Leseprobe zu "Das verlorene Symbol" von Henrik Eberle
4. »Ordo ab Chao« (S. 216-217)
(Albert Pike)
4.1. Noetik und die Weltformel
»Fantastisch ist gar kein Ausdruck, dachte Katherine Solomon«, schreibt Dan Brown im Verlorenen Symbol und erklärt sofort, worauf er hinausmöchte: »Was sie tat, war wissenschaftlich so weit fortgeschritten, dass es gar nicht mehr wie eine Wissenschaft erschien.«1)Katherines Ziel und damit auch der Ansatzpunkt ihrer Noetischen Wissenschaft ist im Roman klar formuliert. Es geht ihr darum, mithilfe der Noetik die Kraft der Gedanken zu konzentrieren und ihnen damit »eine reale Kraft« zu verleihen.2) Was das bedeuten soll, den Ausgangspunkt dieser Überlegung verdeutlicht das in einer Rückblende erzählte Vorstellungsgespräch zwischen Katherine Solomon und ihrer zukünftigen Assistentin, der Metasystemanalytikerin Trish Dunne:
»Was wäre, wenn ich Ihnen sagte, dass ein Gedanke … jede einzelne Idee, die sich in Ihrem Hirn bildet … eine Masse besitzt? Wenn ich behaupte, dass ein Gedanke ein Ding ist, eine messbare Einheit mit messbarer Masse? Einer verschwindend geringen Masse, versteht sich, aber dennoch ungleich null. Was wären die Folgerungen?«»Rein hypothetisch? Nun, die offensichtliche Folgerung wäre … wenn ein Gedanke Masse hat, übt er eine physische Anziehungskraft aus.«Katherine nickte. »Und nun gehen Sie noch einen Schritt weiter: Was geschieht, wenn viele Menschen sich auf ein und denselben Gedanken konzentrieren? Alle Instanzen desselben Gedankens verschmelzen, und die kumulierte Masse dieses einen Gedankens wächst – und damit seine Anziehungskraft.«3)
In der Realität ist es bisher nicht gelungen, die Kraft der Gedanken in der von Katherine erwünschten Weise zu nutzen, zumindest nicht in einem körperlich erfassbaren Sinn. Und auch die in Kapitel 1 beschriebene Bemühung, die menschliche Seele zu wiegen und damit auch physisch nachzuweisen, ist in der Gültigkeit ihrer Ergebnisse anzuzweifeln. Insofern ist die Noetik ein Traum. Allerdings ist die grundlegende These, von der Brown Katherine Salomon ausgehen lässt, schwer von der Hand zu weisen: »Bis jetzt haben wir nur an der Oberfläche unserer geistigen und spirituellen Fähigkeiten gekratzt.«4)
Tatsächlich ist es so, dass der Mensch den größten Teil der hundert Billionen synaptischen Verbindungen zwischen den hundert Milliarden Nervenzellen seines Gehirns ungenutzt lässt, und zwar schlicht und einfach deshalb, weil er sie nicht benötigt.5)Die Diskussion um die Fähigkeiten des Gehirns ist uralt. So sind zum Beispiel die in Sibirien noch immer aktiven Schamanen der Meinung, dass sich – mittels entsprechender Ekstasetechniken – ein direkter Weg zum Himmel bahnen lässt. Doch auch die Computertechniker der Gegenwart sind beeindruckt von der Rechenleistung des menschlichen Gehirns und versuchen es bei der Schaffung neuer Computer nachzubilden. Das Gehirn arbeitet zudem sehr effektiv.
Es kommt mit etwa zwanzig Watt pro Sekunde aus, vergleichbare Computer benötigen 50.000 Mal mehr Energie.6)Wenn Dan Brown im Verlorenen Symbol über die Fähigkeiten des Gehirns spekuliert, wird deutlich, dass er die bisher auf dem Gebiet der Grenzwissenschaften erbrachten Ergebnisse für unzureichend hält. Weder dem Institut für Noetische Wissenschaften in Kalifornien noch dem Princeton Engeneering Anomalies Research Lab (PEAR) scheint er große Kompetenzen zuzubilligen. Seiner Ansicht nach ist es vielmehr Katherine Solomons Schicksal, »diese Fackel zu entzünden«.
Dass sie die notwendige Revolution entfachen könnte, ist zumindest für Mal’akh eine so große Bedrohung, dass er nicht nur Katherines Labor in die Luft sprengt, sondern der Wissenschaftlerin auch nach dem Leben trachtet.7)Das PEAR-Laboratorium enttäuschte tatsächlich die in es gesetzten großen Hoffnungen und wurde daher 2007 geschlossen.8) Zuvor untersuchte es vor allem durch geistige Ströme hervorgerufene Orts- oder Energieveränderungen. Dem Phänomen der Psychokinese rückten die Forscher mit Experimenten zu Leibe, an einem Nachweis scheiterten sie jedoch, denn keine der mehr als dreihundertachtzig durchgeführten Studien konnte die Existenz solcher geistiger Kräfte belegen. Die Forschungen zum Thema Zufall blieben ebenfalls ergebnislos, da die mit statistischen Methoden erhobenen Massendaten zwar Annäherungen, aber keine exakten Werte ergaben.
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