Leseprobe zu "Der beste Fehler meines Lebens" von Jill Shalvis
3 (S. 30-31)
Mia spazierte ziellos durch ihr stilles, friedliches, wunderbares Haus. Wie sehr sie die großen Räume liebte, das Wohnzimmer mit dem Blick auf die Hügel vor dem riesigen Fenster, die supermoderne Küche, alles sorgfältig und sparsam und von höchster Qualität eingerichtet und vom wöchentlichen Putzdienst makellos in Ordnung gehalten. Kein Gedränge im Flur, keine billige Trockenbauweise, kein hängen gebliebener Fettgeruch, keine Teppiche mit Brandflecken von Zigaretten.
Und natürlich keine Spur von Rüschen und Spitze. Dann betrat sie ihr riesiges, ganz in Brauntönen gehaltenes Schlafzimmer mit dem großen Bett und der Kommode aus Mahagoni, die sie sich als ersten Luxus geleistet hatte. Sie nahm den Slip und den Büstenhalter aus der Rocktasche und legte sie auf die Decke. Dann streifte sie den Rock und das Top ab und verdrängte die Erinnerung daran, wie Kevin das getan hatte, nur viel sinnlicher und erregender als jetzt. Sie lachte auf.
Selbst sie musste zugeben, dass bei seinem Talent im Bett alles ein bisschen unverständlich war. Verdammt. Sie warf einen Blick in den Spiegel über der Kommode. Im Gegensatz zu ihrer Mutter und Sugar war sie nicht blond und attraktiv, sondern brünett und durchschnittlich: durchschnittliche Größe, durchschnittliches Gewicht, durchschnittliche Figur, durchschnittlicher Teint - und sie hatte sich stets eingeredet, damit überhaupt keine Probleme zu haben. Wenn sie bei der Arbeit einen neuen Auftrag bekam oder sich mit einem Mann traf, wusste sie, dass es dabei um ihren Verstand und ihre Begabung ging, nicht um ihr Aussehen.
Doch heute Morgen hatte sie leicht rosige Wangen. Es wurde oft unterschätzt, wie gesund und wohltuend Sex war. Außerdem hatte sie Bartkratzer an einer Brust, der Hüfte, an der Innenseite eines Schenkels … Kriegsmale, dachte sie, und musste unfreiwillig lächeln. Yeah, Kevin McKnight hatte sie zumindest letzte Nacht schön gefunden. Daran bestand überhaupt kein Zweifel. Diese Erkenntnis hatte eine bessere Wirkung auf sie als ein Tag in einem Wellnesscenter.
Nun duschte sie und kleidete sich extra sorgfältig in Michael Kors an: ein Seidenkamisol, den Blazer und einen weiten Rock. Das war ihre ganz persönliche Rüstung, eine Barriere zwischen sich und sämtlichen Ablenkungen, die ihr heute begegnen mochten. Und als sie zum Schluss in die Jimmy Choos mit Keilsohle schlüpfte, sah sie cool und erfolgreich aus. Unberührbar. Aber letzte Nacht hast du dich sehr wohl berühren lassen. Und heute Morgen auch.
Damit hatte ihre Rüstung die erste Schwachstelle bekommen, aber sie verdrängte es sofort. Ihr neuer Nachbar, sein attraktiver Körper und seine Fähigkeit, mit Worten ebenso rasch und gezielt umzugehen wie sie, waren keinen weiteren Gedanken wert. Mia verließ das Haus und bestieg ihren Audi, den sie sich zum letzten Geburtstag gekauft hatte, den dritten mit einer Null. Sie war ein zähes Mädchen, aber nicht kompromisslos genug, um nicht rasch einen Blick die Straße entlangzuwerfen, wo sie vor nur zwei Tagen den ersten Blick auf das attraktivste Motorrad geworfen hatte, das ihr je unter die Augen gekommen war. Ganz zu schweigen von der Person, die darauf saß.
Yeah, er hatte den Helm abgenommen und sie direkt angesehen: Augen, die Probleme bedeuteten, aber mit einem Funkeln, das Spaß zu versprechen schien. Und als er abgestiegen war und sich zu voller Höhe aufgerichtet hatte, konnte Mia bloß noch Wow! denken: Er war groß, dunkelhaarig und völlig arrogant. Genau so, wie sie Männer liebte. Er hatte sie angelächelt. Und in seinen Augen hatte es vor anzüglichen Gedanken nur so geflimmert.
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