Das Mädchen aus Mailand - Scerbanenco, Giorgio

Giorgio Scerbanenco 

Das Mädchen aus Mailand

Ein Duca-Lamberti-Roman

Aus d. Italien. v. Christiane Rhein
Broschiertes Buch
 
Vergriffen, keine Neuauflage
Nicht lieferbar
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Das Mädchen aus Mailand

Warum stürzt der Tod einer Prostituierten den Sohn einer reichen Mailänder Familie in tiefste Verzweiflung? Der Vater bittet den Privatdetektiv Duca Lamberti, diskrete Ermittlungen anzustellen. Lamberti taucht ein in die Mailänder Halbwelt und wird bald selber vom Jäger zum Gejagten ...


Auf dem Höhepunkt seines literarischen Schaffens schrieb der Mailänder Journalist Giorgio Scerbanenco in den 60er Jahren Kriminalgeschichten um Duca Lamberti, die heute zu den modernen Klassikern des Genres gehören. Wie sein berühmter Kollege Maigret nimmt sich Lamberti der kleinen Leute an. Unsentimental und illusionslos ermittelt er in den Quartieren Mailands, wo die Stadt ihr Herz zu verlieren beginnt. Das Mailand der Ladenmädchen, der unterbezahlten Krankenschwestern, der kleinen Industriellen zur Zeit des Wirtschaftswunders ist seine Welt. Und er beobachtet unbarmherzig, wie der kleine Gauner zum Drogendealer, das Mädchen von nebenan zur Gelegenheitsprostituierten und rebellische Jugendliche zu Bandenmitgliedern werden.
Duca Lamberti ist wieder frei. Drei Jahre hat der Arzt im Gefängnis gesessen, weil er einer alten krebskranken Frau zu einem würdigen Sterben verholfen hat. Der Ärztebund hat ihn aus seinen Reihen ausgeschlossen. Lamberti ist daher gezwungen, sich nach einer anderen Arbeit umzusehen. Durch Zufall erfährt Kommissar Carrua, der ehemalige Chef seines verstorbenen Vaters, von Lambertis schwieriger Lage und verweist ihn an den reichen Ingenieur Auseri. Dessen 20jähriger Sohn Davide hat vor einem Jahr plötzlich scheinbar grundlos zu trinken begonnen. Auseri will um jeden Preis seinen Sohn vom Alkohol wegbringen. Lamberti nimmt den Aufpasser-Job an. Voller Mitgefühl versucht er dem verzweifelten Davide zu helfen. Bald gesteht ihm der junge Mann, warum er das Leben nur noch betrunken ertragen kann. Er fühlt sich schuldig am Tod eines jungen Mädchens, das vor etwa einem Jahr auf einer Wiese am Stadtrand von Mailand mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden wurde. Davide hatte den Abend vorher gegen Bezahlung mit Alberta verbracht, und sie hatte ihn inständig gebeten, mit ihr für einige Zeit zu verreisen - sonst müsse sie sich umbringen. Davide fühlte sich von dem heftigen Ansinnen des Mädchens bedroht und setzte sie aus dem Auto. Am nächsten Mon war sie tot. Den einzigen Anhaltspunkt für die Hintergründe ihres Todes bietet eine kleine Kamera, die Alberta in Davides Auto vergaß. Lamberti lässt den Film entwickeln. Die Fotos zeigen Alberta und eine andere Frau in pornographischen Posen. Lamberti ist sich nun sicher, dass Albertas Selbstmord ein Mord war. Um Davides Willen, aber auch weil er die Handschrift des organisierten Verbrechens zu erkennen glaubt - der Mafia, die seinen Vater zum Krüppel gemacht hat - beschließt Lamberti zu ermitteln. Doch angesichts seiner schwierigen Vergangenheit kann er unmöglich als Ermittler auf eigene Faust im Rotlichtmilieu tätig werden, und daher stellt ihm Kommissar Carrua den Sizilianer Mascaranti, einen erfahrenen Polizisten, zur Seite. Über Albertas Schwester lernen sie deren schöne Freundin Livia Ussaro kennen. Auch Livia hat sich manchmal prostituiert, und Alberta hatte ihr von einem älteren Herrn erzählt, der ihr das Angebot für die pornographische Fotoserie gemacht hatte ...


Produktinformation

  • Verlag: btb bei Goldmann
  • 2002
  • Ausstattung/Bilder: 2002. 254 S.
  • Seitenzahl: 254
  • btb Bd.72819
  • Deutsch
  • Abmessung: 19 cm
  • Gewicht: 256g
  • ISBN-13: 9783442728190
  • ISBN-10: 3442728193
  • Best.Nr.: 10846415
Mediziner als Hobby-Sherlock
Hier ermittelt kein Kommissar, sondern ein Arzt, der seinen Beruf nicht mehr ausüben darf.
Gerade aus dem Gefängnis entlassen, wird dieser in den Romanen von Giorgio Scerbanenco bevorzugt von zwielichtigen Leuten aufgesucht.
Hier erscheint zunächst alles seriös, ein reicher Industrieller fordert Doktor Duca Lamberti auf, seinen Sohn von der Alkoholsucht zu befreien. Schade, dass im Klappentext schon zuviel verraten wird, denn der Leser folgt der Therapie mit Spannung und Seite für Seite ergründet Lamberti die Ursache der Trunksucht des jungen Mannes.
Es geht um ein schlechtes Gewissen, weibliche Freiheit und Mädchenhandel.
Spannend und erfrischend neu für ein Buch von 1966
Am Ende setzt Lamberti einen "Lockvogel" ein, um die Hintermänner verhaften lassen zu können. Erst da versteht er, warum sein Vater, ein Polizeikommissar, bei der Arbeit gewalttätig war.
"Man muss sie mit ihren eigenen Waffen schlagen."
Für den "Lockvogel", das Mädchen bedeutet es nicht den Tod, aber wie wird sie mit den Folgen weiterleben können, in die Hände eines Sadisten, der bei der Mafia gelernt hat, geraten zu sein?
Hier endet das Buch.
Poetisch, spannend, kurzweilig, amüsant und erfrischend neu für ein 1966 geschriebenes Werk.
(K. Ara, www.krimi-forum.de)

Giorgio Scerbanenco wurde 1911 in Kiew als Sohn eines ukrainischen Offiziers und einer Italienerin geboren. Bei Ausbruch der russischen Revolution, die den Vater das Leben kostete, floh er mit seiner Mutter nach Italien. Als Erwachsener versuchte er sich in allen möglichen Jobs, bis er schließlich seine journalistischen Fähigkeiten und seine schriftstellerische Begabung entdeckte. Die Kriminalromane um Duca Lamberti machten ihn berühmt. In einem ganz eigenen unsentimentalen Ton schuf Scerbanenco eine Figur, die in ihren Widersprüchen das Mailand der kleinen Leute in der Zeit gesellschaftlicher Umbrüche spiegelt. Giorgio Scerbanenco starb 1969.

Leseprobe zu "Das Mädchen aus Mailand" von Giorgio Scerbanenco

In den drei Jahren Gefängnis hatte er gelernt, sich die Zeit mit einfachen Mitteln zu vertreiben. Die ersten zehn Minuten beschränkte er sich allerdings darauf, eine Zigarette zu rauchen, ohne sich dabei irgendein Spielchen auszudenken. Als er den Zigarettenstummel aber auf den Kiesweg schnipste, dachte er daran, dass die Zahl der Steinchen auf den Wegen dieses Gartens eine endliche Zahl war. Auch die Summe aller Sandkörner an allen Stränden der Welt konnte man ausrechnen; auch das war eine endliche Zahl, wenn auch eine sehr hohe, und so begann er zu rechnen, den Blick auf den Weg geheftet. Auf fünf Quadratzentimetern mussten sich im Durchschnitt achtzig Steinchen befinden. Dann überschlug er die Fläche der Gartenwege, die zu der Villa vor ihm führten, und kam zu dem Schluss, dass der Kies dieser Wege, der aus unendlich vielen Steinchen zu bestehen schien, gerade einmal die lächerliche Zahl von einer Million und sechshunderttausend erreichte, plus minus zehn Prozent.

Plötzlich knirschte der Kies, und er schaute einen Augenblick auf. Aus der Villa war ein Mann getreten, der über den breitesten Weg auf ihn zukam. Bis er ihn erreichen würde, konnte er noch ein Spielchen machen, und so blieb er mit gebeugtem Rücken auf der Betonkonsole sitzen, die als Bank diente, und hob eine Hand voll Kies auf. Das Spiel bestand darin, die Antworten auf zwei Fragen zu erraten: erstens, ob die Zahl der Steinchen gerade oder ungerade war, und zweitens, ob sie größer oder kleiner als eine bestimmte Zahl, zum Beispiel zwanzig, war. Waren beide Antworten richtig, hatte er gewonnen. Er beschloss, dass die Zahl der Steinchen in seiner Faust gerade sein musste und kleiner als zwanzig. Er öffnete die Hand und zählte nach: Gewonnen! Es waren achtzehn Steinchen.

"Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen, Doktor Lamberti." Die Stimme des Mannes, der nun vor ihm stand, war würdevoll und müde zugleich, die Stimme eines erschöpften Herrschers. Die Hose - denn das war das Einzige, was er bei seiner gebeugten Haltung sehen konnte - lag eng an den mageren Beinen an, eine Hose, wie die jungen Leute sie tragen, doch dieser Mann war nicht jung, wie er sah, als er sich erhob, um die ausgestreckte Hand zu schütteln, und wie er ja auch bereits wusste. Vor ihm stand ein nicht sehr großer, aber kräftiger alter Mann, die Haare ganz kurz geschoren, das Kinn vollkommen glatt rasiert, die Hand klein, aber stahlhart.

"Buonasera", antwortete er dem kleinen Herrscher, "angenehm." Im Gefängnis hatte er gelernt, keine Worte zu verschwenden. Im Prozess, als die Nichte von Signora Maldrigati weinte und jammerte, dass ihre Tante umgebracht worden sei, aber mit keinem Wort die Millionen erwähnte, die sie von ebendieser Tante geerbt hatte, wollte er reden, doch sein Verteidiger hatte ihm fast mit Tränen in den Augen zugeflüstert, er solle bloß nichts sagen, nicht ein einziges Wort, denn sonst hätte er die Wahrheit gesagt, und die Wahrheit ist der Tod; alles darf man sagen, bloß nicht die Wahrheit. Nicht vor Gericht. Nicht in einem Prozess. Und auch nicht im Leben.

"In Mailand ist es heiß", sagte der kleine Mann und setzte sich neben ihn auf die Betonkonsole. "Hier in der Brianza hingegen ist es immer angenehm kühl. Kennen Sie die Brianza?"

Mit Sicherheit hatte er ihn nicht kommen lassen, um ihm einen Vortrag über das Brianzer Klima zu halten. Wahrscheinlich wollte er erst mal ein wenig unverbindlich mit ihm plaudern. "Ja", antwortete er, "als Junge bin ich manchmal mit dem Fahrrad hierher gekommen. Canzo, Asso, der See."

"Mit dem Fahrrad", sann der kleine Mann, "auch ich war als junger Mann manchmal mit dem Fahrrad hier."

Das Gespräch schien beendet. Der Garten lag um diese Stunde schon fast im Dunkeln, in der Villa gingen einige Lichter an, ein Bus, der auf der zwanzig Meter tiefer liegenden Straße vorbeifuhr, hupte eine Melodie, die an Wagner erinnerte.

"Diese Gegend ist aus der Mode gekommen", fing der Kleine wieder an, "heute fährt man an die Côte d'Azur oder zum Sonnenbaden auf die Inseln, obwohl wir hier in der Brianza, eine halbe Autostunde von Mailand entfernt, eine Luft haben wie auf Tahiti. Ich glaube, das liegt daran, dass die Leute sich gern von ihrem Wohnort entfernen. Ein Ort in der Nähe ist einfach nicht attraktiv. Für meinen Sohn etwa ist diese Villa eine Art Gefängnis; wenn ich ihm sage, er soll mich besuchen, tut er, als müsse er eine Strafe abbüßen. Vielleicht hat er ja Recht: Es ist zwar angenehm kühl, aber auch etwas langweilig." Inzwischen war es fast ganz dunkel, nur die erleuchteten Fenster der Villa spendeten noch etwas Licht. Mit veränderter Stimme fügte der kleine Mann hinzu: "Hat man Ihnen gesagt, Doktor Lamberti, weshalb ich Sie hierher gebeten habe?"

"Nein", antwortete er, man hatte es ihm nicht gesagt. Man hatte ihm allerdings erklärt, wer dieser Mann war, der sich so einfach und anspruchslos gab: einer der fünf großen, italienischen Plastikexperten, Ingenieur Pietro Auseri, schon über fünfundfünfzig, ein Künstler der Materie, fähig, alles und jedes zu Plastik zu machen; eine spezielle Plastiksorte war sogar nach ihm benannt, Auserol. Er besaß drei verschiedene Diplome, sein Vermögen musste beträchtlich sein, doch offiziell war er nur der Inhaber eines alten Ingenieurbüros in einer alten Straße im Herzen Mailands.

"Ich dachte, man hätte Ihnen angedeutet, worum es geht", bemerkte der Kleine. Die Müdigkeit war aus seiner Stimme verschwunden, sie klang nun gebieterisch, das Wetter und der Tourismus waren kein Thema mehr.

"Mir wurde gesagt, ich könne hierher kommen, um eine Arbeit für Sie zu übernehmen", antwortete er. Jetzt war es ganz dunkel, in der Villa gingen noch ein paar Lichter an, ein fahler Schein fiel zu ihnen herüber.

"Ja, in gewisser Hinsicht handelt es sich um eine Arbeit", bestätigte Auseri. "Haben Sie etwas dagegen, wenn wir zum Reden hier sitzen bleiben? Im Haus ist nämlich mein Sohn, und ich möchte, dass er Ihnen erst hinterher begegnet."

"Mir ist es recht." Der kleine Alte gefiel ihm, er war bestimmt kein Scharlatan. In den letzten Jahren hatte er ganze Heerscharen von Scharlatanen getroffen, im Gefängnis und auch außerhalb, er konnte sie inzwischen fast am Geruch erkennen, am kleinen Finger oder an einem Härchen ihrer Augenbrauen.

"Sie sind Arzt", sagte Auseri.

Er antwortete nicht sofort, sondern wartete einen Moment. In der Dunkelheit und Stille wurde die Pause immer länger. "Ich war Arzt. Man hätte Sie darüber informieren müssen."

"Sicher", bestätigte Auseri, "aber Sie sind doch auch weiterhin ein Arzt. Und ich brauche einen Arzt."

Er zählte die erleuchteten Fenster der Villa: Es waren acht, vier im Erdgeschoss und vier im ersten Stock. "Ich darf meinen Beruf nicht mehr ausüben. Ich darf nicht einmal mehr eine Spritze geben, genauer gesagt: Gerade Spritzen darf ich nicht mehr geben. Hat man Ihnen das nicht mitgeteilt?"

"Doch, alles hat man mir gesagt, aber das ist nicht von Wichtigkeit."

Merkwürdig. Er widersprach: "Wenn Sie einen Arzt brauchen und sich an jemanden wenden, dem die Zulassung entzogen wurde und der Ihnen nicht einmal ein Aspirin verschreiben darf, so muss das ja wohl von einer gewissen Wichtigkeit sein."

"Nein", entgegnete der Herrscher mit gebieterischer Freundlichkeit. In der Dunkelheit hielt er ihm ein Päckchen Zigaretten hin: "Rauchen Sie?"

"Ich war im Gefängnis, drei Jahre." Er nahm eine Zigarette, und Auseri gab ihm Feuer. "Wegen Mord."

"Ich weiß", antwortete Auseri, "doch das ist nicht wichtig."

Gut, mag sein, dass überhaupt nichts wichtig ist.

"Mein Sohn ist Alkoholiker", sagte Auseri in die Dunkelheit hinein und zog an seiner Zigarette. "Jetzt ist er gerade in seinem Zimmer oben, dem einzigen erleuchteten Raum im ersten Stock. Es muss ihm gelungen sein, ein paar Flaschen Whisky vor mir zu verstecken, und so heizt er sich jetzt ein, während er darauf wartet, dass wir hereinkommen."

Seiner Stimme konnte man anhören, dass es wohl doch etwas gab, was für ihn wichtig war, nämlich sein Sohn.

"Er ist zweiundzwanzig", fuhr Auseri fort, "fast zwei Meter groß und wiegt ungefähr neunzig Kilo. Bis letztes Jahr hat er mir nicht viel Kopfzerbrechen bereitet, nur sein Mangel an Intelligenz machte mich ein wenig traurig. Zur Universität konnte ich ihn nicht schicken, und durch das Abitur habe ich ihn nur gebracht, weil ich seine Lehrer systematisch bestochen habe. Außerdem ist er willensschwach und äußerst schüchtern. Bei uns sagt man: groß, aber Kamuffel."

Groß, aber dumm. Auseris verbitterte Stimme schien aus dem Nichts zu kommen.

"Doch das hat mich nicht weiter gestört", fuhr Auseri fort. "Mir liegt nichts an den kleinen Freuden, die ein genial veranlagter Sprössling seinen Eltern bereiten kann. Mit neunzehn habe ich ihn als Lehrling zu Montecatini geschickt. Er hat alle Büros und Abteilungen durchlaufen. Viel gelernt hat er dabei zwar nicht, aber es ging immerhin vorwärts. Letztes Jahr hat er dann mit dem Trinken begonnen. Anfangs gelang es ihm noch, seine Sucht einigermaßen zu verbergen, er kam nur viel zu spät ins Büro oder ging manchmal auch gar nicht hin. Nach einigen Monaten aber musste ich ihn zu Hause behalten, weil er sich jeden Morgen ein paar Flachmänner mit zur Arbeit nahm. Sie hören mir doch zu?"

- ja, im Gefängnis hatte er auch gelernt zuzuhören, seine Zellengenossen hatten unendlich lange Märchen zu erzählen, Märchen von ihrer Unschuld, Märchen von Frauen, die sie in den Ruin getrieben hatten, alle waren sie von Kain ermordete Abels oder von Eva verführte Adams. Der Ingenieur hingegen erzählte etwas anderes, etwas Wahres, etwas, das schmerzte, und er hörte ihm wirklich zu. "Natürlich", bestätigte er.

"Ich muss Ihnen ein paar Einzelheiten mitteilen, damit Sie begreifen, wie die Dinge liegen", erklärte Auseri. Die Stimme in der Dunkelheit verlor nicht etwa ihren gebieterischen Ton, sondern wurde eher noch eindringlicher. "Mein Sohn betrinkt sich dreimal täglich. Beim Mittagessen ist er bereits vollkommen zu, isst fast nichts und schläft hinterher ein. Nachmittags betrinkt er sich ein zweites Mal und schläft dann bis zum Abendessen. Bei dieser Mahlzeit isst er, beginnt allerdings auch, sich zum dritten Mal zu betrinken, und schläft hinterher in seinem Sessel ein. Und so geht das nun tagaus, tagein, seit fast einem Jahr, außer ich denke mir etwas ganz Konkretes aus, um ihn daran zu hindern."

Für einen Zweiundzwanzigjährigen hatte diese Art, sich zu betrinken, etwas Unheimliches. "Sie haben sicher einiges unternommen, um ihn am Trinken zu hindern." Ihm war noch nicht klar, was man von ihm erwartete, aber er wollte höflich sein. "Sie werden ihm den Umgang mit den Freunden untersagt haben, in deren Gesellschaft er trinkt."

"Mein Sohn hat keine Freunde", widersprach Auseri, "er hat nie welche gehabt, nicht einmal in der Grundschule. Er ist ein Einzelkind. Ich bin seit elf Jahren Witwer, aber trotz meines Berufs habe ich ihn nie einer Gouvernante oder Hauslehrerin anvertraut. Ich kenne ihn gut, er hat sich noch nie mit Freunden getroffen, um ins Schwimmbad zu gehen, Tennis zu spielen oder abends auszugehen. Seit er sein Auto hat, benutzt er es ausschließlich, um allein über die Autobahn zu brausen. Das einzig Normale an ihm ist dieser Geschwindigkeitswahn. Früher oder später wird er sich zu Tode rasen, und damit wäre dann auch das Alkoholproblem gelöst."

Er wartete, dass der verbitterte Ingenieur weitersprechen würde. Er musste lange warten. "Ich habe einiges getan, um ihn vom Trinken abzubringen." Auseri begann, seine Anstrengungen aufzuzählen, als würde er die Posten einer miserablen Bilanz angeben. "Zunächst habe ich mit ihm gesprochen: die Methode der Überzeugung. In meinem ganzen Leben habe ich zwar kein einziges Mal erlebt, dass sich jemand in irgendeiner Hinsicht von Worten hätte überzeugen lassen, aber ich musste es zumindest versuchen. Die Psychologen behaupten ja, dass man Jugendliche nicht zwingen, sondern sie lieber überzeugen soll. Der Whisky hat meine Überzeugungsarbeit allerdings regelmäßig zunichte gemacht. Ich redete, und er trank. Dann habe ich es mit der Methode der Verbote versucht. Kein Geld, ständige Überwachung. Fast zwei Wochen war ich mit ihm zusammen und habe ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen, wir waren in St. Moritz, stundenlang haben wir den Schwänen auf dem See zugeschaut, mit dem Regenschirm in der Hand, denn es regnete ununterbrochen, aber es gelang ihm trotzdem zu trinken, er trank nachts, denn wir schliefen in verschiedenen Zimmern, wahrscheinlich brachte ihm irgendein Hotelboy das Zeug heimlich, und so war er morgens immer vollkommen betrunken."

Hin und wieder schauten sie zum einzigen erleuchteten Fenster im ersten Stock hinauf, zum Zimmer des Trinkers, aber es war nichts als das Licht zu sehen, die beleuchtete Zimmerdecke.

"Die dritte Methode, die körperliche Züchtigung, hat auch keine besseren Ergebnisse gebracht", fuhr Auseri fort, "obwohl ich große Hoffnungen auf sie gesetzt hatte. Ohrfeigen, Faustschläge und Hiebe bringen den Menschen außerordentlich schnell dazu, darüber nachzudenken, wie er sie vermeiden kann. Immer wenn ich merkte, dass mein Sohn betrunken war, verprügelte ich ihn, und zwar nach Strich und Faden. Mein Sohn ist von Natur aus ein unterwürfiger Mensch, und außerdem hätte ich ihn fertig gemacht, wenn er versucht hätte, sich aufzulehnen. Nach den Schlägen weinte er meist und beteuerte, dass er nichts dafür könne, dass er nicht trinken wolle, aber dass er es einfach nicht lassen könne. Nach einer Weile habe ich auch diese Methode aufgegeben."

"Haben Sie noch etwas anderes versucht?"

"Nein. Ich habe einen Arzt kommen lassen und ihm die Lage geschildert, und er hat mir gesagt, der einzige Ausweg sei, meinen Sohn zu einer Entziehungskur in die Klinik zu stecken."

Ja, das stimmte, in der Klinik hätte man den Jungen einer Entziehungskur unterzogen, doch sobald er wieder herausgekommen wäre, hätte er erneut zu trinken begonnen. Das sagte er aber nicht - Auseri sagte es selbst.

"Ich hatte an diese Möglichkeit bereits selbst gedacht, bloß dass er nach seiner Entlassung sicher sofort wieder anfangen würde zu trinken. Wenn er allein ist, trinkt er. Er braucht Freunde - und Frauen." Auseri bot ihm noch eine Zigarette an, gab ihm Feuer, und sie begannen wieder zu rauchen. Feuchtigkeit breitete sich aus, es war dunkel, nur die erleuchteten Fenster am Ende des Wegs spendeten etwas Licht. "Vor allem Frauen. Ich habe ihn noch nie mit einem Mädchen gesehen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Frauen gefallen ihm, das merkt man an der Art, wie er sie anschaut, und ich glaube, dass er sich nicht selten an Frauen des horizontalen Gewerbes wendet. Aber er ist zu verschlossen, um sich eine Freundin zuzulegen. Ich habe mehrmals erlebt, wie er von Mädchen umworben wurde, schließlich ist er auch eine gute Partie. Aber er wird stumm wie ein Fisch, wenn eine Frau in seine Nähe kommt, und spricht kein einziges Wort mehr. Vielleicht denken Sie jetzt, er sei nicht normal. Irrtum. Er hat seinen Militärdienst ganz regulär absolviert, und zwar als Soldat, nicht als Offizier. Anfangs wurde er ständig gehänselt, weil er sich immer abseits hielt. Doch als er dann einem Kameraden fast den Kopf einschlug und einem anderen zwei Rippen brach, verschaffte er sich schlagartig Respekt, und danach wurde er in Ruhe gelassen. Mein Sohn ist völlig normal, nur dass er von seiner Mutter einen starken Drang zum Alleinsein geerbt hat. Meine Frau war genauso, hatte keine Freundinnen, nicht einmal Bekannte, nur mit mir fühlte sie sich wohl, zu Hause; nur äußerst selten ist es mir gelungen, sie auf Empfänge oder Feste mitzunehmen. Ja, ja, so werden die schlechten Seiten vererbt, die guten hingegen gehen verloren. Das ist wohl eine Art biologischer Entropie."

Der kleine Herrscher fuchtelte unglücklich mit der Hand in der Dunkelheit herum, doch schien diese Hand nicht lebendig zu sein, sie erinnerte eher an ein düsteres, rastloses Gespenst.

"Ich möchte jetzt einen letzten Versuch machen", sagte Auseri. "Ich möchte jemanden an seine Seite stellen, einen Freund und Arzt, der ihm das Trinken abgewöhnt, einerlei, mit welcher Methode. Einen Begleiter, der ihn durch seine Anwesenheit ständig, Minute für Minute, am Trinken hindert, sogar auf dem Klo. Mir ist egal, wie lange er dazu braucht - und wenn es ein Jahr dauert. Und mir ist auch egal, welche Mittel er einsetzt. Meinetwegen kann er ihn zu Tode prügeln: lieber tot als Alkoholiker."

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