Christoph Müller-Hofstede: China auf dem Weg zur neuen
Weltmacht
Chinas Bedeutung in Weltpolitik und Weltwirtschaft hat im
Längsschnitt der letzten 100 Jahre bedeutend zugenommen. Das Land
ist in allen Gremien der UN ein wichtiger Mitspieler und seit 2001
Mitglied der Welthandelsorganisation. Alle Indikatoren deuten auf
einen historischen Wachstumsschub Chinas in den letzten 20 Jahren
hin. Den Erfolgen steht jedoch eine lange Liste von politischen und
sozialen Risiken gegenüber, die lineare Zukunftsprognosen
fragwürdig erscheinen lassen. Innen- wie außenpolitisch wächst der
Einfluss des Nationalismus. Chinas Rolle als Weltmacht steht und
fällt mit der Fähigkeit, die USA als Ordnungsmacht in Ostasien zu
ersetzen. Die machtpolitische Balance in diesem Raum zwischen
China, Japan und den USA bleibt jedoch auf absehbare Zeit
erhalten.
China’s rise to world power status has been the subject of
controversial debate for quite some time. Optimistic observers see
China as the ‚economic superpower of the 21st century‘ while
pessimists regard China’s growing influence as evidence for the
‚de-westernisation‘ of international politics. This article looks
at strengths and weaknesses of China’s impressive growth in recent
years. At the same time, a new Chinese nationalism is on the rise
with implications for domestic as well as for foreign affairs. The
article outlines the historical continuities and ideological
foundations of the Chinese nationalism and looks at the role of
China in East Asia, in particular with regard to the triangle
USA-Japan-China.
Margot Schüller: Vom Boom zur Nachhaltigkeit: Trendwende in der
chinesischen Wirtschaftspolitik?
China wies in den letzten zwei Dekaden eine äußerst dynamische
Wirtschaftsentwicklung auf und ist inzwischen die drittgrößte
Handelsmacht weltweit. Die Transformation des Wirtschaftssystems in
eine Marktwirtschaft verlief bisher relativ erfolgreich, bedingt
durch verschiedene binnenwirtschaftliche Reformen und die
außenwirtschaftliche Integration des Landes. Zu den Schattenseiten
des hohen Wirtschaftswachstums zählt allerdings die
Umweltverschmutzung. Die Verunreinigung der natürlichen Ressourcen,
insbesondere von Luft und Wasser, hat inzwischen ein Ausmaß
erreicht, das die Fortführung der bisherigen Entwicklungsstrategie
in Frage stellt. Eine Trendwende ist erforderlich, um die
natürliche Umwelt stärker als bisher in die kurz- und langfristigen
Entwicklungspläne einzubeziehen.
China’s economy has been growing at a remarkable speed during the
last two decades. The country is now the world’s third-largest
trading nation. Economic success was due to both domestic reforms
and integration into the global economy. The increase of income has
been spread to the majority of the population, although regional
disparities and the urban-rural in-come gap widened. Rapid economic
growth, however, has also led to a worsening of environmental
problems. The pollution of natural resources, especially air and
water, has increased to such an extent, that it puts the
continuation of the current economic policy into ques-tion. A
u-turn in economic policy seems to be necessary, as well as an
inclusion of environmental costs into short and medium-term
development plans.
Sven Bernhard Gareis: Die Kommunistische Partei Chinas zwischen
Reform und Beharrung
Seit einem Vierteljahrhundert entwickelt sich China mit anhaltender
Dynamik zu einem modernen Staat. Dank grundlegender, vor allem
ökonomischer Reformen und Modernisierungen genießen immer mehr
Chinesen einen bislang ungekannten Grad an Wohlstand, Bildung und
persönlicher Freiheit. Im politischen Bereich aber hält die
Kommunistische Partei Staat und Gesellschaft weiter fest im Griff.
Große interne Probleme erfordern jedoch mittelfristig die Gewährung
größerer Partizipationsrechte für die Bevölkerung.
Since 25 years China is undergoing a dynamic process of change into
a modern state. Fundamental reform and modernization, especially in
the field of economics have brought wealth, education and personal
liberty to a growing number of Chinese citizens as it was never
known in the country’s history. In the political realm, however,
the Communist Party holds a tight grip on state and society. Huge
internal challenges will sooner or later require the permission of
broader participatory rights to the population.
Michael Lackner: China im Spannungsfeld zwischen Tradition und
Verwestlichung
Das radikale Projekt einer chinesischen Aufklärung im 20.
Jahrhundert war eng verbunden mit dem Wunsch, die als
fortschrittlichsfeindlich empfundene Tradition zu beseitigen. Es
kann als gescheitert gelten. Die Tradition wird wiederentdeckt. Zur
gleichen Zeit sind jedoch westliche Lebenswelt und Verwestlichung
allgegenwärtig. Der Autor behandelt zum einen die Frage, ob in
China Traditionalismus und Verwestlichung einander ergänzen oder
sich ausschließen. Zum anderen geht er auf die Frage ein, ob die
einzige Form der Verwestlichung, die für China noch aussteht, die
Demokratie, eine Chance auf Verwirklichung hat. Der Autor kommt zu
dem Ergebnis, dass mit dieser Form der Verwestlichung nicht zu
rechnen ist, solange politische Reformen einen niedrigeren
Stellenwert haben als 'Reichtum und Stärke der
Nation'.
The radical project of a chinese enlightment in the 20th century
was closely linked to the desire of eliminating the national
tradition, which was considered as a steady obstacle towards
progress. Today, this project has to be considered as failed.
Tradition is gaining ground again. At the same time we may
recognize western forms of everyday life and westernization
everywhere. The author is following two ways of enquiry: whether
traditionalism and westernization are exlusive or possibly
complementary paths of developement in contemporary China and the
fate of democracy - the only form of westernization which was not
given a try until the present day. He conclude, that
democratization will not materialize in China until political
reform is given clear priority over 'wealth and strength of our
nation'.
Xuewu Gu: Das multiple China: VR China, Taiwan, Hongkong
In der Volksrepublik China, Hongkong und Taiwan leben die Chinesen
gegenwärtig unter unterschiedlichen politischen Bedingungen und
werden durch politische Klassen mit unterschiedlichen
Legitimationsansprüchen regiert. Nicht die wirtschaftlichen
Eigenschaften, sondern die Charakteristika der politischen Systeme
der drei chinesischen Gesellschaften vermitteln den Eindruck eines
multiplen China. Um das multiple China politisch wieder zu
vereinigen, muss auch politisch gehandelt werden. Vor allem auf dem
Festland sollte die beste Zeit in der Geschichte der VR China
ausgenutzt werden, um unter den günstigen Bedingungen des rapiden
Wirtschaftwachstums politisch-institutionelle Reformen einzuleiten,
mit dem Ziel, mehr Partizipationsmöglichkeiten für die Bevölkerung
zuzulassen
The wide spread impression of a multiple China has predominantly to
do with the fact that the three Chinese societies are governed by
different authorities: the authoritarian regime in Mainland China,
the semi-democratic and bureaucratic regime in Hong Kong, and the
democratic rule in Taiwan. A real integration of this multiple
China seems to be only achieved by a successful transition of China
and Hong Kong to democracy, and a qualitative improvement of the
existing democratic system in Taiwan.
"Eine Einführung, die sich an einen größeren, nicht
vorgebildeten Leserkreis wendet und bereits mittleren Bibliotheken
empfohlen werden kann."
(ekz-Informationsdienst 47/05)
Inhaltsverzeichnis:
Wichard Woyke: Einleitung
Christoph Müller-Hofstede: China auf dem Weg zur neuen
Weltmacht
1. Unterwegs in ein chinesisches Jahrhundert? Stärken und Schwächen
der Weltmacht China
2. Historische Kontinuität und aktuelle Dimensionen des
chinesischen Nationalismus
3. China in Ostasien: 'Pax Sinica' oder 'Pax
Americana'?
4. Abschließende Bemerkungen
Margot Schüller: Vom Boom zur Nachhaltigkeit: Trendwende in der
chinesischen Wirtschaftspolitik
1. Einleitung
2. Erfolge der ökonomischen Transformation
3. Erklärungen des wirtschaftlichen Erfolgs
4. Schattenseiten des Transformationsprozesses
5. Perspektiven einer Verbindung von Wirtschaftswachstum und
Umweltschutz
Sven Bernhard Gareis: Die Kommunistische Partei Chinas zwischen
Reform und Beharrung
1. 'Demokratischer Zentralismus': Die Organisationsstruktur
der KP Chinas
2. Enge Verflechtung: Das Verhältnis von Partei und Staat
3. Personelle Erneuerung: Die gegenwärtige 'Vierte
Führuingsgeneration'
4. Politische Kontinuität: Pragmatische
Fortschrittsorientierung
5. Konstitutionelle Diktatur? Die Verfassungsreform von 2004
6. Herausforderungen: Soziales Gefälle, regionale Disparitäten und
Korruption
7. Perspektiven
Michael Lackner: China im Spannungsfeld zwischen Traditionalismus
und Verwestlichung
1. Von der 'Zerschlagung des Konfutius-Ladens' zur
Allgegenwart des 'Meisters für zehntausend
Generationen'
2. Die Wiederentdeckung der 'chinesischen Kultur'
3. 'Kultur statt Politik'
4. Traditionalismus und Alltagsnationalismus
Xuewu Gu: Das multiple China: VR China, Taiwan und Hongkong
1. Die Volksrepublik China: Vom Totalitarismus zum
Autoritarismus
2. Hongkong - von kolonial-bürokratischer Herrschaft zu einer
Halbdemokratie
3. Taiwan: Demokratie oder Wiedervereinigung
4. Fazit