Leseprobe zu "Dänemark"
Ein Auszug aus der Reportage über die Dänische Südsee, "Vom Gesang des Glockenfrosches" von Heidrun Kayser aus dem ADAC reisemagazin Dänemark:
Eine halbe Stunde schauen wir nun schon den Rauchschwalben zu. Zehn oder zwölf sind es, der kleine Schwarm bewegt sich in Wellen, wie vom Wind getragen, über unseren Köpfen. Mal sammeln sich die Vögel, mal flattern sie auseinander, lassen sich auf dem Baum nieder, fliegen über unserer Tür rund um das Nest, in dem wir mindestens zwei Jungschwalben vermuten. Dann ändern sie die Richtung, schwirren über den Wiesenweg, den unser Vermieter Preben frisch gemäht hat, zum Strand, ziehen eine Schleife über dem Meer und kehren zurück zum Haus auf der Anhöhe. Eine bühnenreife Show, die plötzlich endet - die Rauchschwalben sind weg. Der Blick fällt auf das aufgeschlagene Buch. Immer noch die erste Seite.
Seit drei Tagen leben wir hier. Kein Fernseher, kein Radio, kein Telefon in unserer Ferienwohnung, kein Gasthaus auf der ganzen Insel. Morgens ein Bad im Meer, dann ein Strandspaziergang. Donnerkeile und Hühnergötter sammeln, die rund geschliffenen Steine mit dem Loch, die man als Schlüsselanhänger verwenden kann. Im einzigen Laden der Insel A 38 einkaufen, eine Art Dickmilch fürs Picknick. Nachmittags querfeldein durch die parkartige Landschaft, auf den markanten Baum mit der Windschliff-Frisur zu, überall Brombeerranken, wir haben schon rote Finger vom vielen Naschen.
Hin und wieder treffen wir andere Wanderer oder Radfahrer, die mit der Fähre für einen Tag von Fünen herübergekommen sind, "vom Festland", wie sie sagen. Hier ist doch gar nichts los, wird es einem da nicht langweilig? Ach was, wir genießen die Ruhe. Manchmal ist es so still, dass wir abends auf unserer Terrasse die Wellen hören, die ein vorbeiziehender Frachter an den Steinstrand wirft - und der ist etwa 50 Meter entfernt. Eine Welt, in der fast nichts geschieht, und das ist gut so.
Wir sind in der dänischen Südsee, dem Inselmeer südlich von Fünen mit den drei großen Inseln Als, Ærø und Langeland. Dazwischen liegen um die 50 Inselchen verstreut, gelbe Flecken im Blau der Landkarte, mal daumen-, mal stecknadelgroß, manche so winzig, dass nicht mal ein Name dabeisteht, die meisten unbewohnt. Aber auch von den acht größeren der kleinen Eilande mit einer Fläche von ein bis sechs Quadratkilometern und zwei bis 200 Einwohnern - Lyø, Bjørnø und Avernakø, Drejø, Hjortø, Skarø, Birkholm und Strynø - hat die Mehrzahl der Dänemark-Urlauber noch nie etwas gehört. Nur für Segler und Meerforellen-Angler sind die Namen mit dem durchgestrichenen o am Ende ein Begriff - der dänische Buchstabe ø, ö ausgesprochen, bedeutet Insel. Doch die Bewohner werden ziemlich wortkarg, wenn man sie über die schönsten Plätze im Inselmeer aushorchen will. Man muss selbst darauf kommen.
Es war in Lohals auf Langeland gewesen, einer dieser herrlich altmodischen Sommerfrischen Dänemarks: Im Hafen war gerade eine kleine Fähre angekommen. So eine lässige, entspannte Atmosphäre! Passagiere in Shorts und Schlabberkleidern, viele Fahrräder, Familien mit strohblonden Kindern. Nach Omø sollte es gehen. Den Namen hatten wir nie zuvor gehört. Doch Omø, eine kleine Insel zwischen Langeland und Seeland, war seitdem unser Traumziel. Nächstes Jahr Omø, versprochen?
Nach Omø sind wir bisher nicht gekommen, aber auf andere Mini-Inseln in Dänemark. Schuld daran ist ein Frosch. G. hatte gelesen, dass es auf einigen Inseln der dänischen Südsee einen Frosch geben soll, dessen Stimme wie Glockengeläut aus weiter Ferne klingt. Der Frosch ist sein Totemtier, er hat eine fast mystische Beziehung zu diesem Lebewesen. Klar, dass wir mehr über den Glockenfrosch in Erfahrung bringen müssen.
Warten auf die Fähre. So beginnt fast jeder Urlaub im Königreich der 400 und mehr Inseln. In Faaborg auf Fünen weist uns das Schild mit der Aufschrift "Øerne" (Inseln) in einen ruhigen Bereich des Hafens. Hier gibt's keine Autoschlangen, keine aufgeregten Passagiere auf der Suche nach der richtigen Spur zum Einordnen. Keiner fragt nach dem Ticketschalter oder einem Klo für die Sprösslinge. Ein paar Männer stehen am Anleger und schauen aufs Meer, eine Frau schiebt einen Kinderwagen. Vor uns halten ein Pick-up, der eine Waschmaschine transportiert, und der Pkw einer Fischräucherei mit einem Anhänger voller Holzscheite. Und da legt sie schon an, die kleine Fähre. "Avernakø - Lyø", steht darauf. Ein Mann vom Fährpersonal hakt unsere Autonummer auf der Reservierungsliste ab, duzt uns, und der Urlaub hat begonnen.
Schiffsreise durch das Inselmeer. Sagenhaft die weißen Segel auf der blauen, glitzernden Ostsee, sie folgen der Fähre und kommen ihr entgegen, eine Yacht nach der anderen wie bei einer Regatta. Land ist immer in Sicht: gelbe Felder, grüne Knicks, Wäldchen, Wiesenstreifen mit weidenden Kühen, Windräder, Bootsstege, Dörfer und Steilküsten mit Sandabbrüchen. Viel anders sieht es auch beim Übersetzen von Svendborg nach Skarø und Drejø nicht aus.
Und trotzdem können wir von diesen Bummeltouren durchs südfünische Meer nicht genug kriegen. Wir passieren die Insel Bjørnø, entdecken vom Oberdeck aus ein Robinson-Strändchen, und schon haben wir einen Anreiz für die nächste Reise. Ein altes Schiff zieht vorbei mit geblähten Segeln und winkenden Menschen, und schon planen wir, mal einen solchen Törn zu buchen. Überall Ferienstimmung, viele Bootsbesitzer sonnen sich "oben ohne" an Deck. Kein Wunder, bei dem Klima! In der dänischen Südsee ist das Meer flacher als sonstwo im Königreich, Wasser und Luft erwärmen sich schneller.
Avernakø, unser Ziel, liegt südlich von Faaborg. Eine halbe Stunde dauert die Überfahrt, 60 Minuten, falls die Nachbarinsel Lyø zuerst angesteuert wird, was davon abhängt, ob und wann die Inselkinder in die Schule nach Faaborg oder die Vorschule nach Lyø müssen - auf Avernakø gibt es keine Schule mehr. Das Südsee-Eiland bestand ursprünglich aus zwei Inseln, Avernak und Korshavn, die seit 1937 durch einen Damm verbunden sind. Es hat 120 Einwohner, drei Dörfer, eine Kirche, einen Kaufmann, einen Yachthafen, ein paar Sommerhäuser und Ferienwohnungen und mindestens einen Teich mit Glockenfröschen....
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