Leseprobe zu "Das Babylon-Virus" von Stephan M. Rother
Tag eins Rom Amadeo Fanelli rannte um sein Leben.
Er konnte nicht sagen, wie er in die Domkirche von San Pietro gelangt war, deren kalter Marmor das Ächzen seiner gehetzten Atemzüge zurückwarf, das Echo seiner eiligen Schritte.
Er wusste nur, dass sie hinter ihm her waren mit ihren unauffälligen Kleinkaliberpistolen und der Entschlossenheit, ihn zu töten.
Der Petersdom war ein Labyrinth aus aufgetürmtem Stein, jahrhundertealt, und in der Tiefe, in den Katakomben mit den Särgen längst verstorbener Päpste, verstärkte sich dieser Eindruck noch.
Unvermittelt fand sich Amadeo im erdrückenden Dunkel der Grabstätte wieder, suchte mit klopfendem Herzen seinen Weg zwischen der düsteren Pracht der marmornen Sarkophage. Was tat er hier? Wer waren die Verfolger, deren Anwesenheit er in seinem Rücken spürte?
War er allein? Er war nicht zum ersten Mal hier, und damals wäre er nicht mit dem Leben davongekommen, wäre er allein gewesen - ohne einen alten Mann mit Schnapsnase und Nickelbrille.
Ohne Ingolf Helmbrecht.
"Professor?"
Amadeo war sich nicht sicher, ob er das Wort laut ausgesprochen hatte. Für eine Sekunde glaubte er etwas gesehen zu haben, eine huschende Bewegung am Rande seines Blickfelds.
War das Helmbrecht gewesen? Das hatte er nicht erkennen können. War der Professor überhaupt noch in der Lage, sich in einer solchen Geschwindigkeit zu bewegen? Auf schwer zu beschreibende Weise hatte die ferne Gestalt sich angefühlt wie Helmbrecht. Was tat er hier unten?
Eine verwinkelte Flucht von Torbögen, halbdunklen Gängen voller Verzweigungen und Irrwege. Nicht mehr der matte Schimmer alten Marmors umgab Amadeo nun, sondern ockergelber, unbehauener Stein, eine unregelmäßige Höhle, die aussah, als wäre sie auf natürliche Weise entstanden. Woher das Licht kam, war nicht festzustellen, doch da war Licht, und es schien sich an einem Punkt zu sammeln, vielleicht zwanzig Schritte voraus. Da war etwas, eine Tür, ein Durchgang, eine Pforte.
Und daneben stand Helmbrecht, gestützt auf seinen Krückstock, und betrachtete kritisch eine altertümliche Taschenuhr. Die ewig ungeputzte Nickelbrille war ihm tief auf die knollenartige Schnapsnase gerutscht.
"Sie sind spät dran", murmelte der alte Mann.
"Was tun Sie hier?", flüsterte Amadeo. Ein dumpfer Hall begleitete seine Worte.
"Wir haben keine Zeit mehr." Der Blick des Professors hob sich. In seinen Augen stand ein Ausdruck, den Amadeo nicht einordnen konnte, und selbst die Stimme des alten Mannes klang ungewohnt.
Die Verfolger! Ihre Schritte ^ Konnte Amadeo ihre Schritte hören? Nein, er hörte nichts, doch er spürte, dass sie näher kamen. Der Rückweg war versperrt.
Aber direkt vor ihm war die Pforte, an der Helmbrecht verharrte.
"Sie sind gleich da!", flüsterte Amadeo. "Wir müssen weg! Da durch!"
Der Blick des Professors hatte sich nicht verändert. "Sie ist verschlossen", sagte er. "Amadeo, Sie müssen den Schlüssel finden!"
"Was?"
"Sie müssen die Kleinigkeiten im Auge behalten, mein lieber Amadeo." Für eine Sekunde nahm die Stimme einen vertrauten Klang an. "Ich glaube, das sagte ich Ihnen schon einmal. In den Kleinigkeiten liegt der Schlüssel."
"Wir haben keine Zeit für._" Gehetzt wandte Amadeo sich um.
Sie waren heran, nein. _ Es war heran. Amadeo öffnete den Mund, doch kein Ton kam heraus, kein Wort jedenfalls, nur ein entsetztes, fassungsloses Geräusch, ein Keuchen, ein. _ "Capo?"
Amadeo fuhr auf. Ein Stechen in seinem Kopf, ein Schwindel, das grelle Licht seiner Schreibtischlampe.
Er blinzelte. Sein Herzschlag, jagend in der Kehle. Ein Traum! Ein irrsinniger, unglaublicher Traum, aber so deutlich, so plastisch, so .
"Capo, sind Sie in Ordnung?"
In der Bürotür stand eine Gestalt.
Niccolosi.
Fabio Niccolosi, der jüngere der beiden Auszubildenden der officina. Im Moment war nur sein schwarzer Lockenkopf zu sehen hinter einem Stapel verschnürter Postsendungen.
"Ich bin ." Amadeo räusperte sich. "Es geht mir gut."
Helmbrecht. Ein Traum. Es war nur ein Traum gewesen, doch noch war Amadeo nicht vollständig im Hier und Jetzt angekommen.
"Das ist der Posteingang?", fragte er heiser.
Der Junge antwortete nicht. Es war offensichtlich, dass das Ungetüm der Posteingang war. Schwankend stand Amadeo auf, packte mit an. Gemeinsam schafften sie das Monster zum Schreibtisch.
"Die Werbung Fabio holte Atem. "Kataloge und Werbung hab ich schon aussortiert. Das waren siebzehn Sendungen - siebenunddreißig Prozent." Erwartungsvoll sah er seinen capo an.
Doch der war noch immer nicht vollständig zurück in dem kleinen Raum mit den gewaltigen Fenstern zur Via Oddone hin: seinem Büro. Das Büro des capo, des Geschäftsführers der Officina di Tomasi et figlii, Roms führendem Unternehmen bei der Restaurierung historischer Bücher.
Siebenunddreißig Prozent, dachte Amadeo wirr. Er wusste, dass Fabio Niccolosi ein Zahlengenie war. Erwartete der Junge jetzt ein Lob? Amadeo war noch nicht in der Lage dazu.
Helmbrecht. Das Bild war so deutlich gewesen. Noch immer glaubte er den Professor beinahe riechen zu können, das etwas aufdringliche Aroma von Altherrenrasierwasser.
Old Spice.
Amadeos Finger zitterten so stark, dass er Mühe hatte, die krakeligen Buchstaben der Absenderzeile zu entziffern: Professor Ingolf Helmbrecht vom Institut für Paläographie in Weimar.
Es musste eine logische Erklärung für Amadeos Tagtraum geben. Etwas anderes war nicht denkbar. Wie lange hatte Fabio schon in der Tür gestanden, bevor er seinen capo ansprach? Dieser Umschlag, der mitten im Posteingangsstapel gelegen hatte, war dermaßen durchtränkt mit Helmbrechts Rasierwasser: Als die Tür sich geöffnet hatte, mussten sich die ätherischen Öle den Weg bis in Amadeos Unterbewusstsein gebahnt und dort einen Traum ausgelöst haben. Einen Traum von Helmbrecht, von einer Pforte in einem unterirdischen Höhlenlabyrinth, von _ Was hast du gesehen?
Amadeo hatte gespürt, wie in seinem Rücken etwas näherkam. Er hatte sich umgewandt - doch dann hatte sein Unterbewusstsein seine Tore geschlossen, und nun war die Erinnerung fort. Oder war es irgendein Schutzmechanismus seines Verstandes? Nein, er wollte sich gar nicht erinnern.
Dieser Traum war bedeutungslos, ein Nichts. Ein Traum eben.
Sie müssen die Kleinigkeiten im Auge behalten, mein lieber Amadeo.
Amadeo wischte den Gedanken beiseite, schüttelte sich, griff entschlossen nach dem Brieföffner. Fort mit Albträumen und Schimären.
Er zog einen Briefbogen aus dem Umschlag, stutzte überrascht. In den vier oder fünf Jahren, die er den alten Mann jetzt kannte, hatte der Professor noch niemals einen derartig schlampig zusammengefalteten Brief auf die Reise geschickt. Und der Text selbst, die Schrift, fahrig, zittrig, kaum zu entziffern. Nicht dass es viel zu entziffern gegeben hätte:
Amadeo!
Lesen! Lösen! Herbringen!
H.
Amadeo starrte auf das Schreiben. Lesen? Was lesen?
"Was zur flüsterte er, schaute noch einmal in den Umschlag.
Er war nicht leer. Ein zweites, kleineres Kuvert. Verwirrt ließ Amadeo es auf den Tisch gleiten. Ein handelsüblicher Briefumschlag, graues Recyclingpapier, unbeschriftet und nicht verschlossen. Amadeo öffnete ihn. Wieder war es nur ein einziger Briefbogen, doch dieser Bogen sah völlig anders aus: älter, sehr viel älter. Nicht so alt wie die antiken Codices und Manuskripte, mit denen sie in der officina zu tun hatten, aber doch mehrere Jahrzehnte. Das Papier war vergilbt und dünn, durchsichtig fast, als wäre es viel in Gebrauch gewesen. Ein langer Text, mit einer mechanischen Schreibmaschine getippt.
Ein langer Text . ^ Amadeos Stirn legte sich in Falten, als er zu lesen begann. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen, bis sie einander beinahe berührten:
Die Geschichte des Turmbaus zu Babel ist altbekannt. Alle Welt hatte eine Zunge und Sprache, aber die Menschheit war taub und blind gegen die Guete des Herrn in ihren Heimstaetten zu Sinear. Und also sprachen die Menschen dort untereinander: "Wohlauf, lasst uns streichen und brennen die Ziegel!" Und so nahmen sie Lehm sich vom Fluss bei der Hand und Erdharz nun als Moertel und sprachen: "Wohlan, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, auf dass seine Spitze bis hinauf an den Himmel reiche, damit wir uns auf Erden einen Namen machen. Denn wir koen- nen sonst nicht allesamt beieinanderbleiben. Und siehe, es wird uns der HErr zerstreuen."
Da eilte der HErr hernieder und sah der Menschen Turm und Stadt und sprach in Erbitterung: "Siehe, es ist einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist nun der Anfang ihres Tuns. Nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden koennen, was sie sich vorgenommen haben." Da der Herr aber ergrimmt war, sprach er: "Wohlan, so lasset den Menschen uns Einhalt gebieten und gen Sinear Pestilenz senden, sodass jener Ort als Babel bekannt sein soll. Denn es wird dort der Herr ihr Gott jenen Menschen seinen Engel senden und ihre Sprache verwirren." Und so stieg mit einem Gefaesse der Engel des Herrn hinab zu den Menschen, die wohnten zu Fuessen der Berge, und es wurde freigelassen die Seuche, auf dass den Menschen so ihre einerlei Sprache und einerlei Wort genommen werde. So zerstreute sie der HErr von Sinear in alle Laender, dass sie ablassen mussten davon, eine Stadt zu bauen. Weil er nun indes zwar gedachte, die Sprache zu verwirren, jedoch den Menschen, den er geschaffen hatte nach seinem Bild, zu schonen, wurde entsandt mit einem zweiten Gefaesse ein neuer Engel des Herrn, und so wurden sie alle geheilt von der Seuche. Es misstrauten jedoch einige der Gabe des Herrn und verbargen diese an einem fremden Ort, der hier verzeichnet ist.
...der hier verzeichnet ist." Automatisch hatte Amadeo die letzten Worte leise vorgelesen.
Er blickte auf das Schreiben.
Da war nichts verzeichnet.
Was zur Hölle sollte das? Was wollte ihm der Professor mitteilen? Lesen! Lösen! Herbringen! - Lesen? Das hier? Das hatte er getan. Was lösen? Was herbringen? Helmbrecht konnte doch nicht ernsthaft.
"Das ist wie ein Traum", flüsterte Amadeo. "Ein sehr, sehr merkwürdiger Traum."
Er widerstand dem Impuls, sich in den Arm zu kneifen. Nein, er träumte nicht mehr. Das hier war die Wirklichkeit, eine surreale, unerklärliche Wirklichkeit, in der er jede Unebenheit des Blattes spüren, die feinen Erhebungen erkennen konnte, mit denen sich Punkte und Kommata durchs Papier gedrückt hatten. Durchs Papier! Amadeo drehte das Blatt um.
Da war noch mehr! Ein kurzer Absatz auf der Rückseite.
Lieber Ingolf Helmbrecht, ich glaube, dass Sie der Richtige sind. Fragen Sie nicht, was das hier zu bedeuten hat. Versuchen Sie nicht, mich zu kontaktieren. Ich werde Ihnen nicht antworten.
Finden Sie die Lösung und handeln Sie danach. Wenn Ihnen das bis zu Ihrem Tode nicht gelingt, geben Sie diesen Text weiter an denjenigen, den Sie für den - nach Ihnen - größten Geist Ihrer Zeit halten.
Mit freundlichen Grüßen Amadeo kniff die Augen zusammen. Der Name des Absenders war per Hand vermerkt, und er brauchte einen Moment, um die Unterschrift zu deuten. "Albert Einstein", murmelte er.
Amadeo war es eiskalt.
Diese Geschichte war keine Nachricht von Helmbrecht.
Sie war eine Nachricht an Helmbrecht.
Eine Nachricht von Albert Einstein, dem großen Physiker, dem Entdecker der Relativitätstheorie: m mal c, Masse mal Beschleunigung, im Quadrat. Albert Einstein, der irgendwann um die Mitte des letzten Jahrhunderts gestorben war.
Das erklärte das Alter des Papiers.
Wie Helmbrecht zu diesem Schreiben gekommen war, erklärte es nicht, genauso wenig wie es die krude Geschichte erklärte, von der das Schriftstück berichtete: die Erzählung vom Turmbau zu Babel mit einem zusätzlichen Schlenker um eine göttliche Seuche samt zugehörigem Heilmittel am Ende, das die Babylonier sonst wohin geschleppt hatten.
Doch diese Geschichte war in Amadeos Bewusstsein vollständig an den Rand gerückt. An einem einzelnen Satz, einer einzelnen Formulierung auf der Rückseite, hatten seine Augen sich festgesaugt und wollten sich nicht wieder lösen.
Wenn Ihnen das bis zu Ihrem Tode nicht gelingt, geben Sie diesen Brief weiter.
Amadeo hielt das Schreiben in den Händen - das sagte alles. Helmbrecht hatte den Brief weitergegeben.
"Maledetto!", flüsterte er. "Professor!"
Er hatte Helmbrecht gesehen, vor ein paar Minuten erst, in einem Traum, der auf eine so erschreckende Weise wirklich, lebendig erschienen war, dass Amadeo noch immer Mühe hatte, in die Wirklichkeit zurückzufinden. Zu sehr glich diese Wirklichkeit einer irrwitzigen Fortsetzung des Traumgeschehens: die vorsintflutliche Taschenuhr, die Helmbrecht in der Hand gehalten hatte wie das Kaninchen aus Alice im Wunderland, seine Worte: Wir haben keine Zeit mehr. Und nun hatte Amadeo einen Brief vor sich, den Helmbrecht vor seinem Tod unbedingt noch hatte weitergeben sollen.
Mechanisch griff er nach einem Kasten mit Karteikarten: H wie Helmbrecht. Drei verschiedene Nummern waren vermerkt. Mit zitternden Fingern wählte Amadeo den Büroanschluss des alten Mannes, wartete, dass die Verbindung über die Alpen sich aufbaute. Das Freizeichen. Er wartete. und wartete. Eineinhalb Jahre seines Lebens hatte er in Weimar mit Helmbrecht zusammengearbeitet. Er wusste, dass die Telefonanlage des Instituts nach viermal Klingeln auf die Zentrale umschaltete. Also wartete er weiter, bis. Nach einer Minute verwandelte sich der Rufton in ein Besetztzeichen, ohne dass jemand abgehoben hatte. Amadeo beendete den Anruf, betrachtete unruhig das Telefon. Es war mitten am hellen Vormittag. Irgendjemand musste doch Dienst haben im Institut!
Die zweite Nummer war Helmbrechts Privatanschluss. Amadeo zögerte, doch höchstens für eine halbe Sekunde. Der Rufton, ein greller Sinusrhythmus, Ton auf Ton. Amadeo lauschte, hörte das Ticken der schlichten analogen Uhr an der Wand gegenüber, murmelnde Stimmen, die sich jenseits seiner Bürotür unterhielten, in der Werkstatt. Schließlich das Besetztzeichen. Auch bei Helmbrecht zu Hause hatte niemand abgenommen.
Blieb die letzte Nummer. Der Professor hatte sich immer geweigert, sich ein Handy zuzulegen, bis ihm Amadeo - oder offiziell die officina, als Gegenleistung für wissenschaftliche Beratung - kurzerhand ein Gerät gekauft hatte. Helmbrecht war unberechenbar; Amadeo erinnerte sich an eine Klettertour mitten im Winter, als der Professor unbedingt mal eben etwas hatte nachsehen wollen - in Goethes Berghütte auf dem Kickelhahn, achthundert Meter über dem Meeresspiegel. Ihm war einfach wohler, wenn Helmbrecht ein Mobiltelefon dabeihatte. Trotzdem zögerte er diesmal einen Augenblick länger. Diese Nummer war für den Notfall gedacht. Wir haben keine Zeit mehr. Wenn das kein Notfall war!
Das Anrufzeichen. Es klang anders diesmal, drängender. Dreimal, viermal .
"Amadeo!"
"Profess . "
"Sparen Sie sich die Mühe, mich zu unterbrechen", tönte die blecherne Stimme. "Dies ist eine automatische Ansage. Lesen! Lösen! Herbringen! Dem ist nichts hinzuzufügen. >Versuchen Sie nicht, mich zu kontaktieren< - das gilt auch für Sie. Finden Sie die Lösung, oder ich spreche kein Wort mehr mit Ihnen, wenn ich tot bin."
Ein Klicken. Ein kurzer Piepton.
"MaledettProfessor?"
Amadeo horchte. Der Anrufbeantworter. Helmbrecht hatte gesprochen; wenn Amadeo ihm etwas mitteilen wollte: Dies war seine Chance, die einzige vermutlich. Er holte Luft, formulierte sorgfältig: "Professor, ich mache mir Sorgen um Sie. Ich weiß nicht, wann Sie das das da eben aufgesprochen haben." Jedenfalls nachdem der alte Mann den Brief abgeschickt hatte. "Ich ._" Amadeos Gedanken überschlugen sich. Was der Professor von ihm erwartete, war klar. Lösen. Herbringen. "Ich schau's mir an", sagte er matt. "Was auch immer. Aber bitte geben Sie mir ein Lebenszeichen!" Er wartete noch einen Moment, ob sich etwas tat, doch das war nicht der Fall. Ohne ein weiteres Wort beendete er den Anruf.
Betäubt starrte er seine Telefonanlage an, bis sein Blick weiterglitt zu dem Schreiben mit der Unterschrift Albert Einsteins.
Lösen. Herbringen.
Es misstrauten jedoch einige der Gabe des Herrn und brachten diese an einen fremden Ort, der hier verzeichnet ist.
Das Heilmittel Gottes.
Professor Ingolf Helmbrecht war der bedeutendste lebende Experte für historische Handschriften. Ein solcher Mann konnte diese Babylon-Geschichte doch unmöglich für bare Münze nehmen! Wie sollte irgendjemand etwas verstecken, das gar nicht existierte? Etwas, das Albert Einstein überhaupt erst erfunden hatte für seine abstruse Erzählung?
Auf der anderen Seite Wenn es einen Menschen gab, der zweifelsfrei beurteilen konnte, ob eine Unterschrift echt war, dann war das Helmbrecht. Der Brief auf Amadeos Schreibtisch stammte von Albert Einstein, so viel stand fest. Eine Karte, mit einem eingezeichneten fernen Ort gab es nicht, aber war eine Karte die einzige Möglichkeit, einen Ort zu verzeichnen? Ein Text konnte mehr als eine Bedeutung haben, mehr als die eine offen sichtbare. Ein zweiter verborgener Sinn innerhalb des Babylon-Textes.
"Ein Code", flüsterte Amadeo.
Und Helmbrecht hatte ihn nicht knacken können, ein halbes Jahrhundert lang nicht, wenn er den Brief irgendwann kurz vor Einsteins Tod bekommen hatte . ^ Also hatte er ihn weitergegeben, wie angewiesen. Amadeos Augen glitten über Einsteins Anschreiben: An denjenigen, den Sie für den - nach Ihnen - größten Geist Ihrer Zeit halten.
Amadeo spürte eine Gänsehaut. Weniger, weil er sich selbst für den größten Geist seiner Zeit hielt, sondern vielmehr, weil Helmbrecht das offenbar tat. Oder vielleicht doch nur für den größten Geist, den er gerade erreichen konnte?, flüsterte ein kleines Teufelchen in seinem Hinterstübchen. Der Restaurator schüttelte den Kopf, stellte sich vor, wie er dem Teufelchen einen herzhaften Tritt versetzte. Der Professor war eine Koryphäe der Wissenschaft. Amadeo Fanelli kam es nicht zu, die Einschätzung eines solchen Mannes in Zweifel zu ziehen.
Schon gar nicht, wenn es bei Licht betrachtet eine höchst schmeichelhafte Einschätzung war.
Und doch war ihm klar, dass er spätestens an dieser Stelle allen Grund hatte, vorsichtig zu werden. Helmbrecht war ein Großmeister der Manipulation, und er kannte Amadeo nur zu gut. Er wusste genau, dass der junge Mann auf der Stelle alles stehen und liegen lassen würde, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen.
Wenn es denn tatsächlich sein letzter Wunsch war! War Helmbrecht tatsächlich krank? Wie ließ sich das nachprüfen, wenn er sich jeder Kontaktaufnahme verweigerte!
Wir haben keine Zeit mehr.
"Aber das war ein Traum", flüsterte Amadeo. Bis in seine Träume konnte selbst ein Ingolf Helmbrecht nicht vordringen.
"Unmöglich", murmelte er.
Amadeo stützte den Kopf in die Hände. Er hatte den gesamten Babylon-Text in seine Textverarbeitung getippt und in verschiedenen Versionen abgespeichert. Probehalber hatte er Satzzeichen und Wortzwischenräume entfernt, weil er wusste, dass die allermeisten historischen Codes ausschließlich auf der Basis von Buchstaben funktionierten, von der kabbalistischen Deutung der Bibel über die Geheimkorrespondenz der Maria Stuart bis zur legendären deutschen Enigma-Verschlüsselung im Zweiten Weltkrieg. Eintausend- fünfhunderteinundzwanzig Buchstaben waren übrig geblieben.
Und nun, seit zwei Stunden, saß Amadeo vor seinem Monitor und wartete auf die Erleuchtung. Doch die Erleuchtung wollte nicht kommen.
Caffe.
Sehnsüchtig blickte er zur Bürotür. Er wusste, was geschehen würde, wenn er sie öffnete und in die Werkstatt trat, und er konnte es den angestellten Restauratoren nicht einmal verübeln. Tausend Anliegen, Fragen, Details - er war der capo.
Doch wie sollte ihm ein Durchbruch in der kryptologischen Wissenschaft gelingen, wenn ihm das grundlegendste Werkzeug einer jeden wissenschaftlichen Tätigkeit fehlte: frisch gebrühter, dampfender caffe?
Lautlos trat er an die Tür, legte das Ohr gegen das Holz, lauschte. Nichts zu hören im Moment. Wahrscheinlich waren alle in ihre Arbeit vertieft. Wenn er Glück hatte, sich ganz leise bewegte.
Vorsichtig legte er die Hand auf die Klinke, drückte sie nieder und spähte durch den entstandenen Spalt.
Der größte Teil der Officina di Tomasi wurde von einem unsymmetrisch geschnittenen Arbeitsraum eingenommen, in dem die Tische der angestellten Restauratoren Rücken an Rücken standen, gegeneinander abgeschirmt durch niedrige Trennwände.
Tatsächlich waren momentan sämtliche Köpfe beflissen über ihre Arbeit gebeugt - eine Spur zu beflissen sogar, als dass er ihnen abgenommen hätte, dass das den ganzen Tag so ging. Hatte tatsächlich niemand den capo bemerkt oder wollten sie ihn nicht bemerken? Im Augenblick war es Amadeo gleichgültig.
Ich lasse sie in Ruhe, dachte er. Und sie lassen mich in Ruhe.
Damit konnte er leben. Geräuschlos schob er sich durch die Tür, verharrte einen Moment, als sein Blick auf die Arbeitstische fiel, auf die mittelalterlichen Codices aus Pergament oder frühem Papier, die man als schwerkranke Patienten in Roms traditionsreichstes Bücherrestauratoren- unternehmen einlieferte. Es gab Augenblicke, in denen er noch immer nicht fassen konnte, dass er den geheimnisvollen Schätzen der Vergangenheit so nahe sein durfte.
Deshalb war Amadeo Fanelli aus seinem abgelegenen Heimatdorf am Rande der Abruzzen nach Rom gekommen. Deshalb hatte er Geschichte studiert, Kunstgeschichte, Theologie sogar und vergleichende Kulturwissenschaften. Weil er Geheimnisse liebte. Deshalb hatte er begonnen, der officina zuzuarbeiten, als wissenschaftlicher Berater zunächst und inzwischen als capo, als Geschäftsführer. Weil jede dieser Handschriften einzigartige Geheimnisse barg, ihre eigene, mysteriöse Geschichte hatte. Irgendwann, vor sechs-, sieben-, achthundert Jahren hatten die verkrampften Finger eines Mönchs oder Scriptors jene heute fast verblassten Zeichen auf kostbares Pergament gebannt. Jedes dieser Stücke war durchtränkt von den Geheimnissen der Vergangenheit.
Das Unangenehme war, dass Amadeo nicht mehr dazu kam, diese Geheimnisse zu ergründen. Der alltägliche Bürokram, den er als capo zu erledigen hatte, Posteingänge, Dienstpläne, Rechnungen, Kostenvoranschläge - dieser Trott fraß ihn auf. Ein Albtraum.
Eine seltsame Ironie, dachte er, als er sich eine schneeweiße Porzellantasse von der Anrichte nahm und sie in die Maschine stellte. Ein Albtraum, aus dem ihn ein Albtraum ganz anderer Art aufgestört hatte, nachdrücklich und unwiderruflich. Der Albtraum und Helmbrechts Brief.
Während seiner Grübeleien über dem Babylon-Text hatte Amadeo sich einen längeren Monolog zurechtgelegt, den er dem Professor vortragen würde, sobald er ihn zu fassen bekam. Manipulation, Erpressung, Rücksichtslosigkeit waren die Stichworte. Mangelnder wissenschaftlicher Anstand. Hätte er nur nicht allzu gut gewusst, wie Helmbrecht darauf reagieren würde. Mit waidwundem Blick würde der alte Mann ihn ansehen und nur einen einzigen Satz sagen: Aber Sie hätten doch einfach Nein sagen können.
Tatsache aber war, dass Amadeo dazu einfach nicht in der Lage war.
Dieser Text war exakt jene Art von Geheimnis, der er sich nicht entziehen konnte, weil er von Geheimnissen nun einmal angezogen wurde wie ein Bergsteiger vom Gipfel eines Achttausenders. Hätte man ihn nach dem Warum gefragt, so hätte er auch keine befriedigendere Antwort geben können als der Bergsteiger: Weil er da war, der Berg. Weil es da war, das Geheimnis, weil es ihn ansprang, sich mit gefletschten Zähnen in sein Hirn verbiss.
Und dies war nicht irgendein Geheimnis. Hier stand etwas auf dem Spiel - Helmbrechts Leben womöglich. Auch der Professor liebte Geheimnisse. Warum sollte er einen solchen Text nach mehr als einem halben Jahrhundert auf einmal aus der Hand geben? Vor Ihrem Tod Amadeo schauderte. Das fadendünne bräunliche Rinnsal, in dem sich der dampfende caffe in seine Tasse ergoss, schien sich vor seinen Augen in einen strudelnden Mahlstrom zu verwandeln.
Wir haben keine Zeit mehr. Und dann: Sie müssen die Kleinigkeiten im Auge behalten.
Und im selben Augenblick hatte Amadeo gespürt, dass sich in seinem Rücken etwas näherte, und er hatte sich umgedreht. Und was er gesehen hatte .
"Capo?"
Mit einem Keuchen fuhr er herum. Eine etwas füllige junge Frau mit einem Kurzhaarschnitt. Gianna. Gianna gehörte zum Urgestein der officina, Amadeo kannte sie seit Jahren. Neu war der skeptische Blick, mit dem sie ihn musterte. Mit Sicherheit zeichnete das Entsetzen sich auf seinen Zügen ab.
"Ich bin in Ordnung", versicherte er ihr, bevor sie noch zum Fragen kam.
"Wenn Sie das sagen", erwiderte sie mit Zweifel in der Stimme.
Gianna hatte etwas Mütterliches an sich, keine Frage. Nach ihrer dritten Babypause hatte sie im Sommer die Arbeit wieder aufgenommen, während ihr Mann sich um die Kleinen kümmerte: Raffaelo, Leonardo und Michel Angelo. Amadeo hatte schon gegrübelt, ob wohl noch ein Tiziano nachkommen würde Oder ob die beiden für ein Mädchen bei der Namensgebung variieren würden: Frida Kahlo vielleicht?
"Wenn ich Sie mal stören darf?", fragte sie vorsichtig.
Amadeo nickte. Jetzt hatte er sich wieder unter Kontrolle. "Gianna, Sie stören doch nie", log er und griff nach dem caffe. "Sie haben den Staufercodex am Wickel?"
Sie nickte. "Den von den Suevi, meinen Sie? Ja. Ich hatte gehofft, dass ich das wieder hinkriege mit der ursprünglichen Bindung, aber schauen Sie selbst Die junge Frau wies über die Schulter. "Da ist nichts zu machen."
"Porca miseria", murmelte Amadeo. Bestürzt musterte er den Stapel mehr oder weniger fliegender Blätter. Der Codex stammte aus dem dreizehnten Jahrhundert, vom Hofe des kultivierten Stauferkaisers Friedrich II. noch dazu, Amadeos heimlichem historischem Idol. Eines jener Stücke, über die sich der Restaurator am liebsten persönlich hergemacht hätte, und eigentlich hatte der Einband sogar recht gut erhalten ausgesehen, als er in der officina eingetroffen war, wobei erhalten in diesem Fall ein eher relativer Begriff war. Der Auftraggeber, ein Museum auf Sizilien, hatte den Wunsch geäußert, man solle in dem voluminösen Codex tatsächlich wieder blättern können. Ausgeschlossen. Jetzt sah es Amadeo auf den ersten Blick.
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