Confusion - Stephenson, Neal

Neal Stephenson 

Confusion

Roman

Aus d. Amerikan. v. Nikolaus Stingl u. Juliane Gräbener-Müller
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Confusion

Der Hafen von Algier im Jahr 1689. Jack Shaftoe, selbst ernannter König der Vagabunden und einst heroischer Befreier der einzigartigen Eliza aus einem türkischen Harem, ist als Galeerensklave gefangen. Doch Shaftoe ist nicht bereit, sich dem launischen Spiel des Schicksals zu fügen, und fasst einen verwegenen Fluchtplan. Das Unterfangen gelingt und bringt dem unerschrockenen Glücksritter neben der Freiheit auch das flüchtige Glück sagenhaften Reichtums ein - sowie Feinde ohne Zahl und eine wilde Abenteuerfahrt rund um den Globus.

Unterdessen führt Eliza, mittlerweile Gräfin de la Zeur, am prächtig-dekadenten Hof von Versailles ihren eigenen Feldzug. In den Künsten der Verführung, der Intrige und der Spionage ebenso bewandert wie in handfesten Finanzgeschäften, scheut sie kein Mittel, um ihr Leben und das ihres Sohnes zu schützen - sowie sich an dem Mann zu rächen, der sie um ein Haar ruiniert hätte.

Eine neue Zeit bricht an; doch nicht jeder ist den Herausforderungen des zerrissenen Europa am Vorabend der Moderne so gewachsen wie Eliza. Der Puritaner und Querdenker Daniel Waterhouse sucht sein Heil in der Flucht, den Verheißungen der Neuen Welt entgegen ...

"Historisch anders, historisch genial. 'Confusion' ist kolossal." Bild am Sonntag

"Ein Schatz an Geschichten, Personen, Handlungen, Räumen und Verknüpfungen, extrem spannend und detailgenau. Wohl eher, zusammen mit 'Quicksilver', jetzt schon ein Ort, den wir immer wieder gerne besuchen, darin eintauchen und uns darin tummeln, als nur ein Buch." Buchkultur

"Mit 'Confusion', Teil II der monumentalen Barock-Trilogie, belegt Neal Stephenson erneut, dass er wie nur wenige zu Recht den Titel eines Kultautors trägt. Bei ihm geraten verwegene Abenteuerromane zur Wissensvermittlung und der Wissenschaftsthriller wird zum wunderbaren Schmöker. Fazit: Prädikat einzigartig!" Augsburger Allgemeine

"Dieses gewaltige Epos schwelgt in einem Erzählstrom, der mit brillanten Dialogen ebenso glänzt wie als zuweilen derber Schelmenroman mit rabiaten Kampfszenen. Fazit: Prädikat einzigartig." Esslinger Zeitung

"Historisch anders, historisch genial. 'Confusion' ist kolossal." Bild am Sonntag

"Ein Schatz an Geschichten, Personen, Handlungen, Räumen und Verknüpfungen, extrem spannend und detailgenau. Wohl eher, zusammen mit 'Quicksilver', jetzt schon ein Ort, den wir immer wieder gerne besuchen, darin eintauchen und uns darin tummeln, als nur ein Buch." Buchkultur


Produktinformation

  • Verlag: Manhattan
  • 2006
  • Ausstattung/Bilder: 2006. 1017 S.
  • Seitenzahl: 1017
  • Deutsch
  • Abmessung: 23, 5 cm
  • Gewicht: 1366g
  • ISBN-13: 9783442546046
  • ISBN-10: 3442546044
  • Best.Nr.: 20848211

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Nun also Teil zwei der Barocktrilogie des einstigen Cyberpunk- und SF-Autors Neal Stephenson. Und schon wieder mehr als tausend Seiten. Und schon wieder sind sie randvoll mit allerlei Historischem, Spekulativem und Abenteuersumms. Um Gelderwerb geht es und Kryptografie, um Globalisierung, Adelstratsch und vieles mehr. Rezensent Maik Söhler bringt's auf die Kurzformel "Karl May mit Karl Marx". Ein bisschen viel und vor allem ein bisschen viel auf einmal, kann der Rezensent mit Mühe und Not noch eingestehen, aber dann gibt er gleich zu, dass es ganz schnell um ihn geschehen war bei der Lektüre. Geradezu rettungslos ist er Stephenson verfallen, der hier alle Register des Unterhaltungsvirtuosen zieht. Bleibt nur der Stoßseufzer: "Zu viel, denkt man, zu konfus, mehr davon!"

© Perlentaucher Medien GmbH

"Dieses gewaltige Epos schwelgt in einem Erzählstrom, der mit brillanten Dialogen ebenso glänzt wie als zuweilen derber Schelmenroman mit rabiaten Kampfszenen. Fazit: Prädikat einzigartig." Esslinger Zeitung
Neal Stephenson, geb. 1959 in Fort Meade, Maryland erhielt bei der Ars Electronica 2000 für sein bisheriges Gesamtwerk die Goldene Nica. Seit seinem frühen Roman 'Snow Crash' gilt er als eines der größten Genies der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

Leseprobe zu "Confusion"

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Leseprobe zu "Confusion" von Neal Stephenson

Er war nicht einfach nur geweckt, sondern aus einem ungewöhnlich langen, sich ständig wiederholenden Traum gesprengt worden. Jetzt, da der Traum vorbei war, konnte er sich an kein einziges Detail erinnern. Er hatte jedoch das unbestimmte Gefühl, dass es viel um Rudern und Abkratzen gegangen war, und um wenig mehr; deshalb hatte er nichts dagegen, geweckt worden zu sein. Selbst wenn er in der Stimmung gewesen wäre, dagegen zu protestieren, hätte er doch die Klugheit besessen, den Mund zu halten und seine Verärgerung hinter der albernen Fassade des fröhlichen Landstreichers zu verbergen. Denn was ihn heute aufgeweckt hatte, war der mörderischste verfluchte Lärm, den er je gehört hatte - es war irgendeine gottähnliche Kraft, der man besser nicht mit Gebrüll oder Gezeter begegnete, jedenfalls nicht direkt.

Kanonen wurden abgefeuert. Und wie viele und was für riesige! Ganze Batterien von Belagerungsgeschützen und Küstenartillerie gingen gleichzeitig los, in Reihen feuerten sie wellenartig an den Mauerkronen entlang. Er rollte unter dem mit Bernakelmuscheln übersäten Rumpf eines gestrandeten Schiffs hervor, wo er offensichtlich ein Mittagsschläfchen gehalten hatte, und fühlte sich durch die herabsengende Sonne gleichsam in den Sand gepresst. An dieser Stelle wäre ein kluger, in militärischen Angelegenheiten erfahrener Mann bäuchlings zum nächsten Flankenfeuer gekrochen. Aber der ganze Strand um ihn herum war mit behaarten Knöcheln und Füßen, die in Sandalen steckten, bepflanzt; außer ihm lag niemand flach auf dem Boden.

Auf dem Rücken liegend blinzelte er nach oben, durch den feuchten, mit Sand panierten Saum eines Männerkleidungsstücks hindurch: eines wallenden, locker gewebten Gewandes, das den Körper dessen, der es trug, golden erglühen ließ, so dass er selbst unmittelbar in das blinde Auge vom Penis dieses Mannes sehen konnte - der auf seltsame Weise verändert war. Zwangsläufig war er derjenige, der zuerst den Blick abwenden musste. Mit anderthalb Aufwärtsdrehungen rollte er zurück in die andere Richtung, und als er sich empört aufrappelte, vergaß er die Rundung des Schiffsrumpfs und schürfte sich den Schädel an einer Phalanx von Bernakelmuscheln auf. Dann schrie er, so laut er konnte, aber niemand hörte ihn. Nicht einmal er selber hörte sich. Er probierte es damit, sich die Ohren zuzuhalten und zu schreien, aber selbst da hörte er nichts als den Lärm der Kanonen.

Höchste Zeit, sich darüber klar zu werden, was hier überhaupt los war, und die Situation in die Hand zu nehmen. Der Rumpf versperrte ihm die Sicht. Alles, was er außer ihm noch sehen konnte, war eine schäumende Bucht und ein steinerner Wellenbrecher. Er machte ein paar große Schritte ins Meer hinein, neugierig beäugt von dem Mann mit dem pilzköpfigen Schwanz, und wandte sich, als er knietief im Wasser stand, wieder um. Was er dann sah, machte es mehr oder weniger obligatorisch, dass er sofort auf den Arsch fiel.

Diese Bucht war in Küstennähe mit knochenartigen Inselchen übersät. Auf einer von ihnen erhob sich eine kompakte, runde Festung, die (falls er sich in Sachen Architektur überhaupt ein Urteil erlauben durfte) unter großen Opfern von verzweifelt um ihr Leben fürchtenden Spaniern errichtet worden war. Und anscheinend waren diese Befürchtungen wohl begründet gewesen, denn oben auf dieser Festung wimmelte es von grünen Panieren mit silbernen Halbmonden. Die Festung wies drei Geschützreihen auf (genauer gesagt, sie bestand aus drei Geschützreihen), und jedes einzelne Geschütz sah aus und donnerte wie ein Sechzigpfünder, der eine Kanonenkugel vom Umfang einer Melone mehrere Meilen weit zu schleudern vermochte. Diese Festung war größtenteils in Pulverdampf gehüllt, aus dem hie und da lange Flammen herausstießen, so dass man hätte meinen können, ein Gewitter wüte in einem verschlossenen Fass.

Ein weißer, steinerner Wellenbrecher verband diese Insel mit dem Festland, das er auf den ersten Blick nur als eine imposante Steinmauer wahrnahm, die vierzig oder fünfzig Fuß aus diesem schmalen, schlammigen Strandstreifen emporragte und mit einer Unmenge weiterer gewaltiger Kanonen bestückt war, von denen jede, kaum dass sie ausgewischt und nachgeladen war, sogleich wieder abgefeuert wurde.

Auf der anderen Seite erhob sich eine weiße Stadt. Da er selbst am Fuß einer ziemlich hohen Mauer stand, hätte er gar nicht erwartet, jenseits davon noch etwas anderes als den einsamen Turm einer Kathedrale ausmachen zu können, der über die Festungsmauern hinausragte. Doch diese Stadt war, wie es schien, mühevoll an einen steilen Berg geklebt worden, dessen Abhänge sich unmittelbar aus der Hochwasserlinie erhoben. Sie wirkte ein bisschen wie ein keilförmiges Stück Paris, das irgendein reinlicher Gott hochkant gestellt hatte, um endlich alles Stinkende und Faulige daraus ablaufen zu lassen. Am höchsten Punkt, dort, wo man die Brechstange oder den Greifhaken vermutet hätte, mit dessen Hilfe der hypothetische Gott dieses Wunder vollbracht hätte, befand sich stattdessen eine weitere Festung - diesmal in einer sonderbaren maurischen Bauweise, umgeben von ihrer eigenen achtseitigen Mauer, die, wie konnte es anders sein, von noch wuchtigeren Kanonen strotzte; außerdem gab es hier Mörser, um Bomben aufs Meer hinauszuschleudern. Sie alle wurden auch abgefeuert - ebenso wie sämtliche Geschütze, die ihre Geschosse aus den verschiedenen zusätzlichen Festungen, Bastionen und Geschützstellungen rund um die Stadtmauer herauskatapultierten.

In den seltenen Pausen zwischen dem dumpfen Krachen der Sechzigpfünder konnte er von allen Seiten gepfefferte Salven aus Pistolen und Flintenläufen hören, und jetzt (da er allmählich auch kleinere Dinge bemerkte) sah er, dass aus den Mauerkronen eine Art qualmender, dichter Rasen wuchs - nur, dass dieser Rasen nicht aus Grashalmen, sondern aus Menschen bestand. Manche trugen schwarze Kleidung, manche weiße, aber die meisten waren farbenfroher gewandet: bauschige weiße Hosen mit Seidenbändern in kräftigen Farben als Gürtel, fröhlich bestickte Westen - oft mehrere davon übereinander - und Turbane oder rote, zylindrische Hüte.

Der Mann mit dem exotischen Johannes - dunkelhäutig, das gewellte schwarze Haar sonderbar frisiert und mit einem gestrickten Käppchen versehen - raffte sein Gewand zusammen und watete hinaus, um zu sehen, ob mit ihm alles in Ordnung war. Er hielt sich nämlich immer noch die Hände an den Kopf, zum einen, um die Blutung aus den Schürfwunden zu stillen, die er sich an den Bernakelmuscheln zugezogen hatte, und zum anderen, um zu verhindern, dass der Krach ihm die Schädeldecke aufs Meer hinausblies. Der Mann schaute auf ihn hinab, sah ihm in die Augen und bewegte dabei die Lippen. Seine Miene war ernst, und dennoch wirkte er leicht amüsiert.

Er griff nach der Hand dieses Burschen und zog sich an ihr hoch. Die Hände beider Männer waren so schwielig, dass sie damit Musketenkugeln in der Luft hätten fangen können, und ihre Knöchel bluteten oder waren frisch verschorft.

Er war aufgestanden, weil er sehen wollte, was das Ziel dieser ganzen Schießerei war und wie es überhaupt noch existieren konnte. Im Hafen war eine Flotte von drei oder vier Dutzend Schiffen aufgefahren, die (nicht gerade überraschend) alle ihre Geschütze abfeuerten. Allerdings feuerten nicht etwa diejenigen, die wie holländische Fregatten aussahen, auf die, die wie heidnische Galeeren wirkten, oder umgekehrt, noch schienen sie auf die Schwindel erregende weiße Stadt zu schießen. Alle Schiffe, sogar die europäischer Bauart, führten die Halbmondflagge.

Schließlich blieb sein Blick an einem Schiff hängen, dessen Besonderheit darin bestand, dass es als einziges Schiff oder Gebäude weit und breit nicht in alle Richtungen Rauch und Feuer spuckte. Es war eine Galeere, ganz im mohammedanischen Stil, aber außerordentlich fein, jedenfalls für jemanden, der unzüchtiges Zierwerk ansprechend fand - die funktionslosen Teile waren ein Haufen mit Blattgold versehener Tand, der, selbst durch die vorbeiziehenden Schwaden aus Pulverdampf hindurch, in der Sonne glänzte. Ihr Lateinsegel war eingeholt worden, und sie bewegte sich mit Ruderkraft vorwärts, jedoch auf majestätische Weise. Er ertappte sich dabei, wie er die Ruderbewegungen etwas zu genau in Augenschein nahm und die Gleichförmigkeit der Ruderschläge mehr bewunderte, als für einen Vagabunden bei Verstand gesund war, was die Fragen aufwarf: War er immer noch ein Vagabund, und war er wirklich bei Verstand? Er erinnerte sich dunkel, dass er einen Teil seines elenden Lebens in der Christenheit verbracht hatte und im Verlieren seines Verstandes an die Syphilis schon ziemlich weit gediehen war - aber jetzt schien es ihm gut zu gehen, abgesehen davon, dass er sich nicht erinnern konnte, wo er war, wie er dorthin gekommen war und was sich in jüngster Zeit um ihn herum zugetragen hatte. Und dass es sich wirklich nur um die jüngste Zeit handelte, wurde durch die Länge seines Bartes infrage gestellt, der ihm bis zum Bauch reichte.

Die Intensität der Kanonade nahm zu, falls das überhaupt noch möglich war, und erreichte ihren Höhepunkt, als die mit Gold überzogene Galeere an einer steinernen Mole anlegte, die in nicht allzu großer Entfernung in den Hafen hineinragte. Dann brach der Lärm urplötzlich ab.

"Was, um Himmels willen...", hob er an, doch der Rest seiner Äußerung ging unter in einem Geräusch, das durch Schrillheit wettmachte, was ihm - gegenüber Hunderten von gleichzeitig abgefeuerten Kanonen - an Lautstärke fehlte. Während er ihm verwundert lauschte, begann er, gewisse Ähnlichkeiten mit Musik zu entdecken. Es gab einen Rhythmus, wenn auch einen ausgesprochen komplizierten und übermütigen, und ebenso eine Melodie, die allerdings nicht in irgendeine zivilisierte Form gegossen war, sondern die wilden, durchdringenden Intonationen irischer Weisen besaß - und noch viel mehr. Harmonie, Lieblichkeit des Klangs und andere Eigenschaften, die man normalerweise mit Musik assoziiert, fehlten dagegen. Denn diese Türken oder Mauren oder was immer sie waren hatten kein Interesse an Flöten, Violen, Theorben oder sonstigen wohlklingenden Instrumenten. Ihre Kapelle bestand aus Trommeln, Zymbeln und einer grässlichen Schar riesiger Kriegsoboen, die aus Messing gehämmert und mit kreischenden, summenden Rohrblättchen versehen waren, und das Ergebnis klang ganz so wie ein bewaffneter Angriff auf einen von Staren besetzten Bergfried.

"Alle Schotten, denen ich jemals begegnet bin, muss ich ergebenst um Verzeihung bitten", rief er, "denn es ist gar nicht wahr, dass ihre Musik die jämmerlichste auf Erden ist." Sein Gefährte neigte ein Ohr in seine Richtung, hörte aber wenig und verstand noch weniger.

Nun war von der Stadt so ziemlich alles durch jene Mauer geschützt, die in der Christenheit nicht ihresgleichen fand. Aber diesseits davon gab es verschiedene Wellenbrecher, Molen, Geschützstellungen und Spuren schmutzigen Sandes, und alles, was das Gewicht eines Menschen oder eines Pferdes zu tragen vermochte, tat das auch und war bedeckt mit Reihen von Männern in unterschiedlichen prächtigen und exotischen Uniformen. Mit anderen Worten, alles, was man für eine Parade brauchte, war hier versammelt. Und nachdem viel hin und her gebrüllt, eine höllische Musik gespielt und eine weitere Kanonade abgefeuert worden war, begannen tatsächlich mehrere gewichtig erscheinende Türken (er war sich zunehmend sicher, dass es sich hier um Türken handelte), zu Pferd oder zu Fuß ein breites, in die mächtige Mauer eingelassenes Tor zu passieren und in der Stadt zu verschwinden. Die Spitze bildete ein unglaublich prachtvoller und Furcht einflößender Krieger auf einem schwarzen Schlachtross, flankiert von zwei die Kesselpauke schlagenden "Musikanten". Der Trommelschlag erzeugte in ihm den unerklärlichen Drang, nach einem Ruder zu greifen.

"Das, Jack, ist der Agha der Janitscharen", sagte der Beschnittene.

Dieser Vorname "Jack" kam ihm vertraut und auf jeden Fall brauchbar vor. Also war er Jack.

Hinter den Kesselpauken ritt ein Graubart, fast so prachtvoll anzuschauen wie der Janitscharen-Agha, nur nicht so schwer bewaffnet. "Der Erste Minister", erklärte Jacks Gefährte. Als Nächste folgten zu Fuß ein paar Dutzend mehr oder minder prächtig anzuschauende Offiziere ("die Agha Baschis") und dann ein ganzer Haufen von Kerlen, die wunderschöne, mit erstklassigen Straußenfedern verzierte Turbane trugen - "die Bölük Baschis", erfuhr er.

Inzwischen war sonnenklar, dass dieser Bursche, der da neben Jack stand, zu der Sorte Mensch gehörte, die unermüdlich mit ihrem großen Wissen prahlte und ständig versuchte, gemeine Leute wie Jack zu belehren. Jack wollte schon anmerken, dass er derlei Belehrung weder wünschte noch brauchte, aber irgendetwas hinderte ihn daran. Vielleicht war es das vage, unwiderstehliche Gefühl, dass er diesen Burschen kannte, und zwar schon eine ganze Weile - was, wenn es stimmte, bedeutete, dass der andere nur versuchte, Konversation zu machen. Es konnte auch sein, dass Jack einfach nicht wusste, wo er sprachenmäßig anfangen sollte. Er wusste irgendwie, dass der Bölük Baschi einem Hauptmann entsprach, der Agha Baschi einen Rang darüber stand und der Janitscharen-Agha ein General war. Er wusste aber nicht, warum er die Bedeutung solcher heidnischer Bezeichnungen kennen sollte. Also hielt Jack so lange den Mund, dass mehrere Staffeln von Oda Baschis (Leutnant) und Wekelichard Baschis (Hauptfeldwebel) sich aufstellen und ans Ende der Parade setzen konnten. Ihnen folgten verschiedene Hocas wie der Salz-Hoca, der Steuer-Hoca, der Hoca für Maße und Gewichte und allen voran der Ober-Hoca, dann die sechzehn Cavusse in ihren langen smaragdfarbenen Roben mit karmesinroten Schärpen, ihren weißen Lederkappen, ihren phantastischen, nach oben gerichteten Schnurrbärten und ihren roten, mit groben Nägeln beschlagenen Stiefeln, die auf dem steinernen Kai einen Furcht erregendem Lärm verursachten. Dann waren die Kadis, Muftis und Imame an der Reihe. Zum Schluss marschierte eine Truppe prachtvoller Janitscharen von Deck der goldenen Galeere, gefolgt von einem einzelnen Mann, der in viele Meter kalkweißen Stoffes gehüllt war; dieser Stoff wurde mithilfe verschiedener juwelenbesetzter Broschen aus massivem Gold zu einem richtigen Gewand zusammengehalten, wäre dem Mann aber wahrscheinlich vom Leib gefallen, hätte er nicht auf einem weißen Schlachtross mit rosafarbenen Augen gesessen, dessen Sattel und Zaumzeug mit so viel Silber und Edelsteinen versehen war, wie es tragen konnte, ohne darüber zu stolpern.

"Der neue Pascha - direkt aus Konstantinopel!"

"Ich werd verrückt - haben sie deswegen die ganze Schießerei veranstaltet?

"Es ist üblich, einen neuen Pascha mit fünfzehnhundert Salutschüssen zu begrüßen."

"Wo ist das üblich?"

"Hier."

"Und hier ist...?"

"Verzeih mir, ich vergaß, dass du ja nicht ganz richtig im Kopf warst. Die Stadt, die sich auf jenem Berg dort erhebt, ist die unbesiegbare Bastion des Islam - der Ort der immerwährenden Wache und des nie endenden Kampfes gegen die Ungläubigen -, die Geißel der Christenheit, der Schrecken der Meere, das Zaumzeug Italiens und Spaniens, die Heimsuchung der Inseln: Sie stellt das Meer unter ihr Gesetz und macht alle Nationen zu ihrer gerechten und gesetzmäßigen Beute."

"Ein ganz schöner Bandwurm, nicht wahr?"

"Die Europäer nennen die Stadt Algier."

"Also in der Christenheit habe ich erlebt, wie ganze Kriege mit weniger Aufwand an Schießpulver geführt wurden, als Algier braucht, um einem Pascha Hallo zu sagen - deine Worte sind also vielleicht nicht nur Prahlerei. Was für eine Sprache sprechen wir überhaupt?"

"Sie wird mal Lingua Franca, mal Sabir genannt, was mit spanisch saber, 'wissen', verwandt ist. Manches davon kommt aus dem Occitan, dem Spanischen und Italienischen, manches aus dem Arabischen und Türkischen. Dein Sabir enthält viel Französisch, Jack, meins dagegen mehr Spanisch."

"Du bist aber doch kein Spanier...!"

Der Mann verneigte sich, allerdings ohne sein Käppchen zu ziehen, und sein Stirnhaar fiel ihm von der Schulter und baumelte in der Luft. "Moseh de la Cruz, zu Euren Diensten!"

"'Moses vom Kreuz'? Was zum Teufel ist denn das für ein Name?"

Moseh schien das nicht besonders lustig zu finden. "Das ist eine lange Geschichte - selbst für deine Verhältnisse, Jack. Nur so viel: Als Jude auf der Iberischen Halbinsel zu leben, ist kein Zuckerschlecken."

"Und wie bist du hier gelandet?", hob Jack gerade an zu fragen, als er von einem kräftigen, mit einem Bullenpenis bewaffneten Türken unterbrochen wurde, der Jack und Moseh aus dem Wasser herauswinkte und ihnen befahl, ihre Arbeit wieder aufzunehmen - die Siesta sei finie und jetzt, da der Pasha durch das Beb in die Cité geritten sei, sei es wieder Zeit für Trabajo.

Der Trabajo bestand darin, die Bernakelmuscheln vom Rumpf der Galeere abzukratzen, die auf den Strand gezogen und zur Seite gekippt worden war, um ihren Kiel freizulegen. Jack, Moseh und ein paar Dutzend weiterer Sklaven (denn dass sie Sklaven waren, daran führte kein Weg vorbei) machten sich mit verschiedenen groben Eisenwerkzeugen an die Arbeit, während der Türke, seinen Ochsenziemer schwingend, längs des Schiffsrumpfs auf und ab schlenderte. Hoch über ihnen, hinter der Mauer, konnten sie eine Art fortwährende Salve hören, die sich mit der weiterziehenden Parade durch die Stadt bewegte; das dumpfe Schlagen der Kesselpauken und das Aufschreien der Belagerungsoboen und Angriffsbassons wurde durch die Stadtmauer glücklicherweise gen Himmel abgelenkt.

"Ich glaube, es stimmt - du bist geheilt."

"Egal was deine Alchimisten und Chirurgen dir erzählen werden - gegen die Syphilis gibt es kein Heilmittel. Ich befinde mich gerade in einem kurzen Zwischenstadium geistiger Gesundheit, mehr nicht."

"Ganz im Gegenteil - gewisse arabische und jüdische Ärzte von hohem Rang behaupten, dass der Körper vollkommen und auf Dauer von besagter Krankheit befreit werden kann, wenn der Patient es aushält, mehrere Tage hintereinander ein extrem hohes Fieber zu haben."

"Mir geht es zwar nicht gerade gut, aber Fieber habe ich keins."

"Aber vor ein paar Wochen bist du zusammen mit ein paar anderen schwer an der suette anglaise erkrankt."

"Nie von einer solchen Krankheit gehört - und dabei bin ich Engländer!"

Moseh de la Cruz zuckte die Achseln, so gut das beim Abschlagen einer Ansammlung von Bernakelmuscheln mit einer rostzerfressenen Eisenhacke ging. "In dieser Gegend hier ist das eine wohlbekannte Krankheit - in diesem Frühjahr wurden ganze Häuserviertel von ihr befallen.""Vielleicht haben sie den Fehler begangen, zu viel Musik zu hören...?"

7 Marktplatz-Angebote für "Confusion" ab EUR 10,00

Zustand Preis Porto Zahlung Verkäufer Rating
10,00 4,80 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), Banküberweisung Antiquariat Ballmert 100,0% ansehen
gebraucht; wie neu 10,00 5,00 Banküberweisung Bücher am Schloss 100,0% ansehen
leichte Gebrauchsspuren 14,00 1,50 Banküberweisung Booktique 99,8% ansehen
15,00 4,00 offene Rechnung, offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten) Antiquariat Willi Braunert 94,1% ansehen
neuwertig 15,80 2,50 offene Rechnung (Vorkasse vorbehalten), PayPal, Kreditkarte, Lastschrift Storisende 98,5% ansehen
wie neu 15,99 4,00 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung triggerabelard 100,0% ansehen
wie neu 19,95 1,90 Selbstabholung und Barzahlung, Banküberweisung Buchrausch 99,5% ansehen
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