Der Blick aus meinem Fenster - Pamuk, Orhan

Orhan Pamuk 

Der Blick aus meinem Fenster

Betrachtungen

Übersetzung: Cornelus Bischoff, Ingrid Iren, Gerhard Meier u. a.
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Der Blick aus meinem Fenster

Ob der abbröckelnde Putz Istanbuler Häuser oder die türkische Flagge, ob sein Vater oder das Furchterregende an Dostojewskijs Dämonen - bei Orhan Pamuk wird alles zu einem komplexen Universum. Pamuk beobachtet kühl und erzählt bewegend. Autobiographisches, Erzählendes, Politik, Kunst und Literatur: seine Essays sind die Summe unterschiedlicher und widersprüchlicher Erfahrungen - ein unerhörter Glücksfall.


Produktinformation

  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • 2008
  • 2. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 255 S.
  • Seitenzahl: 255
  • Fischer Taschenbücher Bd.17763
  • Deutsch
  • Abmessung: 189mm x 125mm x 19mm
  • Gewicht: 263g
  • ISBN-13: 9783596177639
  • ISBN-10: 3596177634
  • Best.Nr.: 23320514
"Orhan Pamuk nimmt bedingungslos Anteil am Schicksal von Menschen, gleichgültig aus welchem Land sie kommen oder welcher Gesellschaftsschicht sie angehören ..." (Neue Zürcher Zeitung)

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Mit großem Gewinn hat Rezensent Rolf-Bernhard Essig die 31 Texte dieses Bandes gelesen. Er zeigt sich sowohl von Blick und Unabhängigkeit dieses Autors beeindruckt, wie auch von der Art, wie in diesen Betrachtungen Kunst und Kritik, Leben und Literatur miteinander verschmelzen. Der Rezensent fühlt sich durch die Türkei-Texte des Bandes sehr nachhaltig in türkische Mentalitäten eingeführt. Die "verehrungsvoll-kenntnisreichen" Essays Pamuks über europäische Schriftstellerkollegen beschämen den "abgeklärten" Rezensenten gelegentlich mit einem "emphatischen Literaturbegriff". Aber auch Texte wie die Friedenspreisrede oder ein "Zwischenruf zum 11. September", die für einen speziellen Anlass geschrieben sind, zeichnen sich für ihn durch eine Eindringlichkeit aus, die sie aus seiner Sicht vor einem schnellen Überschreiten des Verfallsdatums nachhaltig schützt.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Orhan Pamuk nimmt bedingungslos Anteil am Schicksal von Menschen, gleichgültig aus welchem Land sie kommen oder welcher Gesellschaftsschicht sie angehören, und interessiert sich für das Werden und Vergehen von Städten, Kulturen und Systemen - und das unerbittliche Fortschreiten von Zeit." Monika Carbe, Neue Zürcher Zeitung, 04.04.06 "Pamuk unterstreicht mit dieser Geschichte sein eigentliches Talent: Gegen die immer tiefer klaffenden religiösen Gräben, gegen das anschwellende Krakeelen selbst ernannter Kulturkämpfer fordert der Weltliteraturbürger die Wiederentdeckung des Subjekts und die erneute Einsetzung des Menschen in sein Menschenrecht ... So ist das Buch mit seinen vielfältigen Mementos und Erzählungen eine Liebeserklärung an eine besondere Stadt." Ralf Hanselle, Der Standard, 11.03.06

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.06.2006

Das Beben und die Bücher
Orhan Pamuks Essaysammlung „Der Blick aus meinem Fenster”
Wenn Orhan Pamuk aus dem Fenster schaut, fällt sein Blick auf die zwei Minarette der Cihangir-Moschee. Seit 1559 stehen sie da, auf der Kuppe eines Hügels auf einer kleinen Insel im Bosporus, doch wer sie für ein „Denkmal der Kontinuität” hält, der täuscht sich. „Früher”, schreibt Pamuk, „wäre ich nie auf den Gedanken gekommen, das Minarett, das genau meinem Schreibtisch gegenüber hoch aufragt, könnte eines Tages auf mich niederstürzen.”
Früher, das war vor dem verheerenden Erdbeben des Jahres 1999, bei dem im Großraum Istanbul 30 000 Menschen ums Leben kamen. Mit seinem Nachbarn, einem Bauingenieur, steht Pamuk nach dem zweiten großen Beben auf seinem Balkon und unterhält sich über den zu erwartenden Fallwinkel des Minaretts. „Es kann nicht auf uns herabstürzen”, sagt der Nachbar. „Höchstwahrscheinlich stürzen wir auf das Minarett!” Das ist Galgenhumor im Angesicht einer seismischen und baulichen Situation, die prekärer nicht sein könnte. Zweimal schon, so ergeben Pamuks Nachforschungen, ist die Cihangir-Moschee infolge von Erdbeben und …

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Orhan Pamuk, geb. 1952 in Istanbul, studierte Architektur und Journalismus und lebte mehrere Jahre in New York. Für seine Romane erhielt er 1990 den Independent Foreign Fiction Award, 1991 den Prix de la découverte européenne, 2003 der International IMPAC Dublin Literary Award, 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und in demselben Jahr den Ricarda-Huch-Preis, 2006 den Nobelpreis für Literatur und 2007 die Ehrendoktorwürde der FU Berlin als 'Ausnahmeerscheinung der Weltliteratur'.

Blick ins Buch "Der Blick aus meinem Fenster"


Leseprobe zu "Der Blick aus meinem Fenster" von Orhan Pamuk

Durch die Bemühungen der hinter mir tätigen "Flüstermaschine", des Krämers, der sich vom Aufseher zum Vermittler entwickelte, und mit der Hilfe echter Makler habe ich in jener Umgebung noch viel, viel mehr, wahrscheinlich Hunderte von alten Wohnungen begutachtet, zum Beispiel in einer von Kurden aus Tunceli bewohnten Straße, in dem von rumänischen Zigeunern bewohnten Viertel in Galata, wo die Frauen und Kinder auf den Eingangsstufen der Gebäude sitzen und alles Kommen und Gehen beobachten, oder auch an einer abschüssigen Straße, wo die älteren Frauen gelangweilt aus dem Fenster hingen und herunterriefen: "Soll er doch kommen und sich auch unser Haus einmal ansehen!"
Was ich zu sehen bekam, waren halbzerstörte Küchen, mittendurch geteilte Salons, gänzlich abgetretene Treppenstufen, Zimmer mit Holzböden, deren Bruchstellen von Teppichen verdeckt waren, alte Wohnräume mit reichem Decken- und Wandschmuck, die man als Depot, Werkstatt, Lokal oder Lampenschirmgeschäft benutzte, herrenlose Gebäude, die wegen Eigentumsstreitigkeiten oder weil die Besitzer ausgewandert waren, verlassen worden waren und nun langsam verrotteten, Zimmer, wo aus allen Winkeln kleine Kinder hervorquollen wie aus vollgestopften Schränken, kühle Erdgeschoßwohnungen voller Modergeruch, Kellerräume mit sorgfältig aufgestapelten Holzstücken, Eisenteilen und anderem Kram, ein Sammelsurium, das in den Gassen, aus Mülltonnen oder unter irgendwelchen Bäumen aufgelesen worden war, Treppen, deren Stufen alle unterschiedlich hoch waren, tropfende Zimmerdecken, nach Schimmel riechende feuchte Wände, dunkle Treppenhäuser, in denen weder der Fahrstuhl noch die Beleuchtung funktionierte, und Frauen mit Kopftüchern, die mich in den Aufgängen durch den Türspalt musterten, Leute, die im Bett lagen, Balkone voll trocknender Wäsche, Mauern mit der Aufschrift: "Hier keinen Müll abladen!", spielende Kinder in den Höfen und in den Schlafzimmern riesige, platzraubende Schränke, die sich alle mehr oder weniger glichen.
Hätte ich nicht so viele Häuser hintereinander aufgesucht, wäre es mir wohl kaum möglich gewesen, so klar zu erkennen, womit sich die Menschen in ihren Behausungen am meisten befassen: Sie strecken sich auf einem Diwan, einem Sessel, einer Polsterbank, einem Sofa oder einem Bett aus und dösen; und sie schauen zu jeder Tageszeit fern. Diese beiden Tätigkeiten werden meistens ergänzt durch den Konsum von Tee und Zigaretten gleichzeitig ausgeführt. Und auf keine andere Art und Weise hätte ich erkennen können, welch unnötig großer Anteil dieser relativ wertvollen Stadtgrundstücke den Treppen vorbehalten blieb. Nachdem ich gesehen hatte, wieviel Raum die Treppen in diesen Gebäuden mit einer Breite von nur fünf oder sechs Metern und einer kaum nennenswerten Tiefe einnahmen, schloß ich meine Augen, vergaß sämtliche Fronten, Gebäude und Straßen der Stadt, versuchte nur, mir Hunderttausende von Treppen und sogenannten Treppenschächten vorzustellen, und begriff, daß in Istanbul der zerstückelten Immobilien wegen ein heimlicher Wald von Treppen entstanden war.
Was aber am Ende dieser Expeditionen meine Phantasie am meisten erregte, war die auf erstaunliche Weise andersartige Nutzung dieser bei aller Stattlichkeit eigentlich bescheidenen und kleinen Gebäude, die vor hundert Jahren unter ganz anderen Vorstellungen und Erwartungen von armenischen Architekten und ihren Gehilfen für die griechische und levantinische Bevölkerung Istanbuls entworfen worden waren. Während meiner Ausbildung zum Architekten habe ich gelernt, daß ein Gebäude den Ideen von Architekt und Auftraggeber entsprechend gestaltet wird. Als die griechische, armenische und levantinische Bevölkerung, die sich zuerst in den Häusern niedergelassen hatte, im 20. Jahrhundert gezwungen war, jene Bezirke Istanbuls zu verlassen und abzuwandern, wurde das Vorstellungsvermögen derer, die nach ihnen kamen, bestimmend für das restliche Dasein der Gebäude. Ic

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