Denn dein ist die Macht\Nackte Gewalt - Kellerman, Jonathan; Kellerman, Faye

Jonathan Kellerman Faye Kellerman 

Denn dein ist die Macht\Nackte Gewalt

Zwei Romane in einem Band. Deutsche Erstveröffentlichung

Übers. v. Ellen Schlootz
Broschiertes Buch
 
Vergriffen, keine Neuauflage
Nicht lieferbar
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Denn dein ist die Macht\Nackte Gewalt

"Denn dein ist die Macht": Die Polizistin Dorothy Breton wird mit einem brisanten Fall betraut: Ein Klassenkamerad ihres ältesten Sohnes wurde bei einer Schießerei getötet. Dorothy findet heraus, dass Julius ein tragisches Geheimnis hatte ...

"Nackte Gewalt": Als ein Galeriebesitzer ermordet wird, tappen die beiden Polizisten Darrel Two Moons und Steve Katz zunächst im Dunkeln. Bis sie entdecken, dass vier skandalumwitterte Gemälde aus der Galerie entwendet wurden, die die Gemüter schon des Öfteren erhitzt hatten ...


Produktinformation

  • Verlag: Goldmann
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 285 S.
  • Seitenzahl: 285
  • Goldmann Taschenbücher Bd.45969
  • Deutsch
  • Abmessung: 18, 5 cm
  • Gewicht: 230g
  • ISBN-13: 9783442459698
  • ISBN-10: 3442459699
  • Best.Nr.: 13385492
Jonathan Kellerman ist ein bekannter und erfolgreicher amerikanischen Kriminalautor. Nach dem Studium tätig zunächst als Kinderpsychologe mit zahlreichen Fachveröffentlichungen, ebenso von Kinderbüchern. Ausgezeichnet u. a. mit dem »Edgar-Alan-Poe-Award«, Amerikas bedeutendstem Krimi-Preis. Der Autor lebt mit seiner Familie in L.A.

Leseprobe zu "Denn dein ist die Macht\Nackte Gewalt"

1

Darrel Two Moons und Steve Katz nahmen gerade ein spätes Abendessen im Café Karma ein, als der Anruf kam. Das Restaurant hatte Katz ausgesucht. Mal wieder. Two Moons beobachtete, wie sein Partner äußerst widerwillig das Stück Eden-Yield-Biolamm samt Gemüse-Burrito beiseite schob und in der Jackentasche nach seinem piepsenden Pager tastete.

Es war kurz nach halb elf. Vermutlich wieder ein Fall von häuslicher Gewalt im Süden der Stadt. Fünf Wochen hintereinander machten Darrel und Katz jetzt schon die Schicht von vier Uhr nachmittags bis zwei Uhr morgens. Die Schicht für ganz besondere Ermittlungen. Sie waren wegen sich bekriegender Ehepaare gerufen worden, Übergriffen jugendlicher Gangs und diverser durch Alkohol bedingter Probleme. Und alles spielte sich unterhalb des St. Michael's Drive ab, der Santa Fe so teilte, wie die Mason-Dixon-Linie die Nord- von den Südstaaten trennte, und mehr war als nur ein willkürlicher Schnörkel auf dem Stadtplan.

In drei Wochen war Weihnachten. Die ersten Dezembertage hatten einen milden Winter verheißen, mit Tagestemperaturen um sieben Grad. Doch vor vier Tagen war es deutlich kälter geworden, nachts bis minus zehn Grad. Der Schnee, der in diesem extrem trockenen Jahr bisher gefallen war, blieb weiß und locker liegen. Die Luft war schneidend kalt. Jetzt konnte man sich bei dieser Schicht nur noch Frostbeulen holen.

Zumindest heizten die schrägen Typen, die das Café Karma führten, den Laden gut. Es war richtig heiß hier drin. Und Darrel, der ein großer und kräftiger Mann war und dennoch in seinem schwarzen Wollhemd samt schwarzer Krawatte, dem schwarzen Sportjackett aus Kord und der schweren schwarzen Gabardinehose, die in Deutschland geschneidert worden war und die er von seinem Vater geerbt hatte, fast ertrank, schwitzte fürchterlich. Seinen schwarzen Steppanorak hatte er über einen scheußlichen handbemalten Stuhl gelegt, doch das Sportjackett behielt er an, damit man den 45er Dienstrevolver in dem rindsledernen Schulterholster nicht sah. Seine unerlaubte zusätzliche Waffe, eine vernickelte Pistole Kaliber 22, ließ sich mühelos verbergen. Sie schmiegte sich in seinem linken spezial gefertigten Tony-Lama-Cowboystiefel aus Elefantenleder behaglich an seine Wade.

Katz hatte die Sachen an, die er jeden Abend trug, seit das Wetter umgeschlagen war: ein weiches, braun-weiß kariertes Flanellhemd über einem weißen Rollkragenpullover, ausgebleichte Blue Jeans, hohe schwarz-weiße Turnschuhe. Über seinem Stuhl lag dieser bescheuerte graue Wollmantel - typisch New York. Wie konnte er in diesen dünnen Keds aus Segeltuch nur warme Füße haben?

Two Moons nippte an seinem Kaffee und aß weiter, bis es Katz schließlich gelang, seinen mittlerweile verstummten Pager aus der Tasche zu befreien. Gegenüber an der Kuchentheke stand die vielfach gepiercte Grufti-Kellnerin, die sie bedient hatte - oder es zumindest versucht hatte -, und starrte in die Luft. Sie hatte ihre Bestellung mit leerem Blick aufgenommen, war dann zu den Kaffeemaschinen gegangen, wo sie, wie die Detectives beobachteten, geschlagene sechs Minuten brauchte, um die Milch für den grünen Chai Latte von Katz aufzuschäumen. Sechseinhalb genau gesagt - die Detectives hatten nämlich die Zeit gestoppt.

Sie hatte unentwegt in den Schaum gestarrt, als ob dieser ein großes kosmisches Geheimnis enthielte.

Darrel und Katz hatten wissende Blicke getauscht, dann hatte Two Moons eine leise Bemerkung darüber gemacht, was sich im Raum hinter der Theke tatsächlich abspielte. Katz hatte so heftig losgeprustet, dass sein dicker roter Schnurrbart auf- und abhüpfte. Diesen Monat kümmerte sich ein anderes Team um Drogen.

Katz betrachtete die Nummer auf dem Pager und sagte: "Einsatzzentrale". Nach erneutem kurzen Wühlen in einer anderen Tasche zog er ein kleines blaues Handy hervor.

Wieder einmal konnten sie nicht zu Ende essen. Two Moons nahm noch rasch ein paar Bissen, während Katz telefonierte. Er hatte das halbwegs Normalste bestellt, was man in dieser Klapsmühle kriegen konnte: einen Pilz-Burger mit nach rauchigem Chili-Aroma schmeckenden hausgemachten Pommes und Tomatenscheiben. Er hatte ausdrücklich gesagt, dass er keine Sprossenkeimlinge wollte, aber sie hatten trotzdem ein Gestrüpp davon auf seinen Teller gelegt. Darrel hasste das Zeug. Es erinnerte ihn an Viehfutter oder an Haare, die man aus einem Kamm gepult hatte. Schon beim bloßen Anblick hätte er am liebsten gespuckt. Er nahm es vom Teller und packte es in eine Serviette, worauf Katz sich sofort darüber hermachte.

Wenn es nach Katz ginge, wären sie jeden Abend hier. Darrel musste zwar zugeben, dass das Essen konstant gut war, aber die Atmosphäre war eine andere Sache. Mit seinem gewundenen Zugangsweg, der mit Kieselsteinen und Spiegelglasscherben bestreut war, den Antikriegspamphleten, die in dem winzigen Vorraum an die knallbunten Wände getackert waren, und den wahllos mit Möbeln aus dem Wohltätigkeitsladen voll gestellten, zellenartigen Räumen, in denen es nach Weihrauch roch, war das Karma genau das, was sein Vater, der Sergeant bei den Marines gewesen war, als "linke gequirlte Hippiescheiße" bezeichnet hätte.

Sein Vater hatte sich irgendwann völlig verändert, doch Darrel war seine militärisch geprägte Erziehung nie losgeworden. Ihm war ein Hamburger mit normalen Pommes in einer politisch neutralen Umgebung immer noch am liebsten.

Katz hatte endlich jemanden bei der Einsatzzentrale erreicht. Das Büro war aus dem Santa Fe Police Department in ein Gebäude auf dem Land am Highway 14 ausgelagert worden und nun für Polizei und Feuerwehr in der Stadt und im ganzen Bezirk zuständig. Die Stimmen der meisten Mitarbeiter waren ihnen nicht mehr vertraut. Doch diesmal war es anders. Katz lächelte und sagte: "Hey, Loretta, was gibt's?"

Dann wurde sein Gesicht ernst, und der dicke, an Kupferdraht erinnernde Schnurrbart senkte sich. "Oh ... Ja, natürlich ... Wo? ... Soll das ein Witz sein?"

Er trennte die Verbindung. "Rate mal, Big D?"

Darrel kaute heftig auf seinem Burger herum und schluckte. "Ein Serienkiller."

"Halb daneben", sagte Katz. "Nur ein einfacher Killer. Brutaler Mord auf der Canyon."

Die Canyon Road war eine Gegend mit extrem hohen Mieten ein Stück östlich der Plaza im historischen Bezirk, eine schmale, begrünte, ruhige, schöne Straße mit eingezäunten Wohnanlagen, Galerien und teuren Cafés. Das Zentrum der Kunstszene von Santa Fe.

Darrels Pulsschlag beschleunigte sich von vierzig auf fünfzig. "Ein Privathaus, oder? Kann ja um diese Uhrzeit keine Galerie sein."

"Oh doch, eine Galerie, Amigo", erwiderte Katz, während er aufstand und in seinen bescheuerten grauen Mantel schlüpfte. "Und was für eine Galerie. Der Tote ist Larry Olafson."

2

Two Moons fuhr. Er hielt das Lenkrad fest mit seinen in Wildlederhandschuhen steckenden Händen umklammert, während der Wagen im Leerlauf den Paseo de Peralta hinunterrollte, die Hauptstraße, die hufeisenförmig um das Stadtzentrum lief. Schnee lag dick und schwer auf den Ästen der Pinien und Wacholdersträucher, doch die Straße war frei. In drei Wochen war Weihnachten, und überall in der Stadt schmückten farolitos mit ihrem gedämpften sepiafarbenen Kerzenlicht die Dächer der Häuser. Wie jedes Jahr waren die Bäume auf der Plaza mit bunten Lichterketten behängt. Noch reichlich Zeit, überlegte Darrel, um in die Geschäfte zu laufen und Geschenke für Kristin und die Mädchen zu kaufen - falls er jemals freibekäme.

Und jetzt das.

Und ausgerechnet der.

Lawrence Leonard Olafson war vor zehn Jahren über Santa Fe hereingebrochen wie eines dieser plötzlichen Sommergewitter, die am helllichten Tag den Himmel erzittern lassen und die Wüste elektrisieren.

Anders als so ein Wolkenbruch im Sommer war Olafson geblieben.

Als Sohn eines Lehrers und einer Buchhalterin hatte er mit einem Stipendium in Princeton studiert, einen BA in Finanzwissenschaft mit Nebenfach Kunstgeschichte gemacht und alle erstaunt, als er nicht an die Wall Street ging. Stattdessen nahm er einen untergeordneten Job bei Sotheby's an, wo er als Laufjunge für einen arroganten Spezialisten für amerikanische Malerei tätig war. Dort lernte er, was sich verkaufte und was nicht, dass Kunstsammeln für manche eine Sucht sein konnte, für andere ein jämmerlicher Versuch, sozial aufzusteigen. Er kroch Leuten in den Hintern, holte Kaffee, suchte sich die richtige Sorte von Freunden und stieg rasch auf. Nach drei Jahren war er Abteilungsleiter. Ein Jahr später handelte er einen besseren Vertrag bei Christie's aus und nahm eine Menge reicher Kunden mit. Nach weiteren achtzehn Monaten war er Leiter einer schicken Galerie auf der Upper Madison Avenue, die sowohl europäische als auch amerikanische Kunst verkaufte. Und verschaffte sich noch mehr Beziehungen.

Mit dreißig besaß er eine eigene Galerie im Fuller Building auf der Siebenundfünfzigsten Straße West, ein gedämpft beleuchtetes Gewölbe mit hohen Decken, wo er Bilder von Sargent, Hassam, Frieseke und Heade sowie drittklassige flämische Blumengemälde an Leute mit altem Geld verkaufte und an solche mit etwas neuerem Geld, die so taten, als gehörten sie zu den Leuten mit altem Geld.

Innerhalb von drei Jahren eröffnete er eine weitere Galerie, Olafson South, auf der Einundzwanzigsten Straße in Chelsea. Sie wurde mit einer Soiree eingeweiht, über die Voice berichtete. Bei Musik von Lou Reed übertrumpften sich großkotzige Europäer mit Tränensäcken unter den Augen, Parvenüs mit teurer Privatschulbildung und schnell reich gewordene Besitzer von Internetfirmen mit ihren Angeboten für das, was in der modernen Malerei gerade angesagt war.

Mit diesen beiden Galerien machte Olafson ein Vermögen, heiratete eine Konzernanwältin, bekam zwei Kinder und kaufte an der Ecke Neunundsiebzigste Straße und Fifth Avenue eine Zehnzimmerwohnung mit Blick auf den Central Park. Und verhalf sich zu noch mehr Beziehungen.

Trotz einiger Fehlschläge.

Wie zum Beispiel mit dem Trio von Yosemite-Gemälden von Albert Bierstadt, das an den Erben einer Münchner Bank verkauft worden war und vermutlich von einem weniger bekannten Maler stammte - Experten tippten auf Hermann Herzog. Oder mit der unsignierten Gartenszene von Richard Miller, die bei einer Nachlassversteigerung in Indianapolis aufgetan und in einer Nacht-und-Nebel-Aktion an den Erben eines Pharmakonzerns in Chicago weiterverkauft worden war. Dieser präsentierte das Bild voller Stolz in seinem Penthouse auf der Michigan Avenue, bis sich herausstellte, dass die Herkunft des Gemäldes äußerst zweifelhaft war.

Es hatte wohl im Laufe der Jahre noch einige weitere Missgeschicke gegeben, doch diese Zwischenfälle wurden vor den Medien geheim gehalten, da die Käufer nicht wie Idioten dastehen wollten. Außerdem war Olafson immer schnell bereit gewesen, die Bilder zurückzunehmen und den vollen Kaufpreis zu erstatten, hatte sich stets aufrichtig entschuldigt und beteuert, dass es sich um einen Irrtum gehandelt hätte.

Alles lief glänzend, bis Olafson in die mittleren Jahre kam, ein Alter, wo jeder, der in New York wer war, irgendeine größere, lebensverbessernde, bewusstseinserweiternde spirituelle Veränderung durchmachte. Mit achtundvierzig war Olafson geschieden, hatte keine Beziehung zu seinen Kindern, war rastlos und bereit, neue Horizonte zu erobern. Etwas Ruhigeres. Und auch wenn er niemals seine Galerien in New York aufgeben würde, begann er sich nach etwas zu sehnen, das sich deutlich vom New Yorker Tempo unterschied. Die Hamptons waren auch nicht das Richtige.

Wie jeder, der sich ernsthaft mit Kunst beschäftigt, hatte Olafson auch einige Zeit in Santa Fe verbracht, herumgestöbert, Dinge gekauft und bei Geronimo gespeist. Ein paar unbedeutendere Bilder von Georgia O'Keeffe und einen Henning erstanden, die er alle innerhalb weniger Tage weiterverkaufte. Er genoss das Essen, die Atmosphäre und den Sonnenschein, beklagte jedoch, dass es kein wirklich gutes Hotel gäbe.

Es wäre schön, etwas Eigenes zu besitzen. Die günstigen Immobilienpreise entschieden die Sache. Für ein Drittel von dem, was er vor zehn Jahren für seine Eigentumswohnung bezahlt hatte, konnte er hier ein ganzes Anwesen kriegen.

Er kaufte sich einen Klotz aus Adobeziegeln mit sechshundert Quadratmetern Wohnfläche auf zwei Hektar pflegeleichtem Land in Los Caminitos nördlich von Tesuque. Von der Dachterrasse des Hauses konnte man bis nach Colorado sehen. Alle dreizehn Zimmer richtete er raffiniert ein und begann, die Strukturputzwände mit Kunst zu behängen: einige Taos-Meister und zwei Zeichnungen von O'Keeffe, die er in Connecticut gekauft hatte, damit die Leute was zu reden hatten. Doch zum größten Teil ging er in eine neue Richtung, nämlich Malerei und Skulpturen junger Künstler aus dem Südwesten, die ihre Seele dafür verkaufen würden, dass eine Galerie ihre Werke ausstellte.

Durch strategisch geschickte Spenden an die richtigen Wohltätigkeitseinrichtungen und durch rauschende Feste auf seinem Anwesen festigte er seine soziale Stellung. Innerhalb eines Jahres war er in.

Seine äußere Erscheinung trug das ihre dazu bei. Schon in der High School hatte Olafson erkannt, dass seine Größe und seine sonore Stimme von Gott gegebene Vorzüge waren, die es auszunutzen galt. Er war fast eins neunzig groß, schlank mit breiten Schultern und hatte immer als gut aussehend gegolten. Selbst in jüngster Zeit, wo von seinem Haar nur noch ein weißer Pony und ein ebenfalls weißer Pferdeschwanz übrig geblieben waren, machte er noch eine gute Figur. Ein kurzer, schneeweißer Bart gab ihm etwas Vertrauenswürdiges. Bei Opernpremieren pflegte er zwischen den Reichen zu flanieren, bekleidet mit einem schwarzen Anzug, dazu ein weißes Seidenhemd ohne Kragen, das am Hals mit einem Zierknopf aus Türkis geschlossen war, handgefertigte Clogs aus Straußenleder, die er ohne Strümpfe trug, und eine junge Brünette am Arm, obwohl Letztere Gerüchten zufolge nur Show war. Für ernsthaftere Kontakte bevorzugte der Kunsthändler, wie man munkelte, die zierlichen jungen Männer, die er als "Gärtner" beschäftigte.

Santa Fe war immer eine liberale Stadt in einem konservativen Staat gewesen, und Olafson passte perfekt dorthin. Er spendete reichlich Geld für diverse Anliegen, manche populär, andere weniger. In jüngster Zeit hatten die weniger populären überwogen. Olafson war in die Schlagzeilen geraten, nachdem er zum Sprecher einer Umweltorganisation namens ForestHaven geworden war und eine Reihe von Prozessen gegen kleine Rancher angestrengt hatte, die ihre Herden auf staatlichem Grund und Boden weiden ließen.

Sein Engagement in dieser Sache hatte für viel Bitterkeit gesorgt. In den Zeitungen erschienen herzzerreißende Artikel darüber, wie sehr sich die Rancherfamilien abrackern müssten, um über die Runden zu kommen. Als man ihn um einen Kommentar dazu bat, hatte Olafson einen arroganten und unsympathischen Eindruck gemacht.

Steve Katz kam auf diese Geschichte zu sprechen, während er und Two Moons zum Tatort fuhren.

"Ja, ich erinnere mich", sagte Darrel. "An deren Stelle wär ich auch stinksauer."

Katz lachte. "Keinen Sinn für die Heiligkeit des Landes, Häuptling?"

Darrel deutete auf die Windschutzscheibe. "Das Land sieht für mich ganz okay aus, Rabbi. Meine Sympathie liegt bei den einfachen Leuten, die hart für ihren Lebensunterhalt arbeiten."

"Meinst du, Olafson hat nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten müssen?", fragte Katz.

"Ist doch egal, was du oder ich darüber denken." Two Moons schnaubte verächtlich. "Unser Job ist es herauszufinden, wer ihm den Schädel eingeschlagen hat."

Olafson Southwest befand sich auf dem höchsten Punkt eines ansteigenden Grundstücks am oberen Ende der Canyon Road, weit entfernt vom Gourmet-Aroma, das Geronimo verströmte, und von dem gebührenpflichtigen Parkplatz, den die Stadt betrieb, um an den Geländewagen der Touristen zu verdienen. Das Grundstück war weitläufig und besaß einen alten Baumbestand. Es gab kiesbedeckte Wege, einen Springbrunnen und ein handgeschmiedetes Tor aus Kupfer. Im hinteren Teil stand ein Gästehaus aus Adobeziegeln, doch das Gebäude war dunkel und abgeschlossen, und niemand konnte Katz und Two Moons sagen, ob dort jemand wohnte.

Die Galerie bestand aus vier Flügeln mit weiß getünchten Wänden. Dazu kam ein großer rückwärtiger Raum, wo in etlichen schmalen Regalen noch mehr Gemälde und Zeichnungen lagerten. Es mussten Hunderte von Kunstwerken sein. Die Detectives gingen langsam wieder zurück. Dieser ganze helle Putz, die gebleichten Böden und die Halogenlampen zwischen den handbehauenen Deckenbalken, den so genannten vigas, das alles schuf ein seltsames Pseudotageslicht. Katz spürte, wie sich seine Pupillen so stark zusammenzogen, dass ihm die Augen wehtaten. Es hatte keinen Sinn, hier herumzustöbern. Die Hauptattraktion befand sich in Zimmer Nummer zwei. Die Leiche lag so, wie sie gestürzt war, auf dem gebleichten Kiefernboden.

Ein großes, scheußliches Stillleben.

Larry Olafson lag auf dem Bauch, den rechten Arm unter dem Körper angewinkelt, den linken mit gespreizten Fingern von sich gestreckt. An der Hand waren zwei Ringe, ein Diamant und ein Saphir, und das Handgelenk zierte eine sehr elegante goldene Uhr von Breguet. Olafson trug ein hellbeiges Wollhemd, eine Kalbslederweste, die die Farbe von Erdnussbutter hatte, und eine schwarze Hose. Alle drei Kleidungsstücke waren voller Blut, und auf dem Boden hatte sich eine Blutlache gebildet. Olafsons Füße steckten in halbhohen Wildlederstiefeln.

Wenige Schritte entfernt stand eine Skulptur, eine riesige Chromschraube auf einem schwarzen Holzsockel. Katz sah sich die Aufschrift an: Beharrlichkeit. Von einem Künstler namens Miles D'Angelo. Es gab noch zwei weitere Arbeiten von demselben Typ: einen massiven Schraubenzieher und einen Bolzen von der Größe eines Lkw-Reifens. Dahinter ein leerer Sockel: Gewalt.

Katz' Exfrau hatte sich für eine Bildhauerin gehalten, doch er hatte schon lange nicht mehr mit Valerie oder einem ihrer neuen Freunde gesprochen, und von D'Angelo hatte er noch nie gehört.

Er und Darrel traten nahe an die Leiche heran und betrachteten das, was einst der Hinterkopf von Larry Olafson gewesen war.

Gebräunte, kahle Kopfhaut war zu Brei geworden. Der weiße Pony und der Pferdeschwanz waren blutverkrustet und mit Gehirnmasse beschmiert. Das hatte die Haare völlig steif werden lassen und dunkelrot, wie mit blutigem Henna gefärbt. Ein feiner Sprühregen winziger Blutströpfchen war gegen die Wand rechts von Olafson gespritzt. Er musste heftig aufgeschlagen sein. Ein kupfriger Geruch lag in der Luft.

Der Schmuck, den Olafson trug, sprach gegen einen Raubüberfall.

Doch Katz schalt sich sogleich, dass das sehr einseitig gedacht war. Olafson handelte schließlich mit richtig teurer Kunst. Es gab ja alle möglichen Arten von Raub.

Der leere Sockel ...

Dr. Ruiz, der Gerichtsmediziner, hatte Olafson ein Thermometer in die Leber gestoßen. Er sah die Detectives an, dann steckte er das Thermometer in eine Hülle und begutachtete die Wunde. "Maximal zwei bis drei Stunden."

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