Der furiose Autakt zu Faye Kellermanns Serie um Pete Decker und
Rina Lazarus
Nach den Aufregungen des Tages liebt die junge Lehrerin und Mutter
Rina Lazarus die ruhigen Stunden, in denen sie die Mikwe reinigt,
das traditionelle Tauchbad der jüdischen Gemeinde. Bis dort eines
Tages eine Frau überfallen wird - und Rina ist die einzige Zeugin.
Während Detective Pete Decker verzweifelt versucht, dem Verbrecher
auf die Spur zu kommen, wird Rina das bedrohliche Gefühl nicht los,
dass jemand sie belauert ...
Bevor Faye Kellerman als Schriftstellerin mit ihren Kriminalromanen international und auch in Deutschland riesige Erfolge feierte, war sie Zahnärztin mit einer besonderen Liebe zur Musik. Sie lebt zusammen mit ihren Kindern und ihrem Mann, dem Psychologen und Bestsellerautor Jonathan Kellerman, in Los Angeles.
Leseprobe zu "Denn rein soll deine Seele sein, Sonderausgabe"
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Leseprobe zu "Denn rein soll deine Seele sein, Sonderausgabe"
"Für einen guten kugel brauchst du vor allem natürlich gute Kartoffeln", rief Sarah Libba über den lärmenden Haartrockner hinweg Rina zu. "Aber wenn du ihn wirklich super haben willst, brauchst du genau die richtige Menge Öl, grad so viel, daß der Teig feucht genug ist und noch ein bißchen in die Form läuft. Der fertige Auflauf muß schön kroß sein, aber nicht zu fett."
Rina nickte und legte ein Handtuch zusammen. Wenn jemand einen perfekten kugel zustande bringen konnte, dann Sarah Libba ... " Nach ihrem Rezept waren vermutlich sogar noch gebratene Schuhsohlen eine Delikatesse. Aber heute abend war Rina zu müde, um genau hinzuhören. Es war schon fast zehn, und sie mußte noch die Mikwe saubermachen und danach dreißig Klassenarbeiten korrigieren.
Wegen der Braut war heute besonders viel Betrieb in der Mikwe gewesen - großer Wirbel, Händchenhalten, Erklärungen. Das junge Mädchen war sehr nervös gewesen, aber das war ja so kurz vor der Hochzeit kein Wunder. Rivki war knapp siebzehn und wußte wenig von der Welt. Behütet und schüchtern, wie sie war, hatte sie sich mit Baruch verlobt, nachdem sie sich dreimal mit ihm getroffen hatte. Aber es war eine gute Verbindung, fand Rina. Baruch war nicht nur ein vielversprechender Talmudgelehrter, sondern auch lieb und sehr geduldig. Nicht ein einziges Mal war er aus der Haut gefahren, als er Shmuel das Radfahren beigebracht hatte. Es würde nicht lange dauern, bis Rivki sich in ihrer neuen Rolle zurechtgefunden hatte.
Sarah stellte den Haartrockner ab, und der Motor stieß einen letzten pfeifenden Keuchlaut aus. Sie lockerte das kurzgeschnittene Haar und setzte sich seufzend eine schulterlange Perücke auf. Sie war eine hübsche Frau mit großen, braunen Augen in einem runden, freundlichen Gesicht, knapp eins fünfzig groß und so schlank, daß man ihr die vier Kinder, die sie auf die Welt gebracht hatte, kaum glauben mochte.
"Komm", sagte Rina, "ich helfe dir beim Frisieren."
Sarah lächelte. "Weißt du, wieso ich mir ausgerechnet diesen Scheitel zugelegt habe?"
Rina schüttelte den Kopf.
"Ich habe immer an dein schönes Haar denken müssen. Es ist so lang geworden."
"Ich weiß. Chana hat mich schon darauf angesprochen." "Wirst du es schneiden lassen?" "Wahrscheinlich." "Hoffentlich nicht zu kurz."
Rina zuckte die Schultern. Ihr Haar hatten von jeher alle bewundert. Ihre Mutter hatte sich furchtbar aufgeregt, als Rina ihr verkündet hatte, sie würde es nach der Hochzeit bedecken. Von allen religiösen Verpflichtungen, die ihre Tochter auf sich genommen hatte, war diese Mrs. Elias am meisten gegen den Strich gegangen. Aber Rina hatte sich, unbeeindruckt von den Protesten ihrer Mutter, das Haar kurz schneiden lassen und unter einer Perücke oder einem Tuch versteckt. Jetzt hatte sich der Streitpunkt von selbst erledigt.
Rasch und geschickt bändigte Rina die dunkle Haarfülle zu einer modischen Frisur. Sarah Libba verrenkte sich den Hals, um ihren Hinterkopf im Spiegel zu sehen.
"Bildschön hast du das gemacht."
"Mit so viel Haar kann man auch etwas anfangen", meinte Rina. "Ein wirklich hübscher Scheitel."
"Für fast dreihundert Dollar kann man das auch verlangen. Dabei sind nur zwanzig Prozent Echthaar dabei."
"Das sieht man überhaupt nicht."
Sarah runzelte die Stirn. "Laß dir die Haare nicht zu kurz schneiden, Rina. Soll Chana doch reden. Die hat für jeden gute Lehren parat, aber bei ihr selber hapert's damit. Neulich war die ganze Familie zum Schabbat bei uns. Die Kinder sind die reinsten Ungeheuer, sag ich dir. Sie haben Chaims Transformator kaputtgemacht, und glaubst du etwa, sie hat sich dafür entschuldigt?"
"Kein Wort?"
"Nichts. Die Jungs sind wilde chayess, und die Mädchen sind auch nicht viel vernünftiger. Wenn sie schon bei anderen Leuten alles besser weiß, sollte sie ihre eigene Familie besser im Griff haben."
Rina sagte nichts. Sie hielt nichts von Klatsch - nicht nur, weil die Vorschriften ihn streng untersagten, sondern weil sie ganz persönlich keinen Gefallen daran fand.
Sarah ging zu dem hohen Spiegel und stellte sich davor in Positur.
"Die Zeit in der Mikwe ist meine einzige Erholung", sagte sie. "Danach fühle ich mich wieder menschlich." Rina nickte verständnisvoll.
"Wahrscheinlich sind die Kinder alle noch auf, wenn ich heimkomme", sagte die zierliche Sarah seufzend. "Und Zvi sitzt heute bis in die Nacht über den Büchern. Ich werde ganz langsam nach Hause gehen und die frische Luft genießen."
Sie ging zögernd zur Tür, straffte sich und war verschwunden.
Auch Rina stand jetzt auf, reckte sich und sah wieder auf die
Uhr. Die Kinder waren noch im Computerclub, Steve würde sie nach Hause bringen, und dort wartete schon der Babysitter, sie brauchte sich also nicht zu beeilen. Sie zog die Schuhe aus, rieb sich die Füße, schlüpfte in Stricksocken und tappte, Putzutensilien unter dem Arm, über die spiegelnd weißen Fliesen.
Das erste Badezimmer hatte Sarah Libba benutzt und sauber und ordentlich hinterlassen. Handtücher und Laken lagen korrekt gefaltet auf dem gekachelten Waschtisch, die Badematte hing über dem Wannenrand, aus Kamm und Bürste waren die Haare entfernt.
Rina scheuerte Fußboden, Wanne, Waschbecken und Dusche. Sie füllte die Seifendose, die Behälter für Wattestäbchen und Wattebälle nach, schraubte die Zahnpastatube zu, legte den Kamm in eine Desinfektionslösung und nahm den Abfall und die Schmutzwäsche mit. In dem zweiten Badezimmer herrschte ein wildes Durcheinander, aber auch hier hatte sie wenig später wieder Ordnung geschaffen.
Sie leerte den Abfall in einen Müllschlucker, der in einen draußen stehenden Müllcontainer mündete, und steckte Handtücher, Laken und Waschlappen in die große Waschmaschine. Jetzt kamen die eigentlichen mikvot an die Reihe.
Das Bad der Frauen war ein dunkelblau gekacheltes, in den Boden eingelassenes Becken, das etwa 1,20 m tief war und 2,30 " m im Quadrat maß und in das acht Stufen hinunterführten. Ein Handlauf erleichterte den Badenden den Einstieg. Nach den Religionsvorschriften mußte das Wasser natürlicher Herkunft sein - Regen, Schnee oder Eis -, aber das kristallklare Becken war beheizt.
Wieder einmal freute sich Rina an dieser schönen Mikwe. Sie dachte an das Bad, das sie vor sechs Jahren in einem Notfall benutzt hatte, und schauderte noch im nachhinein. Sie hatten Yitzchaks Eltern in Brooklyn besucht. Es war Winter gewesen, und der Wetterdienst hatte eine Schneesturmwarnung herausgegeben.
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