hast du jene Tage längst verdrängt, beschönigt in deinem Gedächtnis, und langsam hast du dir gedacht, dass du noch einmal Glück gehabt hast. Dass du davongekommen bist, ohne die Rechnung bezahlen zu müssen.

Hast du das wirklich geglaubt? Eigentlich scheinst du mir dafür zu intelligent. Und zu erfahren.

Der Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Irgendwann musste er kommen, und ich finde, länger sollte man nun nicht mehr warten. Von meiner Seite aus ist alles klar. Das Urteil über dich ist gefällt, und sehr bald werde ich es vollstrecken. An dir und an Rebecca. Sie trägt genauso viel Schuld wie du, und es wäre nicht in Ordnung, wenn du allein den Kopf hinhalten müsstest.

Ich werde mir Zeit nehmen für jede von euch beiden. Es wird nicht einfach schnell und ohne großes Aufheben über die Bühne gehen. Ihr werdet leiden. Euer Sterben wird schwer sein. Es wird sich lange genug hinziehen, dass ihr Gelegenheit habt, intensiv über euch und euer Leben nachzudenken.

Bist du schon gespannt auf die Begegnung mit mir, Sabrina? So gespannt, dass du abends nicht mehr lange in deinem schönen Garten sitzen wirst? Dass du darauf achten wirst, die Terrassentür stets geschlossen zu halten? Dass du dich vorsichtig nach rechts und links umschauen wirst, wenn du dein Haus verlässt? Dass du zusammenzuckst, wenn es an der Tür klingelt? Dass du nachts wach im Bett liegst, wenn dein Mann wieder einmal nicht daheim ist, und angstvoll in die Dunkelheit lauschst und dich immer wieder fragst, ob du wirklich alle Türen gut verschlossen hast? Oder wirst du das Licht ständig brennen lassen, weil du die Schwärze um dich herum gar nicht mehr erträgst? Aber du weißt, dass auch dies dich nicht in Sicherheit bringt, nicht wahr? Ich komme genau dann, wenn ich es mir vorgenommen habe. Du wirst dich nicht schützen können.

Und im Grunde weißt du das auch.

Ich melde mich bald wieder bei dir, Sabrina. Es ist schön zu wissen, dass du bis dahin Tag und Nacht an mich denken wirst. Und dass du immer elender und grauer aussehen wirst. Es macht mir Freude, das zu beobachten.

Ich bin bei dir!"

Sonntag, 18. Juli

Sie träumte, ein kleiner Junge habe an ihrer Haustür geklingelt. Sie wimmelte ihn ab, so wie sie jeden abwimmelte, der ungebeten vor ihr stand und irgendetwas von ihr haben wollte. Dieses überfallartige Betteln war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen, sie fühlte sich bedrängt und genötigt, wenn plötzlich jemand auf ihrem Grundstück aufkreuzte und die Hand aufhielt. Meist ging es um einen guten Zweck, natürlich, aber wer wusste schon, ob diese Leute immer ehrlich waren, und auch wenn sie mit irgendwelchen Ausweisen herumfuchtelten, die sie als sammelberechtigt für karitative Vereinigungen auswiesen, so war es doch einfach unmöglich, so schnell zu erkennen, ob es sich nicht um eine mehr oder weniger gut gemachte Fälschung handelte. Vor allem, wenn man siebenundsechzig Jahre alt war und zunehmend Probleme mit den Augen hatte.

Kaum dass sie die Tür geschlossen hatte, klingelte es erneut.

Sie setzte sich ruckartig im Bett auf, verwirrt, weil das Klingeln aus dem Traum sie diesmal tatsächlich aus dem Schlaf gerissen hatte. Das Bild des Jungen hatte sie noch immer vor Augen: ein spitzes, blasses, fast durchsichtiges Gesicht mit riesigen Augen. Er bat nicht um Geld, er bat um Essen.

"Ich habe solchen Hunger", hatte er gesagt, leise und doch fast anklagend. Sie hatte die Tür zugeworfen, entsetzt, erschrocken, konfrontiert mit einem Aspekt der Welt, den sie nicht sehen wollte. Hatte sich umgedreht und versucht, das Bild loszuwerden, und in dem Moment hatte es geklingelt, und sie dachte: Nun ist er das schon wieder!

Warum war sie jetzt aufgewacht? Hatte es tatsächlich geklingelt? Man baute solche Geräusche gern in seine Träume ein. Aber es hätte dann ja nur ein Wecker sein können, und sie hatten gar keinen. Schließlich arbeiteten sie nicht mehr, und morgens wurden sie beide ohnehin ganz von selbst ziemlich früh wach.

Es war sehr dunkel, aber durch die Ritzen des Rolladens drang ein wenig Licht von den Straßenlaternen herein. Sie konnte ihren schlafenden Mann neben sich sehen. Wie immer lag er völlig bewegungslos, und sein Atem ging so flach und leise, dass man sehr genau hinhören musste, um zu wissen, ob da überhaupt noch Atem war. Sie hatte schon gelesen, dass ältere Paare abends gemeinsam einschliefen, und dann wachte morgens einer von ihnen auf und der andere war tot. Dann hatte sie gedacht, wenn Fred auf diese Art sterben würde, würde es ganz schön lange dauern, bis ihr das auffiel.

Ihr Herz klopfte hart und schnell. Ein Blick zur elektronischen Uhr, deren Zahlen hellgrün leuchteten, sagte ihr, dass es fast zwei Uhr in der Nacht war. Keine gute Zeit, um aufzuwachen. Man war so schutzlos. Sie jedenfalls. Sie hatte schon oft das Gefühl gehabt, sollte ihr jemals etwas Schlimmes zustoßen – sollte sie sterben zum Beispiel –, dann würde das nachts zwischen ein und vier Uhr passieren.

Ein bedrückender Traum, sagte sie sich, nichts weiter. Du kannst ruhig wieder einschlafen.

Sie legte sich in ihr Kissen zurück, und diesem Moment klingelte es erneut, und sie begriff, dass es kein Traum gewesen war.

Jemand klingelte um zwei Uhr nachts an ihrer Haustür.

Sie setzte sich erneut auf und hörte ihren eigenen hektischen Atem in der beklemmenden Stille, die auf das schrille Klingeln folgte.

Das ist ganz ungefährlich, dachte sie, ich muss ja nicht aufmachen.

Es konnte nichts Gutes bedeuten. Nicht einmal Hausierer klingelten um diese Zeit. Wer um diese Zeit Menschen aus dem Schlaf schreckte, der führte entweder Böses im Schilde oder war in eine Notlage geraten. Und war Letzteres nicht viel wahrscheinlicher? Ein Einbrecher oder Raubmörder würde doch nicht klingeln?

Sie knipste das Licht an und beugte sich über ihren tief schlafenden Mann. Der konnte überhaupt nichts hören, da er die Ohren mit Oropax zugestöpselt hatte. Fred war so empfindlich mit Geräuschen, ihn störte schon das Wispern des Windes in den Bäumen vor dem Schlafzimmerfenster. Oder das Knarren einer Holzdiele oder das welke Blatt einer Zimmerpflanze, das sich löste und zu Boden glitt. Er erwachte davon, und das war das Schlimmste für ihn. Aufwachen zu müssen, wenn er eigentlich beschlossen hatte zu schlafen. Es stürzte ihn in namenlose Wut. Seine Laune war für Tage verdorben. Irgendwann hatte er deshalb mit dem Oropax begonnen. Und seine Frau hatte aufgeatmet.

Sie zögerte daher, ihn zu wecken. Er konnte ihr das so übel nehmen, dass er eine Woche lang kaum noch mit ihr sprechen würde. Jedenfalls dann, wenn er später befand, dass es unnötig gewesen war, ihn aus dem Schlaf zu reißen. Sollte sich herausstellen, dass man ihn doch besser geweckt hätte und sie tat es nicht, konnte ihr das Gleiche passieren. Sie war jetzt seit dreiundvierzig Jahren mit diesem Mann verheiratet, und ihr Leben mit ihm hatte überwiegend aus Momenten dieser Art bestanden: Zerrissen zwischen zwei Möglichkeiten, nervös abwägend, welches der richtige Weg sein mochte, oberstes Anliegen dabei stets, seine Wut nicht herauszufordern. Es war, weiß Gott, kein einfaches Leben mit ihm.

Es klingelte ein drittes Mal, länger anhaltend diesmal, fordernder, drängender. Sie entschied, dass Freds Nachtschlaf einem so ungewöhnlichen Vorkommnis geopfert werden durfte. Sie rüttelte an seiner Schulter.

"Fred", wisperte sie, obwohl er sie nicht hören konnte, "wach auf! Bitte, wach auf! Es ist jemand an der Haustür!"

Fred wälzte sich unwillig knurrend zur Seite, dann war er urplötzlich mit einem Schlag hellwach und saß nun auch aufrecht im Bett. Er starrte seine Frau an.

"Was, zum Teufel ....", begann er.

"Es ist jemand an der Tür!"

Er konnte nur ihre Mundbewegungen sehen und zog sich widerwillig seine Stöpsel aus den Ohren. "Was ist los? Wie kommst du dazu, mich zu wecken?"

"Es klingelt an der Tür. Jetzt schon dreimal."

Er starrte sie immer noch an, als sei sie nicht ganz normal. "Wie? Es klingelt an der Tür? Um diese Zeit?"

"Ich finde das ja auch sehr beunruhigend." Sie hoffte, es werde wieder klingeln, denn sie konnte erkennen, dass Fred ihr nicht glaubte, aber für den Moment blieb alles ruhig.

"Du hast geträumt. Und wegen eines dämlichen Traumes meinst du mich wecken zu müssen?" Seine Augen blitzten sie böse an. Seine weißen Haare standen in alle Richtungen vom Kopf ab.

Ein schlecht gelaunter, mürrischer, alter Mann, dachte sie, und inzwischen auch nicht einmal mehr attraktiv. Vielleicht lebe ich noch zwanzig Jahre. Wenn er nicht vor mir stirbt, dann habe ich am Ende dreiundsechzig Jahre mit ihm gelebt. Dreiundsechzig Jahre!

Der Gedanke stimmte sie mit einem Mal so traurig, dass sie hätte weinen mögen.

"Greta, wenn du noch einmal ...", begann Fred voller Zorn, aber genau in diesem Moment klingelte es erneut an der Tür, noch etwas länger und anhaltender als zuvor.

"Siehst du!" Es klang fast triumphierend. "Es ist jemand an der Tür!"

"Tatsache", sagte Fred perplex. "Es ist ... es ist zwei Uhr in der Nacht!"

"Ich weiß. Aber ein Einbrecher ..."

"... würde kaum klingeln. Obwohl es theoretisch seine einzige Chance wäre, bei uns ins Haus zu gelangen!"

Das stimmte. Fred hatte viel Mühe und Zeit darauf verwandt, das Haus in eine Festung zu verwandeln, damals, vier Jahre zuvor, als sie es gekauft hatten und eingezogen waren. Ihren Altersruhesitz, wie er es nannte. Ruhiges Münchener Randgebiet, ein eher wohlhabendes Viertel. Sie hatten zuvor auch in München gelebt, in einer ganz anderen Ecke zwar, aber es hatte sich ebenfalls um eine so genannte bessere Gegend gehandelt. Doch sie waren jünger gewesen. Mit dem Alter hatte sich bei Fred eine ausgeprägte Paranoia entwickelt, was Einbrecher anging, und so waren inzwischen alle Fenster im Erdgeschoss vergittert, die Rollläden im ganzen Haus mit Sicherheitsschlössern versehen, und natürlich gab es eine Alarmanlage auf dem Dach.

"Vielleicht sollten wir das Läuten einfach ignorieren."

"Jemanden ignorieren, der uns mutwillig aus dem Schlaf reißt?" Fred schwang beide Beine über den Bettrand. Er bewegte sich für sein Alter noch ziemlich elastisch. Aber er wurde sehr mager in der letzten Zeit. Der blauschwarz gestreifte Schlafanzug aus Seide schlabberte wie ein leerer Sack um ihn herum. "Ich werde die Polizei anrufen!"

"Aber das kannst du doch nicht machen! Vielleicht ist es ein Nachbar, der Hilfe braucht! Oder es ist ..." Sie sprach nicht weiter.

Fred wusste, wen sie meinte. "Warum sollte er zu uns kommen, wenn etwas ist? Er hat sich seit Ewigkeiten nicht blicken lassen."

"Trotzdem. Er könnte es sein. Wir sollten ..." Sie war im Grunde völlig ratlos und überfordert. "Wir müssen irgendetwas tun!"

"Sag ich ja! Die Polizei rufen!"

"Und wenn es dann aber wirklich nur ... er ist?" Warum, dachte sie, habe ich immer diese Angst, in Freds Gegenwart auch nur seinen Namen zu nennen?

Fred war das Hin und Her nun leid.

"Ich werde jetzt einmal nachsehen", sagte er entschlossen und verließ das Zimmer.

Sie hörte seine Schritte auf der Treppe. Dann vernahm sie seine Stimme unten im Hausflur. "Hallo? Wer ist denn da?"

Später – als sie schon gar nicht mehr die Möglichkeit hatte, sich mit Fred darüber auszutauschen, und als sie bereits begriff, dass es keine zwanzig Jahre mehr sein würden, die sie zu leben hatte, sondern nur noch Stunden oder bestenfalls Tage – fragte sie sich, welche Antwort ihr Mann von der anderen Seite der Tür bekommen hatte, dass er sie so schnell und bereitwillig geöffnet hatte. Sie hörte, dass die verschiedenen Sicherheitsriegel gelöst wurden. Dann vernahm sie einen dumpfen Schlag, den sie sich nicht erklären konnte, der jedoch ihren ganzen Körper in Alarmbereitschaft versetzte. Die feinen Härchen an ihren Unterarmen standen aufrecht. Ihr Herz wollte nicht aufhören zu rasen.

"Fred?", rief sie angstvoll.

Irgendetwas unten im Haus fiel polternd zu Boden. Dann hörte sie Freds Stimme. "Ruf die Polizei! Ruf sofort die Polizei! Schnell! Beeil dich!"

Es war der falsche Rat. Es gab im ersten Stock des Hauses kein Telefon. Sie hätte es schaffen können, ihre Zimmertür zu erreichen, sie zuzuschlagen und zu verriegeln, und dann hätte sie das Fenster öffnen, sich in die Nacht hinauslehnen und um Hilfe schreien können. Hätte er sie nur angewiesen, dies zu tun ... Oder wenn sie von selber darauf gekommen wäre ... So aber sprang sie kopflos aus dem Bett, schlüpfte, am ganzen Körper wie Espenlaub zitternd, in ihren Morgenmantel und eilte ins Treppenhaus. Gehorsame Ehefrau bis zuletzt. Polizei rufen, hatte er gesagt. Das Telefon befand sich im Wohnzimmer. Fred besaß zwar zudem ein Handy, aber wo das herumlag, das wusste sie erst recht nicht.

Erst auf der Treppe ging ihr auf, dass sie einen verhängnisvollen Fehler begangen hatte.

Aber da war es bereits zu spät.

Dienstag, 20. Juli

Um halb fünf am Morgen gab es Karen auf, noch etwas Schlaf finden zu wollen, und sie entschied, dass es besser sei, aufzustehen und etwas Sinnvolles zu tun, als sich noch länger im Bett herumzuwälzen und schließlich vollends gerädert zu sein.

Aber was ist schon sinnvoll, dachte sie, was, in meinem Leben, ist schon sinnvoll?

Wolf, ihr Mann schlief noch, er hatte nichts von der Schlaflosigkeit seiner Frau mitbekommen. Das war auch gut so, denn er hätte entweder mit Spott oder mit Vorhaltungen darauf reagiert, und beides hätte Karen – wieder einmal – in Tränen ausbrechen lassen. Sicherlich hätte er sie darauf hingewiesen, dass sie abends zu früh ins Bett ging, daher zwangsläufig auch am nächsten Morgen zu früh aufwachte und schließlich alle mit dem Lamento über ihr nächtliches Wachliegen verrückt machte.

Vielleicht hatte er Recht. Schließlich klang es logisch, was er sagte. Und es hatte leider immer sehr wenig Sinn, ihn anderen Argumenten und Erklärungen zugänglich machen zu wollen. Für Wolf gab es eine Sicht der Dinge, und das war seine, und damit Schluss. Karen wusste selber, dass sie abends zu früh schlafen ging, aber sie war so erschöpft, so kraftlos, dass ihr einfach die Augen zufielen, ganz gleich, was sie tat. Sie kroch in ihr Bett wie eine Kranke, deren Körper am Ende ist, und fiel geradezu übergangslos in einen narkoseähnlichen Schlaf. Aus dem sie gegen halb vier am Morgen ebenso übergangslos aufschreckte und fortan hellwach war, gepeinigt von angstvollen Gedanken, ihre Zukunft und die ihrer Familie betreffend.

Sie schlüpfte in Jeans und T-Shirt, zog ihre Turnschuhe an und schlich aus dem Schlafzimmer. In einem Buch hatte sie gelesen, dass Bewegung an der frischen Luft bei Depressionen hilfreich sein sollte. Sie wusste nicht genau, ob sie depressiv war, aber manche der in dem Buch beschriebenen Symptome fand sie durchaus bei sich wieder.

Aus den Kinderzimmern klang kein Laut. Offensichtlich war es ihr geglückt, niemanden von der Familie aufzuwecken.

Als sie die Treppe hinunterkam, stand Kenzo, der Boxer, schon unten in der Diele und wedelte heftig mit seinem kurzen Schwanz. Obwohl er im Wohnzimmer geschlafen hatte – zur Zeit war das Sofa sein Lieblingsbett –, war es ihm natürlich nicht entgangen, dass Frauchen aufgestanden war und sich angezogen hatte. Auch interpretierte er ihre Turnschuhe sofort richtig: Das sah ganz nach einem frühmorgendlichen Spaziergang aus. Begeistert vollführte er ein paar Luftsprünge, lief zur Haustür und schaute Karen erwartungsvoll an.

"Ich komme ja schon", wisperte sie ihm zu und griff nach Halsband und Leine, "aber sei schön leise!"

Leseprobe zu "Der fremde Gast" von Charlotte Link

"Donnerstag, 29. Juli (S. 228-229)

1

Er hatte die deutliche Erinnerung an ein Gespräch seiner Eltern , das er belauscht hatte. Sie hatten immer darauf bestanden, dass er von ihnen als von seinen Eltern sprach, mehr noch, sie hatten ihm gesagt, sie erwarteten, dass er sie auch als Eltern empfand. Wenigstens hatte er nicht Mama und Papa sagen müssen. Er nannte sie Greta und Fred. Am liebsten hätte er ihn vielleicht noch Arschloch, und sie dumme Pute genannt. Oder Weichei. Weil sie sich kein bisschen gegen ihren Mann behaupten konnte. Er war an jenem Abend die Treppe hinuntergeschlichen. Wie alt war er gewesen? Zwölf Jahre vielleicht. Ziemlich hoch aufgeschossen für sein Alter.

Er war dünn und hatte immerzu Hunger. An jenem Abend besonders. Sie hatten ihm wieder einmal nichts zu essen gegeben. Wegen irgendeines Vergehens. Er wusste es nicht mehr, denn es gab so viele Möglichkeiten in diesem Haus, gegen Regeln und Gesetze zu verstoßen, dass er Einzelheiten nicht hatte behalten können. Vielleicht hatte er vergessen, die Post aus dem Briefkasten zu holen oder Gretas blöde Geranien zu gießen, oder er hatte zu viel Milch getrunken.

Greta markierte den Flüssigkeitsstand der Milch mit Filzstiftstrichen auf der Packung. Sie konnte sich entsetzlich aufregen, wenn er sich mehr nahm, als ihm ihrer Ansicht nach zustand. Greta und Fred hatten Gäste an jenem Abend. Irgendein Ehepaar, er kannte es nicht. Er war allerdings auch nicht wie sonst zur Begrüßung herbeikommandiert worden, denn schließlich war er wieder einmal in Ungnade gefallen, und sie hatten ihm nicht erlaubt, sein Zimmer zu verlassen. Aber er hatte oben an der Galerie gestanden und hinuntergespäht, und er hatte nicht den Eindruck, dass er den älteren Herrn im dunklen Anzug und die Dame mit den frisch gelegten grauen Locken und dem etwas zu engen grünen Seidenkleid kannte. Aber es war auch egal.

Er mochte keinen von Lenowskys Freunden. Irgendwie waren sie alle gleich. Wohlhabend und gediegen, und die meisten spielten Golf oder segelten. Sie redeten immer von ihrem Handicap oder von einer Regatta, an der sie teilgenommen hatten. Die Menschen in dem Wohnblock, in dem er mit seinen Eltern – mit seinen richtigen Eltern – gelebt hatte, hatten nie über solche Dinge gesprochen. Greta hatte gekocht, und ein herrlicher Duft war durch das Haus gezogen. Er hatte Krämpfe bekommen vor Hunger, und er hatte irgendwann gemeint, wahnsinnig werden zu müssen, wenn er nichts zu essen bekam.

Auf eine etwas fantasielose Weise kochte Greta recht gut. Er ging ein hohes Risiko ein. Wenn sie ihn in der Küche ertappten, während er Lebensmittel stahl – sie nannten es stehlen , wenn er sich außerhalb der offiziellen Mahlzeiten etwas nahm –, würden sie ihn wieder schlagen. Und das bevorstehende Wochenende über einsperren und hungern lassen. Solche drakonischen Strafen wagten sie immer nur am Wochenende, wenn er nicht zur Schule musste, denn sonst wäre das Risiko zu hoch, dass jemand etwas merkte. Er war ein halbes Jahr zuvor mitten im Unterricht vor Hunger aus der Bank gekippt und für Sekunden ohnmächtig gewesen.

Seine Lehrerin hatte mit Greta und Fred gesprochen, aber natürlich war es Fred wieder gelungen, die Angelegenheit als harmlos darzustellen. Er hatte sich tief besorgt darüber geäußert, dass sein Pflegesohn ein so schlechter Esser sei, der fast alles ablehne, was man ihm vorsetzte. »Ginge es nach ihm, er würde sich ausschließlich von Pommes frites und Pizza ernähren«, hatte er erklärt, die Stirn in Dackelfalten gelegt. »Aber so kann man ein Kind nicht großziehen, oder? Meine Frau gibt sich alle erdenkliche Mühe, ihm Gemüse und Fleisch schmackhaft zu machen. Aber wie oft muss sie seinen unberührten Teller wieder abräumen! «"

Kundenbewertungen zu "Der fremde Gast" von "Charlotte Link"

12 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.4 von 5 Sterne bei 12 Bewertungen **** sehr gut)
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Bewertung von Haserl aus Bayern am 23.04.2012 ***** ausgezeichnet
Dies ist wieder ein sehr spannender, atemberaubender, fesselnder und faszinierender Thriller von Charlotte Link.. Es ist unheimlich vielseitig und hat mich doch, an manchen Stellen,sehr verblüfft.

Es geht in diesem Buch um 3 Unterschiedliche Handlungsstränge die sich aber nach weiterem lesen alle miteinander verbinden. Die gesamten Zusammenhänge sowie das psychologische Motiv des Täters werden dann klarer und sehr gut dargestellt.

Ich möchte nicht zu viel verraten, denn ich finde man sollte ihn einfach lesen.

Auch dieses mal wieder 5 Sterne von mir.

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Bewertung von Blacky (blacky-book@live.de) am 16.12.2011 ***** sehr gut
Beschreibung :
Rebecca Brandt hat beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Nichts kann die junge Witwe über den Tod ihres Mannes hinwegtrösten. Da lernt sie durch Zufall in Südfrankreich die beiden Studenten Inga und Marius kennen und schöpft durch die Freundschaft mit dem jungen Paar neuen Lebensmut. Während eines Segeltörns kommt es zu einem schrecklichen Unfall: Marius fällt über Bord, und schließlich muss davon ausgegangen werden, dass er ertrunken ist. Wochen später erscheint sein Bild in der Zeitung. Im Zusammenhang mit einem furchtbaren Verbrechen in Deutschland wird nach ihm gesucht.

Nach obiger Beschreibung hatte ich mir die Geschichte etwas anders vorgestellt. Allerdings übertraf dann die Realität meine Vorstellungen.
Es war sensationell spannend von Anfang bis Ende.
Es gab immer wieder unerwartete Wendungen in der Geschichte.
Für mich war es das erste Buch von Charöotte Link und ich bin derart begeistert, dass mit Sicherheit weitere folgen werden.

Ich kenne sowohl die Buch- als auch die Hörbuchversion und Gudurn Langrebe als Sprecherin, versteht es hervorragend die besondere Spannung dieses Buches zu vermitteln.

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Bewertung von anka71 aus R am 04.09.2011 ***** ausgezeichnet
habe fast alle Bücher von Charlotte Link gelesen und dieses Buch ist meiner Meinung nach das BESTE !!! Spannend bis zum Schluß und absolut fesselnd. Hatte es in 2 tagen ausgelesen, da ich es gar nicht mehr aus der hand legen konnte. Sehr zu empfehlen!! :-)

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Bewertung von kleinJuri aus Bad Berka am 26.08.2010 ***** ausgezeichnet
Ein Leben ohne ihren Mann ist unvorstellbar für Rebecca. Desshalb ist die junge Frau auch einige Zeit nach dem Tod ihres Mannes fest entschlossen, sich das Leben zu nehmen. Doch dann lernt sie in Südfrankreich das junge Studentenpaar Marius und Inga kennen, deren Freundschaft ihr wieder neuen Mut zum Leben gibt. Allerdings ereignet sich eines Nachmittages ein schrecklicher Unfall auf See: Marius fällt über Bord und ist von da an spurlos verschwunden. Das Unmögliche ereignet sich, als Marius kurze Zeit später in Deutschland des Mordes an seinen Adoptiveltern beschuldigt wird.
Auch in der "Der fremde Gast" beweist Charlotte Link wieder einmal großes Talent, die Spannung bis zur letzten Seite zu bewahren. Ein Roman, der den Leser in keinster Weise das Gefühl gibt, eine fiktive Story zu lesen!

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Bewertung von Blacky (blacky-book@live.de) am 06.08.2010 ***** sehr gut
Beschreibung :
Rebecca Brandt hat beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Nichts kann die junge Witwe über den Tod ihres Mannes hinwegtrösten. Da lernt sie durch Zufall in Südfrankreich die beiden Studenten Inga und Marius kennen und schöpft durch die Freundschaft mit dem jungen Paar neuen Lebensmut. Während eines Segeltörns kommt es zu einem schrecklichen Unfall: Marius fällt über Bord, und schließlich muss davon ausgegangen werden, dass er ertrunken ist. Wochen später erscheint sein Bild in der Zeitung. Im Zusammenhang mit einem furchtbaren Verbrechen in Deutschland wird nach ihm gesucht.

Nach obiger Beschreibung hatte ich mir die Geschichte etwas anders vorgestellt. Allerdings übertraf dann die Realität meine Vorstellungen.
Es war sensationell spannend von Anfang bis Ende.
Es gab immer wieder unerwartete Wendungen in der Geschichte.
Für mich war es das erste Buch von Charöotte Link und ich bin derart begeistert, dass mit Sicherheit weitere folgen werden.

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Bewertung von Martin am 26.06.2009 ***** weniger gut
Nach "Die letzte Spur" und "Das Echo der Schuld", die mir gut gefallen haben, habe ich nun auch diesen Roman gelesen und war enttäuscht. Die erste Hälfte war langweilig mit einer Hausfrau die in Selbstmitleid versinkt und einer anderen die nicht ihre Trauer verarbeiten kann. In der zweiten Hälfte kam dann etwas Spannung auf wurde aber wieder zunichte gemacht durch das unrealistische Ende. Die Bösen, die scheinbar nun vom Wahnsinn befallen waren. Sorry, aber mir hat das Buch überhaupt nicht gefallen.

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Bewertung von knickerbocker aus kirkel am 17.03.2009 ***** ausgezeichnet
Charlotte Link:Der fremde Gast

Spannend bis zum Ende,wie alle Bücher von Frau Link!Dieses Buch zeichnet sich jedoch dadurch aus,das ein Ende das der Leser sich beim "Eintauchen"in dieses fantastische Buch vorstellt,sich ganz anders darstellt.Spannend und sehr raffiniert geschrieben,wahrlich bis zum letzten Satz!Beneidenswerte Schreiberin!!

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Bewertung von Julia Friesen aus Ostfriesland am 24.08.2008 ***** ausgezeichnet
Super Buch spannend bis zu letzten Seite. Es lohnt sich!

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Bewertung von Mia aus Berlin am 13.08.2008 ***** gut
Das Buch ist ( wie man es von Charlotte Link) gewohnt ist spannend und hat verschiedene Handlungsstränge, die ineinander verflochten werden!
Am Ende wird man noch einmal überrascht, da die Wendungen kaum vorhersehbar sind!
Jedoch muss ich anmerken, dass die oft ähnliche "Basisgeschichte" von Charlotte Link, nämlich mindestens eine verzweifelte Frau, der Ursprung der Verzweiflung liegt meist in ihrer Ehe oder Partnerschaft, allmählich zu ähnlich und oft zu einfach gestrickt sind und somit ein Funken von Langeweile aufkommen lassen ebenso wie den Gedanken " Das ist ja mal wieder typisch..."

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Bewertung von Ziegler Ines aus Dresden am 26.03.2007 ***** ausgezeichnet
Mein erstes Buch von Charlotte Link. Super spannend geschrieben, tolle Handlung, war von der ersten bis zur letzten Seite begeistert, konnte es kaum aus der Hand legen. Freue mich schon auf die anderen Bücher von Frau Link, lese z.Z.von ihr "Der Verehrer".

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