Das heilige Buch der Werwölfe - Pelewin, Viktor

Viktor Pelewin 

Das heilige Buch der Werwölfe

Roman

Aus d. Russ. v. Andreas Tretner
Broschiertes Buch
 
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Das heilige Buch der Werwölfe

Ahuli arbeitet als Prostituierte in Moskau. Was ihre Kunden nicht ahnen: Sie ist ein Werwolf, der die Freier unter Hypnose ihre verwegensten Träume ausleben lässt - alleine. Eines Tages trifft Ahuli auf Alexander, an dem ihre Künste versagen. Denn der leitet als Generalleutnant der Staatssicherheit die Werwolf-Abteilung. Die Anarchistin und der Staatstreue verlieben sich. Haben sie und das marode Land eine gemeinsame Zukunft?


Produktinformation

  • Verlag: Btb
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 349 S.
  • Seitenzahl: 349
  • btb Bd.73769
  • Deutsch
  • Abmessung: 19 cm
  • Gewicht: 325g
  • ISBN-13: 9783442737697
  • ISBN-10: 3442737699
  • Best.Nr.: 23327699
"Wieder hält der große Fabulierer Pelewin in seiner unvergleichlichen, von Esprit, anarchischem Witz und satirischer Schärfe überbordenden Mischung aus Phantasie und kristallklarer Analyse seiner Heimat den bis zur Kenntlichkeit verzerrenden Spiegel vor (...) Wer glaubt, seit Alexander Solschenizyn sei alles Wesentliche über den Archipel Russland gesagt, den belehrt dieser Roman eines Besseren."<br />(SWR-Bestenliste)

kulturnews - RezensionBesprechung
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(c) bunkverlag
Eigentlich schreibt Viktor Pelewin immer denselben Text. Einen Text, in dem es um Russland geht - um ein Land also, dessen stalinistische Wunden mit dem Salz des Radikalkapitalismus gereizt werden, was einen Schmerz zur Folge hat, der nur durch Mystik ein klein wenig gemildert wird. In Pelewins letztem Roman "Die Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwoher nach Nirgendwohin" war es die Zahlenmystik, die der Marktwirtschaft eine höhere Weihe verschaffte. Im "Heiligen Buch der Werwölfe" ist es der Werwolfglaube, und wer mit dem billigen Kalauer kommen möchte, dass der Mensch im Kapitalismus des Menschen Wolf sei, der hat recht. Zwischentöne sind die Sache Pelewins nicht. Schön aber, dass "Das heilige Buch der Werwölfe" trotzdem leidlich funktioniert, dass uns Werfüchsin A Huli nahe kommt, obwohl Pelewin ihr eigentlich gar keine Geschichte zugesteht. Der Vorgänger arbeitete sich noch an einer Biografie ab, hier haben wir nur noch kurze Episoden, über denen ein dunkles Raunen liegt, das immer wieder mit bitterer Ironie als lächerlich entlarvt wird. Knapp 350 Seiten lang - dann haben wir zumindest verstanden, dass es nichts zu verstehen gibt. Wenn aber Pelewin irgendetwas über das heutige Russland zu sagen hat, dann das: Dieses Land mag gewalttätig sein und düster. In erster Linie aber ist es nicht ganz ernstzunehmen. (fis)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 04.10.2006

Schwarze Tränen
Viktor Pelewins „Buch der Werwölfe” / Von Sonja Zekri
Das Buch beginnt mit einer Selbstdemontage, es endet mit einer solchen, und dazwischen streut der Autor alle paar Seiten Bemerkungen über das Unvermögen ein, diese Geschichte überhaupt zu erzählen. Viktor Pelewins Roman „Das heilige Buch der Werwölfe” ist ein melancholisches Märchen, ein Schauerroman, eine erotische Fantasie, vor allem aber ist es eine große narrative Verunsicherung.
Zum Anfang: Der vorliegende Text, so heißt es in der Vorbemerkung, sei eine „platte literarische Fälschung”. Unter rätselhaften Umständen sei die Datei auf einem Notebook in einem Moskauer Park gefunden worden und „selbstredend keiner ernsthaften Analyse durch Kritik und Wissenschaft wert”. Unterzeichnet von einem Milizionär, einem Philologen und einem TV-Moderator.
Die Datei enthält die Aufzeichnungen einer Prostituierten, die aussieht wie eine 14-Jährige, auftritt wie eine 17-Jährige, aber in Wahrheit 1200 Jahre alt ist. A Huli, deren Name auf Russisch wie eine schlimme Obszönität klingt, ist ein Werfuchs, ein wunderschönes, aber gnadenloses Wunderwesen. Sie trägt …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 08.12.2006

Ein Werwolf ist immer im Dienst
Viktor Pelewins Splatter-Parabel auf das heutige Rußland / Von Kerstin Holm

Nicht erst der Fall Litwinenko hat die Frage nach der Macht der russischen Geheimdienste aufgeworfen. Viktor Pelewin karikiert den Agenten als Übermenschen unserer Tage.

Die Beobachtung, daß die Dinge nicht das sind, was sie scheinen, gilt in Rußland in besonderem Maß. Die Fähigkeit oder der Fluch, seine Werte radikal umwerten zu können, machte aus Kommunisten im Rekordtempo Demokraten und wieder zarentreue Patrioten. Bescheidene Sozialismuszöglinge mutierten zu glamourösen Kapitalismuskrokodilen. Polizei, Gerichte, Parlament sind bekannt dafür, daß sie alles tun, nur nicht ihre nominellen Aufgaben. Wen wundert es da, wenn russische Intellektuelle überzeugungslose Zyniker sind, oder, spiritueller ausgedrückt, Krypto-Buddhisten, die sich mit philosophischem Humor gegen die Welt wappnen. Das literarische Idiom für diese Haltung hat Viktor Pelewin gefunden, der mit aktuellem Polit- und Werbejargon, historischen Theorien und ostasiatischer Weisheitsakrobatik ein wildes Jonglierspiel treibt, das jedes Sujet fadenscheinig macht wie …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Mit Viktor Pelewins neuem Roman ist Rezensent Jürgen Becker nicht so ganz glücklich geworden. Zwar gefällt ihm die Hauptfigur, eine werwölfische Prostituierte, die Sex per "Imaginationslaser" unterm Fuchsschwanz nur simuliert. Auch die harte postsowjetische Wirklichkeit zwischen Korruption, Oligarchie und Geheimdienstmafia, an der das Buch entlang erzählt ist, sowie nüchterne Exkurse über die Liebe und gelegentliches Lustwandeln im Garten der russischen Literaturgeschichte sorgen beim Rezensenten immer wieder für starke Leseeindrücke. Doch zu seinem Bedauern beschäftigt sich der russische Kultautor mehr und mehr mit den werwölfischen Eigenheiten statt mit der Geschichte, die er erzählen will. In einem "overkill" an lexikalischen Werwolfverweisen kommt der Plot dem Eindruck des Rezensenten zufolge immer wieder abhanden.

© Perlentaucher Medien GmbH
Andreas Tretner, geb. 1959 in Gera ist Übersetzer u.a. von Boris Akunin und Vladimir Sorokin.

Leseprobe zu "Das heilige Buch der Werwölfe" von Viktor Pelewin

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Leseprobe zu "Das heilige Buch der Werwölfe" von Viktor Pelewin

Fachkundige Stellungnahme

Vorliegender Text, auch unter dem Titel A Huli bekannt, ist eine platte literarische Fälschung von unbekannter Hand, die aus dem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts stammt. Die Mehrzahl der Experten ist sich einig, dass das Manuskript selbst weniger von Interesse ist als die Art und Weise, in der es in die Welt geworfen wurde. Eine Textdatei mit dem Namen A Huli soll sich auf der Festplatte eines Notebooks befunden haben, das unter dramatischen Umständen in einem Moskauer Park aufgefunden wurde. Das Polizeiprotokoll, das die Umstände des Fundes festhält, offenbart die Inszeniertheit dieses Vorgangs. Unserer Ansicht nach gibt es einen recht guten Einblick in die virtuosen PR-Technologien von heute.

Das Protokoll ist authentisch, die nötigen Stempel und Unterschriften bezeugen es, auch wenn der genaue Zeitpunkt der Aufnahme nicht ersichtlich wird, denn der obere Teil des Deckblatts inklusive Datierung ist der Bindung und Abheftung zwecks Archivierung (gemäß Dienstvorschrift mit Ablauf des Kalenderjahres) als Verschnitt zum Opfer gefallen. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, wurde das Augenmerk der Polizeibeamten auf eine sonderbare Naturerscheinung im Naturpark Bitza, Verwaltungsbezirk Moskau-Süd, gelenkt. Bürger hatten über den Baumkronen ein blaues Leuchten, mehrere Kugelblitze sowie eine Vielzahl fünffarbiger Regenbögen beobachtet, einige davon in Kugelform. (Hierbei sollen nach Zeugenaussagen die Farben "eine durch die andere hervorgetreten" sein.)

Das Epizentrum der Anomalie lag auf einer großen Brachfläche am Rande des Parks, wo sich eine Sprungschanze für Fahrräder (so genannte Bikerrampe) befindet. In deren unmittelbarer Nähe wurden ein angeschmolzener Fahrradrahmen, Marke Cannondale Jekyll 1000, wie auch die Überreste der Laufräder gefunden. Das Gras im Umkreis von zehn Metern um die Rampe war versengt, die Brandfläche ergab die Form eines regelmäßigen fünfzackigen Sterns, jenseits derer das Gras keinen Schaden genommen hatte. Neben dem Fahrradrahmen lag diverse Frauenbekleidung: Jeans, ein Paar Turnschuhe, ein chinesischer Wochentags-Slip mit dem Aufdruck Sonntag und ein T-Shirt mit den eingestickten Buchstaben ckuf.

Nach den Photos zu urteilen, die dem Protokoll beiliegen, ist der dritte Buchstabe eher ein kyrillisches U als ein lateinisches u. Man darf also annehmen, dass es sich nicht um ein Anagramm zum Wort fuck handelt, wie M. Lejbman in seiner Monographie schreibt, sondern um das russische Wort für Skythe. Ein Indiz dafür liefert die Rückenaufschrift des Shirts: Ja, wir sind Asiaten!, die unzweifelhaft auf einen Vers aus Alexander Blocks Poem Die Skythen anspielt, das Lejbman anscheinend nicht kennt.

Unter den Kleidungsstücken fand sich auch besagter Rucksack mit dem Notebook. Sämtliche Gegenstände waren unversehrt und gänzlich ohne Brandspuren, was daraufschließen lässt, dass sie an dem Ort abgelegt wurden, als die sternförmige Grasfläche bereits versengt war.

Im Zusammenhang mit dem Vorfall wurde kein polizeiliches Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Was mit dem (angeblich) auf der Festplatte des Notebooks vorgefundenen Text weiter geschah, ist bekannt. Zunächst kursierte er in Kreisen obskurer Okkultisten, später wurde er als Buch veröffentlicht. Der ursprüngliche Titel mag auch den hartgesottenen Exponenten des modernen Buchmarkts zu obszön vorgekommen sein, weshalb er in Das heilige Buch der Werwölfe geändert wurde.

Der Text ist selbstredend keiner ernsthaften Analyse durch Kritik und Wissenschaft wert. Immerhin sei angemerkt, dass in ihm Entlehnungen, Imitationen, Rekurse und Anspielungen zu einem so dichten Netz gewoben sind (ganz zu schweigen von der unschönen Sprache des Autors und seiner ausgestellten Infantilität), dass Authentizität und Originalität des Machwerks für jeden seriösen Spezialisten schlicht in Frage stehen; allenfalls als Symptom des rapiden geistigen Niedergangs, wie unsere Gesellschaft ihn derzeit vollzieht, mag dieser Text von Interesse sein. Und auch die pseudoorientalische Pop-Metaphysik, mit deren oberflächlicher Kenntnis sich der Autor vor seinesgleichen trauriger Loser-Gemeinde so gern brüstet, mag bei ernsthaften, im Leben stehenden Menschen höchstens ein mitleidiges Lächeln hervorlocken. Im Übrigen dürfen wir den Moskauern ebenso wie den Gästen unserer Hauptstadt an dieser Stelle versichern, dass Sauberkeit und Ordnung im Naturpark Bitza auch künftig auf dem gebührenden Niveau gehalten werden; die Moskauer Polizei sorgt rund um die Uhr für die Ruhe und Sicherheit der Passanten. Und was die Hauptsache ist, liebe Freunde: Möge auch in Eurem Leben allzeit Gelegenheit sein für ein fröhliches kleines Lied!

Tengis Kokojew, Major, Leiter des Polizeireviers Bitza-Center

Dr. phil. Maja Maratscharskaja, Dr. phil. Igor Koschkodawlenko

Peldis Sharm, Fernsehmoderator (Karaoke auf dem Weg zu dir selbst)

Im hohen und luftlosen Sternenchor

versah Gott, der Herr, sich mit lichtem Dekor ...

Quelle unbekannt

Und wer ist dein Held jetzt, Dolores Haze? Noch der Star mit den starken Armen? Ach, die Kalmen der Bays und die Palmen an Kais Und die Bars, mein Schwarm, meine Carmen!

Humbert Humbert

Mit dem Kunden, auf den Barkeeper Serge mich angesetzt hatte, war ich in der Alexander-Bar des Hotels National, verabredet, um halb acht. Es war zehn nach halb, das Taxi schlich, geriet von einem Stau in den nächsten. Mir war schon fast so, als hätte ich eine Seele - so einen Seelenkater spürte ich.

"I want to be forever young", leierte Alphaville im Autoradio zum wer weiß wievielten Mal.

Deine Probleme möchte ich haben, dachte ich und war schnell mit den Gedanken bei meinen.

Eigentlich denke ich nur selten an sie. Ich weiß, dass sie irgendwo im leeren schwarzen Raum liegen und dass ich jederzeit auf sie zurückkommen kann. Um mich ein neues Mal zu vergewissern, dass es für sie keine Lösung gibt. Das ist eigenartig, wenn man es recht bedenkt.

Nehmen wir an, ich hätte eine Lösung. Was geschähe dann? Meine Probleme kämen mir abhanden - entschwebten für immer in jene Untiefen, wo sie ja doch schon die meiste Zeit gelegen haben. Die einzige praktische Folge wäre, dass mein Geist aufhörte, sie aus dem großen schwarzen Nichts ans Tageslicht zu zerren. Bestehen demnach meine unlösbaren Probleme nicht einzig und allein darin, dass ich an sie denke? Erschaffe ich sie nicht erst in dem Moment neu, wo sie mir wieder einfallen?

Das kurioseste meiner Probleme ist mein Name. Eines, das ich nur in Russland habe. Da ich aber nun einmal hier lebe, muss ich zugeben, dass es sich um ein sehr handfestes Problem handelt.

Ich heiße A Huli. Was im Russischen äußerst unanständig klingt.

Vor 1918, als wir noch die alte Orthographie hatten, konnte ich zumindest in schriftlicher Form der Anzüglichkeit entgehen, indem ich mich mit altem "i" schrieb: A Xyjii. In einem Petschaft, das ich im Jahr 1913 von einem Petersburger Mäzen geschenkt bekam, der mein Geheimnis kannte, war der Name zu zwei Zeichen verschmolzen:

Das war übrigens eine lustige Geschichte. Der erste Siegelring, den er für mich machen ließ, trug das Monogramm auf einem Rubin, und alle fünf Buchstaben waren in einem Symbol vereint:

Er überreichte mir das Schmuckstück, während wir auf einer Jacht durch den Finnischen Meerbusen segelten; ich betrachtete den Ring und hatte ihn im nächsten Augenblick ins Wasser geworfen. Der Mäzen erbleichte und fragte, warum ich ihn hasse. Nicht dass er wirklich annahm, ich hasste ihn - zu jener Zeit waren theatralische Gemütsregungen einfach in Mode, was, nebenbei gesagt, auch der Grund war, weshalb der Erste Weltkrieg ausbrach und die russische Revolution.

Auf die Art könnte man getrost alle Buchstaben des Alphabets übereinander legen und auf einem kleinen Stein unterbringen, erklärte ich, das käme billig, nur dass man so nicht wisse, welches der Anfangsbuchstabe sei ... Schon am übernächsten Tag wurde mir die neue, aus einem länglichen Opal gefertigte Variante präsentiert. AH., so also nun das närrische Orakel! wie der Mäzen in einem Gedicht, das der Gabe beigelegt war, fein doppelsinnig formulierte.

Da sieht man, was damals in Russland noch für Leute lebten! Allerdings vermute ich, dass er das Gedicht nicht selbst geschrieben, sondern bei dem Dichter Kusmin in Auftrag gegeben hat, denn nach der Revolution tauchten mehrfach irgendwelche bekoksten Tscheka-Tucken bei mir auf und wollten Brillanten haben. Bald darauf wurden in meiner Wohnung an der Italjanskaja Schlosser und Wäscherinnen einquartiert, und mir persönlich nahmen sie die letzte Bastion meiner Selbstachtung, das "i". Darum mochte ich die Kommunisten von Anfang an nicht leiden, schon damals nicht, als viele helle Köpfe noch an sie glaubten.

In Wirklichkeit ist mein Name sehr schön und hat mit dem, was das Russische ihm an Bedeutung anhängen will, nicht das Geringste zu schaffen. A Huli heißt auf Chinesisch Fuchs A. Analog zu westlichen Sprachen ließe sich A als mein Vorname ansehen und Huli als Familienname. Was kann ich zu meiner Rechtfertigung anführen? Ich wurde so getauft, als es dieses Wort im Russischen noch nicht gab - wie das Russische überhaupt.

Wer hätte damals ahnen können, dass mein ehrenwerter Familienname irgendwann zum Schimpfwort werden würde? (Mit dem Vornamen hat man es übrigens auch nicht viel leichter, selbst wenn er nur aus einem Buchstaben besteht. Man geht die Straße lang, sieht plötzlich ein großes fettes A an einem Haus mit vielen entnervten Menschen davor und denkt: nanu? ... Ach so. Die Alpha-Bank.) Aber hat nicht schon Ludwig Wittgenstein gesagt, dass die Welt aus nichts als Namen besteht? Also kein Grund zum Übelnehmen.

Wir Werfüchse sind glückliche Geschöpfe, weil wir ein kurzes Gedächtnis haben. Immer nur die letzten zehn, zwanzig Jahre haben wir in klarer Erinnerung; alles, was davor liegt, ruht in dem großen schwarzen Nichts, von dem schon die Rede war. Es geht aber nicht ganz verloren. Die Vergangenheit ist für uns wie ein lichtloses Depot, aus dem wir bei Begehr jede Erinnerung hervorkramen können; hierfür bedarf es allerdings einer besonderen Willensanstrengung, die ziemlich quälend sein kann. Diese Fähigkeit macht uns als Gesprächspartner interessant. Zu beinahe jedem Thema können wir parlieren; zudem beherrschen wir die wichtigsten Weltsprachen - Zeit genug zum Lernen hatten wir ja. Doch kratzen wir die Narben unseres Gedächtnisses nicht öfter auf als unbedingt nötig, der banale Strom von Gedanken im Alltag unterscheidet sich praktisch nicht von dem normaler Menschen. Selbiges trifft auf unsere gewählte Identität zu - sie macht den Werfuchs vom schwanzlosen Affen ununterscheidbar.

Viele Leute begreifen nicht, wie das sein kann. Ich versuche eine Erklärung. In allen Kulturen ist es üblich, bestimmte Äußerlichkeiten mit bestimmten Charakterzügen in Verbindung zu bringen. Die schöne Prinzessin ist herzensgut und sensibel; eine böse Hexe ist hässlich, mit einer großen Warze auf der Nase. Es gibt auch subtilere Verknüpfungen, die nicht so leicht zu beschreiben sind - die hohe Kunst der Porträtmalerei füllt diese Lücke. Im Laufe der Zeit ändern sich solche Zusammenhänge. Was in der einen Epoche als schön gilt, ruft in der nächsten Befremden hervor. Um es einfach zu sagen: Der Menschentyp, mit dem ein durchschnittlicher Zeitgenosse die äußeren Merkmale eines Fuchses assoziiert, macht die jeweilige Identität des Werfuchses aus.

Alle fünfzig Jahre ungefähr schieben wir unserem immer gleichen Aussehen ein neues Seelensimulakrum unter und zeigen es der Menschheit vor. Auf diese Weise stimmt unser Inneres mit unserem Äußeren aus menschlicher Sicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt hundertprozentig überein. Dass es nicht mit dem Eigentlichen übereinstimmt, ist eine andere Sache, aber wer weiß das schon? Die meisten Leute haben überhaupt nichts Eigentliches, nur Äußeres und Inneres, wie Kopf oder Zahl einer Münze, von der der Mensch glaubt, dass er sie tatsächlich auf seinem Konto liegen hat.

Ich weiß, es klingt merkwürdig, doch es ist so: Den jeweiligen Mitmenschen zuliebe verpassen wir unserem Lärvchen von Zeit zu Zeit ein neues Ich, wie ein nach neuester Mode geschnittenes Kleid. Die vorherigen kommen in die Kleiderkammer, und bald müssen wir uns schon sehr anstrengen, wenn wir uns erinnern wollen, wie wir zuvor gewesen sind. Wir leben von Bagatellen, Flüchtigkeiten, die Spaß und Unterhaltung bieten. Mir scheint, das ist eine Art Evolutionsmechanismus, der uns Mimikry und Maskerade erleichtern soll. Denn die beste Mimikry ist es, wenn nicht nur dein Gesicht, sondern auch dein Denken den anderen angeglichen ist. Wohlgemerkt: Nur für die Werfüchse ist es Mimikry. Für den Menschen ist es Schicksal.

Vom Aussehen her werde ich so zwischen vierzehn und siebzehn geschätzt - mehr zur Vierzehn hin. Mein physisches Erscheinungsbild ruft bei den Menschen und insbesondere den Männern starke, widersprüchliche Gefühle hervor, die zu beschreiben keinen Spaß macht und außerdem überflüssig ist -haben doch auch die Lolitas heutzutage schon ihre Lolita gelesen. Diese Gefühle sind mein Brot. Wahrscheinlich wäre es nicht falsch zu sagen, dass ich von Betrügerei lebe, denn in Wahrheit bin ich durchaus nicht minderjährig. Lassen Sie mich der Bequemlichkeit halber mein Alter mit zweitausend Jahren angeben - diesen Zeitraum vermag ich jedenfalls mehr oder weniger komplett abzurufen. Man könnte mir das als Koketterie auslegen, tatsächlich bin ich weitaus älter. Die Ursprünge meines Lebens verlieren sich in grauer Vorzeit, mich daran erinnern zu wollen, hieße, mit einer Taschenlampe in den Nachthimmel zu leuchten. Wir Werfüchse sind nicht wie Menschen auf die Welt gekommen. Wir sind aus einem Himmelsstein hervorgegangen, es besteht eine entfernte Verwandtschaft mit Sun Wukong, dem Helden aus der Reise nach dem Westen. (Im Übrigen will ich mich nicht verbürgen, dass das alles stimmt - persönliche Erinnerungen an diese legendäre Zeit habe ich keine mehr.) Damals waren wir anders. Ich meine: innerlich, nicht äußerlich. Äußerlich verändern wir uns mit zunehmendem Alter nicht - sieht man davon ab, dass in unserem Schweif alle einhundertacht Jahre ein neues silbernes Haar auftaucht.

Im Vergleich zu manch anderem Vertreter meiner Sippe habe ich in der Geschichte keine sehr sichtbare Spur hinterlassen. Immerhin finde ich Erwähnung in einem Stück Weltliteratur, das kann man sogar auf Russisch lesen; dazu muss man in die Akademische Buchhandlung gehen und das Buch Der Mann, der einen Geist verkaufte von Gan Bao kaufen; dort findet man die Geschichte, wie zur späten Han-Zeit der Statthalter der Provinz Sihai seinen entlaufenen Oberleibwächter sucht. Der Statthalter erfährt, ein böser Geist habe den Wächter entführt, und so wird ein Trupp Soldaten auf die Spur des Verschollenen geschickt. Was dann folgt, kann ich bis heute nicht ohne Rührung lesen (die betreffende Seite trage ich als Talisman bei mir):
... den Flüchtigen zu finden, ließ der Statthalter einige Dutzend Soldaten zu Fuß und zu Pferde mit mehreren Jagdhunden an ihrer Seite das Gelände vor der Stadt durchstöbern. Tatsächlich wurde Xiao in einer leeren Grabkammer entdeckt. Nicht aber das Wertier, das hatte sich, als es die Menschen und die Hunde nahen hörte, verzogen. Die von Xiang entsandten Leute brachten Xiao zurück. Äußerlich glich er gänzlich einem Fuchs, menschliche Züge waren beinahe gar nicht mehr an ihm zu entdecken; "A Ze!" war alles, was er stammeln konnte. (A Ze ist eine geläufige Bezeichnung für einen Werfuchs.) Nach etwa zehn Tagen kehrte sein Verstand allmählich zurück, und er berichtete wie folgt:

"Das erste Mal, dass der Fuchs kam, begann damit, dass in der hintersten Ecke des Hauses, zwischen den Hühnerleitern, eine Frau auftauchte, die sehr hübsch war. Sie nannte sich A Ze und versuchte mich zu sich zu locken. Und dies immer wieder, bis ich, für mich selbst überraschend, den Verlockungen nachgab. Sie wurde sogleich meine Frau, und noch am selben Abend waren wir in ihrem Hause . An ein Zusammentreffen mit Hunden kann ich mich nicht erinnern, nur, dass ich sehr, sehr froh war."

"Das war ein böser Berggeist", stellte ein Dao-Wahrsager fest.

In den Notizen über berühmte Berge heißt es: "Der Werfuchs war in sehr alten Zeiten ein loses Frauenzimmer, und ihr Name war A Ze. Später verwandelte sie sich in einen Fuchs."

Deshalb werden Wertiere dieser Art heute meistenteils A Ze genannt.Ich kann mich an den Mann entsinnen. Sein Kopf sah aus wie ein gelbes Ei, die Augen wie zwei an das Ei geklebte Papierschnipsel. Der Verlauf unserer Affäre ist nicht ganz wahrheitsgemäß wiedergegeben, außerdem irrt der Erzähler, wo er sagt, ich hätte A Ze geheißen. Der Leibwächter nannte mich bei meinem Namen A, das "Ze" war nur der Laut, den er zuletzt, als ihn die Lebensgeister verließen, zwanghaft von sich gab: Er sog beim Reden geräuschvoll Luft ein, wie um den hängenden Unterkiefer an seinen Platz zu saugen. Ferner ist unwahr, dass ich zuerst ein "loses Frauenzimmer" gewesen wäre und mich erst später in einen Werfuchs verwandelt hätte - so etwas kommt überhaupt nicht vor, soviel ich weiß. Nichtsdestoweniger spüre ich beim Wiederlesen dieser kleinen Passage altchinesischer Prosa die gleiche Aufregung wie eine gealterte Schauspielerin, wenn sie das früheste erhaltene Foto von sich betrachtet.

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