Das Jahr 1968 - Ereignis, Symbol, Chiffre

Das Jahr 1968 - Ereignis, Symbol, Chiffre

Herausgegeben von Rathkolb, Oliver; Stadler, Friedrich
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Produktinformation

  • Verlag: V&R Unipress
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 294 S. 240 mm
  • Seitenzahl: 294
  • Zeitgeschichte im Kontext Bd.1
  • Deutsch
  • Abmessung: 246mm x 172mm x 28mm
  • Gewicht: 649g
  • ISBN-13: 9783899716665
  • ISBN-10: 3899716663
  • Best.Nr.: 31686417
Oliver Rathkolb, geboren 1955 in Wien, studierte Jus und Geschichte an der Universität Wien, Direktor des Ludwig-Boltzmann-Instituts "European History and Democracy: Culture and Media Studies" und Leiter der Internetplattform www.demokratiezentrum.org. Professor an der Universität Wien. Herausgeber der Zeitschrift "Zeitgeschichte".

Leseprobe zu "Das Jahr 1968 - Ereignis, Symbol, Chiffre"

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Leseprobe zu "Das Jahr 1968 - Ereignis, Symbol, Chiffre"

Arbeiter und Studenten in den 68er Jahren (S. 187-188)

Gerd-Rainer Horn

1968 war in der Tat das Jahr der Studenten. Von Belgrad bis Berkeley standen sie in den allerersten Reihen von Aktivisten, die das Jahr 1968 zum »moment of madness« machten.1 Demonstrationen, besetzte Gebäude, permanent tagende Vollversammlungen, fieberhaft agierende Komitees und ähnliche Ausdrucksformen studentischer Gegenmacht kennzeichneten das wankende Machtgefüge universitärer Hierarchien jener Zeit.

Doch nicht nur Universitäten wurden quasi über Nacht zu Zentren politisch-sozialen Aufbegehrens. Auch die Gymnasien entwickelten sich zu Kristallisationspunkten bislang ungekannter Formen politisch- sozialer und kultureller Auseinandersetzungen. Die geringe Aufmerksamkeit, die dem nur bruchstückhaft überlieferten Schülerprotest bislang zuteil wurde, verwundert angesichts der möglichen Bedeutung des Schülerprotestes für die Nachhaltigkeit der universitären Revolte, aber auch angesichts des für die 68er-Forschung ansonsten so zentralen Stellenwerts von Protestaktionen und –formen im Bildungsbereich.

Natürlich war es nicht nur der Bildungsbereich, der von der elementaren Welle sozialer Bewegungen berührt wurde. Es ist meiner Meinung nach unmöglich, einen Gesamteindruck von 1968 in der südlichen Hälfte Europas, insbesondere im romanischsprachigen Bereich, zu bekommen, ohne die Dimension des – manchmal so genannten – »proletarischen Mai« in das Gesamtbild einzubeziehen. Doch will ich mich in diesem Beitrag zuerst auf studentische Bewegungen konzentrieren, die mehr als alle anderen Teilaspekte von 1968 den »roten Faden« der transnationalen Dimension der 68er-Bewegung liefern.

Ich beabsichtige hierbei die den meisten Beobachtern bekannteren Beispiele studentischen Aufbegehrens in den USA, in der BRD, oder in Frankreich beiseite zu lassen, und mich mehreren wahrscheinlich unbekannteren Varianten der 68er Studentenbewegungen zuzuwenden: in Belgien, Italien, Spanien, Mexiko und Nordirland. Noch einen Kommentar zur Chronologie von 1968 vorab.

Die allermeisten Beobachter gebrauchen »1968« als Ausdruck, der einen mehrjährigen Zeitraum beschreibt, in dem »der Geist von ’68«, also ein dezidierter Hang zu überdurchschnittlicher Protestfreudigkeit, kennzeichnend war. In der frankophonen und italienischsprachigen Literatur existieren mit »les ann¤es 68« bzw. »il sessantotto « allgemein akzeptierte Begriffe, die diesen Sinn transportieren. Auch ich meine mit »1968« meist mehr als nur ein bestimmtes Kalenderjahr, und der Ausdruck »die 68er Jahre« bezieht sich daher auf Ereignisse, die um dieses Jahr herum an vielen verschiedenen Orten in vielen Ländern stattgefunden haben.