Leseprobe zu "Der Eine ist stumm, der Andere ein Blinder"
Das Computerspiel "Die Siedler von Uris" war im Netz innerhalb von wenigen Wochen zu einer Sensation geworden. Die Handlung spielte in der mittelalterlichen Fantasywelt Uris, ein idyllischer Landstrich, dem augenscheinlich ein Klischee-Irland Modell gestanden hatte: saftige Wiesen über hügeligem Gebiet und schroffe Felsabhänge am rauschenden Meer.
Der Reichtum von Uris bestand aus seltenen Erzen, die tief in der Erde schlummerten. Die Aufgabe der Siedler war es, das Erz in einem verschachtelten Minennetz abzubauen, zutage zu fördern und schließlich Handel damit zu treiben. Jeder Spieler war Führer eines Siedlerclans, der möglichst schnell einen Erfolg im Erzgeschäft von Uris verbuchen mußte. Da es sich bei der Gewinnung von Erz um ein sehr personalintensives Geschäft handelte, war unabdingbar, daß der Clan die Anzahl seiner Mitglieder ständig vergrößerte, um gegen die anderen Clans konkurrenzfähig zu bleiben und sie am Ende auszustechen. Der neue Clan mußte also zwecks Steigerung der Arbeitskraft unablässig dafür sorgen, daß möglichst viele neue Menschen in die Welt gesetzt wurden. Dies wiederum bedeutete unweigerlich, daß man mit den anderen Clans zumindest biologische Allianzen schloß. Konkret hieß das: Männer und Frauen des eigenen Clans mußten mit Frauen und Männern der anderen Clans anbändeln, sich mit ihnen vermählen und mit ihnen möglichst viele Kinder zeugen.
Es war eigentlich wie im richtigen Leben: Jedes Kind, das im Land Uris das Licht der Welt erblickte, wurde von den Eltern mit Hoffnungen, Wünschen und Befürchtungen begleitet, und jedes Kind hielt im Laufe seines Erwachsenwerdens für seine Eltern eine Überraschung parat.
Die Aufzucht der Kinder kostete den Spieler viele Energiebeziehungsweise Minuspunkte, was ihn in einen regelrechten Abwägungsstreß brachte. Er mußte pausenlos ausloten, ob er die vorhandenen Leute zu mehr Arbeit antreiben oder besser Pärchen bilden und durch sie mehr Kinder in die Welt setzen sollte. Keine oder wenig Kinder zu zeugen und die eigenen Leute sich unermüdlich in den Minen abstrampeln zu lassen, bedeutete den sicheren Untergang. Die Clan-Mitglieder wurden alt, ihre Kräfte erlahmten, bis sie schließlich starben und so den Clan verkleinerten. Viele Kinder waren gut, aber sie bedeuteten zugleich mehr Nahrungsbeschaffung und Zeit- und Energieaufwand, also frustrierende Minuspunkte. Im Lande Uris steckte man immerwährend in einem Dilemma.
Zudem war der Lohn der Investition in Nachwuchs keineswegs garantiert, da die Kinder ohne weiteres als Erwachsene zur Konkurrenz überlaufen konnten. Die große Frage, für welchen Clan das einzelne Kind später seinen Minendienst verrichtete, hatten die Spiel-Erfinder verblüffend geistvoll beantwortet: Jede Figur im Land Uris besaß einen einzigartigen Charakter, und in der richtigen Zusammenfügung dieser Charaktere lag der eigentliche Schlüssel zum Erfolg des Computerspiels. Wenn der Spieler die richtigen Paare zu Eltern machte, sorgten diese durch Vererbung ihrer Charaktereigenschaften dafür, daß die entstandenen Kinder sich schon auf die Seite des eigenen Clans schlugen.
Das Ganze war eine Art Glücksspiel, nur daß ein gehöriges Maß an Vorausschau und strategischem Geschick das Glück beeinflussen konnte. Und im Gegensatz zum richtigen Leben wurden die Kinder in Uris innerhalb von zehn Minuten erwachsen und konnten dann ihre Arbeit in den Erzminen aufnehmen.
Der Suchtfaktor des Computerspiels wurde durch ominöse Gerüchte im Internet weiter angeheizt. Angeblich gab es einen todsicheren Trick, wie man sich der riskanten Strategie der Kinderproduktion hemmungslos hingeben konnte, ohne Minuspunkte einzukassieren. In der Spielanleitung war davon allerdings nichts zu finden. Vielleicht war es auch nur eine aus Überdruß geborene Spinnerei von gescheiterten Spielern. Die Schweine verrieten den Trick jedenfalls nicht und begnügten sich allein mit hämischen Andeutungen ...
Hugh klappte den Laptop auf seinem Schoß zusammen und seufzte. Das grüne Uris-Land wich einem kupferfarben schimmernden Sonnenaufgang hinter der Windschutzscheibe des Wagens, der ihn die Augen zusammenkneifen ließ. Er war schon bei Level eins herausgeflogen. Was für eine Schande! Zum Glück hatte er für dieses dämliche Spiel - und jedes Spiel, das er nicht gewann, war für ihn dämlich - nichts bezahlt, sondern hatte es sich über das Netz von einer illegalen Tauschbörse heruntergeladen. Nicht gerade die korrekte Vorgehensweise, die man sich von einem Hauptkommissar erwartete. In Wirklichkeit hieß Hugh auch nicht Hugh, sondern Hugo Hoffer. Aber er ließ sich von Freunden und Kollegen gern so nennen, weil er den Schauspieler Hugh Grant mochte, nein, mehr noch, verehrte, jedenfalls in seinen Rollen als Parade-Single. Meistens kam Kino-Hugh nach allerlei romantischen Verwicklungen am Ende des Streifens doch noch unter die Haube, doch Hugo-Hugh wußte, daß das bloß ein Zugeständnis an das weibliche Publikum war. Getreu der Pointe dieses einen Witzes: Warum schauen sich Frauen einen Porno zur Gänze an? Weil sie glauben, daß die Darsteller am Schluß heiraten!
Die Woche hätte nicht angenehmer beginnen können. Es war Mitte September, der Altweibersommer hatte begonnen, doch die Temperaturen stiegen tagsüber immer noch auf über fünfundzwanzig Grad. Hughs Dienstkarosse, ein schwarzes Mercedes-E-Klasse-Modell, stand um sieben Uhr morgens ziemlich alleine auf dem weiten, mit einem weißen Netzmuster markierten Parkplatz da. Nur wenige Wagen der Leute, die in dem alten Gebäude davor arbeiteten, leisteten ihm Gesellschaft. Bei der aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts stammenden Anlage handelte es sich um ein weinrotes Ziegelsteinmonster mit gotischen Anleihen. Endlose Reihen von Spitzbogenfenstern unterbrachen Gewölbearkaden mit Kreuzrippen und schnörkellosen runden Pfeilern. Alles dehnte sich unübersichtlich und schier endlos aus, hob und wölbte sich überall mittels Türmchen und Erkern und verlor sich übergangslos in kleinere Nebengebäude, so daß man über den eigentlichen Grundriß nur mutmaßen konnte.
Das Gebäude war von einem sich fast bis zum Horizont erstreckenden Park umgeben. Lediglich wenige Bäume und Sitzbänke störten die Schlichtheit des tadellos gepflegten englischen Rasens. Über der Endlosigkeit dieses Parks ging nun die Sonne mit allen ihr zur Verfügung stehenden Rot- und Goldtönen am wolkenlosen Himmel auf, tauchte das Gras einem Steppenbrand gleich in tiefes Glühen, und ihr immer intensiver strahlendes Licht ließ Hughs Lider sekündlich enger werden. Die Vögel legten mit ihrem Gezwitscher los; die emsigsten unter ihnen drehten bereits ihre ersten Runden in der Luft.
Nach Hughs Empfinden sah das Gebäude wie eines dieser verrotteten alten Gefängnisse aus, die heutzutage nicht einmal einem hartgesottenen ukrainischen Drogendealer zugemutet werden durften und deshalb längst abgerissen gehörten. Er wußte aber, daß es sich nicht um ein Gefängnis handelte, sondern um ein Irrenhaus. Es war als ein solches gebaut worden, damals, als allmählich das Bewußtsein dafür wuchs, daß kein geringer Anteil der Bevölkerung vollkommen irre war und daß man diese Menschen nicht einfach totschlagen konnte. Die Institution nannte sich natürlich nicht mehr Irrenhaus, sondern Therapeutisches Zentrum für irgendwas -das Schild an der Auffahrt hatte er nicht ganz gelesen -, doch er wußte auch so, daß da drin nur Zwangsjackenkandidaten hausten. Hugh mußte hin und wieder derlei Institutionen aufsuchen, sei es, um Täter, Opfer oder Zeugen zu interviewen oder deren Ärzte oder Gutachter. Solche Besuche gehörten zur Routine. Worüber er sich jetzt wirklich wunderte, war die Tatsache, daß er aus solch einer Institution zum ersten Mal einen Kollegen abholen mußte, in diesem Fall sogar seinen zukünftigen Chef. Er konnte es immer noch nicht fassen, aber einer dieser Irren da drin war ihm am Freitag, also vor drei Tagen, als Vorgesetzter zugeteilt worden!
Doch eigentlich war es ihm auch gleichgültig. So wie ihm alles gleichgültig war, was seiner steil ansteigenden Karriere nicht in die Quere kam. Manchmal verglich Hugh seinen Lebensweg mit dem so beschwingten und doch von äußerster Kraft und Konzentration durchpulsten Segelflug eines Adlers. Er war achtundzwanzig Jahre alt und hatte, wie er fand, bis jetzt alles richtig gemacht. Nach dem Studium auf der Polizeiführungsakademie ein steiler Aufstieg bis zum Hauptkommissar ohne Fehl und Tadel, und privat lief auch alles bestens. Er verfolgte seine Ziele unerbittlich, aber mit diplomatischem Geschick. Niemand konnte sich über den stets modisch gekleideten schwarzhaarigen Mann mit den dünnen, langen Koteletten und dem spitzen Unterlippenbärtchen beschweren. Sogar Mörder, die er ihrer lebenslänglichen Bestimmung zugeführt hatte, ließen später über dritte verlauten, daß sie vor seinem Charme kapituliert hätten. Ganoven wie Kollegen erwiesen ihm Respekt, vielleicht seiner ozeangrünen Augen wegen, aber wohl eher wegen seiner geschmeidigen Art. Im Grunde hatte er bis heute niemanden richtig verhaftet, sondern jedesmal zu einer Verhaftung überredet. Vom Gebrauch der Waffe ganz zu schweigen.
Hugh glaubte, daß er das einzig richtige Leben lebte, und jeder neue Tag schien ihm recht zu geben. Zum Beispiel der letzte Sonntag. Nach dem gewohnten Müsli- und Obstfrühstück hatte er während des Verdauungsspaziergangs in einer Eisdiele einen blonden Engel von Studentin kennengelernt. Studentinnen waren sein Spezialgebiet. Sie waren nicht so ordinär und gebärfreudig wie die Mädels von der proletarischen Abteilung, was nicht hieß, daß diese nicht auch ihre (schweinischen) Reize haben konnten. Und es fehlte ihnen das Hysterische und Besitzergreifende der Karrieretanten mit akademischem Grad, die sich in ihrem tiefsten Innern heimlich nach einem "modernen" Familienidyll a la IKEA-Küchenkatalog und Club-Robinson-Prospekt sehnten, wobei in diesen Impressionen der selbstredend gutverdienende Mann nach getaner Arbeit abwechselnd babywickelnd oder Antonio Banderas im Bett imitierend nur als Dekorationselement vorkam. Da blieb Hugo doch lieber Hugh und gedachte des Lieblingsspruchs seines Vaters, der in Sachen Sprachstil ein wahrer Feingeist war: am Arsch!
Die Schöne in der Eisdiele war eine Kunststudentin, und Hugh hatte nicht einmal eine Stunde gebraucht, bis sie sich in ihn verliebte. Schließlich maß er einsachtundachtzig, was für die weibliche Empfänglichkeit in Liebesdingen vielleicht nicht alles bedeutete - aber fast alles! Zudem konnte man förmlich durch seine Kleidung hindurchsehen, daß er intensiv Sport trieb. Krafttraining im Studio, Kampfsport bei den Sportleistungsnachweisen im Dienst und Ausdauersport wie Joggen und Rudern am Gerät in seiner Wohnung, wann immer es ging. Sein Körper sah schon aus wie ein verdammtes Relief. Er rauchte nicht und trank am Wochenende höchstens mal zwei Bierchen. Das alles hörte sich nach einer gesunden Lebensführung an, doch irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, daß er die ganze Plackerei nur auf sich nahm, um die Weiber ins Bett zu kriegen, und irgendwie hatte er auch manchmal den Verdacht, daß er schon stark an eine Witzfigur auf einem Umzugswagen in einer dieser inflationären Schwulenparaden erinnerte.
Wie üblich hatte er es schon am ersten Abend geschafft, mit der Kunststudentin zu schlafen. Bei Frauen weckte der Berufsstand des Polizisten nicht gerade Assoziationen an Beachboy-Abenteuer oder an Feingeister, die im Kaffeehaus an ihrem ersten Roman herumdokterten. Eher an zuschnappende Handschellen und an wildgewordene Besoffene, die einem auf die Schuhe kotzten, bevor man sie in die Ausnüchterungszelle verfrachtete. Aber Hughs nonchalante Erscheinung ließ derlei unappetitliche Bilder gar nicht erst aufkommen. Wenn einer wie er mit einem frisch aus der Reinigung gelieferten Boss-Anzug durch die Gassen spazierte, gaukelte sich die weibliche Welt schon von ganz allein vor, daß so ein gutaussehender Polizist sich eher mit James-Bond-Bösewichtern mit Monokel und seidenem Einstecktuch befaßte. Und gerade bei Kunststudentinnen konnte er exzellent punkten, indem er den großen Kunstkenner heraushängen ließ. Schließlich hatte er selbst einmal Kunst studieren wollen, bevor er sich entschlossen hatte, daß er noch vor seinem dreißigsten Geburtstag einen Porsche und eine Bang & Olufsen-Anlage sein eigen nennen wollte.
Im Bett war es gut gelaufen. Auch wie üblich. Eigentlich nichts, wofür man ein Feuerwerk abbrennen und das Halleluja aus der Matthäus-Passion hätte anstimmen müssen. Zumindest war Bruder Trieb wieder auf seine Kosten gekommen. Eine Sache jedoch überraschte und rührte Hugh stets aufs neue. Es fesselte ihn während des ersten sexuellen Beisammenseins mit einer Frau so sehr, daß es ihn schier aus dem Gleichgewicht brachte. Jedesmal gab es ihm richtiggehend einen Kick.
Bei Lichte betrachtet gab es heutzutage in der westlichen Welt zwischen Männern und Frauen in seiner Altersklasse keine Unterschiede mehr. Sogar die Medien hatten sich angepaßt. Frauen- wie Männermagazine verbreiteten ein und denselben sattsam bekannten Karrieremachen-Stumpfsinn und das identische abgeschmackte Psycho-Gedöns ("Burn-out - Wenn die Seele schlappmacht"). Und tätowiert waren inzwischen sowieso alle. Wenn überhaupt, existierten nur noch drei merkliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Erstens sahen Männer und Frauen körperlich unterschiedlich aus - eine biologische Tatsache. Zweitens kleideten sie sich anders, obwohl man inzwischen nach einer Frau mit einem Rock oder einem einfachen Kleid lange suchen mußte. Und drittens unterschieden sich Frauen und Männer in ihrer Sexualität, wobei Hugh auch dafür nicht so ohne weiteres seine Hand ins Feuer legen mochte. Alle seine weiblichen Bekanntschaften hatten die seiner männlichen Phantasie entsprungenen Sauereien immer unter Freudenjauchzern mitgemacht. Von wegen angeborene weibliche Scham!
Männer und Frauen verklebten immer mehr miteinander, wurden zu einem grauen Menschenteig, in dem lediglich auf einen Bestseller erpichte Sachbuchautoren markante Graustufen zu erkennen vermochten. Da konnten die Damen von Schuhen nicht genug bekommen, und die Herren bekamen nicht genug von der Sportschau. Doch Hugh glaubte, einen vierten Unterschied zwischen den Geschlechtern ausgemacht zu haben, den letzten, der vielleicht auch bald verschwinden würde. Der Unterschied, dessen nur Sekunden währende Sichtbarwerdung ihm immer wieder diesen Kick verpaßte. Er war schon richtig süchtig danach.
Die Kunststudentin letzte Nacht hatte ihm ebenfalls wieder jenen intensiven Kick beschert. Er wurde erzeugt durch das Zusammenspiel von Mimik und Gestik des weiblichen Gegenübers, kurz bevor die eigentliche Hauptsache stattfand, und durch etwas, was Hugh nicht wirklich auszudrücken vermochte, etwas, das die Wahrnehmung allein anhand von flüchtigen Details registrierte, eine bestimmte Art von Augenaufschlag oder das fast unmerkliche Zittern der Unterlippe oder ein spezieller Geruch oder ein unwillkürlicher leiser Laut, der sich der Kehle entrang. Es ließ sich kaum mit einem Wort beschreiben. Doch die sprachliche Annäherung an diese Verhaltensweise hätte zweifellos "devote Hingabe" geheißen. Es handelte sich um jenen magischen Moment, in dem im Kopf der Frau die Entscheidung zum Sex mit einem Fremden fiel. Dieser Moment war so spektakulär und herzergreifend wie das Bild eines starken Dammes, der dem Ansturm von Milliarden von Kubikmetern Wasser bis zum Schluß unerschütterlich standgehalten hatte, doch nun mit einem Male brach, auseinanderbarst in unzählbare Einzelstücke. Plötzlich, als sie in seiner Wohnung stand und das romantische Küssen allmählich mit seiner gierigen Grabscherei einherging, da trat der vierte Unterschied zwischen den Geschlechtern zutage. Jedenfalls aus Hughs Sicht. Sie lächelte entrückt, irgendwie traurig, geradeso, als habe man ihr eine harte Drogeninjektion verabreicht, zugleich schien sie sich klein zu machen, sich in das kleine Mädchen von einst zurückzuverwandeln, versuchte noch verzweifelte Gesten der Scheu, indem sie bei der ersten Berührung sanft nach hinten glitt, beim Küssen kurz die Augen öffnete und übertrieben theatralisch blickte und sie wieder schloß, mit ihrem ganzen Körper die Pose einer Besiegten signalisierte und sich dann schließlich endgültig hingab, ja, wirklich hingab.
Die devote Hingabe bei der ersten sexuellen Begegnung, das war der vierte Unterschied, der die Frau vom Manne trennte. So Hughs Analyse. Der Rest war für ihn Routine, freilich eine lustvolle. Aber der Kick war ihm im Lauf der Zeit fast noch wichtiger geworden als der Sex selbst. Er wußte nicht, woran das lag. Seelenklempner hätten vielleicht diagnostiziert, daß bei ihm der Jäger- und Sammlerinstinkt des Mannes besonders ausgeprägt sei oder, um es eine Nummer schlichter auszudrücken, er ein blöder Macho wäre, der sich nur noch an frischen Eroberungen zu berauschen vermochte. Hugh hielt diese Diagnose für abwegig. Schließlich empfand er die höchste Erregung eben nicht beim Sex mit einer Neueroberung, sondern in einem quasi transzendentalen Moment davor. Dieser Moment erinnerte ihn ... er hatte keine Ahnung, an was er ihn erinnerte, denn es gab keine vergleichbare Erinnerung in seinem Gedächtnis. Es gab, wenn überhaupt, eine ferne Assoziation: das Paradies.Obwohl es eine ganz nette Nacht gewesen war, würde sie für ihn so folgenlos bleiben wie die konfusen Bilder, die er manchmal in den Spätnachrichten sah, wenn er von der Arbeit heimkehrte. Während die Kunststudentin noch schlief, hatte er um fünf Uhr seine Wohnung verlassen, um noch ein Stündchen zu joggen. Vier Stunden Schlaf reichten ihm völlig aus. Er hatte ihr einen Zettel auf dem Nachtschränkchen hinterlassen, auf dem geschrieben stand: Es war wunderschön. Ich rufe dich an! Darunter hatte er ein Herzchen mit vielen kleinen Blitzen drum herum gezeichnet, welches die Intensität von "wunderschön" illustrieren sollte. Natürlich würde er eher einen Elefantenbullen erlegen und sich aus dessen Stoßzähnen einen Stuhl schnitzen, als sie je anzurufen. Obwohl er in ihrer Gegenwart mit romantisch verklärtem Blick ihre Nummer in seinem Handy gespeichert hatte. Er wußte, sie würde die ganze Woche auf seinen Anruf warten, ständig die Funktionsfähigkeit ihres Handys kontrollieren, um sicherzustellen, daß der ersehnte Anruf nicht an irgendeiner Störung scheiterte. Doch der Anruf würde nie kommen.
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