Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension
Tja, an Kluge muss man glauben. Sein Sound muss verführen. Gelingt das einmal nicht, könnte der Effekt eintreten, den Rezensent Eberhard Falcke beschreibt: Was als Geistesblitz gedacht ist, wirkt als bloßes Notat aus dem Zettelkasten. Dem "Virtuosen des Assoziativen" fehlt am Ende Stringenz. Falcke schreibt sich in seiner Kritik in eine gewisse Rage hinein. Anfangs erkennt er durchaus noch an, dass Kluges unnachahmlich dargebotene Erkenntnisfragmente zum Selber- und Weiterdenken anregen. Am Ende aber scheint es ihm doch so, dass zum Beispiel das Genre des Essays, der ja im größeren Maßstab ebenfalls fragmentarisch ist, einerseits für den Autor sehr viel riskanter ist als Kluges Notizen, aber andererseits für den Leser doch nahrhafter. Am Politischen, so muss man Falcke verstehen, scheitert Kluge aus schierer Leichtigkeit.
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 | Besprechung von 18.04.2011 |
Der Lehrter Bahnhof als Symbol für die neue Weichheit der Berliner RepublikÜber ein Metier, das es sich zu leicht macht: Alexander Kluge erzählt 133 politische Geschichten - von der Angst Mussolinis bis zu den Vermeidungsstrategien Angela Merkels. Im Mittelpunkt steht stets, was die Politik unpolitisch macht.
Früher trat man an, heute tritt man ab. Willy Brandt stellte sich dreimal zur Wahl des Bundeskanzlers: Im Jahr 1961 verlor er gegen den fünfundachtzigjährigen Konrad Adenauer, im Jahr 1965 gegen Ludwig Erhard. Wieder und wieder wurde Brandt für seine nichteheliche Herkunft und für seine Zeit im Exil angegriffen. Aufgrund der erlittenen persönlichen Verletzungen wollte er nicht mehr für ein hohes Staatsamt kandidieren - und tat es doch. Im Jahr 1969 wurde er Bundeskanzler und trieb die "Neue Ostpolitik" trotz erheblicher Gegenwehr voran. Brandts Handeln entsprach Max Webers Satz, Politik meine "ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich". Heute hingegen erscheint das Bretter-Business als unattraktiv: Gerhard Schröder, Horst Köhler, Roland Koch und Ole von Beust jedenfalls hörten einfach damit …
 | Besprechung von 10.12.2012 |
NEUE TASCHENBÜCHER
Kluge spricht
vom Ohrenmaß
Souffleur will er sein, nicht Schauspieler, auf der Bühne. Lieber
von der Seite einsagen, in Textsammlungen, TV-Sendungen,
DVD-Kompilationen, als die Blicke der Leser auf sich ziehen.
Alexander Kluge misstraut dem Augenmaß, in seinem Band „Das Bohren
harter Bretter“ zitiert er den Ophtalmologen Konrad Winkler – die
Augen seien „extrem täuschbar, weil gierig; auch seien sie leicht
durch Schrecken zu beeindrucken. An wichtigen Wendepunkten des
Schicksals würden sie blind.“ Besser als Gleichgewichtsorgan wäre
das Ohr. „Niemand aber spricht vom OHRENMASS.“ Historische
Wendepunkte packt Kluge im Detail, wo sie absurd wirken, aber
absolut logisch. Ezra Pound in der Falle, der Duce als Gehängter
des Tarot, Hitler mit seinem Berchtesgaden-System, Napoleons
Inszenierungen der Macht, inklusive der von Stanley Kubrick –
geplanter Drehbeginn August 1969. Michel Serres stellt die
elementare Klima-Rechtsfrage: „Die Ozeane nämlich besitzen, so
sprach er sich in Feuer, ein Recht auf Unverletzbarkeit, und dieses
Recht hat Verfassungsrang. Ja, es gibt kein Menschenrecht ohne
Respektierung der Naturrechte auf …
"Diese Prosa, die zu Chruschtschow und Mussolini schaltet, zu Napoleon und Regisseur Stanley Kubrick, ist ein Strom aus unzähligen Quellen, der sich seinen Weg durch die Geschichte sucht und der von den Rändern kleinste Partikel Leben mitreißt, sie in Strudel verwickelt, sie auf dunkle Gründe sickern lässt oder sie unterwegs, an fremden Ufern, wieder ablegt wie eine Botschaft, aus einem Zusammenhang in einen neuen Zusammenhang getaucht."
Hans-Dieter Schütt Neues Deutschland
»Diese Prosa, die zu Chruschtschow und Mussolini schaltet, zu Napoleon und Regisseur Stanley Kubrick, ist ein Strom aus unzähligen Quellen, der sich seinen Weg durch die Geschichte sucht und der von den Rändern kleinste Partikel Leben mitreißt, sie in Strudel verwickelt, sie auf dunkle Gründe sickern lässt oder sie unterwegs, an fremden Ufern, wieder ablegt - wie eine Botschaft, aus einem Zusammenhang in einen neuen Zusammenhang getaucht.«
»Diese Prosa, die zu Chruschtschow und Mussolini schaltet, zu Napoleon und Regisseur Stanley Kubrick, ist ein Strom aus unzähligen Quellen, der sich seinen Weg durch die Geschichte sucht und der von den Rändern kleinste Partikel Leben mitreißt, sie in Strudel verwickelt, sie auf dunkle Gründe sickern lässt oder sie unterwegs, an fremden Ufern, wieder ablegt - wie eine Botschaft, aus einem Zusammenhang in einen neuen Zusammenhang getaucht.«
»Diese Prosa, die zu Chruschtschow und Mussolini schaltet, zu Napoleon und Regisseur Stanley Kubrick, ist ein Strom aus unzähligen Quellen, der sich seinen Weg durch die Geschichte sucht und der von den Rändern kleinste Partikel Leben mitreißt, sie in Strudel verwickelt, sie auf dunkle Gründe sickern lässt oder sie unterwegs, an fremden Ufern, wieder ablegt wie eine Botschaft, aus einem Zusammenhang in einen neuen Zusammenhang getaucht.«
Alexander Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt geboren. Er studierte in Marburg und Frankfurt/Main Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik. Nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt absolvierte er ein Volontariat bei dem Filmregisseur Fritz Lang und betätigte sich mit Erfolg als Filmemacher und literarischer Autor. Er erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Deutschen Filmpreis 2008 (Ehrenpreis).