"Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände
schreiben, wo es nur Wände gibt - ich habe Buchstaben, um auch
Blinde sehend zu machen ..." Nietzsches Auseinandersetzung mit
der Religion und seine polemisch vorgetragene Kritik am Christentum
mündet schließlich in eine Kritik an seiner Zeit. Der Antichrist
ist eines von Nietzsches Spätwerken, welches (in wenigen Wochen)
1888 niedergeschrieben wurde. Dieses an sich kleine Büchlein
beinhaltet unglaublich viel. Es verlangt dem Leser allerdings auch
Einiges ab und sei es nur mit der Kraft der Polemik Nietzsches
umzugehen. Man kann den Antichristen auf viele Weisen lesen, man
kann vieles überlesen, daher erfordert das Buch auch große
Wachsamkeit. Es ist unglaublich anregend, man kann vieles über sich
selbst lernen, über das Christentum und die Kirche. Nietzsche
selbst wuchs als Pfarrerssohn auf und sollte eigentlich die
theologischen Gewänder seines Vaters ausfüllen, der sehr früh
verstarb. Daher erlebt man auch den ernsthaften Versuch einer
Kritik an den Religionen. Große Theologen haben das Buch als
hilfreich verstanden und dankbar angenommen, was sicher nicht die
schlechteste Art ist mit dieser Schrift umzugehen. Bewundernswert
ist, neben dem kritischen Geiste, auch die sprachliche Brillanz,
die man in Nietzsches Schriften fi nden kann. Ist der Leser
kritisch genug und Liebhaber wundervoller Sprache, so wird er durch
dieses Büchlein auf beeindruckende Weise bereichert.
Friedrich Nietzsche (1844-1900) stammte aus einer evangelischen Pfarrersfamilie, besuchte die renommierte Landesschule in Pforta bei Naumburg, studierte in Bonn und Leipzig und wurde mit 25 Jahren Professor der klassischen Philologie in Basel. Er war ein genialer Denker, Meister der Sprache und begabter Musiker und Komponist. Sein Leben war bestimmt von problematischen Beziehungen, etwa zu Richard Wagner oder Lou Andreas-Salomé, und endete in der bedrückenden Einsamkeit des Wahnsinns.