Denn verschwiegen ist die Nacht - Kellerman, Faye

Faye Kellerman 

Denn verschwiegen ist die Nacht

Roman. Aus d. Amerikan. v. Antje Althans

Übersetzer: Althans, Antje
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Produktbeschreibung zu Denn verschwiegen ist die Nacht

Detective Romulus Poe von der Polizei in Las Vegas wollte nur einen einfachen Mord aufklären. Doch die Beweise führen zu einem seit 25 Jahren offenen Fall. Bald geschieht ein zweiter Mord. Jetzt verfolgt Romulus Poe einen ganz außergewöhnlichen Serienmörder, dessen Spuren sich irgendwo in der Wüste Nevadas verlieren ...

Sie war vielleicht einmal eine Schönheit. Jetzt liegt der verstümmelte Körper des Showgirls irgendwo in der Nähe von Las Vegas in der Wüste. Es war ein äußerst brutaler Mord, der selbst einen langjährigen Polizisten wie Detective Sergeant RomulusPoe erschreckt, der die Schattenseiten der glitzernden Neonwelt von Las Vegas nur allzu gut kennt. Noch erschreckender aber ist die Tatsache, dass die ersten Hinweise zu einem anderen, ungelösten Fall führen, der 25 Jahre zurückliegt: Der Verdächtige damals tötete sich selbst. Zusammen mit seinem Team, dem lebenslustigen Detective Steve Jensen, der Polizeianfängerin Patricia Deluca und der medizinischen Pathologin Rukmani Kali ermittelt Poe in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Bald geschieht noch ein Mord und plötzlich wird aus der Suche nach dem Mörder eine große Fahndung nach einem seit Jahrzehnten aktiven Serienkiller. Die Spur führt in die Wüste: zu den alten Atombomben-Testgebieten, in eine kleine verlassene Stadt, zu den Navajo-Indianern und zu einer guten alten Freundin Poes ...

Produktinformation


  • Verlag: Btb
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 541 S.
  • Seitenzahl: 544
  • btb Bd.72559
  • Deutsch
  • Abmessung: 191mm x 119mm x 40mm
  • Gewicht: 460g
  • ISBN-13: 9783442725595
  • ISBN-10: 3442725593
  • Best.Nr.: 09866180
"Mit diesem Thriller ist F. Kellerman das große Risiko eingegangen, ihre alten Fans zu vergraueln - doch sie siegt auf jeder Seite!" Washington Post

"Krimis zu lesen hat immer was von einem tollen Abenteuerurlaub - und Faye Kellerman ist eine erstklassiger Reiseleiterin!"
Bevor Faye Kellerman als Schriftstellerin mit ihren Kriminalromanen international und auch in Deutschland riesige Erfolge feierte, war sie Zahnärztin mit einer besonderen Liebe zur Musik. Sie lebt zusammen mit ihren Kindern und ihrem Mann, dem Psychologen und Bestsellerautor Jonathan Kellerman, in Los Angeles.

Leseprobe zu "Denn verschwiegen ist die Nacht" von Faye Kellerman

Er ignorierte die leichten Vibrationen unter seinem Kissen, da es einfach sehr gemütlich war. Warm und befriedigt atmete er tief den sinnlichen Moschusgeruch von Sex. Nur schwer öffnete Jensen ein widerspenstiges Lid; das stroboskopische Neonlicht vom Strip attackierte seine Augen. Draußen ächzten die Winde und rissen alles um, was ihnen im Weg stand. Sandkörner prasselten gegen das Fenster, als er flüchtig nach draußen sah: eine Palette unnatürlich greller Farben.

Er blickte von der Glasscheibe weg, zurück auf das Bett. Neben ihm schlief Gretchen, jung und geschmeidig, die Spalte ihres kleinen, runden Hinterns von Schweißperlen gesäumt. Er wollte ein Stück davon abbeißen. Sein Atem wurde schwer, deutlich hörbar.

Dann ertönte sein Piepser wieder.

Jensen fluchte vor sich hin, hob dann resigniert den Kopf vom Kissen. Ihm war nie bewusst gewesen, wie viel ein Schädel wiegen konnte. Er stützte die Handflächen auf die Matratze und hievte seinen riesigen Körper hoch, bis er saß. Er versuchte, im Dunkeln die Nummer zu erkennen, gab es aber schnell auf und knipste das Licht an.

"Hm", knurrte sie. "Schalt es aus."

"Sofort."

"Wie viel Uhr ist es?"

Jensens Herz machte einen Satz, als er die Nummer las. Roms Handy. Wie lange hatte er ihn schon angepiepst?

"Wie viel Uhr -"

"Halb zwei", schnauzte er.

"Halb zwei?" Jetzt fing sie an zu quengeln. "Komm schon, Baby. Bebe sagt, wir haben das Zimmer bis um drei. Mach das Licht aus."

Jensen hatte schon die Hose an. "Ich muss gehen."

"Aber draußen ist es so scheußlich."

"Scheußlich" war eine Untertreibung. Der Wind wirbelte Staub und Sand auf. Jensen schlüpfte in Hemd und Socken und band seine Schuhe, Größe 44, zu, wählte die Außenleitung des Hotels an und tippte Roms Nummer ein. Atmosphärische Störungen wie bei einem Gewitter. Trotzdem konnte er ein knappes "Poe" verstehen.

"Hier ist Steve."

"Ich geh erst mal ins Auto. Wenn die Verbindung abbricht, rufen Sie mich noch mal an."

Die Leitung brach nicht zusammen, obwohl aus dem Hörer ein Rauschen kam wie bei einer Flutwelle. Jensen band sich seine Krawatte, streichelte dann Gretchens Hintern. Sie schnurrte, drehte sich auf die Seite und gab ein kleines Schnarchgeräusch von sich. Sei's drum. Sinnlos, etwas anzufangen, das man nicht zu Ende bringen konnte. Er hörte, wie die Autotür zuknallte und die Böen nachließen. "Was ist los?"

"Haben Sie Ihren Piepser ausgeschaltet, Stephen?"

"Wieso? Wie oft haben Sie mich denn schon angepiept?"

"Sechs Mal."

Jensen wusste, dass Poe übertrieb. "Muss es im Schlaf nicht gehört haben."

Das war nicht völlig erstunken und erlogen, aber Poe würde es ihm nicht abnehmen. "Ich hätte es fast aufgegeben und Sie zu Hause angerufen."

Jensens Herz fing an zu hämmern. Ausnahmsweise einmal machte er eine Pause, bevor er sprach. Rom hatte "fast" gesagt.

Als wenn Alison es nicht wüsste. Aber sie spielte lieber die Ahnungslose. Nach fünfzehn Jahren Ehe wurde er immer noch nicht ganz schlau aus ihr. In den ersten Jahren hatte sie ihn auf Distanz gehalten. Er hatte das ihrer jugendlichen Schüchternheit zugeschrieben... ihrem Altersunterschied. Später hatte ihr Geisteszustand sie unergründlich gemacht, der Zugang zu ihrer Seele war versperrt von einer stählernen Falltür unerkannter Krankheit.

Jensen gab sich jetzt ganz professionell. "Was ist los, Rom?"

"Leiche in der Wüste bei West Charleston."

"In Red Rock?"

"Davor." Poe beschrieb es ihm. "Und um Ihre ungestellte Frage zu beantworten, wie jemand zu dieser Nachtzeit und bei diesem Wetter durch Zufall auf die Leiche gestoßen ist - nein, das ergibt keinen Sinn. Der Anruf kam von einer öffentlichen Telefonzelle außerhalb von Big Top." Kurze Pause. "Wo sind Sie eigentlich gerade?"

"Big Top." Pause. "Soll ich runtergehen und es überprüfen?"

"Haben Sie etwa das Zeug für die Fingerabdrücke bei sich, Steve?"

"Ich wollte bloß das Telefon bewachen." Jensens Stimme wurde ein wenig lauter. "Haben Sie heute Nacht ein Problem mit mir, Rom?"

Ich habe jede Nacht ein Problem mit dir, Stevie. Stattdessen sagte Poe: "Ich hab schon jemanden zum Pudern losgeschickt. Aber klar, gehen Sie runter und sehen Sie kurz nach, wenn Sie denken, das bringt was." Ein Zögern. "Ich muss zurückfahren, und auf die Leiche aufpassen, damit der Sand sie nicht völlig begräbt, bevor der Gerichtsmediziner hier ist."

"Weibliche oder männliche Leiche?"

"Weiblich. Eine ihrer Brüste lag teilweise frei. Ich kann nicht sagen, ob sie am ganzen Körper nackt ist, weil der Rest mit einer Sandschicht überzogen ist. Ich konnte weder eine Handtasche noch irgendeinen Ausweis finden. Sinnlos, jetzt noch danach zu suchen. Morgen gehen wir auf Schatzsuche und halten Ausschau nach weggeworfenen und verwehten Sachen."

"Wer ist wir?"

"Sie, ich... wahrscheinlich Patricia." Poe wischte sich das weiche, dunkle Haar aus den schwarzen Augen und starrte durch die Windschutzscheibe des Honda: dunkler als Sirup und ungefähr genauso undurchdringlich. Sogar der Mond hatte Schwierigkeiten, durchzukommen. "Wenn Sie die Telefonzelle überprüft haben, kommen Sie hier runter. Und bringen Sie irgendwas zum Leuchten mit. Der Sand ist so dicht, dass man kaum die Hand vor Augen sieht."

Am anderen Ende der Leitung sagte Jensen: "Wieso schlagen Sie nicht einen Pfahl ein und gehen heim?" Eine Pause. "Die Leiche ist morgen auch noch da."

Poe konnte sich Steves freches Lächeln vorstellen, während er den Hintern seiner neuesten Geliebten streichelte. Wie hieß sie noch mal? Greta? Irgend so was. "Ich lege jetzt auf."

Und das tat er.

Damit ihm die Haare nicht ständig in die Augen wehten, hatte Poe es mit einem Pferdeschwanz versucht. Aber die strähnigen Locken waren zu kurz und lösten sich dauernd wieder, fielen in die Augen, röteten und reizten sie. Immer wieder blinzelte er und wünschte, er hätte seine Schutzbrille dabei. Seine Wegwerfgesichtsmaske bot keinen nennenswerten Schutz vor den stechenden Sandkörnern. Er zog sich Handschuhe über, hielt inne und ließ die Arme hängen. Um die Leiche herum war ein provisorisches Zelt errichtet worden. Ein Versuch, ihr und der Pathologin etwas Schutz zu bieten. Innen im Zelt flackerten stroboskopisch Taschenlampenstrahlen. Jensen stand etwa einen Meter entfernt, Hände in den Taschen, hochgeschlagener Mantelkragen. Poe spürte die brennenden, misstrauischen Augen des riesigen Mannes. Jensen war zehn Jahre älter, gute fünfzehn Zentimeter größer und hatte ungefähr fünfzig Pfund mehr Muskelmasse als er. Doch die Umstände hatten es so gewollt, dass beruflich der Jüngere dem Älteren Befehle erteilte.

Poe schrie ihm zu: "Sie können im Auto warten."

"Ganz sicher?"

"Ja, machen Sie schon. Wir wechseln uns ab."

"Danke." Jensen ging schwerfällig zu seinem neuesten Geländewagen - einem Explorer. Er stieg ein und schloss die Tür.

Poe war immer noch unruhig. Er lief hinüber zum Zelt und trat ein. Die Leiche war inzwischen fotografiert und ihre Lage von ein Meter hohen Pfählen markiert worden. Wenn auch die oberste Schicht des Wüstenbodens aus losem Sand bestand, ungefähr einen halben Meter darunter befand sich reiner Lehm. Poe kniete sich neben die Pathologin.

Sie sagte ruhig: "Du stehst mir im Licht."

Rukmanis warmer Atem roch ein wenig nach indischen Gewürzen - genau wie seiner. Ihr ruhiges, aus baigan masaledar bestehendes Dinner war unsanft unterbrochen worden, als das Büro sie angepiept hatte. Sie trug einen Mantel und darunter den vorgeschriebenen OP-Kittel. Aber ihr Gesicht umrahmte ein traditioneller Hindu-Schleier - dieser hier war aus grüner Seide, passend zu ihrer Arbeitskleidung.

"Entschuldigung." Poe stand auf, wich dann zurück in den Schatten. Er stand vor dem Zelt und federte auf den Fußballen. Er zitterte. Unruhig, frierend und ungeschützt. Selbst nach den sechs Monaten, in denen sie ziemlich regelmäßig miteinander ausgegangen waren, war Rukmani immer noch schwer zu durchschauen. Aufmerksam, wenn sie zusammen waren, bestand sie aber darauf, in getrennten Autos zum Tatort zu fahren. Fast überallhin in getrennten Autos zu fahren, wenn er nicht darauf beharrte, sie abzuholen. Poe nahm an, dass ihm das etwas sagen sollte.

Rukmani rief nach draußen: "Weißt du was, Rom -"

"Versteh nichts." Poe ging wieder hinein und kniete sich vor die zugedeckte Leiche. "Was denn?"

"Ich hab hier soweit alles erledigt. Ich habe ihre Temperatur gemessen, aber ich bezweifele ihre Genauigkeit, weil die Leber dem Wind ausgesetzt war. Ich traue mich nicht, sie noch weiter aufzumachen und die Leiche noch mehr zu verunreinigen. Sie ist sowieso schon in einem schlechten Zustand. Hast du sie dir mal genau angesehen?"

"Nein."

Sie zog die Plane zurück und enthüllte das tote Gesicht. Poe spürte, wie sich ihm der Magen umdrehte. Er brauchte einen Moment, bis er seine Stimme wiederfand. Und als es soweit war, kam der alte, gemeine Sprachfehler wieder zum Vorschein. "Wa... was... i... ist mit ihrem Gesicht passiert?"

Rukmani ignorierte sein Stottern. "Du meinst, was ist mit der einen Hälfte passiert. Könntest du mir mal die Brille hochschieben? Sie rutscht mir schon wieder von der Nase."

Poe tat ihr den Gefallen und spürte, wie sich seine Eingeweide erneut zusammenzogen. Wie konnte diese Frau so gelassen sein? Vielleicht weil sie in ihrer Kindheit all diese Leichen im Ganges treiben sehen hatte. "Wa... was ist mit ihr passiert?"

"Aus dem Stand sieht es aus, als hätte sie jemand mit dem Hohlmeißel bearbeitet." Rukmanis dunkle Augen starrten in das Gesicht. "Sie bis auf die Knochen ausgekratzt. Außerdem hat er den linken Augapfel herausgeschnitten -"

"Das reicht, Ruki!"

Die Pathologin war erstaunt. "Was ist los mit dir? Du benimmst dich ja wie ein Anfänger."

"Sie sieht so... grotesk aus."

"Allerdings." Sie musterte das verschandelte Gesicht. "Ich fürchte, da wollte jemand was beweisen. Schau dir die perfekte bilaterale Symmetrie an... direkt durch die Nasenspitze. Gerade wie ein Lineal. Die rechte Gesichtshälfte ist völlig unberührt, die linke vollkommen zerstört. Weißt du, woran mich das erinnert?"

"Ich will das nicht hören."

"Phantom der Oper. Ich frage mich, ob dein Killer ein Fan von Andrew Lloyd Webber ist." Sie warf die Plane wieder über das Gesicht. "Ich trommele meine Leute zusammen. Nehm die Frau hier mit ins Leichenschauhaus und mach drinnen weiter."

"Könntest du Steve mal reinrufen?"

Mit einem Schnappgeräusch zog Rukmani sich die Handschuhe aus. "Gerne, Sergeant."

Genau genommen hieß das Detective Sergeant. Unwillkürlich lächelte Poe zurück. Sobald sie draußen war, zog er das Tuch weg und richtete den Blick auf ihr Gesicht... auf das einzelne Auge. Es war blau gewesen. Die Pupille war jetzt starr, sodass es schwarz zu sein schien. Mit äußerster Anstrengung konnte er sich vorstellen, dass sie einmal hübsch gewesen war. Ein schöner Teint, hohe Wangenknochen, volle Lippen - die Hälfte davon. Vorsichtig zog er die Decke vom Körper, zuckte zusammen und wich zurück.

Ihr Oberkörper entsprach dem Gesicht. Eine Hälfte war völlig unversehrt. Zarte Knochen. Eine große Brust, zweifellos mit Hilfe von Implantaten. Diese Seite hatte glatte Haut, einen flachen Bauch, eine gerundete Taille... wohlgeformte Beine. Die andere Seite der Rippen war wie ein zerfetzter Hamburger. Lose Muskelstränge hingen noch an freigelegten Knochen und tanzten bei jedem Windstoß.

Diesen Moment wählte Jensen für seinen Auftritt. Mit offenem Mund starrte er die Leiche mit der übel zugerichteten Körperhälfte an. Instinktiv wich er zurück, tastete nach einer Zeltstange und steckte den Kopf nach draußen. Er spürte, wie sein Abendessen nach oben gesprudelt kam, bis es mit vulkanischem Druck herausschoss. Heißes, geschmolzenes Blei in seinem Mund, er spuckte es in den Wind, erbrach sich, bis sein Magen leer war. Als er fertig war, spuckte er in hohem Bogen die letzten Brocken aus, wischte sich dann Augen und Lippen mit einem Taschentuch ab. Zitternd richtete er den Blick wieder auf die Leiche, sah dann weg.

"Tut mir Leid."

"Wer war sie, Steve?"

Jensen leckte sich die Lippen. "Wovon sprechen Sie?"

"Sie kennen sie. Wieso sollte ein alter Hase wie Sie sonst kotzen -"

"Haben Sie ihr Gesicht gesehen?"

"Ja. Es ist abscheulich. Wer war sie?"

In der Falle. Jensen rieb sich das Gesicht. Besser, Rom abzulenken, bevor er zu tief bohrte.

Jensen hustete. "Ich glaube, sie heißt... hieß... Brittany. Brittany Newel."

"Sie glauben?"

Jensen schwieg.

"Alter?", fragte Rom.

Ein tiefer Seufzer. Jensen sagte: "Vielleicht zweiundzwanzig.. dreiundzwanzig."

"Hübsche Beine." Poe stand auf, klopfte sich die Hose ab. "Tänzerin?"

"Ja, ich glaube, sie hat getanzt."

"Show oder Lap?"

"Vielleicht beides."

"Wissen Sie noch, welches Hotel?"

"Gott, ist schon so lange her... vielleicht im Havana."

"Haben Sie sie dort kennen gelernt?"

"Ist das wichtig?"

"Jetzt, wo sie tot ist, schon."

Jensens Augen wurden schmal. Er streckte den Rücken durch und baute sich bedrohlich vor Poe auf. "Verhören Sie mich etwa?"

Mit einem Achselzucken tat Poe die einschüchternde Körperhaltung ab. "Was die Frau angeht, ja. Nicht, was den Mord betrifft."

Noch nicht.

Diese Erklärung trug wenig dazu bei, den erzürnten Jensen zu besänftigen. "Ich hab sie in einer Bar aufgerissen, Poe. Ungefähr vor einem Jahr. Eine Art Quickie. Nichts Langfristiges."

"Langfristiges", wiederholte Poe. "Sind Sie nicht verheiratet?"

Jensen starrte ihn zornig an, stürmte dann aus dem Zelt. Er und Rukmani stießen mit den Schultern zusammen, sodass sie zur Seite gestoßen wurde. Er blieb sofort stehen, drehte sich um und kam wieder hinein. "Gott, tut mir sehr Leid. Alles okay?"

Rukmani rieb sich die schmerzende Schulter. "Was haben Sie für ein Problem?"

"Alles okay?"

"Ja, ja, ich werd's überleben."

Poe bückte sich, deckte die Leiche zu. "Kommen Ihre Leute, Doc?"

"Ja, klar. Braucht 'ne Zeit, bis der Gurney abgeladen ist, Rom."

Jensen sagte: "Was können Sie uns darüber erzählen, Doc? Abgesehen davon, dass der Kerl, der das getan hat, einen Haufen Scheiße unter den Fingernägeln haben muss."

"Sie glauben, das hat jemand mit den Fingernägeln getan?", fragte Poe.

Jensen sagte: "Im Gegensatz zu-"

"Einem Werkzeug", ergänzte Poe.

"Kein scharfes Werkzeug", erläuterte Rukmani. "Zu viele gezackte Ränder. Vielleicht eine Art Harke. Viele parallele Linien. Man muss sich die Gewebestückchen unter dem Mikroskop ansehen. Wenn es mit einem Werkzeug gemacht wurde, findet man kleine Metall- oder Plastiksplitter... oder Teile von Fingernägeln. Jemand, der sehr stark ist, mit scharfen, festen Nägeln. Ah... der Gurney kommt." Rukmani lächelte Rom an. "Es ist ein bisschen voll hier drin."

Poe machte eine Kopfbewegung in Jensens Richtung. "Wir gehen."

Sofort blies der Sturm ihnen Sand ins Gesicht.

Poe schrie: "Wir reden im Auto."

Sie spurteten zum Honda. Als sie drin waren, brauchten sie einen Moment, um sich Sand und Staub aus Gesicht und Mund zu wischen. Poe sagte: "Sie sollten diesen Fall nicht bearbeiten."

"Kommen Sie schon..."

"Steve, Sie haben ein Problem. Sie haben sie gefickt!"

Jensen zuckte zusammen, wischte sich das blonde Haar aus dem Gesicht. "Wenn Sie mich jetzt abziehen, sehe ich schlecht aus. Kommen Sie schon, Rom. Geben Sie mir eine Chance."

"Zum Beispiel?"

"Ich könnte mich nur um das Wesentliche kümmern. Ich fahr rüber zum Apartment und spreche mit ihrer Mitbewohnerin." Eine Pause. "Ich weiß wirklich nichts über sie ... mit wem sie, zum Beispiel, befreundet war, wer ihre Feinde waren. Sie wissen schon. Bloß... das Wesentliche."

Poe dachte über den Vorschlag nach. Ihn abzuziehen würde ihn verdächtig aussehen lassen. Und dann war da noch Alison... "Rufen Sie Patricia an. Sie gehen zusammen hin.

"Ach, Herrgott noch mal, Rom -"

"Zu Ihrem eigenen Besten, Steve." Um sicher zu gehen, dass du nicht ihre persönlichen Sachen durchwühlst und belastendes Beweismaterial unterschlägst. "Sie ist Ihre Verstärkung."

Jensen sprach mit zusammengebissenen Zähnen. "Nichts gegen Fat Patty. Ich liebe Fat Patty. Aber ich brauche keine Verstärkung."

"Das bestimme ich", sagte Poe. "Rufen Sie Patricia an oder gehen Sie nach Hause. Sie haben die Wahl."

Steve starrte ihn mit zornigen Augen an, versuchte, Poe mit Blicken zu töten. Ein Liliputaner mit einem Napoleon-Komplex. Leider saß Poe am längeren Hebel.

Ein Augenblick verstrich.

"Holen Sie Patricia ab", sagte Poe. "Verschwenden Sie nicht noch mehr Zeit."

Wütend stürzte Jensen aus dem Auto, knallte die Tür zu. Poe beobachtete, wie Jensens Explorer auf dem Sand wegrutschte und dann die Straße hinunterraste.

Minuten später klopfte Rukmani ans Autofenster, öffnete die Tür, schlüpfte auf den Beifahrersitz. "Hat der eine Saulaune."

"Er hat sie gekannt. Die Tote -"

"Was!"

"Er hat sie gefickt."

Rukmani war still. "Dann benimmt er sich vielleicht wie ein Schuldiger."

Poe fing an, mit den Fingern zu schnippen. "Nein, er war's nicht.""Bist du sicher?"

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Kundenbewertungen zu "Denn verschwiegen ist die Nacht" von "Faye Kellerman"

Durchschnittliche Kundenbewertung 4 von 5 Sterne bei 1 Bewertungen ***** sehr gut
(aus 1 Bewertung)

Bewertung von Heike am 18.02.2002 ***** sehr gut
Das Buch ist lesenswert, aber stellenweise doch etwas langatmig. Psychologisch ist es gut geschrieben, die zwei Fälle sind gut rekonstruiert, aber manchmal auch etwas unrealistisch.

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