Das Wunder von Florenz - King, Ross

Ross King 

Das Wunder von Florenz

Architektur und Intrige: Wie die schönste Kuppel der Welt entstand

Broschiertes Buch
 
Vergriffen, keine Neuauflage
Nicht lieferbar
2 Angebote ab € 7,00
Bewerten Empfehlen Merken Auf Lieblingsliste


Das Wunder von Florenz

Die Kuppel auf dem Dom von Florenz ist die größte und schönste der westlichen Hemisphäre - ihre Entstehung ist eng mit dem Aufstieg der Medici verwoben. Ross King rekonstruiert, wie der geniale Erfinder und Renaissance-Baumeister Filippo Brunelleschi (1376-1446) dieses architektonische Wunderwerk vollendete, trotz Belagerungen, Pestepidemien und politischen Intrigen: Florenz zu Beginn des 15. Jahrhunderts: Das Geschlecht der Medici steht im Zenit seiner Macht. Ihren Ruhm und Reichtum wollen sie mit einer Kathedrale in Florenz verewigen. Doch niemand weiß, wie die riesige Kuppel mit einem Durchmesser von 40 Metern realisiert werden soll. Schließlich gewinnt 1418 der Außenseiter Filippo Brunelleschi den Architekturwettbewerb mit einem Modell, das gänzlich ohne Stützpfeiler und hölzernes Hilfsgerüst auskommt. Seine Widersacher verspotten ihn als Phantasten - und tatsächlich sollten 28 aufregende Jahre vergehen, bis die Kuppel eingeweiht werden kann..


Produktinformation

  • Verlag: btb bei Goldmann
  • 2003
  • Ausstattung/Bilder: 2003. 255 S. m. 21 Abb.
  • Seitenzahl: 255
  • btb Bd.73041
  • Deutsch
  • Abmessung: 19 cm
  • Gewicht: 248g
  • ISBN-13: 9783442730414
  • ISBN-10: 3442730414
  • Best.Nr.: 10896403
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 21.03.2001

Im Verein
Die schönste Kuppel der Welt
entstand 1420 in Florenz
Cicero stufte die Kunst des Architekten irgendwo zwischen Ackerbau und Schneiderhandwerk ein, und sein Kollege Seneca bezeichnete sie sogar als „gemein und niedrig”. Wären beide rund eineinhalb Jahrtausende später zur Welt gekommen und womöglich in Florenz, so hätten sie allen Grund gehabt für eine gundlegende Revision.
Was nämlich dort, zwischen 1420 und 1436, im Entstehen begriffen war, sollte zur bis dahin größten Kuppel der Welt heranreifen, und als solche hat eben diese Kuppel der Kathedrale Santa Maria del Fiore bis heute Bestand.
Ross King erzählt die Geschichte dieser Kuppel, und das ist ein aufregendes, ein atemberaubendes Stück Architekturgeschichte. Wie ihr Erbauer, Filippo Brunelleschi, ein Goldschmied und Uhrmacher, fast ohne jedes statische Grundwissen einen Durchmesser von 44 Metern freischwebend überspannen, wie die Kuppel ohne jedes abstützende Gerüst errichtet werden konnte, ist in vielen Punkten auch heute noch unerklärlich : „Dass die cupola von Menschen erbaut wurde – inmitten von Kriegen und Intrigen und mit nur beschränktem Wissen …

Weiter lesen

"Sehr gut und farbig in den Details ... Meisterhaft arbeitet King die Intrigen und die Rivalitäten unter den Künstlern heraus." Sunday Times
Ross King, geboren 1962 in Kanada, Studium der Literatur und Kunstgeschichte in London und Toronto. Veröffentlichungen historischer Romane. Der Autor lebst als freier Schriftsteller in Oxford.

Leseprobe zu "Das Wunder von Florenz" von Ross King

Ein schöneres und ehrwürdigeres Gotteshaus

Die neue kathedrale zu Florenz, die Santa Maria del Fiore, war seit mehr als einem Jahrhundert in Bau, als am neunzehnten August 1418 ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde:

Wer ein Modell oder eine Zeichnung für die Errichtung der Hauptkuppel des Domes anzufertigen wünscht, die von der Opera del Duomo erbaut wird - und für Standgerüste, Baugerüste und andere Dinge oder für Hebemaschinen aller Art zum Zwecke der Errichtung und Vollendung besagter Kuppel oder des Gewölbes -, soll seinen Entwurf vor Ende September einreichen. Derjenige, dessen Modell ausgewählt wird, erhält 200 Goldflorinen.

Zweihundert Florinen waren ein kleines Vermögen - mehr als ein tüchtiger Handwerker in zwei Jahren verdienen konnte -, und so erregte dieser Wettbewerb die Aufmerksamkeit von Zimmerleuten, Steinmetzen und Tischlern in der gesamten Toskana. Die Wettbewerbsteilnehmer hatten sechs Wochen Zeit, ihre Modelle zu bauen, ihre Zeichnungen anzufertigen oder lediglich Vorschläge zu machen, wie die Kuppel der Kathedrale gebaut werden könnte. Diese Modelle und Pläne sollten zur Lösung verschiedenster Probleme dienen, zum Beispiel, wie ein hölzernes Stütz- oder Lehrgerüst errichtet werden konnte, um der Kuppel während der Bauphase Stabilität zu verleihen, oder wie Blöcke aus Sandstein und Marmor, jeder ein paar Tonnen schwer, bis zur Spitze gehoben werden konnten. Die Opera del Duomo - der Dombauverein1 - versicherte allen Wettbewerbsteilnehmern, ihre Bemühungen würden ein "wohlmeinendes und dankbares Publikum" finden.

Scharen von Handwerkern und Helfern waren an der Dombaustelle im Herzen von Florenz bereits an der Arbeit: Fuhrleute und Lastenträger, Maurer und Steinmetzen, Bleigießer und Zimmerleute, sogar Köche und Männer, deren Aufgabe lediglich darin bestand, den Arbeitern in den Mittagspausen Wein zu verkaufen. Auf der Piazza, wo die Kathedrale in den Himmel wuchs, konnte man die Arbeiter dabei beobachten, wie sie Säcke voller Sand und Kalk herankarrten oder auf Holzgerüsten und Arbeitsplattformen umherkletterten, die sich wie riesige, verschachtelte Vogelnester über die Dächer der umliegenden Gebäude erhoben. Auf der Baustelle befand sich eine Schmiedewerkstatt, wo die Werkzeuge der Arbeiter repariert oder geschliffen wurden. Die Esse blies Wolken schwarzen Rauchs in den Himmel, und von Sonnenaufgang bis zum Anbruch der Dunkelheit war die Luft erfüllt von den Hammerschlägen des Schmieds, vom Rumpeln der Ochsengespanne und den Rufen der Arbeiter.

Das Florenz des frühen fünfzehnten Jahrhunderts hatte sich noch immer einen ländlichen Anstrich bewahrt. Innerhalb der Stadtmauern gab es Weizenfelder, Obst- und Weingärten und blökende Schafherden, die durch die Straßen zum Markt in der Nähe des Baptisteriums San Giovanni getrieben wurden. Andererseits hatte die Stadt ungefähr 50000 Einwohner, etwa so viele wie London zur damaligen Zeit, und die neue Kathedrale sollte unter anderem die Bedeutung der Stadt als machtvolle und wichtige Handelsmetropole widerspiegeln. Florenz war zu einer der reichsten Städte Europas geworden. Einen Großteil ihres Wohlstands hatte sie der Wollindustrie zu verdanken, die von den Bettelorden begründet worden war, kurz nachdem diese 1239 in der Stadt erschienen waren. Ballen englischer Wolle - die beste der Welt - gelangten aus den Klöstern in den Cotswold Hills nach Florenz, um im Arno gewaschen und in den Werkstätten gekrempelt, gesponnen, auf hölzernen Webstühlen gewoben und mit wunderschönen Farben eingefärbt zu werden: Mennige aus Zinnobererz, das von den Küsten des Roten Meeres stammte, oder leuchtendes Gelb, das aus den Krokussen gewonnen wurde, die auf den Wiesen unweit von San Gimignano wuchsen, einer Stadt auf einer Hügelkuppe. Das Endprodukt waren die teuersten und begehrtesten Stoffe Europas.

Dank seines Wohlstands hatte Florenz im vierzehnten Jahrhundert einen "Bauboom" erlebt, wie Italien ihn seit den Zeiten des antiken Roms nicht mehr gesehen hatte. Innerhalb der Stadtmauern wurden Steinbrüche angelegt, in denen goldbrauner Sandstein gewonnen wurde; nach jedem Hochwasser wurde der vom Arno angeschwemmte Sand gesiebt und zur Herstellung von Mörtel benutzt, indem man ihn mit dem Kies vermischte, der aus dem Flussbett gehoben wurde, und mit Kalk und Wasser anrührte. Mit diesem Mörtel erbaute man die Mauern und Wände neuer Gebäude, die überall in der Stadt förmlich aus dem Boden schossen. Zu diesen Gebäuden zählten Kirchen, Klöster und die Paläste der Reichen ebenso wie monumentale Bauwerke, beispielsweise ein neuer Ring Verteidigungsmauern, um die Stadt vor feindlichen Eindringlingen zu schützen. Diese Mauer, gut sechs Meter hoch und acht Kilometer lang, war erst 1340 fertiggestellt worden, nach mehr als fünfzig Jahren Bauzeit. Auch der Palazzo Vecchio, das imposante neue Rathaus mit einem Glockenturm von knapp 100 Metern Höhe, wurde in dieser Zeit errichtet.2 Ein anderer beeindruckender Turmbau war der ca. 84 Meter hohe Campanile des Domes mit seinen Flachreliefs und den mehrfarbigen Inkrustationen3; der Glockenturm war von dem Maler Giotto entworfen und 1359 vollendet worden, nach mehr als zwanzig Jahren Bauzeit.

Doch das bei weitem großartigste und mutigste Bauvorhaben in Florenz wartete 1418 noch immer auf seinen Abschluss. Die neue Kathedrale Santa Maria del Fiore, die an der Stelle der alten und verfallenen Kirche Santa Reparata erbaut worden war, sollte eines der größten Gotteshäuser der Christenheit werden. Ganze Wälder waren gefällt worden, um Bauholz zu beschaffen, und Schiffsflotten hatten gewaltige Marmorblöcke über den Arno transportiert. Bei der Errichtung der Santa Maria del Fiore hatte von Anfang an der Bürgerstolz eine ebenso große Rolle gespielt wie der religiöse Glaube: Die Kathedrale sollte so prächtig und eindrucksvoll wie nur möglich werden; so hatte es die Bevölkerung der Republik beschlossen. Nach seiner Fertigstellung sollte der Dom "ein schöneres und würdevolleres Gotteshaus sein als alle anderen in der Toskana". Doch es war offensichtlich, dass die Architekten mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen mussten. Und je näher die Fertigstellung der Kathedrale rückte, umso größer sollten diese baulichen Probleme werden.

Der Weg, den die Baumeister und Handwerker beschreiten sollten, war verbindlich vorgezeichnet: Seit fünfzig Jahren stand im südlichen Seitenschiff des sich im Bau befindlichen Domes ein etwa zehn Meter langes Modell der Kathedrale - die Vision eines Künstlers, wie die Santa Maria del Fiore am Ende aussehen sollte. Die Herausforderung für die Architekten bestand jedoch darin, dass dieses Modell eine gewaltige Kuppel aufwies, wie sie höher und breiter nie zuvor errichtet worden war. Niemand in Florenz oder sonst wo in Italien hatte eine klare Vorstellung davon, wie genau man eine solche Kuppel bauen könnte, so dass die Santa Maria del Fiore zum größten architektonischen Rätsel ihrer Epoche geworden war. Viele Fachleute hielten es sogar für unmöglich, eine solche Kuppel zu errichten. Nicht einmal die ursprünglichen Konstrukteure der cupola hatten einen Rat geben können, wie dieses Projekt zu verwirklichen wäre; sie hatten lediglich die rührende Zuversicht geäußert, dass Gott eine Lösung des Problems aufzeigen und man irgendwann Architekten finden würde, die über das erforderliche Wissen verfügten.

Der Grundstein für die neue Kathedrale war bereits im Jahre 1296 gelegt worden. Der Entwurf stammte von einem Baumeister namens Arnolfo di Cambio, der auch den Palazzo Vecchio und die gewaltige neue Festungsmauer der Stadt entworfen hatte. Wenngleich Arnolfo kurz nach Baubeginn des Domes starb, wurden die Arbeiten weiter vorangetrieben, und im Laufe der nächsten Jahrzehnte riss man ein ganzes Stadtviertel nieder, um Platz für die neue Kathedrale zu schaffen. Die Santa Reparata und eine weitere alte Kirche, die San Michele Visdomini, wurden ebenfalls niedergerissen, und die Bewohner des umliegenden Viertels mussten ihre Häuser räumen. Doch nicht nur die Lebenden wurden vertrieben: Um vor der neuen Kathedrale einen Platz anlegen zu können, wurden die Gebeine längst verstorbener Florentiner aus ihren Gräbern unweit des Baptisteriums San Giovanni gehoben, nur einen Steinwurf westlich der Dombaustelle. Und im Jahre 1339 legte man eine der Straßen im Süden der Kathedrale tiefer, den Corso degli Adamari (heute die Via dei Calzaiuoli), damit die Kirche noch höher und beeindruckender auf jeden wirkte, der sich ihr aus dieser Richtung näherte.

Doch während die Santa Maria del Fiore ständig wuchs, schrumpfte die Einwohnerzahl der Stadt Florenz. Im Herbst 1347 war die genuesische Flotte nach Italien zurückgekehrt; in den Frachträumen der Schiffe befanden sich jedoch nicht nur Gewürze aus Indien, sondern auch die asiatische Hausratte, der Trägerin der Pest. In den nächsten zwölf Monaten starben nicht weniger als vier Fünftel der Einwohner von Florenz; die Stadt wurde dermaßen entvölkert, dass man tatarische und tscherkessische Sklaven herbeischaffte, um den Mangel an Arbeitskräften zumindest teilweise wettzumachen. Aus diesem Grunde gingen die Arbeiten dermaßen schleppend voran, dass noch im Jahre 1355 lediglich die Fassade und die Wände des Langschiffes standen. Das Innere der Kathedrale lag offen wie eine Ruine da, ungeschützt den Elementen ausgesetzt, und eine der Straßen im Osten der Kirche wurde bereits Lungo di Fondamenti genannt ("Am Fundament entlang"), so lange führte sie nun schon unmittelbar am Fundament und dem Ostabschluss des Domes vorüber.

Doch im darauf folgenden Jahrzehnt erholte die Stadt sich von dem Rückschlag, und die Arbeiten am Dom wurden beschleunigt. 1366 war das Langhaus überwölbt, und die Planungen für den Ostabschluss der Kathedrale konnten in Angriff genommen werden. Schon Arnolfo di Cambio hatte sich vermutlich eine Kathedrale mit Kuppel vorgestellt; allerdings ist von seinen ursprünglichen Entwürfen keiner erhalten geblieben, der dies beweisen könnte: Irgendwann im späten vierzehnten Jahrhundert war di Cambios Modell der Kathedrale unter seinem eigenen Gewicht eingestürzt - ein düsteres Vorzeichen - und ging in der Folgezeit verloren oder wurde gänzlich zerstört. Doch in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden bei Ausgrabungen Fundamente für eine Kuppel entdeckt, die auf eine Spanne von 62 braccia ausgelegt war, ca. 36 Meter (eine Florentiner braccia entspricht etwa 0,58 Metern, einer Elle, der ungefähren Länge eines Männerarmes).4 Mit diesem Durchmesser hätte die cupola der Santa Maria del Fiore die Spanne der Kuppel der gewaltigsten Kirche auf Erden, der Hagia Sophia in Konstantinopel, die 900 Jahre zuvor unter Kaiser Justinian erbaut worden war, um etwa zehn Meter übertroffen.

Seit den dreißiger Jahren des vierzehnten Jahrhunderts lag die Verantwortung für die Errichtung des Domes und die Beschaffung von Geldmitteln in den Händen der größten, wohlhabendsten und einflussreichsten Zunft der Stadt, der Zunft der Wollhändler, die auch die Leitung der Domopera innehatte. Doch keiner der Bauverantwortlichen dieser Zunft, der "Operai", hatte die geringste Ahnung vom Kirchenbau; ihre Profession war die Wolle, nicht die Architektur. Also mussten sie jemanden suchen, der sich auf dieses Handwerk verstand: ein leitender Baumeister oder capomaestro, der die Modelle und Zeichnungen des Domes anfertigen und die Maurer und anderen Handwerker an der Dombaustelle anleiten und beaufsichtigen konnte. 1366, als die Planungen in eine entscheidende Phase traten, war Giovanni di Lapo Ghini der capomaestro von Santa Maria del Fiore. Auf Wunsch der Domopera fertigte Giovanni ein Modell der Kuppel an. Die "Operai" gaben jedoch ein zweites Modell bei einer Gruppe von Künstlern und Architekten in Auftrag, der ein anderer bedeutender Baumeister angehörte: Neri di Fioravanti.5 Damit sollte das Schicksal der Santa Maria del Fiore eine radikale Wende nehmen.

Der Wettstreit zwischen Baumeistern hat eine alte und ehrenvolle Tradition. Bereits 448 v. Chr., als der Rat der Stadt Athen eine öffentliche Ausschreibung für die Errichtung eines Kriegsdenkmals beschloss, das auf der Akropolis aufgestellt werden sollte, hatten die Bauherrn einen Wettbewerb zwischen Architekten veranstaltet. Dabei war es üblich, dass die Konkurrenten Modelle anfertigten, um die Bauherrn oder ein Gutachterkollegium von den Vorzügen ihres Entwurfs zu überzeugen. Aus Holz, Stein oder Ziegeln gefertigt, manchmal sogar aus Wachs oder Lehm, erlaubten solche Modelle dem Bauherrn, sich die Ausmaße und Verzierungen des fertigen Gebäudes viel leichter vorzustellen, als dies anhand einer Zeichnung möglich gewesen wäre. Diese Modelle waren oft äußerst detailgetreu und sehr groß; mitunter besaßen sie solche Ausmaße, dass sie begehbar waren (wie einige Modelle der Santa Maria del Fiore), so dass der Bauherr sich das Modell auch von innen anschauen konnte. Das Modell für San Petronio in Bologna beispielsweise, das 1390 erbaut wurde, war ungefähr achtzehn Meter lang, also viel größer als die meisten Wohnhäuser.

Das Modell, das Giovanni di Lapo Ghini anfertigte, war ganz dem Geschmack seiner Zeit verhaftet. Ihm schwebte ein typisch gotisches Bauwerk vor, mit dünnem Mauerwerk, hohen Fenstern, Strebepfeilern und -bögen zum Abstützen der Kuppel - gotische Stützpfeiler, wie sie viele französische Kirchen zierten, die im Jahrhundert zuvor erbaut worden waren. Strebepfeiler und -bögen zählen zu den wichtigsten Merkmalen der gotischen Architektur: Indem das Gewicht des Mauerwerks an statisch wichtigen Punkten auf diese stützenden Elemente verlagert wurde, bot sich die Möglichkeit, eine Vielzahl von Fenstern, die mitunter eine spektakuläre Höhe erreichten, in die Mauern einzufügen und das Innere der Kirche auf diese Weise mit einem himmlischen Licht zu erfüllen - das höchste Ziel aller gotischen Baumeister.

Neri di Fioravanti und seine Gruppe jedoch wiesen den Vorschlag Giovanni di Lapo Ghinis zurück, Strebepfeiler zu errichten, und legten stattdessen einen anderen Entwurf für die Konstruktion der Kuppel vor. Strebepfeiler waren ein seltenes bautechnisches Element in Italien, wo die Architekten sie als hässlichen und plumpen Notbehelf betrachteten.6 Doch Neris Gründe für die Zurückweisung waren vermutlich nicht nur ästhetischer, sondern auch politischer Natur - denn dem Baustil, den Lapo Ghini vorschlug, haftete der Geruch der Architektur der traditionellen Feinde von Florenz an: Deutschland, Frankreich und Mailand. Für viele Schriftsteller der italienischen Renaissance wurde es eine beliebte Übung, darzustellen, wie die deutschen Barbaren, die Goten (daher "Gotik"), Europa mit ihren plumpen und unharmonischen Bauwerken überzogen hatten.

Wie aber sollte die Kuppel der Santa Maria del Fiore gestützt werden, wenn nicht von Strebepfeilern und -bögen? Neri di Fioravanti verfügte als führender Baumeister von Florenz über reiche Erfahrungen auf dem Gebiet der Gewölbekonstruktionen, der schwierigsten und gefährlichsten architektonischen Aufgabe. So war er für den Bau des gewaltigen, achtzehn Meter breiten Gewölbedaches7 über der großen Halle des Palazzo Bargello ebenso verantwortlich wie für die Errichtung der Brückenbögen des neuen Ponte Vecchio, nachdem die alte Brücke im Jahre 1333 bei einem Hochwasser zerstört worden war. Doch Neris Plan für die Kuppel der Santa Maria del Fiore war weitaus ehrgeiziger und betrat architektonisches Neuland: Neri glaubte verhindern zu können, dass die Kuppel unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrach, indem man statt Strebepfeilern und -bögen einen Ring aus hölzernen oder eisernen Ketten anbringen ließ, der um die gesamte Kuppel herum verlief und diese somit auch an potenziellen Bruch- und Rissstellen gleichsam umspannte wie eiserne Ringe die Dauben eines Fasses. Auf diese Weise würde die Kraft, die nach außen wirkte, vom Ring aufgefangen und durch das Mauerwerk in den Boden geleitet, ohne dass Strebepfeiler errichtet werden mussten. Außerdem würde der umlaufende Ring im Unterschied zu Strebepfeilern unsichtbar sein, da er in das Mauerwerk der cupola eingebettet werden sollte. Diese Vorstellung von einer stabilen Kuppel, die sich ohne sichtbare Stützen, Streben oder Pfeiler himmelwärts zu erheben schien, sollte im darauf folgenden halben Jahrhundert alle, die mit diesem Projekt zu tun hatten, vor schier unlösbare Probleme stellen und sie eben dadurch zu genialen architektonischen Leistungen inspirieren.

2 Marktplatz-Angebote für "Das Wunder von Florenz" ab EUR 7,00

Zustand Preis Porto Zahlung Verkäufer Rating
leichte Gebrauchsspuren 7,00 1,20 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Sigrid und Detlev Lukas GbR 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 7,38 1,50 Banküberweisung Subdominante 100,0% ansehen
Mehr von