Leseprobe zu "Der Bourne Betrug / Jason Bourne Bd.5"
Die CH-47D Chinook schraubte sich mit knatternden Rotoren in den blutroten Abendhimmel hinauf. Sie erzitterte in gefährlichen Scherwinden, lag schräg in der dünnen Luft. Wolkenfetzen, von der untergehenden Sonne von hinten angestrahlt, schienen wie Rauch von einem brennenden Hubschrauber wegzuströmen.
Martin Lindros starrte gespannt aus dem Militärhubschrauber, der ihn zu den höchsten Erhebungen der Simien-Gebirgskette hinauftrug. Obwohl er nicht mehr im Einsatz gewesen war, seit der Alte ihn vor vier Jahren zum Deputy Director, zum stellvertretenden Direktor des Geheimdienstes Central Intelligence, ernannt hatte, achtete er ständig darauf, in Form zu bleiben. Drei Mal in der Woche trainierte er morgens auf dem Hindernisparcours für CI-Agenten außerhalb von Quantico. Jeden Donnerstagabend um 22 Uhr verscheuchte er die langweilige Routine, elektronische Agentenmeldungen durchsehen und Einsatzbefehle unterschreiben zu müssen, indem er eineinhalb Stunden auf dem Schießstand verbrachte und sich wieder mit allen möglichen Waffen - alten, modernen und futuristischen - vertraut machte. Selbst für Action zu sorgen trug mit dazu bei, seine Frustration darüber zu mildern, dass er keine wichtigere Rolle spielte. Das alles änderte sich jedoch schlagartig, als der Alte seinen Plan für das Unternehmen Taifun genehmigte.
Ein klagendes Heulen und Pfeifen erfüllte das Innere der für CI-Einsätze umgebauten Chinook. Anders, der Kommandeur von Scorpion One, einer Gruppe von fünf Elite-Agenten, stieß ihn an, und er wandte sich ihm zu. Aufreißende Wolken gaben den Blick auf die windumtoste Nordflanke des Ras Dejen frei. Dieser Viereinhalbtausender, der höchste Gipfel der Simien-Kette, hatte etwas ausgesprochen Bedrohliches an sich. Aber das mochte daran liegen, dass Lindros sich an die Sagen der Einheimischen erinnerte: Erzählungen von Geistern, uralt und böse, die angeblich in seinen oberen Regionen hausten.
Das Heulen des Windes wurde zu einem Kreischen, als versuche der Berg, sich von seinen Wurzeln loszureißen.
Es war Zeit.
Lindros nickte, stand auf und ging nach vorn, wo der Pilot sicher auf seinem Sitz angeschnallt saß. Der stellvertretende Direktor war Ende dreißig, ein großer, aschblonder Absolvent der Brown University, den die CI schon angeworben hatte, als er noch an der Georgetown University in Politikwissenschaft promovierte. Er war blitzgescheit und ein so diensteifriger General, wie der Alte - der Director of Intelligence (DCI)- sich immer wünschte.
Jetzt beugte Lindros sich tief hinunter, damit der Pilot ihn trotz des Triebwerklärms verstehen konnte, und nannte ihm die Zielkoordinaten, die er aus Sicherheitsgründen bis zu diesem Augenblick geheim gehalten hatte.
Er war jetzt seit etwas über drei Wochen im Einsatz. In dieser Zeit hatte er zwei Männer verloren. Ein schrecklich hoher Preis, fand er. Annehmbare Verluste, würde der Alte sagen, und er selbst musste sich wieder daran gewöhnen, so zu denken, wenn er bei Außeneinsätzen erfolgreich sein wollte. Aber welchen Preis hatte ein Menschenleben? Das war eine Frage, über die Jason Bourne und er schon oft diskutiert hatten, ohne jemals eine akzeptable Antwort zu finden. Nach
Lindros' innerster Überzeugung gab es Fragen, für die keine akzeptablen Antworten existierten.
Waren jedoch Agenten im Einsatz, sah die Sache völlig anders aus. "Annehmbare Verluste" mussten hingenommen werden. Daran führte kein Weg vorbei. Deshalb war der Tod dieser beiden Männer annehmbar, weil sie im Rahmen seines Auftrags den Nachweis geführt hatten, dass die Meldung zutraf, irgendwo am Horn von Afrika sei einer Terrororganisation eine Kiste mit Löschfunkenstrecken in die Hände gefallen. LFS waren kleine, für höchste Stromstärken ausgelegte Schalter, mit denen Hochspannungen ein- und ausgeschaltet wurden: als Hightech-Überspannschutz für elektronische Bauteile wie Mikrowellenröhren und medizinische Diagnosegeräte. Sie dienten auch dazu, Atomsprengkörper zu zünden.
Von Kapstadt aus war Lindros einer Fährte gefolgt, die sich von Botsuana aus nach Sambia, durch Uganda und zuletzt nach Ambikwa geschlängelt hatte: einem kleinen Bauerndorf - nicht mehr als eine Handvoll Häuser, eine Kirche und eine Kneipe - zwischen Almwiesen am Fuß des Ras Dejen. Dort hatte er eine LFS an sich bringen können, die er sofort per Kurier dem Alten geschickt hatte.
Aber anschließend hatte sich etwas ereignet, etwas Außergewöhnliches, etwas Erschreckendes. In der heruntergekommenen Bar mit ihrem Boden aus Mist und getrocknetem Blut hatte er Gerüchte gehört, dass die Terrororganisation mehr als nur LFS aus Äthiopien verschiffe. Traf dies wirklich zu, konnte es nicht nur für Amerika, sondern für die ganze Welt schreckliche Folgen haben, weil die Terroristen die Mittel besäßen, um die Welt in einen Albtraum zu stürzen.
Sieben Minuten später setzte die Chinook im Auge eines von ihr erzeugten Sandsturms auf. Das kleine Hochplateau wirkte gänzlich verlassen. Nicht weit vor dem Hubschrauber stand eine alte Natursteinmauer - mit einem Zugang, so behaupteten hiesige Sagen, zu dem Schlupfwinkel furchterregender Dämonen, die dort hausten. Tatsächlich, das wusste Lindros, lag hinter der Lücke in der verfallenen Mauer der Einstieg zu der fast senkrechten Kletterroute durch die Steilwände, die den Ras Dejen nahezu unbezwingbar machten.
Lindros und die Männer von Scorpion One sprangen geduckt aus der Maschine. Der Pilot blieb in seinem Sitz und ließ die Triebwerke laufen, damit die riesigen Rotoren sich weiterdrehten. Die Männer trugen Schutzbrillen, die ihre Augen vor dem Staub und dem Hagel aus kleinen Steinen schützten, die der große Hubschrauber aufwirbelte, winzige Mikrofone für ihre Funkgeräte und Ohrstöpsel, die eine Kommunikation über den Triebwerks- und Rotorenlärm hinweg ermöglichten. Jeder war mit einem leichten Sturmgewehr XM8 mit der mörderisch hohen Schussfolge von 750 Schuss in der Minute bewaffnet.
Lindros führte die Gruppe über das felsigraue Hochplateau. Gegenüber der Steinmauer ragte eine steile Felswand auf, in der sich der schwarze, gähnende Eingang einer Höhle abzeichnete. Alles andere war graubraun, ockergelb, stumpfrot - die wüste Landschaft eines anderen Planeten, der Weg zur Hölle.
Anders setzte seine Männer nach dem Standardschema ein, schickte sie erst los, damit sie mögliche Verstecke überprüften, und ließ sie anschließend einen Verteidigungsring bilden. Zwei von ihnen verschwanden durch die Lücke in der Steinmauer, um ihre Rückseite zu kontrollieren. Die beiden anderen bekamen die Höhle zugewiesen: Einer hielt neben dem Eingang Wache, der andere überzeugte sich davon, dass in ihrem Inneren niemand lauerte.
Der Fallwind von der Felsbarriere über ihnen pfiff über den kahlen Boden, drang durch ihre Kampfanzüge. Wo das Plateau nicht steil abfiel, ragte der Ras Dejen über ihnen auf: bedrohlich, muskulös, sein kahler Schädel wirkte in der dünnen Luft größer. Lindros blieb vor den Überresten eines Lagerfeuers stehen, konzentrierte seine gesamte Aufmerksamkeit darauf.
Leseprobe zu "Der Bourne Betrug / Jason Bourne Bd.5"
Die CH-47D Chinook schraubte sich mit knatternden Rotoren in den blutroten Abendhimmel hinauf. Sie erzitterte in gefährlichen Scherwinden, lag schräg in der dünnen Luft. Wolkenfetzen, von der untergehenden Sonne von hinten angestrahlt, schienen wie Rauch von einem brennenden Hubschrauber wegzuströmen.
Martin Lindros starrte gespannt aus dem Militärhubschrauber, der ihn zu den höchsten Erhebungen der Simien-Gebirgskette hinauftrug. Obwohl er nicht mehr im Einsatz gewesen war, seit der Alte ihn vor vier Jahren zum Deputy Director, zum stellvertretenden Direktor des Geheimdienstes Central Intelligence, ernannt hatte, achtete er ständig darauf, in Form zu bleiben. Drei Mal in der Woche trainierte er morgens auf dem Hindernisparcours für CI-Agenten außerhalb von Quantico. Jeden Donnerstagabend um 22 Uhr verscheuchte er die langweilige Routine, elektronische Agentenmeldungen durchsehen und Einsatzbefehle unterschreiben zu müssen, indem er eineinhalb Stunden auf dem Schießstand verbrachte und sich wieder mit allen möglichen Waffen - alten, modernen und futuristischen - vertraut machte. Selbst für Action zu sorgen trug mit dazu bei, seine Frustration darüber zu mildern, dass er keine wichtigere Rolle spielte. Das alles änderte sich jedoch schlagartig, als der Alte seinen Plan für das Unternehmen Taifun genehmigte.
Ein klagendes Heulen und Pfeifen erfüllte das Innere der für CI-Einsätze umgebauten Chinook. Anders, der Kommandeur von Scorpion One, einer Gruppe von fünf Elite-Agenten, stieß ihn an, und er wandte sich ihm zu. Aufreißende Wolken gaben den Blick auf die windumtoste Nordflanke des Ras Dejen frei. Dieser Viereinhalbtausender, der höchste Gipfel der Simien-Kette, hatte etwas ausgesprochen Bedrohliches an sich. Aber das mochte daran liegen, dass Lindros sich an die Sagen der Einheimischen erinnerte: Erzählungen von Geistern, uralt und böse, die angeblich in seinen oberen Regionen hausten.
Das Heulen des Windes wurde zu einem Kreischen, als versuche der Berg, sich von seinen Wurzeln loszureißen.
Es war Zeit.
Lindros nickte, stand auf und ging nach vorn, wo der Pilot sicher auf seinem Sitz angeschnallt saß. Der stellvertretende Direktor war Ende dreißig, ein großer, aschblonder Absolvent der Brown University, den die CI schon angeworben hatte, als er noch an der Georgetown University in Politikwissenschaft promovierte. Er war blitzgescheit und ein so diensteifriger General, wie der Alte - der Director of Intelligence (DCI)- sich immer wünschte.
Jetzt beugte Lindros sich tief hinunter, damit der Pilot ihn trotz des Triebwerklärms verstehen konnte, und nannte ihm die Zielkoordinaten, die er aus Sicherheitsgründen bis zu diesem Augenblick geheim gehalten hatte.
Er war jetzt seit etwas über drei Wochen im Einsatz. In dieser Zeit hatte er zwei Männer verloren. Ein schrecklich hoher Preis, fand er. Annehmbare Verluste, würde der Alte sagen, und er selbst musste sich wieder daran gewöhnen, so zu denken, wenn er bei Außeneinsätzen erfolgreich sein wollte. Aber welchen Preis hatte ein Menschenleben? Das war eine Frage, über die Jason Bourne und er schon oft diskutiert hatten, ohne jemals eine akzeptable Antwort zu finden. Nach
Lindros' innerster Überzeugung gab es Fragen, für die keine akzeptablen Antworten existierten.
Waren jedoch Agenten im Einsatz, sah die Sache völlig anders aus. "Annehmbare Verluste" mussten hingenommen werden. Daran führte kein Weg vorbei. Deshalb war der Tod dieser beiden Männer annehmbar, weil sie im Rahmen seines Auftrags den Nachweis geführt hatten, dass die Meldung zutraf, irgendwo am Horn von Afrika sei einer Terrororganisation eine Kiste mit Löschfunkenstrecken in die Hände gefallen. LFS waren kleine, für höchste Stromstärken ausgelegte Schalter, mit denen Hochspannungen ein- und ausgeschaltet wurden: als Hightech-Überspannschutz für elektronische Bauteile wie Mikrowellenröhren und medizinische Diagnosegeräte. Sie dienten auch dazu, Atomsprengkörper zu zünden.
Von Kapstadt aus war Lindros einer Fährte gefolgt, die sich von Botsuana aus nach Sambia, durch Uganda und zuletzt nach Ambikwa geschlängelt hatte: einem kleinen Bauerndorf - nicht mehr als eine Handvoll Häuser, eine Kirche und eine Kneipe - zwischen Almwiesen am Fuß des Ras Dejen. Dort hatte er eine LFS an sich bringen können, die er sofort per Kurier dem Alten geschickt hatte.
Aber anschließend hatte sich etwas ereignet, etwas Außergewöhnliches, etwas Erschreckendes. In der heruntergekommenen Bar mit ihrem Boden aus Mist und getrocknetem Blut hatte er Gerüchte gehört, dass die Terrororganisation mehr als nur LFS aus Äthiopien verschiffe. Traf dies wirklich zu, konnte es nicht nur für Amerika, sondern für die ganze Welt schreckliche Folgen haben, weil die Terroristen die Mittel besäßen, um die Welt in einen Albtraum zu stürzen.
Sieben Minuten später setzte die Chinook im Auge eines von ihr erzeugten Sandsturms auf. Das kleine Hochplateau wirkte gänzlich verlassen. Nicht weit vor dem Hubschrauber stand eine alte Natursteinmauer - mit einem Zugang, so behaupteten hiesige Sagen, zu dem Schlupfwinkel furchterregender Dämonen, die dort hausten. Tatsächlich, das wusste Lindros, lag hinter der Lücke in der verfallenen Mauer der Einstieg zu der fast senkrechten Kletterroute durch die Steilwände, die den Ras Dejen nahezu unbezwingbar machten.
Lindros und die Männer von Scorpion One sprangen geduckt aus der Maschine. Der Pilot blieb in seinem Sitz und ließ die Triebwerke laufen, damit die riesigen Rotoren sich weiterdrehten. Die Männer trugen Schutzbrillen, die ihre Augen vor dem Staub und dem Hagel aus kleinen Steinen schützten, die der große Hubschrauber aufwirbelte, winzige Mikrofone für ihre Funkgeräte und Ohrstöpsel, die eine Kommunikation über den Triebwerks- und Rotorenlärm hinweg ermöglichten. Jeder war mit einem leichten Sturmgewehr XM8 mit der mörderisch hohen Schussfolge von 750 Schuss in der Minute bewaffnet.
Lindros führte die Gruppe über das felsigraue Hochplateau. Gegenüber der Steinmauer ragte eine steile Felswand auf, in der sich der schwarze, gähnende Eingang einer Höhle abzeichnete. Alles andere war graubraun, ockergelb, stumpfrot - die wüste Landschaft eines anderen Planeten, der Weg zur Hölle.
Anders setzte seine Männer nach dem Standardschema ein, schickte sie erst los, damit sie mögliche Verstecke überprüften, und ließ sie anschließend einen Verteidigungsring bilden. Zwei von ihnen verschwanden durch die Lücke in der Steinmauer, um ihre Rückseite zu kontrollieren. Die beiden anderen bekamen die Höhle zugewiesen: Einer hielt neben dem Eingang Wache, der andere überzeugte sich davon, dass in ihrem Inneren niemand lauerte.
Der Fallwind von der Felsbarriere über ihnen pfiff über den kahlen Boden, drang durch ihre Kampfanzüge. Wo das Plateau nicht steil abfiel, ragte der Ras Dejen über ihnen auf: bedrohlich, muskulös, sein kahler Schädel wirkte in der dünnen Luft größer. Lindros blieb vor den Überresten eines Lagerfeuers stehen, konzentrierte seine gesamte Aufmerksamkeit darauf.