Leseprobe zu "Das grobmaschige Netz / Van-Veeteren-Krimi Bd.1"
Erster Teil
Samstag, 5. Oktober - Freitag, 22. November
l
Er erwachte und konnte sich nicht an seinen Namen erinnern.
Außerdem tat ihm alles weh. Flammen loderten in seinem Kopf und in seinem Hals, seinem Magen und seiner Brust. Er schluckte, aber es blieb dann bei dem einen Versuch. Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Brannte und schrie nach Wasser.
Seine Augen pochten. Schienen aus ihren Höhlen herausquellen zu wollen.
Ich bin niemand, dachte er. Nur ein einziges großes Leiden.
Das Zimmer war dunkel. Er bewegte einen Arm, der andere lag eingeschlafen und stechend unter ihm.
Doch, es gab einen Nachttisch. Ein Telefon und ein Glas. Eine Zeitung. Einen Wecker.
Er hob den Wecker, doch der rutschte ihm aus den Fingern und fiel auf den Boden. Er tastete eine Weile danach, bekam ihn dann zu fassen und hob ihn hoch, hielt ihn sich vors Gesicht.
Das Zifferblatt war selbstleuchtend. Er erkannte die Zahlen.
Zwanzig nach acht. Morgens, vermutlich.
Noch immer wußte er nicht, wer er war.
Das war ihm noch nie passiert. Natürlich war er schon häufiger aufgewacht, ohne zu wissen, wo er war. Oder welcher Tag es war. Aber seinen Namen... hatte er denn jemals zuvor seinen Namen vergessen?
John? Janos?
Nein, aber etwas Ähnliches.
Irgendwo weit hinten in seinem Hirn war alles gespeichert, nicht nur sein Name, sondern alles... sein Leben und seine Gewohnheiten und seine Schwächen. Alles lag da, zum Greifen nah. Hinter einer dünnen Haut, die nur zerrissen werden mußte. Eigentlich beunruhigte ihn das nicht weiter. Er würde alles, was er wissen mußte, noch früh genug erfahren.
Und vielleicht bestand ja gar kein Grund zur Vorfreude.
Plötzlich steigerten sich die Schmerzen hinter seinen Augen. Vielleicht kam das vom Denken, auf jeden Fall war der Schmerz eine Tatsache. Eine weißglühende und entsetzliche Tatsache. Ein Schrei aus Fleisch. Und nichts hatte daneben noch Bedeutung.
Die Küche lag links und kam ihm bekannt vor. Er brauchte gar nicht lange nach dem Röhrchen zu suchen, die Gewißheit, daß er bei sich zu Hause war, wurde immer größer. Natürlich konnte ihm in der nächsten Sekunde alles wieder einfallen.
Er ging zurück in die Diele und versetzte einer Flasche, die auf dem Boden lag, einen Tritt. Die Flasche kullerte über das Parkett und blieb unter dem Heizkörper liegen. Er ging zur Toilette. Drückte auf die Klinke.
Die Tür war abgeschlossen.
Mühsam bückte er sich. Stützte die Hände auf die Knie und betrachtete das Schloß.
Rot. Richtig. Besetzt.
Übelkeit stieg in ihm auf.
"Aufmachen..." wollte er sagen, aber er brachte nur ein heiseres Krächzen zustande. Wie um den Ernst der Lage zu betonen, schlug er zweimal mit den Fäusten gegen die Tür.
Keine Antwort. Kein Laut. Wer immer drinnen saß, hatte einwandfrei nicht vor, ihn einzulassen.
Ohne Vorwarnung stieß er reichlich sauer auf. Vielleicht kommt noch mehr... er wußte, daß es jetzt um Sekunden ging. Rasch stolperte er wieder durch die Diele. Und in die Küche.
Die kam ihm diesmal vertrauter vor als vorhin.
Ich bin auf alle Fälle in meinem Haus, dachte er und kotzte ins Spülbecken.
Mit Hilfe eines Schraubenziehers drehte er dann am Schloß der Badezimmertür herum. Er hatte das sichere Gefühl, das nicht zum ersten Mal zu machen.
"Entschuldigung, aber mir blieb nichts anderes übrig."
Er ging hinein und wußte in dem Moment, in dem er das Licht einschaltete, wieder, wer er war.
Und auch die Frau in der Badewanne konnte er sofort identifizieren.
Sie hieß Eva Ringmar und war seit drei Monaten mit ihm verheiratet.
Sie lag in einer seltsam verzerrten Haltung in der Wanne. Ihr rechter Arm hing in unnatürlichem Winkel über den Wannenrand. Ihre sorgfältig manikürten Nägel berührten den Fußboden. Ihre dunklen Haare schwammen auf dem Wasser. Ihr Gesicht war nach unten gedreht, und da die Badewanne bis zum Rand gefüllt war, konnte kein Zweifel daran bestehen, daß seine Frau tot war.
Er selber hieß Mitter. Janek Mattias Mitter. Lehrer für Geschichte und Philosophie am Bunge-Gymnasium in Maardam.
Normalerweise wurde er JM genannt.
Als ihm diese Erkenntnisse gekommen waren, kotzte er ein weiteres Mal, dieses Mal in die Toilette. Danach nahm er noch zwei Tabletten aus dem Röhrchen und rief die Polizei an.
2
Die Zelle war wie ein L geformt und grün. Ein einziger einheitlicher Grünton, an Wänden, Boden und Decke. Verhaltenes Tageslicht sickerte durch ein hochgelegenes Fensterchen. Nachts konnte er einen Stern sehen.
Es gab eine Ecke mit Waschbecken und Wasserklosett. Eine an der Wand befestigte Pritsche. Einen wackeligen Tisch mit zwei Stühlen. Eine Deckenlampe. Eine Leselampe.
Er nahm verschiedene Geräusche wahr und die Stille. Und den Geruch seines Körpers.
Der Anwalt hieß Rüger. Er war groß und bucklig und zog das linke Bein nach. Mitter schätzte ihn auf Mitte Fünfzig, einige Jahre älter als Mitter selber. Rügers Sohn kannte er, wenn er sich nicht irrte, aus der Schule. Hatte ihn vielleicht sogar unterrichtet... einen blassen Jungen mit unreiner Haut und ziemlich schlechten Leistungen. Vor acht oder zehn Jahren mußte das gewesen sein.
Rüger gab ihm die Hand. Drückte seine lange und kräftig und machte dabei ein ernstes und zugleich wohlwollendes Gesicht. Mitter hatte den Eindruck, daß sein Gegenüber irgendwann mal einen Psychologiekurs besucht hatte.
"Janek Mitter?"
Mitter nickte.
"Eine schlimme Geschichte."
Der Anwalt zog seinen Regenmantel aus, schüttelte das Wasser heraus und hängte ihn an den Haken neben der Tür. Der Wärter drehte zweimal den Schlüssel im Schloß und entfernte sich durch den Korridor.
"Draußen regnet's. Hier drinnen ist es eigentlich viel gemütlicher."
"Haben Sie eine Zigarette?"
Rüger fischte eine aus der Tasche.
"Nehmen Sie, so viele Sie wollen. Ich verstehe nicht, warum die euch das Rauchen nicht erlauben."
Er setzte sich an den Tisch. Legte seine schwere lederne Aktentasche darauf. Mitter zündete die Zigarette an, blieb aber stehen.
"Wollen Sie sich nicht setzen?"
"Nein, danke."
"Wie Sie wollen."
Der Anwalt öffnete eine braune Mappe. Nahm mit Maschine beschriebene Blätter und einen Notizblock heraus. Tippte einige Male mit dem Kugelschreiber auf den Tisch und stützte dann die Ellbogen auf.
"Eine schlimme Geschichte, wie gesagt. Das möchte ich gleich zu Anfang loswerden."
Mitter wartete.
"Sehr viel spricht gegen Sie. Deshalb müssen Sie mir gegenüber aufrichtig sein. Wenn wir zueinander kein vollkommenes Vertrauen haben, dann kann ich Sie nicht erfolgreich verteidigen... das verstehen Sie doch sicher?"
"Ja."
"Ich setze auch voraus, daß Sie mir bereitwillig Ihre Ansichten mitteilen werden."
"Meine Ansichten?"
"Wie wir vorgehen wollen. Natürlich entwickle ich die Strategie, aber es geht ja schließlich um Sie. Und Sie sind doch offenbar ein intelligenter Mensch."
"Ich verstehe."
"Gut. Wollen Sie selber erzählen, oder soll ich Fragen stellen?"
Mitter drückte die Zigarette im Waschbecken aus und setzte sich an den Tisch. Vom Nikotin war ihm einen Moment lang schwindlig geworden, und plötzlich empfand er nur noch tiefe Traurigkeit. Das Leben. Dieser krumme Anwalt, die unglaublich häßliche Zelle, der schlechte Geschmack in seinem Mund und die vielen unvermeidlichen Fragen und Antworten, die ihm bevorstanden - alles machte ihn traurig.
Entsetzlich traurig.
"Ich bin mit der Polizei schon alles durchgegangen. Seit zwei Tagen mache ich nichts anderes."
"Ich weiß, aber ich muß Sie trotzdem bitten. Das gehört zu den Spielregeln, das verstehen Sie doch sicher."
Mitter zuckte mit den Schultern. Schüttelte eine weitere Zigarette aus der Packung.
"Ich glaube, es ist besser, wenn Sie Fragen stellen."
Der Anwalt lehnte sich zurück. Wippte mit dem Stuhl und legte sich den Notizblock auf die Knie.
"Die meisten benutzen Tonbandgeräte, aber ich schreibe lieber", erklärte er. "Ich glaube, das ist weniger belastend für den Mandanten..."
Mitter nickte.
"Außerdem habe ich ja Zugang zu den Aufnahmen der Polizei, wenn ich die brauchen sollte. Also, ehe wir jetzt auf die näheren Umstände eingehen, muß ich die obligatorische Frage stellen. Sie werden wahrscheinlich des Mordes oder des Totschlages an Ihrer Ehefrau Eva Maria Ringmar angeklagt werden. Was werden Sie dazu sagen? Schuldig oder nicht schuldig?"
"Nicht schuldig."
"Gut. In diesem Punkt darf es keinerlei Zweifel geben. Weder bei Ihnen noch bei mir."
Er legte eine kurze Pause ein und spielte mit dem Kugelschreiber.
"Gibt es irgendeinen Zweifel?"
Mitter seufzte.
"Ich muß Sie bitten, meine Frage zu beantworten. Sind Sie ganz sicher, daß Sie Ihre Frau nicht umgebracht haben?"
Mitter antwortete erst nach einigen Sekunden. Er versuchte, den Blick des Anwalts aufzufangen, um in Erfahrung zu bringen, was der glaubte, aber das gelang ihm nicht. Rügers Gesicht war so ausdruckslos wie eine Kartoffel.
"Nein, ich bin natürlich nicht sicher. Das wissen Sie ganz genau. Ich kann mich nicht erinnern, was passiert ist."
"Das ist mir schon klar, gerade deshalb müssen wir alles noch einmal durchgehen. Ihre Erinnerung wird erst dann wieder zurückkommen, wenn Sie versuchen, diese Nacht Stück für Stück zu rekonstruieren... ohne Wenn und Aber. Oder sind Sie anderer Ansicht?"
"Wofür halten Sie mich eigentlich? Was glauben Sie wohl, womit ich mich hier in diesem Loch beschäftige?"
Eine vage Wut nahm langsam Gestalt an. Der Anwalt wich Mitters Blick aus und schrieb etwas auf seinen Block.
"Was schreiben Sie da eigentlich?"
"Bedaure."
Der Anwalt schüttelte abwehrend den Kopf. Zog dann ein Taschentuch hervor und putzte sich lautstark die Nase.
"Ekelhaftes Wetter", sagte er.
Mitter nickte.
"Ich möchte, daß Sie verstehen", sagte der Anwalt dann, "wie prekär Ihre Lage ist. Sie behaupten, unschuldig zu sein, aber Sie erinnern sich nicht... das ist kein solides Fundament für eine Verteidigung, das sehen Sie sicher ein."
"Die Anklage muß beweisen, daß ich schuldig bin. Das Gegenteil unter Beweis zu stellen, ist doch wohl nicht meine Aufgabe, oder was?"
"Natürlich nicht. So lautet das Gesetz, aber..."
"Aber?"
"Wenn Sie sich nicht erinnern, dann erinnern Sie sich eben nicht. Es wird ziemlich schwer sein, eine Jury zu überzeugen ... Versprechen Sie mir, mir sofort Bescheid zu sagen, wenn Ihnen etwas einfällt?"
"Natürlich."
"Egal, was?"
"Sicher..."
"Dann weiter. Wie lange kannten Sie Eva Ringmar schon?"
"Zwei Jahre... knapp zwei Jahre... seit sie zu uns an die Schule gekommen ist."
"Was unterrichten Sie?"
"Geschichte und Philosophie. Vor allem Geschichte, Philosophie ist ja nur ein Wahlfach."
"Wie lange sind Sie schon an dieser Schule?"
"Ungefähr zwanzig Jahre... ja, neunzehn."
"Und Ihre Frau?"
"Fremdsprachen... seit zwei Jahren, wie gesagt."
"Wann hat Ihre Beziehung angefangen?"
"Vor sechs Monaten. Wir haben diesen Sommer geheiratet, Anfang Juli."
"War sie schwanger?"
"Nein. Wieso...?"
"Haben Sie Kinder, Herr Mitter?"
"Ja. Einen Sohn und eine Tochter."
"Wie alt?"
"Zwanzig und sechzehn. Sie wohnen bei ihrer Mutter in Chadow..."
"Wann haben Sie sich von Ihrer ersten Frau scheiden lassen?"
"1980. Jürg hat bis zum Abitur bei mir gewohnt. Ich verstehe nicht, wieso das wichtig ist..."
"Ihr Hintergrund. Ich muß Ihren Hintergrund kennenlernen, und Sie müssen mir dabei behilflich sein. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer geschiedenen Frau?"
"Das existiert nicht."
Sie schwiegen eine Weile. Der Anwalt putzte sich wieder die Nase. Offenbar paßte ihm hier irgend etwas nicht, aber Mitter hatte keine Lust, ihm auf die Sprünge zu helfen... Irene hatte mit dieser Sache nichts zu tun. Jürg und Inga auch nicht. Er war dankbar dafür, daß alle drei vernünftig genug gewesen waren, sich nicht einzumischen. Sie hatten natürlich von sich hören lassen, aber nur am ersten Tag, seither hatte Schweigen geherrscht. An diesem Morgen war zwar ein Brief von Inga gekommen, aber der hatte nur aus zwei Zeilen bestanden. Es war eine Solidaritätserklärung.
'Wir halten zu dir'.
'Inga und Jürg'.
Er fragte sich, ob das wohl auch für Irene galt. Hielt sie auch zu ihm? Aber vielleicht war das ja egal.
"Wie war Ihre Beziehung?"
"Entschuldigung?"
"Ihre Ehe mit Eva Ringmar. Wie war die?"
"Wie Ehen so sind."
"Was soll das heißen?"
"..."
"Haben Sie sich gut verstanden, oder gab es oft Streit?"
"..."
"Sie waren doch erst seit drei Monaten verheiratet."
"Ja, das stimmt."
"Und dann finden Sie Ihre Frau tot in der Badewanne. Begreifen Sie nicht, daß wir eine Erklärung finden müssen?"
"Doch."
"Begreifen Sie auch, daß Schweigen hier nichts bringt? Ihr Schweigen wird so ausgelegt werden, daß Sie etwas verheimlichen. Und das wird dann gegen Sie verwendet."
"Das kann ich mir vorstellen."
"Haben Sie Ihre Frau geliebt?"
"Ja..."
"Gab es Streit?"
"Selten..."
Rüger notierte.
"Der Staatsanwalt wird auf Mord plädieren. Diese Ansicht vertreten auch der Pathologe und die Spurensicherung... wir werden nicht beweisen können, daß sie eines natürlichen Todes gestorben ist. Die Frage ist, ob sie Selbstmord begangen haben kann."
"Ja, das nehme ich an."
"Was nehmen Sie an?"
"Daß das die entscheidende Frage ist... ob sie es selber getan haben kann."
"Vielleicht. An diesem Abend... wieviel haben Sie da getrunken?"
"Ziemlich viel."
"Was bedeutet das?"
"Ich weiß es nicht mehr genau..."
"Wieviel trinken Sie normalerweise, um einen Filmriß herbeizuführen, Herr Mitter?"
Der Anwalt war jetzt offenkundig gereizt. Mitter schob seinen Stuhl zurück. Stand auf und ging zur Tür. Steckte die Hände in die Taschen und betrachtete Rügers krummen Rücken. Er wartete, aber der Anwalt blieb bewegungslos sitzen.
"Ich weiß es nicht", sagte Mitter endlich. "Ich habe versucht, es nachzurechnen... leere Flaschen und so, Sie wissen schon... vermutlich sechs oder sieben Flaschen."
"Rotwein?"
"Ja, Rotwein. Sonst nichts."
"Sechs oder sieben Flaschen für zwei Personen? Sie hatten doch keinen Besuch an diesem Abend?"
"Daran kann ich mich jedenfalls nicht erinnern."
"Haben Sie Alkoholprobleme, Herr Mitter?"
"Nein."
"Würde es Sie überraschen, wenn andere diese Meinung nicht teilten?"
"Ja..."
"Wie sah das bei Ihrer Frau aus?"
"Wie meinen Sie das?"
"Stimmt es, daß sie einmal", er beugte sich über seine Papiere und blätterte, "daß sie wegen ihrer Alkoholprobleme in der Klinik war... in Rejmershus? Hier steht es..."
"Warum fragen Sie dann? Es ist sechs Jahre her. Sie hatte ein Kind verloren, und ihre Ehe..."
"Ich weiß, ich weiß. Entschuldigen Sie, Herr Mitter, aber ich muß diese Fragen stellen, so unangenehm die Ihnen auch sein mögen. Bei der Verhandlung wird das alles noch viel schlimmer, das kann ich Ihnen sagen, es ist wirklich besser, Sie gewöhnen sich gleich daran."
"Danke, schon geschehen."
"Können wir weitermachen?"
"Natürlich."
"An was können Sie sich an diesem Abend zuletzt erinnern? Ganz sicher erinnern?!"
"Das Essen... wir haben einen mexikanischen Eintopf gegessen. Aber das habe ich der Polizei schon erzählt."
"Dann erzählen Sie es noch einmal."
"Wir haben den mexikanischen Eintopf gegessen... in der Küche."
"Ach?"
"Wir haben uns geliebt..."
"Haben Sie das der Polizei erzählt?"
"Ja."
"Weiter!"
"Was wollen Sie hören? Einzelheiten?"
"Alles, woran Sie sich erinnern."
Mitter kam zum Tisch zurück. Er zündete sich eine neue Zigarette an und beugte sich nach vorne. Vielleicht sollte er ihm soviel erzählen, wie er vertragen konnte, dieser krumme Federfuchser!
"Eva trug einen Kimono... und sonst nichts. Beim Essen habe ich angefangen, sie zu streicheln... wir haben auch getrunken, natürlich, und sie hat mich ausgezogen... teilweise zumindest. Dann habe ich sie langsam auf den Tisch gehoben..."
Er legte eine kurze Pause ein. Der Anwalt machte jetzt keine Notizen mehr.
"Ich habe sie auf den Tisch gehoben, ihr den Kimono ausgezogen, und dann bin ich in sie eingedrungen. Ich glaube, sie hat geschrien... nicht, weil es weh tat, sondern aus Wollust, natürlich, das hat sie immer gemacht... während wir uns geliebt haben, ich glaube, das hat sehr lange gedauert. Dann haben wir weiter gegessen und getrunken... ich weiß noch, daß ich ihr Wein über den Schoß geschüttet und den dann abgeleckt habe..."
"Wein über den Schoß?"
Plötzlich klang die Stimme des Anwalts sehr dünn.
"Ja. Möchten Sie noch mehr wissen?"
"Ist das Ihre letzte Erinnerung?"
"Ich glaube ja."
Der Anwalt räusperte sich. Zog wieder sein Taschentuch hervor und putzte sich die Nase.
"Wie spät kann es inzwischen gewesen sein?"
"Keine Ahnung."
"Nicht einmal so ungefähr?"
"Nein. Alles zwischen neun und zwei ist möglich... ich habe eben nicht auf die Uhr geschaut."
"Ich verstehe. Warum hätten Sie das auch tun sollen?"
Der Anwalt raffte seine Papiere zusammen.
"Ich möchte Sie bitten, nicht zu detailliert zu sein bei Ihrer... Beischlafsbeschreibung, falls das vor Gericht zur Sprache kommen sollte. Das könnte mißverstanden werden."
"Sicher."
"Übrigens sind keine Spermareste gefunden worden... ja, Sie wissen vielleicht, daß sehr genaue Untersuchungen angestellt worden sind..."
"Ja, das hat der Kommissar mir erklärt... nein, ich bin wohl nicht so weit gekommen. Das ist doch eine Wirkung des Weins... oder eins seiner Verdienste, wie immer man das nun sehen mag. Was meinen Sie, Herr Rüger?"
"Sie wissen, daß der Zeitpunkt festgestellt worden ist?"
"Welcher Zeitpunkt?"
"Der, zu dem der Tod eingetreten ist. Nicht ganz exakt natürlich, das ist fast nie möglich... aber irgendwann zwischen vier und halb sechs muß es gewesen sein."
"Ich bin um zwanzig nach acht aufgestanden."
"Das wissen wir."
Der Anwalt erhob sich, zog den Schlips gerade und knöpfte seine Jacke zu.
"Ich glaube, das reicht für heute. Ich danke Ihnen, aber ich werde morgen weitere Fragen stellen müssen. Ich hoffe auf Ihr Entgegenkommen."
"War ich heute nicht entgegenkommend?"
"Doch, sehr."
"Darf ich die Zigaretten behalten?"
"Bitte sehr. Darf ich eine letzte Frage stellen, die vielleicht nicht ganz... angenehm ist?"
"Natürlich."
"Ich halte diese Frage für wichtig. Bitte, überlegen Sie sich die Antwort genau."
"Sicher."
"Wenn Sie sie nicht beantworten wollen, dann habe ich dafür vollstes Verständnis, aber ich hielte es für besser, wenn Sie ehrlich zu sich selber wären. Also, haben Sie das Gefühl, daß Sie sich wirklich an die Ereignisse an diesem Abend erinnern wollen... oder würden Sie das lieber vermeiden?"
Mitter gab keine Antwort. Der Anwalt sah ihn nicht an.
"Ich bin auf Ihrer Seite. Ich hoffe, das ist Ihnen bewußt."
Mitter nickte. Der Anwalt drückte auf den Klingelknopf, und schon nach wenigen Sekunden erschien der Wärter, um ihn aus der Zelle zu lassen. In der Türöffnung blieb Rüger stehen. Er schien zu zögern.
"Ich soll von meinem Sohn grüßen. Von Edwin. Edwin Rüger. Sie hatten ihn vor zehn Jahren in Geschichte, ich weiß nicht, ob Sie sich an ihn erinnern... er mochte Sie jedenfalls leiden. Sie waren ein interessanter Lehrer."
"Interessant?"
"Ja, das hat er gesagt."
Mitter nickte noch einmal.
"Ich kann mich an ihn erinnern. Grüßen Sie zurück."
Sie reichten sich die Hand, dann war Mitter wieder allein.
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