Leseprobe zu "Das große Jagen" von Martin Hecht
Das große Gerangel
Unheimlich erfolgreich - Boris Becker und Oliver Kahn Ich erinnere mich an einen Sonntag im Frühling 1985. Ich war 20 Jahre alt und saß wie die halbe deutsche Nation vor dem Fernseher, in meinem Jugendzimmer in Rottweil am Neckar, dem Städtchen, in dem ich aufgewachsen bin. An diesem Tag gewann Boris Becker zum ersten Mal das berühmte Tennisturnier von Wimbledon. Ich konnte ihn auf Anhieb nicht leiden. Es war mir egal, dass dieser Sieg ein sporthistorisch relevantes Datum sein sollte, weil vor Becker jahrzehntelang kein Deutscher mehr diese Trophäe erlangt hatte. Dennoch sah ich bald, dass Boris Becker für meine Generation eine große Rolle spielen sollte. Er war eine Symbolfigur. Er verkörperte ein Prinzip, das sich dieser Gesellschaft bemächtigt hatte: Erfolg ist keine Glücksache, sondern eine erzwingbare Größe. Jeder kann ihn erreichen, man muss nur wollen. Der Sieg von Wimbledon beeindruckte die Deutschen. In ganz Deutschland hatte er einen Wandel der öffentlichen Triumphsymbolik bewirkt. Seit Boris Becker galt die vor das eigene Gesicht gereckte "Becker-Faust" als triumphale Ausdrucksform des neuen Willens zur Macht: die geballte Faust, die zusammengekniffenen Augen, das martialisch und doch unterdrückt her-ausgebrüllte "Jaaaah!" beim Punktgewinn. Den ganzen Auftritt hat aber nicht Boris Becker erfunden. Er hat ihn nur in Deutschland eingeführt. Das war eine Geste, die dem anglo-amerikani-schen Kulturraum entstammt und ihre Wurzeln im Grundgefühl des modernen amerikanischen Heldenepos hat. So feierten die Kriegshelden der Hollywood-Filme aus den Achtzigern, Rambo, Rocky oder der Terminator, ihre Siege. Dieser neue, zivile Triumph war der Triumph dessen, der kraft eigener Leistung gezeigt hatte, dass es jeder schaffen kann. Glück verachtete er. Sein Jubeln war aggressiv und kündete von einem hohen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Denn den Erfolg hatte Boris Becker einzig sich und seiner Leistung zu verdanken. Und so war sein Jubeln im Grunde nicht mehr als eine persönliche Bestätigungsgeste. Es stellte sich der Zustand ein, den er sich als eine Mindestanforderung an sich selbst zum Ziel gemacht hatte. Vorher hatte Triumph ein anderes Gesicht. Ich erinnere mich an den hüpfenden, sich im Kreise drehenden Gerd Müller nach seinem Tor zum 2:1 im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1974 in München. Dieser Freudentanz gehörte noch einer anderen Epoche der europäischen Zivilisation an. Man konnte darin tatsächlich, wie der alte Thomas Hobbes sagt, noch jenes alte "verborgene Wirken Gottes" erkennen, das "man gewöhnlich Glück nennt". Die Geste zeigte eine Freude über ein Gelingen, die zwar dem Stolz über die eigene Leistung entsprang, aber mindestens genauso sehr Dankbarkeit den Göttern des Himmels gegenüber ausdrückte, die so günstig gestimmt waren, dass sie dem Helden diesen Erfolg schenkten. Es steckte darin ein Element von Enthusiasmus und Naivität. Die Freude über den Triumph war so übermächtig, dass sie jegliche Art einer kontrollierten Inszenierung verhinderte. Der Jubel drang unwillkürlich von innen nach außen. Beckers Jubel schien dagegen von außen nach innen zu gehen: Er fühlte die Freude nicht, sondern erzwang sie, er zeigte es sich selbst - und den anderen. Sein Jubel war keine spontane Dankesgeste, sondern eine Machtdemonstration. Siebzehn Jahre später saß ich wieder vor dem Fernseher im Wohnzimmer meiner Vierzimmerwohnung in Mainz, der Stadt, in der ich heute lebe. Am Sonntag, den 30. Juni 2002, hatte wieder eine deutsche Fußballnationalmannschaft das Finale einer Weltmeisterschaft erreicht, auf die vor Beginn des Turniers keiner auch nur einen Cent gesetzt hätte. Zu verdanken hatte sie dies nach einhelliger Meinung der Medien nur einem Mann: dem Nationaltorhüter Oliver Kahn. Im gesamten Turnier hatte die Mannschaft so schlecht gespielt wie selten zuvor. Weil sich vor den gegnerischen Toren so wenig Gefahr einstellen wollte, richtete sich der angstvolle Blick der deutschen Kommentatoren und Fernsehzuschauer umso häufiger auf das eigene Tor und dort auf den großen, blonden Mann vom FC Bayern München, der Schlimmeres verhindern sollte - und seine Aufgabe achtbar erfüllte. Auch Oliver Kahn konnte ich nicht leiden. Wie Boris Becker wirkte er auf mich humorlos, arrogant und aggressiv, ohne jeden Witz und Charme. In diesem Sommer 2002 entdeckte die Erfolgsgesellschaft Oliver Kahn. Zwar verloren die Deutschen am Ende das Finale - aber in zahllosen Fernsehinterviews predigte Kahn den Kampf um diesen Erfolg, einen Kampf, der ihm bis heute ins Gesicht geschrieben steht, wenn er vor dem Spiel den "unbedingten" oder den "absoluten" Erfolg will, der auf Nachfrage nach dem Sieg zum "Waaaahnsinn" wird. Das ist bis heute seine Lieblingsvokabel. Sein Glaubensbekenntnis, er sei erfolgsbesessen, legt er denn bei jeder Gelegenheit ab, ein Mann, dessen Vorbilder Altkanzler Helmut Schmidt und James Bond, dessen Hobbys Börsenspekulation nebst Golfen sein sollen und der sich mit seinem Ferrari 360 Spider Modena F1 einen Jugendtraum erfüllt haben will.
Oliver Kahn zeigte den Schwachen, wie gegen das Schicksal zu kämpfen ist: mit Biss. Er ist ein Beißer, der nicht locker lässt, unaufhörlich und in jeder Sekunde, und so muss er, um die permanent aufsteigende Beißenergie überhaupt noch abführen zu können, ohne dass dabei ein größerer Schaden entsteht, unaufhörlich ein Beißgummi im Munde führen: während des Spiels, bei der Nationalhymne und im Interview danach. Er verkörperte die Wiedergeburt von Boris Becker, den neuen Willensmenschen. Er durfte zum Helden werden, weil er ein Phänomen personifiziert, das auf die Nöte der Menschen wie eine Art Heilmittel traf. Er machte vor, wie das Leben zu meistern ist: Er wurde zu einem Helden, weil sich in ihm die Werte und der Wille einer ganzen Nation verdichteten: Denn wie und mit Oliver Kahn wollte ganz Deutschland kämpfen und beißen. Boris Becker und Oliver Kahn stehen für eine neue Ära, in der sich die Vorstellung von Erfolg gewandelt hat. Nicht nur im Sport, sondern in der gesamten Gesellschaft dominiert heute ein Verständnis von einem Erfolg, der sich selbst genügt. Wie sonst in keinem Bereich des gesellschaftlichen Lebens wird der Erfolg im Sport um seiner selbst willen gesucht. Er ist nicht mehr nur eine angenehme Begleiterscheinung eines auf andere Ziele gerichteten Lebens. Der Sport wiederum ist in der Erfolgsgesellschaft in dem Maße immer wichtiger geworden, in dem Erfolg für jeden Einzelnen an Bedeutung gewonnen hat. Weil der Sport aber immer schon der Spielplatz für alle war, wissen seither alle, dass sie es schaffen können. Boris Becker und Oliver Kahn haben gezeigt, wie es geht.
Wir anderen dagegen, die wir zu stolz oder zu selbstbe-wusst waren, als dass wir nur Nacheiferer von irgendwelchen Sportlern sein wollten, wir Gescheiten und Gebildeten wussten es natürlich schon etwas früher. Denn, klar, wir waren ja auch etwas schlauer. Wir glaubten an die Machbarkeit des erfolgreichen Lebens, ohne dass es größerer Vorbilder bedurft hätte. Wir gehorchten niemandem, außer uns selbst. Denn wir waren die selbstbewussten Kinder von 1968. Ich meine nicht nur die, die ausgeflippte Eltern hatten. Anders als unsere Eltern durften wir bereits in einem liberalen und autoritätskritischen geistigen Klima aufwachsen, das uns die Generation unserer Eltern erkämpft hatte. Dadurch erlebten wir den Geist von 1968 viel intensiver als die wenigen 68er selbst, die ihn heraufbeschworen hatten. Erst in unserer Generation fand 1968 in der Breite der Gesellschaft statt. Das hat unsere Charaktere geprägt. Wir sind uns unserer Individualität bewusst, haben gelernt, sie zu zeigen, nicht, sie zu verbergen. Wir wurden als Individuen erzogen, als Geschöpfe, denen man früh ihren eigenen hohen Selbstwert vermittelte und das schöne Gefühl, nicht ein Nobody, sondern jemand ganz Einzigartiges zu sein. Wir wurden von einer aufgeklärten Zeit mit einem Selbstbewusstsein, mit einem kritischen Gemüt ausgestattet, wir glaubten an unsere Fähigkeiten, weil unsere Eltern und Lehrer, weil unsere Zeit daran glaubte. Die Demokratie, in der wir lebten, war nicht nur die politische Ordnung einer Gesellschaft der Gleichheit, sondern in ihr lag ein Erfolgsversprechen, an das wir uns klammerten. Erfolg zu haben, schien uns nicht vermessen, sondern nur die logische Konsequenz unserer Lebensentfaltung.
Das Tor dazu war das demokratische Bildungssystem. Wir sind die Kinder der größten Bildungsdemokratie, die Deutschland je erlebt hat. Mit mir strömten massenhaft die Kinder der 68er in die Gymnasien und später an die Universitäten. Das waren längst nicht mehr nur die Privilegierten, wie in der Generation zuvor, sondern jetzt auch die aus der Provinz und die Abkömmlinge der unteren sozialen Schichten. Wir hatten nicht nur die gleichen Möglichkeiten für Bildung, Beruf und Karriere, sondern auch berechtigte Hoffnungen, eines Tages dort anzukommen. Sich als erfolgreich zu erweisen, dabei ging es nicht nur um ein bisschen Ehre und Prestige, sondern darum, ob man sein Leben meisterte oder eine Flasche war. So standen wir alle, die wir 1985 Boris Beckers Triumph verfolgten, längst selbst unter Erfolgszwang. Wir waren Adressaten eines Ideals und halfen zugleich mit, es erst zu prägen. Der echte, wertvolle und im Grunde vom Zeitgeist einzig als legitim anerkannte Erfolg war für uns nicht mehr der des Glücklichen, nicht der des Müßiggängers, sondern der des Tüchtigen. Das hatten wir noch mit Boris Becker gemein. Wir wollten den Lohn für unsere Fähigkeiten, nicht irgendeine Gunst des Schicksals. Wir errichteten die Erfolgsgesellschaft, und sie wiederum predigt uns bis heute die Koppelung von Glück an Arbeit, Disziplin, Unermüdlichkeit. Erfolg erscheint nur dann erstrebenswert, wenn er hart erkämpft, über lange Zeit erarbeitet und schließlich verdient wurde. Erst am Ende eines zähen, unablässigen, immer neuen Kampfes wird er gewonnen. Wem er in den Schoß fällt, der hat ihn nicht verdient.
Wer kennt noch Keith Moon? Von ihm, dem verstorbenen legendären Drummer der englischen Rockgruppe The Who, wird erzählt, er habe sich auf der Höhe seiner Popularität und im Zenit seines finanziellen Erfolges in London per Hubschrauber von zu Hause abholen und in seinen nur ein paar Straßen entfernt liegenden Lieblings-Pub fliegen lassen. Verschwendung um der Verschwendung willen schien der ausge-flippte Ausdruck des Erfolgsverständnisses im goldenen Popzeitalter gewesen zu sein: Das hat sich heute geändert. Nicht wer mit Geld um sich wirft, sondern wer seine Ressourcen reinvestiert, gilt als wahrlich erfolgreich. Der voll gefressene Lottomillionär ist ein Auslaufmodell, genauso der weitabgewandte Selbstzufriedene, der den epikuräischen Erfolg auskostet oder gar das süße Nichtstun im Schlaraffenland. Heute bevorzugt der Zeitgeist den, der den Erfolg selbst in die Hand, noch besser, der seine beiden Beine in die Hände nimmt und losrennt: In Gestalt des Marathonläufers personifiziert sich die Ideologie der Erfolgsgesellschaft.
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