Leseprobe zu "Das Hibiskusmädchen" von Amanda Smyth
Ich wusste von meinen Eltern nur das, was man mir erzählt hatte. Von keinem der beiden hatte ich jemals eine Fotografie gesehen, denn die gab es nicht. Aber Tante Tassi meinte, dass meine Mutter hübsch gewesen sei, natürlich, und als ich sie fragte, wie hübsch, zeigte sie auf eine rosa Hibiskusblüte, die an einem Busch wuchs, und sagte: "So hübsch." Wie hatte sie ihr Haar frisiert? Sie drehte ihr Haar zu einem Knoten und wickelte ein Tuch um ihren Kopf, erklärte mir Tante Tassi eines kühlen Nachmittags, als wir ins Dorf Black Rock gingen, um dort nach Maniok Ausschau zu halten. Und wie groß war sie? Und welche Farbe hatten ihre Augen genau? Schwarz, sagst du, aber waren sie eher holzschwarz oder so schwarz wie diese afrikanischen Bienen, die einmal aus dem verrotteten Seidenbaumwollbaum geflogen kamen, oder schwarz wie das Pech aus dem See in Trinidad? Waren sie rund oder mandelförmig, groß oder klein? Was haben die Leute gedacht, wenn sie an ihr vorbeigegangen sind? Haben sie den Kopf nach ihr verdreht, oder hat sie keiner bemerkt?
Meistens, wenn ich solche Fragen stellte, fuhr meine Tante mit dem fort, was sie gerade tat, als ob ich gar nichts gesagt hätte. Aber das hielt mich nicht davon ab, immer wieder nach meiner Mutter zu fragen oder über sie nachzudenken und mir auszumalen, wie sie gewesen sein mochte. Ich wusste, dass sie in einem Herrensalon namens Mona's in Bacolet gearbeitet und dort meinen Vater kennengelernt hatte. Mein Vater kam auf der Durchreise auf seinem Weg zurück nach England an den Inseln vorbei; er hatte in Guyana Gold geschürft. Und ich wusste, dass sie solche Haare vermutlich sehr selten geschnitten hatte. Wie sollte sie auch, erklärte ich Tante Tassi, wenn er ein weißer Mann gewesen ist. Falls ich dann noch hinzufügte, diese Art, sich zu begegnen, müsse doch etwas sehr Romantisches gehabt haben, meinte meine Tante immer, ich solle mich bloß vor romantischen Vorstellungen hüten. Das betonte sie vor allem dann gerne, wenn sich gerade Roman Bartholomew, ihr Mann, in Hörweite befand.
Sie erzählte mir, meine Mutter sei nach einer langen und schwierigen Geburt gestorben. Hat sie mich noch gesehen?, fragte ich mit fünf Jahren. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass mich meine Mutter nie gesehen hatte. Ja, sagte Tante Tassi. Bevor sie starb, sah sie dein winziges Gesicht, und das ließ sie gleichzeitig lachen und weinen, denn zum ersten Mal in ihrem Leben war sie glücklich. Dann schüttelte meine Tante den Kopf, als ob sie der Gedanke an meine Mutter traurig stimmen würde, und ich fühlte mich schlecht, weil ich sie gefragt hatte. Ich lag auf dem Bauch meiner Mutter, bedeckt von schleimiger Flüssigkeit, als sie ihren letzten Atemzug tat. Wir waren in einem sehr heißen Zimmer ohne Fenster, und deshalb verlegte man uns in ein anderes Zimmer mit Fenster, das man weit für sie öffnete, damit ihre Seele in den Himmel fliegen konnte. Es war Nacht, und jemand entzündete im Hof eine Fackel, um ihr den Weg zu weisen.
Tante Tassi schickte meinem Vater einen Brief nach Southampton in England, aber mein Vater antwortete nicht, und so begruben sie meine Mutter auf dem Friedhof von St. George. Sie bekam nur ein kleines Holzkreuz, weil es für einen Grabstein kein Geld gab. Als ich meine Tante fragte, ob ich meine Mutter getötet hätte, sagte sie, natürlich nicht und wie ich so etwas annehmen könne. Wenn eine Seele auf die Erde komme, fliege eine andere davon. Ich hatte einfach Pech gehabt.
Zufälligerweise besaß Tante Tassi eine Postkarte von Southampton, die ihr Pater Carmichael geschenkt hatte. Es war eine Aufnahme des Hafens. Am Kai standen viele Leute und winkten den Passagieren zu, die ich nicht genau ausmachen konnte. Ich sah den Bug eines gewaltigen Schiffes, aber nicht die Passagiere. Unten auf der Karte stand in weißen Großbuchstaben Southampton geschrieben. Manchmal zog ich diese Karte hinter Tante Tassis Frisierkommode heraus, wo sie mit einer Haarklammer befestigt war, starrte auf die winkenden Engländer und fragte mich, ob mein Vater wohl unter ihnen war oder zumindest so ähnlich aussah.
Alle fanden, dass ich großes Glück gehabt hätte, bei Tante Tassi leben zu dürfen. Meine Kusinen Vera und Violet waren drei Jahre jünger als ich. Sie sahen genau gleich aus, sprachen auf dieselbe Weise und hatten auch das gleiche Lachen. Tante Tassi betonte oft, wie hübsch sie seien, aber ich fand das nie. Ihre Haut, ja, die schon, die schimmerte dunkel und glatt wie eine Aubergine. Doch ihre Gesichter waren gewöhnlich und identisch, und ihre Körper gerade und dünn - die Körper von Strichmännchen, die man zeichnet, wenn man nicht fähig ist, Menschen zu zeichnen. So wie auch ich hatten sie keinen Vater. In dem Moment, in dem Vera und Violet geboren wurden, lief ihr Vater mit einem Mädchen aus Barbados auf und davon, und niemand sah oder hörte jemals wieder etwas von ihm. Ich war damals noch sehr klein, daher kann ich mich an wenig erinnern. Aber ich weiß noch, dass Tante Tassi oft zu traurig war, um das Haus zu verlassen.
Eines Nachmittags spazierte sie nach Buccoo. Auf der Buc- coo Road kam ihr Roman Bartholomew entgegen, ein kleiner dürrer Mann, den die Leute im Dorf Allah nannten, weil er sich für Gott hielt. Er sagte: Hallo, Tassi D'Abadie, und zog den Hut. Meine Tante nickte ihm höflich zu. Sie wusste, wer Roman Bartholomew war, hatte aber noch nie zuvor mit ihm ein Wort gewechselt. Hättest du Lust, heute Abend zum Tanzen nach Carnbee zu kommen? Ja, sagte sie, warum nicht, ich habe sonst nichts zu tun. Kurz darauf waren die beiden ein Paar, und Roman fand in Black Rock eine Stelle und zwar in Campbells Eisenwarenladen.
Jeden Tag auf dem Weg zum Robinson-Crusoe-Hotel, wo Tante Tassi die Zimmer saubermachte, kam sie an dem blauen Holzhaus des Ladens vorbei und spähte in die Dunkelheit hinein, um zu sehen, ob sie dort Roman entdeckte. Manchmal winkte er ihr zu, und manchmal trat er ins weiße Licht hinaus. Das gab es immer wieder: ein grelles Licht, das alles ausblendete, wenn die Sonne hoch über der Insel stand. Dann fragte er vielleicht: Und, Tassi, hast du etwas für mich? Und sie antwortete: Ja, ich habe dir einen Saft oder eine Mango mitgebracht - oder Zuckerkuchen oder was auch immer sie gerade dabeihatte. Oder sie sagte: Nein, nichts, was du nicht sowieso schon hast. Dann drehte sie sich um und ging weiter. Manchmal bat Roman sie auch um Geld: "Tassi, hast du vielleicht ein paar Münzen für mich?" Sie kramte in der Tasche ihrer blauweiß karierten Schürze, holte eine Münze heraus und gab sie ihm. Ich mochte nicht, wie Roman mich ansah - von der Seite her aus seinen schmalen Augen -, deshalb blieb ich immer in der Nähe des alten Hydranten stehen. "So schüchtern, unsere Celia!", rief er, "wie ein kleiner Vogel!", und er streckte seine Hand aus und pfiff, als ob ich wirklich ein Vogel wäre.
Die Leute meinten, Tante Tassi sei vom Regen in die Traufe gekommen. Aber sie selbst schätzte sich glücklich, einen Mann gefunden zu haben, der bereit war, die Kinder eines anderen Mannes und auch noch die Tochter der verstorbenen Schwester (mich) zu tolerieren, weshalb sie sich an ihn wie an ein Stück Treibholz mitten im Meer klammerte. Er besaß keine zwei Cents, doch das war ihr egal. Wie Tante Sula einmal meinte: Man sieht das, was man sehen will, und hört das, was man hören will. Einige Monate später machte Roman, als ihm klar wurde, was er da an Land gezogen hatte, aus Tante Tassi "eine ehrbare Frau".
Mrs. Maingot sagte immer, Roman Bartholomew sei so aalglatt, dass er sich auf Stelzen unter einer Schlange hindurchmogeln könnte. Schon da wusste ich, dass sie recht hatte. Es war von Anfang an klar, dass man ihm nicht über den Weg trauen konnte. Wie damals, als wir aus der Kirche kamen und das Haus kurz davorstand abzubrennen, weil er mit einer glimmenden Zigarette eingeschlafen war. Unmittelbar hinter der Tür kroch bereits das orangerote Feuer über den Boden. Tante Tassi riss die Arme hoch und schrie seinen Namen so laut - RO ^ MAN! -, dass ich dachte, das ganze Dorf müsse sie hören. Ich rannte, um einen Eimer mit Wasser zu holen. Vera und Violet begannen zu brüllen, und ich rief ihnen zu, den Mund zu halten und lieber auch Wasser zu holen, aber sie blieben wie angewurzelt stehen. Nachdem das Feuer gelöscht war und auf dem Boden und an den Wänden schwarze Spuren zurückblieben, tat Roman so, als würde er in Tränen ausbrechen. Sofort schlang Tante Tassi ihre Arme um ihn und meinte, er müsse sich keine Sorgen machen, es sei ja alles noch mal gut gegangen. Dann klappte sie ihren Geldbeutel auf, gab ihm einen Dollar, und schon marschierte er zu Jimmys Bar am Ende der Straße, um seine Nerven zu beruhigen und sich besser zu fühlen. So etwas kann passieren, erklärte Tante Tassi. Manchmal geht es eben nicht mit rechten Dingen zu, und der Teufel hat seine Hand im Spiel, ohne dass wir das merken.
Aber in Wirklichkeit war Roman der Teufel. Seit meinem achten Lebensjahr umkreiste er mich ruhelos wie ein hungriger Hund. Wenn ich meine Hausaufgaben machte, kam er oft zu mir ins Zimmer. Er schnalzte die Schleifen in meinen Haaren beiseite, oder er beugte sich zu mir herab und blies mir über den Kopf. Einmal strich er mit der Fingerspitze meinen Nacken entlang. Ich saß regungslos da, als wäre ich aus Stein. Häufig stand er unter meiner Tür und starrte mich an, während ich ihn zu ignorieren versuchte. Es war leichter, ihm diese Dinge zu erlauben, als sie ihm zu verbieten und "Probleme zu machen", wie er das nannte, da ohnehin keiner auf mich hören würde. Du bist niemand, erklärte er mir eines Tages, als ich ihm drohte, meiner Tante davon zu erzählen. Du hast keinen Menschen außer Tassi, und Tassi braucht mich wie eine Pflanze das Wasser. Wem wird sie glauben, was meinst du? Ich habe ihr schon erzählt, dass du oft lügst.
Tränen rannen mir über die Wangen. Ich sagte: "Ich fahre nach England und suche meinen Vater. Und du kannst zur Hölle fahren!" Dann rannte ich hinaus, schlug mich hinter dem Haus in den Busch, wo das Sonnenlicht nicht hinkam, und bahnte mir einen Weg zum Fluss hinunter. Dort gab es große Steine, warm und grau, vor allem auf der anderen Uferseite. Ein gewaltiges Stück Holz, früher einmal der Stamm eines Mahagonibaums, reichte vom einen Ufer zum anderen, und ich begann, darauf hinüberzulaufen. Das Wasser war nicht tief, aber es gab an dieser Stelle einige Strudel, und ich rutschte aus und stürzte hinein. Meine Arme wurden nach oben gerissen, ich wurde steif und gerade wie ein Bleistift. Das Wasser zog mich nach unten und wirbelte mich herum. Ich glaubte ganz fest, nun sterben zu müssen. Alles war so unklar und verschwommen. Irgendetwas hatte das Flussbett aufgewühlt, denn ich konnte die kleinen Kiesel vor mir schwimmen sehen. Zwei Jungen, die gerade angelten, bemerkten meinen Sturz. Sie rannten zum Ufer, stützten sich zwischen den Felsen ab und zerrten mich an meinen Haaren heraus, die, wie sie später sagten, so dick wie Seegras seien. Als Tante Tassi hörte, was passiert war, erklärte sie, dass ich nie mehr allein zum Fluss hinunterdürfe, und sie wollte wissen, was in Gottes Namen ich denn dort überhaupt gewollt hatte.
Unser Holzhaus stand auf Pfählen. Es gab zwei Schlafzimmer, eine kleine Küche, ein Wohnzimmer und eine winzige Kammer, in der gerade ein Bett Platz fand. Ich teilte mir ein Zimmer mit meinen Kusinen. Um mein Bett herum verlief eine unsichtbare Linie, die sie nicht übertreten durften, da sonst etwas Schreckliches passieren würde. Dieselbe unsichtbare Linie war auch um meine Bücher, meine Kleider, mein Shampoo und mein Lavendelduftwasser gezogen. Wenn sich Vera oder Violet etwas ohne meine Erlaubnis nahmen, jagte ich ihnen einen Schrecken ein mit meinen Geschichten über Jumbies, La Diablesse oder die furchtbare Soucouyant, die nachts zu ihnen kommen und ihnen ihre Haut stehlen würde. Ich erzählte ihnen von den Douens, den Geistern ohne Gesichter und mit den kleinen, nach hinten gedrehten Füßen. Die Douens würden ihre Namen herausfinden und sie dann in den Wald locken. Ich musste nur einmal die Douens erwähnen, und schon fingen meine Kusinen vor Angst zu zittern an.
Von unserem Fenster aus konnte man den Garten und den Frangipanibaum sehen, der knochenweiß war, wie tot. Dicke schwarze Raupen mit gelben Streifen krochen über die Äste und fraßen die langen Blätter, und kaum begann der Baum zu blühen, fielen seine Blüten bereits wieder ab. Wir hatten auch einen Limonenbaum und einen angefaulten Pflaumenbaum. Trat ich fest dagegen, flogen winzige Bienen heraus. Ich saß gern unter dem Haus. Die Hühner rannten über den Hof und pickten auf dem Boden herum, während die zwei Ziegen, Antoine und Antoinette, unter dem Limonenbaum lagen oder auf der grünen Wiese grasten. Manchmal schafften sie es, mit straff gezogenen Stricken, den Brotfruchtbaum am Ende des Gartens zu erreichen. Die glänzenden grünen Blätter des Baums waren dick und fest, als wären sie aus Plastik, und er hatte gelbe süße Früchte. Tante Tassi bat Roman immer wieder, das Gestrüpp zurückzuschneiden, das wie eine wilde Haarmähne um den Baum herumwucherte, aber er tat es nie. Stattdessen wanderte er lieber die Straße hinauf zu seiner Freundin Ruth Mackenzie, die hübsch wie eine Puppe anzusehen und mit Earl verheiratet war. Ruth stolzierte durch Black Rock, als wäre sie etwas Besonderes, und hielt auch ihre Tochter Clara Mackenzie dazu an, so zu stolzieren. Falls Tante Tassi von Romans Besuchen bei Ruth wusste, dann behielt sie es für sich. Doch Mrs. Maingot wusste davon, denn sie wohnte gegenüber.
Auf den Stufen zum Haus der Maingots standen Pflanzen in alten Farbtöpfen. Eine davon hatte riesige Stacheln, an dessen Spitzen Mrs. Maingot Eier steckte, damit sich niemand daran verletzte. Wenn man am Haus vorbeikam, konnte man sie mit ihrer hohen Stimme alte geistliche Lieder singen hören. Ihre Tochter Joan ging wie ich in die siebte Klasse. Ich sah sie oft gemeinsam mit dem Johnson-Jungen auf dem Schulweg, wobei sie sich in ihrer typischen Joan-Art auf die Zehen stellte und ihre schicke gelbe Tasche mit den aufgedruckten spanischen Wörtern hin und her schlenkerte, die ihr Vater aus Puerto Rico mitgebracht hatte. Auf der einen Seite der Tasche stand Vida Feliz und auf der anderen Happy Life.
Aber Joan war nicht immer glücklich. Als sie zehn war, starb ihr Vater bei einem Unfall mit seinem Fischerboot, als er gerade unterwegs nach Trinidad war. Man erzählte sich, dass Haie die vier Männer der Mannschaft aufgefressen hätten. Als Mrs. Maingot die Nachricht erhielt, sperrte sie sich in ihr Haus ein und heulte zwei ganze Tage lang wie ein Tier, das zur Hälfte ein Rind und zur anderen Hälfte ein Hund zu sein schien. Ich hatte noch nie zuvor ein solches Heulen gehört.
Alle waren traurig darüber, dass Wilfred Maingot hatte sterben müssen. Es gab keinen Leichnam, den man begraben konnte, und damit auch keinen Ort, um Blumen niederzulegen. Wir alle gingen wie üblich am Sonntag in die Kirche von St. John, und Pater Carmichael, den ich nie mochte (er hatte gelbe Reißzähne), hielt eine Messe für Wilfred. Ich beobachtete Joan, die auf der anderen Seite des Mittelgangs stand, ganz in Weiß gekleidet und mit Zöpfen wie zwei schwarze Seile, und dachte: Jetzt hat sie es fast schlechter getroffen als ich. Ich konnte zumindest noch hoffen, dass mein Vater irgendwo lebte.
Der Strand, der unserem Haus am nächsten war, hieß Courland Bay. Oft saßen dort Fischer herum, die vor allem am Abend nichts Besseres zu tun hatten, als unter den Bäumen zu hocken und Rum zu trinken. Manchmal machten sie ein Feuer und brieten ein Opossum oder eine Ziege, und wenn wir gerade zufällig vorbeikamen, konnten wir sehen, wie Rauchschwaden in den Himmel stiegen. Roman nannte diese Männer Herumtreiber und Taugenichtse. Er wusste, wovon er sprach.
Meist war das Meer ruhig. Ein riesiger schwarzer Fels ragte wie eine kleine Insel aus dem Wasser. Am Strand entdeckte ich Muscheln und Treibholz, das alten Knochen gleich angespült worden war. Gewöhnlich fand ich auch ein oder zwei Seeigel in der Form eines Halbmonds, weich wie Quallen. Wenn ich mit dem Fuß dagegenstieß, strömte rotblaue Farbe auf den staubfeinen Sand. Ich sah hier viele Seeigel. Ich fand nie heraus, warum sie dort lagen und ob sie nicht besser im Wasser aufgehoben wären. Vermutlich schon, denn die Sonne ließ sie schrumpfen und austrocknen. Wenn mir danach war, nahm ich einen Ast und schleuderte sie damit wieder ins Meer zurück. Ich stellte mir vor, wie sie "Danke, Celia" riefen. Es gab Mangrovenbäume, die dunkel waren und vor blauen Krabben nur so wimmelten, und näher am Wasser bei den Traubenbäumen konnte ich um die Ecke blicken, dort war das Meer wild und aufgepeitscht. Hier stürzten sich oft Pelikane in die Wellen, als ob sie aus dem Himmel herabfallen würden. Hier entdeckte ich auch alle möglichen Dinge - Papier, Stofffetzen, Flaschen. Eine der Flaschen war noch voll Rum, ich probierte ihn, und mein Kopf wurde leicht wie eine Wolke. Ich fand im Sand außerdem einen auseinanderfallenden braunen Schuh, eine zerbrochene Mundharmonika und eine Landkarte von einem Ort, den ich nicht kannte. Ich entdeckte einen leeren Geldbeutel, den Deckel einer Keksdose aus Blech mit einem Weihnachtsmotiv darauf und zahlreiche Keramikscherben. Was auch immer ich fand, trug ich nach Hause, wickelte es dort in ein Stück alten Vorhang und versteckte alles unter dem Haus in einem Loch. Darüber stellte ich Tante Tassis Cola-Kisten. Das war mein wertvollster Schatz, und wehe Vera und Violet, wenn sie es wagten, auch nur in seine Nähe zu kommen.
Im Alter von sechs Jahren kam ich an die St.-Mary-Schule. Es war ein Holzgebäude mit Fenstern, die nach vorn hinausblickten und wie zwei Augen aussahen, die Tür war der Mund und das Dach ein spitzer Hut. An der hinteren Wand des Klassenzimmers hatte die Lehrerin mit Reißzwecken eine Weltkarte befestigt. England bestand aus einer kleinen rosa Form und lag sehr weit von Trinidad und Tobago entfernt. Trinidad und Tobago waren ebenfalls rosa, da sie zum British Commonwealth gehörten. Ich legte oft meinen Daumen auf die Stelle, wo sich Black Rock befand, und spannte dann meine Hand über den Atlantik. Ich brauchte ganze drei Handspannen, um einen Ort namens Plymouth zu erreichen, und Southampton war noch ein wenig weiter.
Miss McCartney, meine Lehrerin, erklärte, dass das berühmte Schiff Titanic am 10. April 1912 von Southampton aus in See gestochen sei. Mehr als tausend Menschen starben, als es einen Eisberg rammte. "Das Schiffbefand sich auf dem Weg nach Amerika und war das größte und eindrucksvollste Schiff der Welt, und dann ging es unter." Ich mochte Miss McCartney. Sie war keine hübsche Frau, aber sie war auch nicht hässlich. Sie kämmte ihr rotes Haar in Form einer Welle nach hinten, und ich fragte mich manchmal, wie es aussah, wenn es herabhing. Sie trug lange Röcke und Baumwollblusen mit geschlossenen Knöpfen bis zum Hals, als würde sie frieren und nicht in den Tropen leben. Ihre Schnürschuhe kamen von einem Geschäft namens Lunns in der Piccadilly in London in England. Sie hatte einen schnellen Gang und machte kleine Schritte, wobei sie ihren Körper nach vorn beugte wie jemand, der es eilig hat. Ihre Art des Sprechens war ungewöhnlich. Roman sagte, sie klinge so, als ob ihr jemand den Hals zudrücken würde. Aber ich wüsste nicht, warum irgendjemand auf die Idee kommen sollte, seine Hände um Miss McCartneys Hals zu legen und zuzudrücken.
Einmal, nach dem Unterricht, als ich meine Bücher zusammenpackte, beschloss ich, ihr eine Frage zu stellen, die mich schon seit einiger Zeit beschäftigte. "Miss", sagte ich. "Warum wissen Sie so viel?"
Miss McCartney lächelte, und ich konnte ihre schiefen kleinen Zähne sehen.
"Wahrscheinlich weil ich an der Universität viel gelernt habe." Und dann: "Das ist ein guter Ort, um zu lernen und interessante Menschen zu treffen. Wenn man ein Fach wählt, das einem gefällt, kann man da sehr viel Spaß haben. Vielleicht gehst du eines Tages auch zur Universität."
"Muss man da nicht sehr klug sein?"
"Ja, schon", erwiderte sie. "Aber du bist ein kluges Mädchen, Celia. Nur weil du hübsch bist, bedeutet das nicht, dass du nichts lernen solltest." Sie blickte mir direkt in die Augen, und ich wusste, jetzt sagte sie mir etwas Wichtiges. "Du kannst alles werden, was du möchtest. Lass dir von niemandem etwas anderes einreden."
Als ich nach Hause kam, erzählte ich Tante Tassi davon. Sie fegte gerade den Boden und summte leise vor sich hin, und Roman schlief in seinem Sessel.
"Wenigstens haben wir einen Menschen mit Verstand in der Familie. Vielleicht wirst du ja mal eine Ärztin oder eine Anwältin und verdienst viel Geld. Dann kannst du dich um deine alte Tante kümmern." Damit ging sie nach draußen und begann die Stufen vor dem Haus zu fegen.
Ohne die Augen zu öffnen, sagte Roman: "Du wirst nie etwas. Du bist wie deine Mutter. Aus einem Hund wird keine Katze."
Auf der anderen Seite des Dorfes gab es ein steiniges Stück Land, das Stony Hill hieß. Dort wohnte eine Familie aus Trinidad und der alte Edmond Diaz und auch noch Mrs. Jeremiah. Die Kinder fürchteten sich vor Mrs. Jeremiah. Ich hatte sie oft im Dorf gesehen, ihr weißes Haar pingelig genau aus dem faltigen Gesicht gekämmt. Sie erinnerte mich an eine runzlige Frucht. Ihre Augen waren klein und schmal wie die eines Vogels. Das linke war gelblich verschleiert, während das rechte einen Punkt über der Schulter ihres Gegenübers fixierte, als ob sie etwas oder jemanden in der Ferne beobachten würde. Man erzählte sich, sie sei beinahe blind. Aber trotz ihrer Blindheit konnte Mrs. Jeremiah Dinge im Leben der anderen sehen, die sonst niemand sah oder wusste. Weder die eigenen Eltern noch die Freunde und nicht einmal das eigene Herz. Die Leute kamen von weit her aus der ganzen Karibik, um zu hören, was Mrs. Jeremiah zu sagen hatte. Sie kamen aus Barbados und Grenada, aus St. Lucia, Venezuela und Trinidad. Wenn einem nicht gefiel, was sie einem erzählte, bot sie für mehr Geld einen Zauber oder einen Zaubertrank an, der die Lage verbessern sollte. Es kursierten alle möglichen Geschichten um sie. Einige behaupteten, sie sei eine Art Doktor, denn Mrs. Jeremiah verordnete ein Gebräu aus Hühnerblut und scharfen Chilis, das man im Morgengrauen trinken musste, außerdem Gebete, die nachts zu singen waren, und sie gab Anweisungen, wie man das Herz einer Ziege zu kochen hatte, um es danach in Bananenblätter zu wickeln und unters Kopfkissen zu legen, wo es vierzig Nächte lang bleiben sollte.
Nach einem Besuch bei Mrs. Jeremiah waren Liebespaare wieder vereint oder für immer getrennt, Verwandte und Feinde starben unter seltsamen Umständen, und eine Frau, der gesagt worden war, dass sie nie ein Kind bekommen könnte, hielt plötzlich ein Baby im Arm. Ich hätte niemals mit ihr sprechen müssen, wenn es nicht Roman Bartholomew gegeben hätte.
Eines Nachmittags stieß Roman, der sich betrunken auf dem Nachhauseweg von Jimmys Bar befand und kreuz und quer über die ganze Straße wankte, mit Mrs. Jeremiah zusammen, die aus dem Lebensmittelladen kam. Sie fiel um wie eine Tüte voller Pflaumen. Mrs. Maingot befand sich gerade auf dem Weg zum Postamt und sah den Sturz. Sie beobachtete, wie Roman versuchte, Mrs. Jeremiah wieder hochzuziehen, nur um ebenfalls hinzufallen - und zwar direkt auf Mrs. Jeremiah. Mrs. Maingot meinte später, es sei wie ein Slapstick gewesen, nur dass keiner gelacht habe. Sie eilte zu den beiden, die wie zwei Tiere strampelten und sich abmühten, aufzustehen, und brüllte Roman wütend an. Dann half sie Mrs. Jeremiah hoch und sagte zu Roman, dass sie niemals auch nur einen Bruchteil dessen erdulden würde, was Tassi D'Abadie offenbar hinnahm, und wie froh sie doch sei, dass ihr Mann sich so anständig verhalten habe, und warum Gott einen guten Menschen wie Wilfred so jung aus dem Leben reißen musste, aber Roman weiterhin wie einen vom Dämon Besessenen durch die Gegend torkeln ließ. Roman blickte starr auf den Boden, als ob er etwas verloren hätte, sich aber nicht mehr erinnern könnte, was es war.
Mrs. Maingot begleitete Mrs. Jeremiah zu deren kleinen Holzhaus und machte es ihr auf einem Stuhl auf der Veranda bequem. Das Haus selbst betrat sie nicht, da Mrs. Jeremiah erklärte, sie würde lieber draußen die leichte Brise genießen. Mrs. Maingot setzte sich auf einen Hocker neben sie, während die alte Dame ihre Augen geschlossen hielt. Sie wollte gerade leise gehen, als Mrs. Jeremiah mit einer Stimme wie ein Regenschauer sprach:
"Deinem Wilfred geht es gut, er hat seinen Frieden gefunden."
Später sagte uns Mrs. Maingot, dass ihr gleichzeitig heiß und kalt geworden sei und ihr Herz wild zu pochen angefangen habe.
"Jesus ist bei ihm, und unser Herr hat ihm das ewige Leben geschenkt, aber wenn du dir seine Rückkehr zu sehr wünschst, hältst du ihn zwischen dieser und der anderen Welt fest."
Mrs. Jeremiah lächelte, doch das Lächeln galt nicht Mrs. Maingot. Sie lächelte etwas oder jemanden an, der über ihrem Kopf schwebte. Dann schloss sie erneut die Augen und nickte bedächtig.
"Halte nach Schmetterlingen Ausschau", fuhr sie fort, "bald werden Schmetterlinge zu dir kommen, sie sind ein Zeichen, das Wilfred dir schickt. Seinen Leichnam wird man niemals finden, aber das ist nicht wichtig, das Meer ist ein großer Ort. Und mach dir keine Sorgen um Joan, sie wird einen guten Mann kennenlernen und die beiden werden viele Kinder haben." Dann erklärte sie Mrs. Maingot, dass man sich um sie im Alter kümmern werde. Das Schlimmste sei vorüber - jetzt komme die Freude.
Mrs. Maingot eilte nach Hause. Sie legte sich auf ihr Bett, dachte an ihren toten Mann und weinte. Dann versuchte sie nicht mehr an ihn zu denken, da sie befürchtete, ihn sonst zwischen den beiden Welten gefangenzuhalten. Schließlich weinte sie noch eine Weile. Und schlief ein. Als sie aufwachte, war es bereits dunkel, und Joan stand im Licht der Lampe da und starrte nach oben an die Decke, wo zwei riesige gelbe Schmetterlinge kopfüber hingen. Mrs. Maingot glaubte einen Moment lang zu träumen, doch Joan hob die Lampe und zeigte auf die beiden.
Noch am selben Abend kam Mrs. Maingot zu uns und erzählte Tante Tassi, was geschehen war. Tante Tassi war überrascht; Roman hatte nichts von Mrs. Jeremiah und dem Zusammenstoß erwähnt. Er schlafe im Hinterzimmer, erklärte sie. Wenn er wieder wach sei, würde sie ihn befragen. Mrs.
Maingot schien das nicht weiter zu interessieren. Sie war glücklich, und ihre Augen leuchteten, als ob sie Rum getrunken hätte. Sie schaute sich immer wieder im Zimmer um, und ich fragte mich, wonach sie suchte. Bei uns gab es keine Schmetterlinge.
Als sie fort war, ging Tante Tassi ins Schlafzimmer und entdeckte eine Fledermaus, die an Romans Zeh saugte. Die Fledermaus schlug mit ihren großen schwarzen Flügeln und fächelte so Roman Luft zu, der weiterhin tief schlief. Miss McCartney sagte, die Zunge einer Fledermaus habe die Form einer Lanzenspitze, und wenn sie die Haut durchdringe, tue das nur wenig oder sogar überhaupt nicht weh, so dass man ruhig schlafen könne, während sie das Blut trank. Meine Tante befürchtete, die Fledermaus sei ein schlechtes Omen. Sie stieß die Fensterläden auf, nahm einen Besen und jagte das Tier in die Nacht hinaus. Danach fand sie vor lauter Sorge die ganze Nacht über keine Ruhe.
Am nächsten Morgen schlief Roman noch immer. Wir saßen am Tisch, aßen Salzfisch und Hefegebäck, und Sonnenlicht erfüllte die Küche. Ich dachte gerade an meine Geschichtsstunde mit Miss McCartney am Nachmittag, an unser Christopher-Columbus-Projekt und an das Bild, das ich von ihm gezeichnet hatte und das noch farbig ausgemalt werden musste, als sich meine Tante räusperte.
"Der Baum hängt voller Limonen, die jeden Moment herunterfallen können. Nach der Schule muss eine von euch eine Tüte füllen und sie Mrs. Jeremiah bringen."
Vera schnitt eine Grimasse.
"Ich habe noch Extrastunden", erklärte Violet. Ich wusste sofort, dass das eine Lüge war.
Alle sahen mich an.
"Celia", sagte Tante Tassi.
Ich legte meine Gabel beiseite und schluckte den letzten Bissen des buttrigen Hefegebäcks hinunter. Dann trank ich einen Schluck süßen, dickflüssigen Kakao. Schließlich wischte ich mir den Mund an meinem Unterarm ab und sagte: "Ich habe keine Angst."
Der Pfad, der zu Mrs. Jeremiahs Haus führte, war schmal und bedeckt von den braunen Blättern eines großen Mahagonibaums. Es roch feucht, und ich sah viele Moskitos. Sie bildeten eine dunkle Wolke über einer Wassertonne, als ich die Stufen zum Haus hinaufstieg. Ich dachte, das Wasser sollte eigentlich nicht da sein, denn sonst breitete sich am Ende in ganz Black Rock noch unversehens das Gelbfieber aus. Die Töpfe mit Bougainvillea zu beiden Seiten des Eingangs des schäbigen kleinen Hauses überraschten mich. Sie mussten ein Geschenk gewesen sein. Über der Tür hing ein Kreuz; ich war mir nicht sicher, ob es aus Stein oder aus Knochen war. Auf der Veranda standen zwei Stühle mit zerrissenen blauen Kissen, und ich versuchte mir Mrs. Maingot auf einem dieser Stühle vorzustellen. Auf einem kleinen runden Tisch gab es eine Schale mit Wasser. Konnte das Weihwasser sein? Dann hörte ich jemanden im Inneren des Hauses rumoren.
"Hallo", sagte ich.
"Du bist das Waisenmädchen."
"Ich habe Ihnen ein paar Limonen gebracht." Ich schob den Vorhang beiseite, der statt einer Tür vor dem Eingang hing. "Meine Tante möchte sich bei Ihnen wegen Onkel Roman entschuldigen."
Ich stellte die braune Papiertüte ab. Das Innere des Hauses war dunkel. Die Fensterläden waren bis auf die in der Küche geschlossen, welche einen Spalt breit offenstanden und ein messingfarbenes Licht hereinließen.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20