Gegenstand der Untersuchung ist die Novelle als nur scheinbar allzu
bekanntes "Haustier" (Theodor Mundt) der deutschen
Literatur, deren Poetologie im Kontext einer wieder in den Fokus
des Forschungsinteresses gerückten Gattungspoetik eine Neubewertung
erfährt. An den literarhistorischen Umbruchszeiten um 1800 und um
1900 wird gezeigt, wie die Novelle im ästhetischen Einspruch gegen
normative Verfestigungen einer sich etablierenden Gattungspoetik
die Möglichkeiten eines alternativen, gleichsam experimentellen
Erzählens auslotet.
Während sie sich um 1800 als randständige, noch unbestimmte Form
vor allem gegen die Ordnungsstrategien des Romans wendet, hat sich
die Novelle um 1900 zur am stärksten regulierten Erzählgattung
entwickelt. Zu beiden Zeiten entfaltet sie gleichermaßen das
Störpotential eines anderen, unzeitgemäßen Erzählens, wodurch sie
zum Refl exionsraum aktuellster semiotischer, medialer und
poetologischer Fragen avanciert.
Es zeigt sich, dass auch und gerade die in derForschung als
kanonische Vertreter der Gattung gehandelten Texte einem anderen
Erzählen verpflichtet sind, das einen Kern novellistischer
Poetologie und eine Triebfeder literarischer Innovation darstellt.
Florentine Biere, Studium der Germanistik und Betriebswirtschaft in Würzburg, 2005-09 Assistentin am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Promotion 2010 in Zürich mit der vorliegenden Arbeit. Veröffentlichungen zu Robert Musils Novellentheorie und zur Wissensübertragung in Musils Tierbeobachtungen.
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