Leseprobe zu "Dämmerung der Leidenschaft\Wie Tau auf meiner Haut"
Prolog
Sie hörte sich selbst aufschreien, aber die überwältigende Lust, die in ihr tobte, fegte alles andere beiseite; das einzige, was zählte, war sein heißer Zauber, das, was er mit ihr machte. Die Mittagssonne bohrte sich sengend durch das Blätterdach über ihr, und sie schloß die Augen, während sie sich ihm wild entgegenbäumte.
Er ging nicht sanft mit ihr um, behandelte sie nicht wie eine Porzellanfigur, so wie die anderen Jungen. Bis sie ihn traf, hatte sie gar nicht gewußt, wie langweilig es war, immer die Prinzessin abzugeben. Für die anderen war sie, dank ihres bekannten Namens, nämlich der Davenports, ein Hauptgewinn, den es zu erringen, aber auf keinen Fall zu beschmutzen galt; ihm jedoch erschien sie einfach eine blühende, junge Frau.
Obwohl sie bereits neunzehn war, wurde sie von ihrer Familie immer noch wie ein Kind behandelt. Das Behütetsein hatte sie bis jetzt nie gestört, bis vor zwei Wochen jedenfalls nicht, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war.
Sie mochte zwar unschuldig und naiv sein, dumm jedoch war sie nicht. Bereits als er sich vorstellte, wußte sie, daß er und seine Familie zu den sogenannten "Proleten" gehörten und daß ihre Familie entsetzt sein würde über ihren Umgang mit ihm. Aber sein Anblick, wie sich sein hautenges T-Shirt über seinen muskulösen Oberkörper spannte, raubte ihr den Atem, und die prahlerische Männlichkeit seines Gangs brachte ihren Magen zum Flattern. In die Stimme legte er ein verführerisches Timbre, als er sie ansprach, und seinen blauen Augen entströmten alle möglichen Versprechungen. Da hatte sie erfaßt, daß er sich nicht aufs Händchenhalten und Anbeten beschränken würde. Natürlich wollte er mehr. Aber die wilde, ungezügelte Reaktion ihres Körpers war etwas völlig Neues und Machtvolles für sie, und als er sie fragte, was sie von einem Rendezvous hielte, hatte sie sofort eingewilligt.
Abends konnte sie unmöglich aus dem Haus, ohne daß gleich jedermann ihr Verschwinden bemerkte, doch tagsüber war es nicht schwer, sich für einen Ausritt loszueisen, und noch leichter, einen Treffpunkt zu vereinbaren. Er hatte sie ohne lange Umstände beim ersten Mal verführt, hatte ihr unter genau dieser Eiche die Kleider vom Leib gerissen - nein, hier konnte man beim besten Willen nicht von einer Verführung sprechen. Sie hatte vorher gewußt, was sie erwartete, und war mehr als willig. Auch wenn es das erste Mal ziemlich weh getan hatte, so lernte sie durch ihn eine Leidenschaft kennen, die selbst ihre kühnsten Träume in den Schatten stellte. Und jeden Tag trieb ihre Unersättlichkeit sie wieder her.
Manchmal benahm er sich richtig grob und provokativ, doch selbst das erregte sie. Er war stolz darauf, derjenige zu sein, der sie "geknackt" hatte, wie er sich ausdrückte. Oder er ließ sich in verächtlichem Ton darüber aus, daß ein Neeley es mit einer Davenport trieb. Ihre Familie stände Kopf, wenn sie es erführe. Doch sie träumte unentwegt davon, wie gut er wohl in einem Anzug und mit einem ordentlichen Haarschnitt aussehen würde. Was für ein schönes Paar sie doch abgäben, wenn sie, in hochoffizieller Kleidung, ihren Familien mitteilen würden, daß sie vorhatten zu heiraten! Sie genösse es, daß er in eines der Familienunternehmen einsteigen und jedermann zeigen würde, mit welcher Smartheit er ans Werk zu gehen verstand. In der Öffentlichkeit wäre er ganz der Gentleman, doch zu Hause würde er sich mit ihr im Bett wälzen und lauter herrlich verbotene Dinge mit ihr tun. In dieser Beziehung brauchte er sich überhaupt nicht zu ändern, ganz im Gegenteil.
Er keuchte und grunzte geräuschvoll, während er zum Orgasmus kam, dann rollte er sofort von ihr herunter. Sie wünschte, er würde sie noch einen Augenblick lang halten, bevor er sich aus ihr zurückzog - aber bei dieser Hitze hatte er keine Lust zum Kuscheln. Auf dem Rücken ausgestreckt, ließ er seinen nackten Körper von der Sonne verwöhnen. Schon in der nächsten Sekunde war er eingedöst. Das machte ihr nichts aus. Die letzten beiden Wochen hatten sie gelehrt, daß er sehr bald wieder aufwachen und bereit sein würde, sie erneut zu lieben. Inzwischen begnügte sie sich damit, ihn einfach zu betrachten.
Er sah so aufregend aus, daß ihr der Atem stockte. Sie stützte sich auf den Ellbogen und zeichnete sanft mit dem Finger sein Kinngrübchen nach. Seine Mundwinkel zuckten, doch er erwachte nicht.
Wahrscheinlich würde ihre Sippschaft einen gemeinschaftlichen Aufstand veranstalten! Ja, die liebe Familie! Sie seufzte. Die Zugehörigkeit zu dem Davenport-Clan bestimmte vom ersten Augenblick an ihr Leben. Freilich gab es nicht nur Nachteile. Sie liebte die teuren Kleider und den Schmuck, liebte Davenport, das luxuriöse Herrenhaus, die teuren Privatschulen, ja, den schieren Snobismus des Ganzen. Aber die strengen Anstandsregeln nervten sie schon. Manchmal verspürte sie den unwiderstehlichen Drang, etwas Wildes, Zügelloses zu tun; einfach so, nur zum Spaß. Sie wollte mit dem Auto ungebremst losjagen, mit ihrem Pferd hohe Zäune überspringen, wollte ... das hier. Rauh, gefährlich und verboten. Sie liebte es, wie er ihre seidene Unterwäsche zerriß in seiner Hast, sich ihrer zu bemächtigen. Das symbolisierte genau das, was sie sich im Leben wünschte: Luxus und Gefahr.
Aber das hatte nichts mit ihrer vorgeschriebenen Zukunft zu tun. Man ging schlichtweg davon aus, daß sie den Erben, wie sie ihn insgeheim bezeichnete, heiraten und den ihr gebührenden Platz in der feinen Gesellschaft von Colbert County einnehmen würde, einschließlich all der Lunches im Jachtclub, endloser Dinnerparties für Geschäftsfreunde und Politiker sowie der ordnungsgemäßen Geburt zweier Nachkommen.
Aber sie wollte den Erben nicht heiraten. Statt dessen wollte sie das hier, diese heiße, hemmungslose Lust, das Abenteuer des Verbotenen.
Sie strich mit der Hand über seinen Körper und grub ihre Finger in sein dichtes Schamhaar. Wie erwartet begann er sich zu regen, ebenso wie sein Geschlecht. Er stieß ein rauhes, kurzes Lachen aus, fuhr hoch und rollte sich auf sie.
"Du bist die unersättlichste kleine Schlampe, die ich je gefickt habe", sagte er und rammte sich hart in sie hinein.
Sie zuckte zusammen, aber mehr aufgrund der absichtlichen Gossensprache als der heftigen Art seines Eindringens. Da sie noch feucht vom letzten Mal war, nahm ihn ihr Körper ohne große Schwierigkeiten auf. Es gefiel ihm immer wieder, Dinge zu sagen, die sie natürlich äußerst unangenehm berührten. Er beobachtete sie mit zusammengekniffenen Augen. Voller Verständnis verzieh sie ihm. Sie wußte, daß er sich in der Rolle als ihr Liebhaber wegen der sozialen Kluft zwischen ihnen nicht ganz wohlfühlte und sie auf diese Weise seinem Herkunftsniveau näherbringen wollte. Aber er muß mich nicht zu sich herabziehen, dachte sie; sie würde ihn zu sich emporholen.
Sie preßte ihre Oberschenkel zusammen, um seine Stöße zu verlangsamen und ihre Gedanken zu äußern, bevor die Hitze in ihren Lenden sie überwältigte und sie alles andere vergaß. "Laß uns nächste Woche heiraten. Es muß ja keine große Hochzeit sein, oder sogar eine heimliche, wenn ..."
Er hielt inne und durchbohrte sie mit seinem hellblauen Blick. "Hochzeit?" fragte er und lachte. "Wie kommst du denn auf diese blöde Idee? Ich bin schon verheiratet." Ungerührt nahm er seine Tätigkeit wieder auf. Sie lag wie betäubt unter ihm. Eine leichte Brise regte sich in den Baumwipfeln und die Sonne strahlte durch die Blätter und blendete sie. Verheiratet? Zugegeben, sie wußte nicht viel über ihn oder seine Familie, außer daß sie halt kleine Leute waren, aber eine Ehefrau?
Blind vor Wut und Schmerzen holte sie aus und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. Sofort schlug er zurück und packte sie bei den Handgelenken, drückte sie zu beiden Seiten ihres Kopfs auf den Boden. "Verdammt noch mal, was fällt dir denn ein?" zischte er mit zornglühenden Augen.
Sie bäumte sich unter ihm auf, versuchte ihn abzuwerfen, aber er war viel zu schwer für sie. Tränen brannten in ihren Augen und rannen ihr über die Schläfen. Auf einmal konnte sie ihn nicht mehr in sich ertragen; jeder Stoß fühlte sich an, als führe eine rostige Feile in sie. Ihre Schmerzgrenze war endgültig erreicht. "Du Lügner!" kreischte sie und versuchte, ihre Hände freizubekommen. "Betrüger! Los, runter von mir! Hau ab - geh und fick deine Frau!"
"Sie läßt mich nicht", ächzte er, und sein Gesichtsausdruck, während er sich weiter in sie drängte, verriet ihr deutlich, daß ihm ihre heftige Gegenwehr Freude machte. "Sie hat gerade ein Kind gekriegt."
Das gnädige Fräulein schrie vor Wut und befreite schließlich eine Hand, mit der sie ihm das Gesicht zerkratzte, bevor er sie sich wieder schnappte. Fluchend versetzte er ihr noch eine Ohrfeige, dann zog er sich aus ihr zurück und warf sie mit einer raschen Drehung auf den Bauch. Bevor sie wegkriechen konnte, war er schon wieder über ihr, und sie schrie laut auf, als er sich von hinten Zugang verschaffte. Sie war vollkommen hilflos, sein Gewicht drückte sie zu Boden, und weder mit den Beinen noch mit den Armen wurde sie ihn los. Er benutzte sie, tat ihr absichtlich weh. Noch vor fünf Minuten hatte sie seine rauhe Art erregt, doch nun war ihr so übel, daß sie die Zähne zusammenbeißen mußte, um sich nicht zu übergeben.
Mit dem Gesicht in die Decke gepreßt, wünschte sie sich zu ersticken, auf alle Fälle dieser unerträglichen Situation zu entfliehen. Aber noch schlimmer als der brennende Schmerz seines Betrugs war die bittere Erkenntnis, sich das alles selber zuschreiben zu müssen. Sie hatte sich ihm eifrig genug ergeben und nicht nur zugelassen, daß er sie wie ein Stück Dreck behandelte, sondern es sogar noch genossen! Wie unglaublich dumm sie doch gewesen war, von Liebe und Heirat zu träumen, um ihren Ausflug in verbotene Gefilde zu rechtfertigen.
Mit unbeschreiblichen Geräuschen kam er zum Ende, zog sich dann aus ihr zurück und fiel schwer atmend seitlich auf die Decke. Sie blieb regungslos liegen und versuchte verzweifelt, sich zu fassen, ihre Würde zurückzugewinnen. Blind vor Wut schwor sie Rache. Mit ihren zerrissenen Sachen, den Abdrücken seiner Hand auf ihrer Wange, konnte sie ohne weiteres nach Hause eilen und Vergewaltigung schreien. Dieses Stigma würde er nie mehr los, das wußte sie; immerhin war sie eine Davenport.
Aber so dreist wollte sie nicht lügen. Der Fehler, die Schwäche, lag bei ihr. Sie hatte ihn in ihrem Körper willkommen geheißen. Diese letzten paar Minuten Qual waren eine mehr als verdiente Strafe für ihre monumentale Blödheit. Solch eine Lektion würde sie nie vergessen; die Erniedrigung, die Erfahrung der Wertlosigkeit begleiteten sie sicherlich für den Rest ihres Lebens.
Die Schuldgefühle erstickten sie beinahe. Sie hatte diesen Weg freiwillig eingeschlagen, doch nun reichte es ihr. Sie würde den Erben heiraten, so wie es jeder von ihr erwartete und hinfort eine pflichtbewußte Davenport sein.
Schweigend setzte sich sich auf und begann sich anzuziehen. Seine eisblauen Augen beobachteten sie mit Geringschätzung. "Was ist denn los?" höhnte er. "Hast du etwa geglaubt, was Besonderes zu sein? Da steck ich dir mal ein Licht auf, Baby: Ein Fick ist ein Fick, und dein Name ändert daran auch nichts. Was ich von dir gekriegt habe, krieg ich mit links von jeder anderen Schlampe."
Sie zog ihre Schuhe an und stand auf. Seine Worte verletzten sie zutiefst, aber sie ließ sich nichts anmerken. Statt dessen sagte sie nur: "Ich werde nicht mehr wiederkommen."
"Sicher wirst du", erwiderte er träge, streckte sich und kratzte sich den Bauch. "Denn das, was du von mir kriegst, kriegst du von keinem anderen."
Ohne einen Blick zurückzuwerfen, schritt sie zu ihrem Pferd und schwang sich schwerfällig in den Sattel. Der Gedanke, zurückzukommen, um sich weiter wie eine Hure benutzen zu lassen, ließ ihren Mageninhalt erneut scharf und bitter hochsteigen; am liebsten hätte sie ihm einen Tritt versetzt für seine bösartige, unglaubliche Arroganz. Sie würde die heiße, seelenzerstörende Leidenschaft, die sie mit ihm erlebt hatte, vergessen und sich mit dem ihr zugedachten Dasein zufriedengeben. Es gab für sie absolut nichts Schlimmeres, als zu ihm zurückzukriechen und den Triumph in seinen Augen zu lesen, wenn er sie nahm.
Nein, dachte sie, während sie davongaloppierte, ich werde nicht mehr zurückkommen. Lieber sterbe ich, als nochmal Harper Neeleys Hure zu spielen.
Erster Teil Ein Ende und ein neuer Anfang "Was sollen wir bloß mit ihr anfangen?"
"Also wir können sie beim besten Willen nicht nehmen."
Die Unterhaltung wurde leise geführt, aber Roanna verstand trotzdem jedes Wort und wußte, daß alle über sie sprachen. Sie zog ihre Knie an die Brust, rollte ihren kleinen, mageren Körper zu einer noch festeren Kugel zusammen und starrte reglos aus dem Fenster auf den gepflegten Rasen von Davenport, dem Haus ihrer Großmutter. Andere Leute hatten Vorgärten, doch ihre Großmutter besaß einen englischen Rasen. Das Gras bildete eine saftig grüne Decke, und sie liebte es, barfuß darauf herumzulaufen, wie auf einem Freilandteppich. Jetzt jedoch war ihr gar nicht danach zumute, rauszulaufen und zu spielen. Sie wollte einfach nur hier sitzen, am großen Panoramafenster des Wohnzimmers, dem Fenster, das sie insgeheim als ihr "Träumfenster" bezeichnete, und so tun, als ob nichts geschehen wäre ... als ob Mama und Daddy nicht gestorben wären und sie sie bald wiedersehen würde.
"Mit Jessamine sieht das ganz anders aus", fuhr die erste Stimme fort. "Sie ist eine junge Dame und kein Kind mehr - wie Roanna. Wir sind einfach zu alt, um uns noch um die Kleine kümmern zu können."
Sie wollten also ihre Cousine Jessie, aber nicht sie. Roanna blinzelte störrisch ihre Tränen weg, während sie weiter zuhörte, wie ihre Tanten und Onkel das Problem, was sie mit ihr "tun" sollten, diskutierten; jeder von ihnen würde gerne Jessie aufnehmen, mit Roanna wäre es hingegen einfach zu schwierig.
"Ich werde ganz brav sein!" hätte sie am liebsten geheult, hielt die Worte jedoch ebenso in ihrem Innern verschlossen wie ihre Tränen. Was hatte sie bloß Schreckliches angestellt, daß keiner sie wollte? Sie versuchte immer lieb zu sein, sagte artig "Ma'am" und "Sir", wenn sie mit Erwachsenen sprach. Lag es daran, daß sie heimlich versucht hatte, Thunderbolt zu reiten? Niemand hätte je etwas davon erfahren, wenn sie nicht runtergefallen wäre und sich das neue Kleid zerrissen hätte, obendrein am Ostersonntag! Mama hatte sie nach Hause bringen und ihr eins der alten Kleider anziehen müssen, mit dem sie dann in der Kirche erschien. Nun, eigentlich handelte es sich halt um eins ihrer normalen Sonntagskleider, anstatt um ihr tolles neues Festgewand. Eins der anderen Mädchen in der Kirche hatte sie gefragt, warum sie kein Osterkleid anhatte, und Jessie hatte verkündet, weil sie in einen Haufen Pferdeäpfel gefallen wäre. Bloß, daß Jessie es nicht so ausgedrückt, sondern das schlimme Wort benutzt hatte, und einige der Jungen lachten grölend, und bald wußte jeder Kirchenbesucher, daß Roanna Davenport in einen Scheißhaufen gefallen war.
Großmutter hatte ihr wieder diesen mißbilligenden Blick zugeworfen, und Tante Glorias Mund verzog sich, als beiße sie soeben in eine Zitrone. Tante Janet hatte sie bloß angesehen und den Kopf geschüttelt. Aber Daddy fand es lustig und sagte, daß ein bißchen Pferdedreck gar nichts schaden könne. Außerdem bräuchte sein kleiner Spatz sowieso ein wenig Dünger, um zu wachsen.
Daddy. Der Knoten in ihrer Brust wurde so groß, daß sie kaum mehr Luft bekam. Daddy und Mama waren für immer fort, ebenso wie Tante Janet. Roanna hatte Tante Janet gemocht, auch wenn sie immer ein wenig traurig wirkte und man nie auf ihren Schoß durfte. Aber sie war viel netter als Tante Gloria gewesen.
Tante Janet war Jessies Mama. Roanna fragte sich, ob es Jessie wohl auch so weh tat wie ihr, ob sie auch so viel weinte, bis sich das Innere ihrer Augen wie Sandpapier anfühlte? Vielleicht. Aus Jessie wurde man einfach nicht schlau. Sie hielt jedenfalls ein schmutziges kleines Ding wie Roanna nicht ihrer Beachtung wert; das Cousinchen hatte sie das selbst mal sagen hören.
Während Roanna starr aus dem Fenster blickte, sah sie, wie Jessie und ihr Cousin Webb auftauchten, als ob sie sie mit ihren Gedanken herbeigerufen hätte. Sie schlenderten langsam über den Rasen zu einer riesigen alten Eiche und der hölzernen Gartenschaukel, die von einem ihrer mächtigen Äste hing. Jessie sieht wunderschön aus, dachte Roanna mit all der unkritischen Bewunderung einer Siebenjährigen. Sie war schlank und anmutig wie Cinderella auf dem Ball - mit ihrem eleganten schwarzen Nackenknoten und dem feinen Hals, der sich schwanengleich aus dem Kragen ihres dunkelblauen Kleids erhob. Die Kluft zwischen sieben und dreizehn klaffte unüberwindbar zwischen ihnen; in Roannas Augen war Jessie eine Erwachsene, ein Mitglied jener mysteriösen Gruppe von Menschen, die die Macht hatten, Befehle zu erteilen. So lagen die Dinge jedoch erst seit dem letzten Jahr, zuvor war Jessie immer als "großes Mädchen" bezeichnet worden, im Gegensatz zu Roanna, die das "kleine Mädchen" hieß. Jessie hatte bis dahin auch mit Puppen gespielt und gelegentlich sogar Verstecken. Das war allerdings vorbei. Jetzt rümpfte Jessie die Nase über jedes Spiel außer Monopoly und verbrachte eine Menge Zeit damit, ihr Haar herzurichten und Tante Janet um Schminksachen anzubetteln.
Webb hatte sich ebenfalls verändert. Roanna mochte ihn deshalb so gern, weil er immer bereit war, sich mit ihr herumzubalgen oder ihr den Schläger zu halten, damit sie den Softball treffen konnte. Webb liebte Pferde genauso wie sie und ließ sich gelegentlich dazu überreden, sie zum Reiten mitzunehmen ... obwohl er dann meistens ungeduldig wurde, denn man erlaubte ihr nur, ihr altes, lahmes Pony zu benutzen. Seit einiger Zeit jedoch wollte Webb überhaupt nichts mehr mit ihr machen; er wäre zu beschäftigt mit anderen Dingen, sagte er, aber er schien eine Unmenge Zeit für Jessie zu haben. Das war der Grund, warum sie sich am Ostersonntag auf Thunderbolt geschwungen hatte, um ihrem Daddy zu zeigen, daß sie alt genug für ein richtiges Pferd war.
Roanna sah zu, wie Webb und Jessie händchenhaltend zur Schaukel marschierten. Webb war im letzten Jahr ganz schön gewachsen; Jessie sah richtig klein aus, wie sie so neben ihm saß. Er spielte jetzt Football, und seine Schultern waren doppelt so breit wie Jessies. Großmutter, so hatte sie eine der Tanten sagen hören, sei ganz hingerissen von dem Jungen. Webb und seine Mama, Tante Yvonne, wohnten hier auf Davenport bei Großmutter, weil Webbs Daddy auch nicht mehr lebte.
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