 | Besprechung von 30.06.2007 |
Sachbücher des Monats Juli
Empfohlen werden nach einer monatlich erstellten Rangliste Bücher
der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sowie angrenzender
Gebiete.
1. TOM SEGEV: 1967. Israels zweite Geburt. Aus dem Amerikanischen
von Helmut Dierlamm, Hans Freundl und Enrico Heinemann. Siedler
Verlag, 672 Seiten, 28 Euro.
2. ADAM TOOZE: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der
Wirtschaft im Nationalsozialismus. Aus dem Englischen von Yvonne
Badal. Siedler Verlag, 928 Seiten, 44 Euro.
3. WILFRIED STROH: Latein ist tot, es lebe Latein! Kleine
Geschichte einer großen Sprache. Paul List Verlag, 416 Seiten, 18
Euro.
4. PHILIPP FELSCH: Laborlandschaften. Physiologische Alpenreisen im
19. Jahrhundert. Wallstein Verlag, 254 Seiten, 29 Euro.
5. DIETMAR HERZ: Die Amerikaner im Krieg. Bericht aus dem Irak im
vierten Kriegsjahr. C. H. Beck Verlag, 156 Seiten, 17,90
Euro.
6. KAREN MICHELS: Aby Warburg. Im Bannkreis der Ideen. C. H. Beck
Verlag, 128 Seiten, 19,90 Euro.
7. CLAUDE ARNAUD: Chamfort. Die Frauen, der Adel und die
Revolution. Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Verlag
Matthes & Seitz, 528 Seiten, 39,80 Euro.
 | Besprechung von 25.06.2007 |
Glauben ist unnützRobert Spaemann macht die Gottesfrage für Ungläubige interessantWill man etwas Allgemeinverständliches und Provokatives über die Gehalte des christlichen Glaubens lesen, dann sollte man zu den gesammelten Aufsätzen greifen, die der Philosoph Robert Spaemann zur Religion verfasst hat.
Im Vorwort seiner Sammlung philosophischer Aufsätze über Themen der christlichen Tradition erläutert Robert Spaemann eine Absicht, die das Buch auch für Ungläubige interessant machen soll. Er will den Unterschied von Innen- und Außenperspektive bewahren. Die Religion soll ihr Selbstverständnis nicht ohne Not den Theorien über ihre Nützlichkeit anpassen, die die Religionswissenschaft in die säkulare Welt gesetzt hat. Der Gläubige, der darauf besteht, dass sein Glaube einen Sinn hat, der in den Funktionen der Entlastung und Orientierung nicht aufgeht, leistet der Verdinglichung Widerstand und verteidigt das Palladium der Subjektivität.
Nicht alle Denker, die Spaemann als Zeugen aufruft, würden ihre Perspektiven in seinen Paraphrasen ohne weiteres wiedererkennen. So behauptet er, den späteren Kardinal John Henry Newman …
Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension
Eine lohnende Lektüre sieht Uwe Justus Wenzel in diesem Band Robert Spaemanns mit Essays, Aufsätzen und Vorträgen über die Frage nach Gott. Er würdigt den Philosophen als einen kritischen Denker, der schon zu einer Zeit, als dies noch nicht wieder angesagt war, über Gott nachgedacht hat. Er teilt Spaemanns skeptischen Blick auf eine Gesellschaft, die Dinge wie soziale Beziehungen zunehmend rein funktional betrachtet und über ihren Tauschwert definiert, und sein Plädoyer für "unbedingte Überzeugungen". Der Autor versuche zu zeigen, dass die Gegenwart, die Wirklichkeit, die Einheit der Wirklichkeit, die Wahrheit, das Selbstverständnis des Einzelnen Täuschung, also unwirklich wäre, wenn Gott nicht existierte. Dass die Argumentationen Spaemanns lediglich "argumenta ad hominem" und nicht "logisch" zwingend sind, mindert für Wenzel nicht ihre Plausibilität.
© Perlentaucher Medien GmbH
"...souverän beherrscht Robert Spaemann auch die Kunst, sich der Macht des Zeitgenössischen zu entziehen, sogar mitten in den aktuellen Debatten, in die er sich einmischt. Diese Resistenz gegen die Zeit dürfte aus den christlichen Quellen seiner Existenz stammen, die ihm das Tor zur Tradition geöffnet haben und die er mit der ihm eigenen Diskretion in seine Philosophie zu leiten weiß."<br />(Henning Ritter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2007)<br/><br/>"...der Philosophieprofessor macht keine Professorenphilosophie, keine leidenschaftslose Archivarbeit an vergangenen Gedankensystemen. Seine Sprache ist intensiv und variantenreich; er schreibt von allen deutschen Philosophen das beste Deutsch. Die Denker der Vergangenheit, Platon, Augustinus oder Leibniz, sind für ihn nicht Forschungsgegenstände, sondern Gesprächspartner und Zeitgenossen einer ewigen Gegenwart. ..."<br />(Jan Ross, Die Zeit, 03.05.2007)<br/><br/>"...Kein Wunder, dass Robert Spaemann dann auch mit einem veritablen Gottesbeweis aufwartet ... Das ist brillant, scharfsinnig, schlagend - eben: echt Spaemann! -, und man ist als Leser völlig davon überzeugt. ..."<br />(Die Welt, 05.05.2007)<br/><br/>"... Da begegnet der verblüffte Leser einem alten Bekannten, der längst vom Zweifel der Moderne zermalmt schien: einem Gott, der den Tod besiegt. ..."<br />(Mathias Schreiber, Der Spiegel, 15/07, 7.4.2007)<br/><br/>"... dieser wache, wechselnde Blick, der das Christentum sowohl von außen sieht als auch von innen her versteht, macht Spaemanns Buch so lesenswert."<br />Johannes Seibel (Die Tagespost, 19.05.2007)
"...souverän beherrscht Robert Spaemann auch die Kunst, sich der Macht des Zeitgenössischen zu entziehen, sogar mitten in den aktuellen Debatten, in die er sich einmischt. Diese Resistenz gegen die Zeit dürfte aus den christlichen Quellen seiner Existenz stammen, die ihm das Tor zur Tradition geöffnet haben und die er mit der ihm eigenen Diskretion in seine Philosophie zu leiten weiß." (Henning Ritter, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2007) "...der Philosophieprofessor macht keine Professorenphilosophie, keine leidenschaftslose Archivarbeit an vergangenen Gedankensystemen. Seine Sprache ist intensiv und variantenreich; er schreibt von allen deutschen Philosophen das beste Deutsch. Die Denker der Vergangenheit, Platon, Augustinus oder Leibniz, sind für ihn nicht Forschungsgegenstände, sondern Gesprächspartner und Zeitgenossen einer ewigen Gegenwart. ..." (Jan Ross, Die Zeit, 03.05.2007) "...Kein Wunder, dass Robert Spaemann dann auch mit einem veritablen Gottesbeweis aufwartet ... Das ist brillant, scharfsinnig, schlagend - eben: echt Spaemann! -, und man ist als Leser völlig davon überzeugt. ..." (Die Welt, 05.05.2007) "... Da begegnet der verblüffte Leser einem alten Bekannten, der längst vom Zweifel der Moderne zermalmt schien: einem Gott, der den Tod besiegt. ..." (Mathias Schreiber, Der Spiegel, 15/07, 7.4.2007) "... dieser wache, wechselnde Blick, der das Christentum sowohl von außen sieht als auch von innen her versteht, macht Spaemanns Buch so lesenswert." Johannes Seibel (Die Tagespost, 19.05.2007)
"...der Philosophieprofessor macht keine Professorenphilosophie, keine leidenschaftslose Archivarbeit an vergangenen Gedankensystemen. Seine Sprache ist intensiv und variantenreich; er schreibt von allen deutschen Philosophen das beste Deutsch. Die Denker der Vergangenheit, Platon, Augustinus oder Leibniz, sind für ihn nicht Forschungsgegenstände, sondern Gesprächspartner und Zeitgenossen einer ewigen Gegenwart. ..." (Die Zeit)"...Kein Wunder, dass Robert Spaemann dann auch mit einem veritablen Gottesbeweis aufwartet ... Das ist brillant, scharfsinnig, schlagend - eben: echt Spaemann! -, und man ist als Leser völlig davon überzeugt. ..."(Die Welt)"... Da begegnet der verblüffte Leser einem alten Bekannten, der längst vom Zweifel der Moderne zermalmt schien: einem Gott, der den Tod besiegt. ..."(Der Spiegel)"... dieser wache, wechselnde Blick, der das Christentum sowohl von außen sieht als auch von innen her versteht, macht Spaemanns Buch so lesenswert." (Die Tagespost)
Robert Spaemann wurde 1927 in Berlin geboren. Er promovierte 1952 in Münster, war dann vier Jahre lang als Verlagslektor tätig. 1962 habilitierte er in den Fächern Philosophie und Pädagogik und war bis 1992 ordentlicher Professor an den Universitäten Stuttgart, Heidelberg und München.
Leseprobe zu "Das unsterbliche Gerücht" von Robert Spaemann
Aber wir müssen noch einen Schritt weiter gehen. Alle Wirklichkeitsbehauptungen, alle Existenzsätze in unserer Umgangssprache sind temporaler Natur, und zwar sind sie Behauptungen über Wirklichkeit in einem emphatischen Sinne nur im Präsens. Das Vergangene und das Künftige gelten uns nicht im gleichen Sinne als wirklich wie das Gegenwärtige. - Sätze im Futurum exactum sind nur wahr, wenn ein entsprechender Satz im Präsens jetzt wahr ist oder einmal wahr gewesen ist. - Diese Implikation gilt auch in umgekehrter Richtung: Nur was später gewesen sein wird, ist jetzt. Das Futurum exactum impliziert das Präsens. Behaupten, etwas werde künftig nicht gewesen sein, ist gleichbedeutend mit der Behauptung, daß es auch jetzt nicht in Wahrheit ist. Die Behauptung streicht sozusagen die Gegenwart ontologisch durch, indem sie ihr eine für die Selbstkonstitution unabdingbare Dimension entzieht. Wir können die Grammatik nicht suspendieren, ohne uns selbst durchzustreichen. Nun stellt sich aber die Frage nach dem ontologischen Status dieses Gewesenseins, wenn jede Erinnerung und jede Spur ausgelöscht sein wird. Welchen Sinn hat es zu sagen: Wenn alles bewußte Leben im Kosmos verschwunden sein wird, bleibt dennoch die Tatsache, daß einmal ein tiefes Glück empfunden oder daß ein Kind zu Tode gequält wurde? Was sollen wir unter diesem "Bleiben" denken? Aber umgekehrt: Was könnte es heißen zu sagen, einmal werde dieses beides nicht mehr gewesen sein? Die Behauptung ist sinnlos, denn das Futurum exactum gehört zur Konstitution des Präsens, und seine Negation läuft auf eine Entwicklung der Gegenwart hinaus. Wir können diese Entwicklung akzeptieren und damit die Entwicklung von Personalität als Wirklichkeit von Subjektivität. Wir müssen sie akzeptieren, wenn wir den Gottesgedanken aus dem Denken fernhalten wollen. Denn ein Gewesensein behaupten, das von allem Bewußtsein endlicher Personen unabhängig ist, kann nur heißen, die Existenz Gottes behaupten. Wenn wir auf die Annahme eines definitiven Aufgehobenseins aller Ereignisse der Welt in einem göttlichen Innen verzichten, müssen wir die Wirklichkeit entwirklichen. Wir müßten den absurden Gedanken akzeptieren, daß das, was jetzt ist, einmal nicht mehr gewesen sein wird. Das aber heißt, daß es überhaupt nicht wirklich ist - ein Gedanke, den nur der Buddhismus tatsächlich zu denken versucht. Die Konsequenz des Buddhismus ist die Verneinung des Lebens.
Nietzsche hat wie kein anderer vor ihm die Konsequenzen des Atheismus durchdacht, insofern er nicht den Weg der Lebensverneinung, sondern der Lebensbejahung gehen will. Als katastrophalste Konsequenz erschien es ihm, daß der Mensch das Woraufhin seiner Selbsttranszendenz verliert. Denn Nietzsche sah es als die größte Errungenschaft des Christentums an, daß es lehrte, den Menschen zu lieben um Gottes willen - "bis jetzt das vornehmste und entlegenste Gefühl, das unter Menschen erreicht worden ist". (21)
Der Übermensch und die Idee der ewigen Wiederkehr sollten der funktionale Ersatz für die Gottesidee sein. Denn Nietzsche sah genau, wer andernfalls das Gesicht der Erde in Zukunft bestimmen würde, die "letzten Menschen", die glauben, das Glück erfunden zu haben und über "Liebe", "Schöpfung", "Sehnsucht" und "Stern" spotten.(22) Sie sind nur noch mit der Manipulation ihrer eigenen Lustzustände beschäftigt und halten jeden Dissidenten für verrückt, dem es im Ernst um etwas geht, also zum Beispiel um "Wahrheit". Nietzsches Nietzsches heroischer Nihilismus hat sich - wie er selbst befürchtete - als ohnmächtig gegenüber dem letzten Menschen erwiesen. Die Funktion der Gottesidee beruht nämlich auf dem Glauben an eine Wahrheit, die durch keine Funktion definiert ist. Darum ist jeder funktionale Ersatz für sie unmöglich. Der banale Nihilismus des letzten Menschen wird heute unter anderen von Richard Rorty propagiert. Der Mensch, der mit der Gottesidee auch der Wahrheit abgesagt hat, kennt nur noch seine eigenen subjektiven Zustände. Sein Verhältnis zur Wirklichkeit ist nicht repräsentational, sondern nur kausal. Er möchte sich als geschicktes Tier verstehen. Für ein solches Tier kann es so etwas wie Gotteserkenntnis nicht geben. Wenn aber Erfahrung der Welt als des offenen Raumes einer sich selbst zeigenden Wirklichkeit nur noch um den Preis der Affirmation der Existenz Gottes zu haben ist, dann ist das für diejenigen, die sich weiterhin als freie und wahrheitsfähige Wesen verstehen wollen, das überzeugendste Argument für die Existenz Gottes - ein argumentum ad hominem. [...]
21 F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, loc, cit., Bd. VI 2, Berlin 1968, S. 77.
22 F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, loc. cit., Bd. VI, Berlin 1968, S. 13. [...]
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