Das Leiden anderer betrachten - Sontag, Susan

Susan Sontag 

Das Leiden anderer betrachten

Aus d. Amerikan. v. Reinhard Kaiser
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Das Leiden anderer betrachten

25 Jahre nach ihrem berühmten Essay "Über Fotografie" beschäftigt sich die Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels mit dem entsetzlich aktuellen Thema der Kriegsfotografie. Sie rekapituliert deren historische Entwicklung vom Spanischen Bürgerkrieg bis Afghanistan, beschreibt die unvergesslichen Bilder bedeutender Fotografen und stellt die zentrale Frage: Was löst der Anblick eines leidenden Menschen im Betrachter aus?

Ein Foto, das jeder gesehen hat: Robert Capas Bild des Soldaten im Spanischen Bürgerkrieg, aufgenommen in dem Moment, da ihn die tödliche Kugel trifft. Mit diesem Krieg beginnt die eigentliche Berichterstattung mit der Kamera, und 1945, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erhalten Fotoreporter, die die Gräuel der KZ und die Opfer der Atombombe abbilden, eine neue Legitimation. Die Fotografen, die später in Vietnam, in Biafra und auf dem Balkan Bilder aufnahmen, die noch immer unsere Vorstellung vom Krieg bestimmen, sahen sich als Zeugen und Ankläger.
Fünfundzwanzig Jahre nach der Veröffentlichung ihres Epoche machenden Essays "Über Fotografie" beschäftigt sich Susan Sontag mit dem Thema Kriegsfotografie. Sie rekapituliert die historische Entwicklung, vergisst nicht, die Vorläufer der Dokumentaristen des Kriegs zu erwähnen, und scheut sich nicht, den Voyeur in uns allen zu benennen. Und sie revidiert ihre einst geäußerte Ansicht, dass der Mensch abstumpfe, wenn er unablässig mit dem konfrontiert werde, was Menschen anderen Menschen antun. Das Bild wird zum Appell, etwas zu unternehmen. "Das Bild sagt: Setz dem ein Ende, interveniere, handle. Und dies ist die entscheidende, die korrekte Reaktion."


Produktinformation

  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt
  • 2008
  • 2. Aufl.
  • Ausstattung/Bilder: 150 S.
  • Seitenzahl: 160
  • Fischer Taschenbücher Bd.16480
  • Deutsch
  • Abmessung: 193mm x 121mm x 15mm
  • Gewicht: 156g
  • ISBN-13: 9783596164806
  • ISBN-10: 359616480X
  • Best.Nr.: 13271177
"(Sontag) hat ein untrügliches Gespür für das gerade aktuelleste Thema und kann den Vorwurf, eine Modeschriftstellerin zu sein, dennoch von sich weisen, denn sie sucht die Tagesbezogenheit nur, um die falsche Aufgeregtheit, mit der sich die Öffentlichkeit erregen lässt, wieder durch Einsicht zu bannen."<br />Hannelore Schlaffer, Stuttgarter Zeitung, 22.08.03

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 23.08.2003

Die Qual der Bilder
Susan Sontags Gang durch die Geschichte der Kriegsfotografie

Vor nahezu dreißig Jahren, 1977, veröffentlichte Susan Sontag ein Buch "Über Fotografie", das große Beachtung fand. Es war Fotografiegeschichte und philosophische Reflexion in einem, eine Hommage an große Fotografen, vor allem aber eine Bestandsaufnahme der Gebrauchsweisen von Fotos. Die Fotografie erschien hier nicht nur als die Kunst unserer Zeit, sondern auch als ein Organ spefizisch moderner Erfahrungen. Ihr neuer Essay über fotografische Bilder von Krieg, Greueln und Leiden könnte wie die Fortschreibung einiger Motive des älteren Buches erscheinen. Tatsächlich aber ist es ein Vorhaben ganz anderer Art. Er handelt von schockierenden Bildern, von ihrer Geschichte, ihrer Herstellungsweise, ihren Wirkungen und ihrer Verbreitung, aber doch fast beiläufig. Denn dieser bedeutende Essay, der zu den exemplarischen Reflexionen unserer Zeit zählen wird, ist ein Moraltraktat über die moderne Wahrnehmung von Krieg, von Grausamkeit und Leid. Wer eine Predigt mit Fotografien erwartet, wird enttäuscht.

Susan Sontags Sprache ist lakonischer als je zuvor, fast …

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"Gerade wenn sie über den Krieg, dieses "männliche" Spektakel, schreibt, offenbart sich die Stärke ihres Stils, der von Pragmatismus ebenso geprägt ist wie von gelegentlicher Emotionalität, stets aber reflektiert und distanziert auftritt." (Felicitas von Lovenberg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.06.03)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 09.08.2003

Was der Schock vermag
Selbstkorrektur: Heute erscheint Susan Sontags Essay „Das Leiden anderer betrachten”
Das Buch hat keine Bilder. Nur auf dem Umschlag ist eine Radierung aus Goyas „Schrecken des Krieges” zu sehen, ein am Baum Erhängter, vor dem auf einer kleinen Mauer ein Soldat in Uniform sitzt. Den Körper zurückgelehnt und den Kopf auf den linken Arm gestützt, betrachtet er den Toten. Schon eine ganze Weile scheint er dort zu sitzen, hat dem Verurteilten vielleicht beim Sterben zugesehen.
„Regarding the Pain of others”, „Das Leiden anderer betrachten”, heißt der neue Essay von Susan Sontag, der heute in der deutschen Ausgabe erscheint. Und wenn Sontag darin die Ikonen der Kriegsfotografie aufruft – den „Tod eines republikanischen Soldaten” oder die Landung an Omaha Beach von Robert Capa, auf die sich Steven Spielberg in „Saving Private Ryan” stützt; die Fotografien von der Befreiung der Konzentrationslager oder das bekannte Bild aus dem Vietnamkrieg, auf dem Kinder bei einem Napalm-Angriff schreiend die Straße entlang laufen –, dann verlässt sie sich darauf, dass wir sie kennen.
Allerdings vermeidet sie auch, sie …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Eine schlüssige und vor allem alle Aspekte des Themas Kriegsbilder abdeckende Arbeit ist dieses Essay von Susan Sontag auf jeden Fall, findet der Rezensent Gerrit Bartels: Die Autorin "leuchtet die Problematik vor allem der Kriegsfotografie von allen Seiten aus" und analysiert im Zuge dessen auch, warum es so schwierig ist, von Fotos zu Mitgefühl oder gar zum Handeln bewegt zu werden. Trotz dieser Skepsis leistet Sontag aber eine "kritische Revision" der These, die sie vor 30 Jahren in ihrem Essayband "Über Fotografie" aufgestellt hat: Damals stand die "Manipulation durch die Medien, ihr Abstumpfungspotential" im Zentrum ihrer Analyse. Heute glaubt sie, dass die Bilder eines Krieges durchaus auf den Betrachter wirken können - vor allem wenn der selber Erfahrungen mit Krieg und Gewalt gemacht haben. Sontag glaubt demnach durchaus an eine Wirkungskraft der Bilder: "Ihr sozusagen positiv gewendetes Schockpotenzial gilt es zu erhalten oder freizulegen".

© Perlentaucher Medien GmbH
Susan Sontag, 1933 in New York geboren, ist Schriftstellerin, Filmemacherin und Theaterregisseurin. Sie erhielt unter anderen den Jerusalem Prize, den National Book Award, den Prinz-von-Asturien-Preis und 2003 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sie starb 2004 in New York.

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