Canal Grande - Raittila, Hannu

Hannu Raittila 

Canal Grande

Roman

Aus d. Finn. v. Stefan Moster
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Canal Grande

Fünf Finnen und ein Sanierungsfall
Was geschieht, wenn fünf Finnen im Auftrag der UNESCO nach Venedig reisen, um die Stadt vor dem Versinken zu retten? Nun, es geschieht eine ganze Menge Unsinn. Denn hier stoßen nicht nur zwei Mentalitäten aufeinander, auch die Zusammensetzung des Teams ist alles andere als homogen, und das Projekt will nicht so recht in Gang kommen. Zu allem Überfluss friert dann auch noch die komplette Lagune mit allen Kanälen zu, zum ersten Mal seit dem 13. Jahrhundert.

Ein außergewöhnlich ungewöhnlicher Roman, urkomisch, intelligent, voller Anspielungen auf Literatur, Kunst und Kultur.


Produktinformation

  • Verlag: KNAUS
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 365 S.
  • Seitenzahl: 365
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 597g
  • ISBN-13: 9783813502527
  • ISBN-10: 381350252X
  • Best.Nr.: 13393165
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 13.03.2005

Wahre Schönheit kommt von Finnen
Fidel ins Verderben: Hannu Raittilas so weiser wie skurriler Venedigroman "Canal Grande"

Finnland ist wie Venedig - nur ganz anders. Sicher, viel Wasser, viel Nebel, viele Mücken gibt es in der Lagune des Südens ebenso wie in der Tundra Lapplands. Doch schon bei den Wohnmobilen der Nordlandfahrer und den Elchen hüben, bei den Gondeln und Tizian drüben fangen die Unterschiede an. Fest steht nur, daß Finnland und Venedig beide politisch zum alten Europa gehören. An diesem archimedischen Punkt setzte jedenfalls Hannu Raittila an, als er seinen Roman "Canal Grande" verfaßte: Wir sitzen heute alle in einem Boot, egal ob es venezianisch gegondelt oder finnisch gerudert wird.

Dabei läßt sich naturgemäß kein größerer Gegensatz denken als der zwischen Finnland und Venedig. Venedig kennt jedermann. Doch von Finnland weiß die Öffentlichkeit der Welt, insonderheit die deutsche Abteilung, nicht gerade viel. Die Finnen wohnen weit im Norden, haben in ihrer Abgeschiedenheit das Mobiltelefon erfunden und machen in Gestalt der Brüder Aki und Mika Kaurismäki wundervolle Filme, in denen nicht nur nichts passiert, …

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"Schräge Liebeserklärung an Venedig: Fünf Finnen reisen in Canal Grande nach Venedig. Sie sollen die Stadt vor dem Versinken retten. Urkomisch, tiefsinnig und von Hannu Raittila herrlich intelligent umgesetzt." Freundin

Ein köstlicher Venedigroman! Buchkultur

"Wahre Schönheit kommt von Finnen!"
Hannu Raittila (geb. 1956) gilt als einer der interessantesten und wichtigsten Autoren Finnlands. Man kennt ihn als Verfasser von Kolumnen, Hörspielen, Drehbüchern, von fünf Bänden mit Erzählungen und mehreren Romanen. Für CANAL GRANDE erhielt er den Finlandia-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes. Der Roman bildet den zweiten Teil seiner so genannten Wasser-Trilogie. Dass Raittila Autor dramatischer Texte ist, merkt man auch seiner Prosa an. Er liebt es, mehrere Erzählstimmen neben- bzw. nacheinander zur Geltung zu bringen, ohne sie kommentierend in Beziehung zu setzen. Den Zusammenhang bildet die vom Autor geschaffene Situation und Konstellation. Die unterschiedlichen Stimmen sorgen für Brechungen im geschlossenen Bild. Wirklichkeit ist immer die Wirklichkeit des Einzelnen.

Leseprobe zu "Canal Grande"

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Leseprobe zu "Canal Grande" von Hannu Raittila

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Leseprobe zu "Canal Grande" von Hannu Raittila

WINTER

1

Der Nebel hielt auch in der dritten Woche an. Wir waren aus hellem Sonnenschein hineingetaucht, als das Flugzeug nur wenige hundert Meter über der Landebahn in eine Wolke glitt. Ich sah den Flughafen nicht und auch nicht die Umgebung. Da ich auf der Karte eine weite Ebene zwischen Meer und Gebirge ausgemacht hatte, nahm ich an, dass der Flughafen in dieser Niederung lag, wo höchstens Überschwemmungen den Flugbetrieb stören konnten.

Kulturrätin Snell deutete auf den Nebel und erklärte, wir müssten ein Taxi nehmen. Sie war eine dicke Frau und kam ins Keuchen, als wir gezwungen waren, die Rolltreppe hinunterzusteigen. Ich hatte auf den Schalter gedrückt, aber die Treppe war nicht angesprungen. Heikkilä und ich gingen in die Richtung, in die Snell nach einem Wagen gewunken hatte. Saraspää schrie durch den Nebel, wir sollten nicht zu weit gehen, denn dort sei das Meer.

Die Snell sprach mit einem Bediensteten und wiederholte ständig ein einziges Wort: "vaporetto". Aber damals konnte ich mir darunter noch nichts vorstellen. Die Kulturrätin schien nicht zu begreifen, was ihr der Mann in der Dienstuniform erklärte. Saraspää mischte sich ein und fragte, ob Frau Snell nicht wisse, dass Vaparettos und Taxis bei diesem Wetter nicht in der Lagune verkehrten. Wir müssten mit dem Auto in die Stadt fahren. Nun verstand ich überhaupt nichts mehr. In der Nähe schrien Möwen, und Fischgeruch stieg mir in die Nase.

Mit dem Bus fuhren wir durch den Nebel. Die Fahrt schien lange zu dauern, aber der Eindruck kam wohl daher, dass man die Landschaft nicht sehen konnte. Wir kamen irgendwohin, wo Autos in Reihen standen. Das wurde nach dem Aussteigen klar. Immer mehr Hecks von Autos tauchten vor uns aus dem Nebel auf. Sie waren geparkt wie die Fahrzeuge einer motorisierten Einheit vor dem Angriff. Ich dachte, wir befänden uns auf dem Parkplatz eines großen Supermarktes, doch nirgendwo waren Kunden, die Einkaufswagen schoben. Man hätte das Rattern hören müssen. Andererseits kannte ich die Öffnungszeiten der Geschäfte nicht. Hielt man hier Siesta?

Ich wunderte mich ein wenig über die große Zahl der Autos. Man hatte mir erzählt, es gebe in der Stadt gar keinen Autoverkehr. Auch Einkaufszentren sollte es eigentlich nicht geben, obwohl die Stadt angeblich von Kaufleuten gegründet worden war. Die ganze Zeit roch es nach Meer, und der Nebel ließ sehr kleine Tropfen auf meinem Popelinmantel zurück. Der Asphalt unter den Füßen ging in gepflasterten Straßenbelag über. Venedig aber war nicht zu sehen.

Wir liefen eine Hauswand entlang. Die Fahrzeuggeräusche traten in den Hintergrund, nur Wasser plätscherte auf der linken Seite, und Heikkilä warnte davor, sich zu weit von dem Gebäude fortzubewegen. Er behauptete, die Gehsteige in dieser Stadt seien schmal, sogar an der Hauptstraße. Er erinnerte daran, dass die Verkehrswege hier Kanäle waren. Wir gingen gerade am Rand des größten von ihnen entlang. Ein Zug näherte sich und blieb zischend stehen. Man hörte eine wirre, hektische Durchsage, danach brummte und schnappte die Elektrolok im Nebel wie ein großes Tier. Die Snell keuchte schwer. Wir stiegen eine Treppe hinauf. Heikkilä erläuterte, wir befänden uns auf einer Brücke, überquerten in diesem Moment den Canal Grande.

Auf der anderen Seite fingen Snell und Saraspää wieder mit ihren Überlegungen an, ob wir ein Taxi oder ein Vaporetto nehmen sollten. Heikkilä erklärte mir, sie meinten einen Wasserbus. Ich verstand, dass auch das Taxi eigentlich ein Boot war. Die Snell blickte in eine Broschüre, offenbar der Fahrplan der Verkehrsbetriebe, und teilte uns mit, Vaporetto Nummer eins halte in der Nähe des Hotels, wo für uns Zimmer reserviert waren.

Saraspää sagte, die Vaporettos führen nur zu jedem dritten angegebenen Zeitpunkt. Niemand fragte, warum. Plötzlich heulte unmittelbar neben uns ein großer Motor auf, und Dieselgestank drang mir in die Nase. Die Umdrehungen wurden weniger, und das Motorengeräusch entfernte sich, gerade so, als hätte ein schwer beladener LKW die Kupplung kommen lassen und sich in kleinem Gang mühsam in Bewegung gesetzt. Man hörte das Wasser platschen, und kurz darauf schlugen vor unseren Füßen die Wellen auf das Pflaster.

Ohne auch nur einen Blick auf den Fahr- oder Stadtplan zu werfen, erzählte Saraspää dann, der Einser hielte auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals, und wir müssten einen halben Kilometer durch Gassen zum Ponte Rialto gehen und von dort aus die gleiche Strecke auf der anderen Seite des großen Kanals wieder zurück. Die Gassen seien verschlungen, von kleinen Kanälen durchzogen, und sie würden so trügerische Biegungen machen, dass man als Fußgänger bald in die Richtung ging, aus der man eigentlich kam. Bei diesem Nebel, erklärte Saraspää, sollten wir mit unserem Gepäck keinen Fuß in eine Nebengasse setzen.

Im Wassertaxi kommentierte Heikkilä ununterbrochen, welch berühmte Paläste und andere Gebäude wir gerade passierten. Er ist Dozent an der Universität Helsinki, genießt ein Stipendium der Finnischen Akademie und war als Experte für Kulturgeschichte in die Arbeitsgruppe berufen worden. Er war gut im Reden, der Herr Dozent. Schon im Flugzeug hatte er mir über seine Forschungen, bei denen es um die Stadtstaaten des Mittelalters und der Renaissance ging, Auskunft gegeben.

Sehr gern hätte ich all die Paläste gesehen, die Heikkilä pries. Als ich mich mit dem Auftrag vertraut gemacht hatte, hatte ich natürlich Bilder gesehen: Da ragten Häuser direkt aus dem Wasser, und wo sich bei normalen Gebäuden Treppen befanden, war jeweils eine Anlegestelle gewesen. Ich hatte auch die Baupläne jener Häuser zu Gesicht bekommen und wusste, dass sie auf Erlenstämmen errichtet worden waren.

Plötzlich schnauzte der Bootsführer Heikkilä an. Verlegen hörte dieser sofort auf, über die Geschichte der unsichtbaren Häuser am Kanal zu dozieren. Saraspää fing an zu lachen. Das Boot drosselte die Geschwindigkeit und legte an einem Kai aus Marmor an.

Wir gingen an Land, die Snell nach langem Zögern. Die massige Frau traute sich einfach nicht, einen Fuß auf den Kai zu setzen, der mehr als einen halben Meter unterhalb des schaukelnden Bootsdecks lag. Ich streckte die Hand aus, und sie stützte sich so schwer darauf, dass wir fast beide von ihrem Körpergewicht in den Kanal gerissen worden wären.
8. Januar

Ankunft in Venedig. Die letzten Tage ein einziges Gerenne, nervöse Flucht vor Gedanken und Erinnerungen. Ich gerate in derartige Verwirrung, dass die einfachsten, tausendmal wiederholten Reisevorbereitungen nicht gelingen wollen. Immer wieder räume ich meinen Kulturbeutel ein, mit der Absicht, zu meiner eigenen Sicherheit eine möglichst umfassende Reiseapotheke zusammenzustellen. Mitten im Packen fällt mir ein Tablettenröhrchen aus Glas auf den Boden und zerbricht. Ich fahre in die Stadt, um mir ein neues zu besorgen. Der Chef vom Dienst von Suomen Kuvalehti kriegt alles ab. Er hält mich in der Aleksanterinkatu ganz unschuldig auf und erklärt, er habe von meiner Reise gehört und von meiner Beteiligung an einer "internationalen Expertengruppe".

Der arme Mann kommt auf die Idee, mich für seine Zeitschrift um eine Kulturreportage über den bald stattfindenden Karneval zu bitten, und darf sich mitten auf der Straße anhören, was ich von Venedig und seinem Karneval halte. Verlegen blinzelnd stottert dieser Journalist der jüngeren Generation etwas von der Beteiligung Finnlands am Bewahren des europäischen Kulturerbes vor. Mit giftiger Stimme frage ich ihn, von welchem Erbe er spricht.

"Als Beute einer Herde von Gangstern", fahre ich ihn an, als er sich fragt, wie man die Kunstschätze Venedigs definieren solle. Der arme Redakteur erschrickt angesichts meines Ausbruchs, versucht aber noch, etwas von Italien und der Renaissance zu stammeln. Darauf verliere ich vollkommen die Beherrschung und frage ihn schreiend, ob die Medici oder die Borgias etwas anderes gewesen seien als die Mafiosi ihrer Zeit, vergleichbar auch mit jenen, die damals Theater, Galerien und Kulturzeitschriften in Russland gründeten. Und die Verbrecher Venedigs seien immer die größten Gauner gewesen! Auf der belebten Straße drehen sich inzwischen die Leute nach uns um. Ich gehe mit schnellen Schritten ab. Vorhang ...

Im Flugzeug dann der obligatorische Whiskygrog. Nach der Hälfte des Fluges höre ich die befreiende Durchsage des Kapitäns: Venedig liegt in dichtem Nebel. Gesegnete nebbia! Ich lasse mich gehen. Zwei, drei dicht hintereinander gekippte Gintonic sorgen dafür, dass ich in geradezu sanfter Stimmung auf dem Aeroporto Marco Polo lande.

Auf dem Weg zum Hotel ein großartiges Intermezzo: die groß gewachsene, unablässig schnaufende Kulturrätin, die geehrte Leiterin unserer "Expertengruppe", versucht mit Hilfe eines Flughafenbediensteten ein Wassertaxi in die Stadt zu bekommen. Bei der dichten Suppe ist der Bootsverkehr in der Lagune natürlich unterbrochen. Wir müssen mit dem Bus über Mestre zum Piazzale Roma fahren, von wo aus wir dicht an den Mauern entlang zu Fuß zum Bahnhofsvorplatz gehen. Dort bekommen wir endlich ein Wassertaxi mit einem echten Venezianer als Fahrer.

Einer unserer Experten, Heikkilä, Dozent für Allgemeine Geschichte, referiert mit lauter Stimme über die wertvollen Gebäude entlang des Kanals und ihre Geschichte. Wegen des dichten Nebels sieht man von den Palästen natürlich keinen Schimmer. Der Mann gerät in Wallung wie ein Fremdenführer, bis der Chauffeur genug hat und ihn anraunzt: "Non è Canal Grande!" Das Taxi ist von der Ferrovia durch einen Seitenkanal gefahren, um die obere Biegung des Canal Grande abzukürzen ...

Ansonsten sind der Dozent und der als bautechnischer Experte angeheuerte Diplom-Ingenieur Marrasjärvi tüchtige Männer. Besonders an Marrasjärvi habe ich einen Narren gefressen, er scheint ein richtig typischer Finne zu sein. Mit Heikkilä nehmen wir in einer Bar in der Nähe des Hotels einen Amaro. Der Dozent rekapituliert selbst die touristische Rundfahrt über den Canal Grande, die für ihn peinlich endete. Übrigens kann Heikkilä kein Italienisch. Stattdessen spricht der Mann Latein! Mit langsamer und sorgfältiger Aussprache macht er sich verständlich, zur großen Begeisterung aller Venezianer, die ihn hören.

11. Januar

Der Nebel hält an. Noch nie, nicht einmal in dieser Stadt, habe ich einen solchen Nebel gesehen. Wie ein ahnungsloser Dummkopf gehe ich an Kanälen entlang und durch Gassen, die ich kenne. Mal taucht ein vertrautes Brückengeländer aus den Nebelschwaden auf, mal eine kleine Skulptur am Türrahmen eines Palastes oder ein in phantastische Formen gegossener Klopfer im barocken Stil, wobei alles, was von den Dunstzungen umspielt wird, ständig verschwindet und unverhofft wieder auftaucht, bis du dich fragst, ob das, was du siehst, von dieser Welt ist oder den Winkeln deiner Vorstellung entspringt. Und dabei ist diese Stadt eine Schöpfung illusionsloser Kaufleute, welche allein fühlbares Material und Gegenstände wertschätzten. Als ich ins Hotel zurückgehe, bleibt hinter mir ein träge wallender Dunstkorridor zurück, der allmählich wieder zur undurchdringlichen Nebelwand zusammenfindet.

Zwei Wochen vergingen, und ich hatte noch immer keinen einzigen der Paläste am Canal Grande zu Gesicht bekommen, die zu retten unsere Aufgabe war. Ich hatte von der ganzen Stadt Venedig nichts anderes gesehen, als das Pflaster unter meinen Füßen, die rissigen Backsteinwände, an denen man im dichten Nebel entlanggehen musste, und verzierte, schwere Türen aus Edelholz. Überall war man von den Geräuschen des Wassers umgeben. Die feuchte Luft roch nach Meer, und die Schiffssirenen tröteten auf den Kanälen und in der Lagune, von der ich wusste, dass sie die Stadt umgab, denn ich hatte die Geographie der Umgebung auf Karten studiert.

Die versprochenen Büroräume waren uns noch nicht übergeben worden. Wir hatten sie allerdings besichtigt: drei Räume in einem Gebäude am Canal Grande, nicht weit vom Hotel entfernt. Der Name des Bauwerks war Palazzo Inverno, und es befand sich angeblich im Besitz der Stadt Venedig. Heikkilä sagte, der Name bedeute Winterpalast. Wie ein Palast sah es nicht gerade aus. Als Heizung waren Öfen beschafft worden, die mit einer Brennflüssigkeit funktionierten. Noch waren die Räume ziemlich feucht. Die Wände schwitzten wie eine Bierflasche, die man ins Warme stellt. Es roch ausgekühlt.

Man wartete noch auf einige Unterlagen aus dem Straßenbauamt, ohne die unsere Kontaktperson, ein redseliger und übertrieben freundlicher Beamter, uns die Räume nicht übergeben konnte. Ich fragte mich, wieso die Stadt Venedig ein Straßenbauamt hatte, wo es doch nicht einmal Straßen gab. Dozent Heikkilä wurde ungeduldig: Er konnte nur Latein und gab sich Mühe, das schnelle, heutige Italienisch des Beamten zu übersetzen. Er entschuldigte sich dafür, die italienische kommunalbürokratische Terminologie nicht ganz exakt wiedergegeben zu haben.

Außerdem müsse ich als Bürokrat wissen, dass administrative Benennungen oft nicht den Maßnahmen entsprachen, die im Schatten des Namensschildes entwickelt wurden. Was trieb denn zum Beispiel in Helsinki das Städtische Fiskalamt? Ich bestritt, Bürokrat zu sein. Heikkilä sagte, Bürokratie sei nichts Schlimmes, im Gegensatz zu dem, was die Leute behaupteten. Er hatte sich mit der Entstehung der Bürokratie befasst, sie war eine der Voraussetzungen für die Entwicklung der modernen Gesellschaft, so wie die Demokratie, der Rechtsstaat und die freie Marktwirtschaft. Ich sagte, ich sei kein Bürokrat. Der Dozent insistierte, alle, die im Dienste des Staates wirkten, seien Bürokraten. Ich teilte ihm mit, nicht im Dienste des Staates zu stehen.

Er behauptete, wir alle würden für das Bildungsministerium arbeiten und stünden somit formal im Dienst des Staates. Ich erklärte, für ein privates Ingenieurbüro zu arbeiten, bei dem sich das Bildungsministerium gegen Honorar Beratung hole. Heikkilä war erstaunt. Er erkundigte sich, wie hoch mein Honorar sei. Ich sagte ihm, man würde mir ein Monatsgehalt zahlen, das für einen Ingenieur mit meiner Erfahrung üblich sei.

Heikkilä wusste, dass die Gehälter auf diesem Sektor hoch waren. Er meinte, ich würde die Steuerzahler teuer zu stehen kommen. Darauf erklärte ich, der Staat käme nicht allein mit dem Zahlen meines Gehaltes davon. Mein Arbeitgeber stelle für die Beratungstätigkeit eine Entschädigung in Rechnung, die auch die Nebenkosten abdecke, die Fix- und Betriebskosten der Firma sowie den Unternehmensgewinn. Die Rechnung fiele wesentlich höher aus als mein Gehalt. Dennoch würde das die Steuerzahler sicherlich billiger kommen, als wenn das Bildungsministerium für sämtliche Entwicklungshilfeprojekte feste Ingenieurstellen einrichte.

Heikkilä wollte wissen, ob ich glaube, mich in einem Entwicklungsland zu befinden. Ich fragte ihn, wie ich bei diesem Nebel wissen solle, wo ich sei? Der Dozent wunderte sich: Wusste ich denn nicht, dass ich mich in Italien befand, in der Stadt Venedig? Italien sei ein Industriestaat, und in Mestre, gleich neben dem historischen Venedig, habe sich petrochemische Schwerindustrie angesiedelt. Er ermunterte mich, die Industriehölle von Mestre oder den Großhafen von Chioggia aufzusuchen. Dort könne ich mir dann zwischen all den in die ganze Welt auslaufenden Containerschiffen Gedanken darüber machen, ob ich mich in einem Entwicklungsland befände.

Wie hätte ich etwas über die Häfen und Fabriken von Venedig wissen können? Zwei Wochen lang hatte ich nicht weiter als eine Armlänge sehen können. Allerdings war ich tatsächlich in dem Glauben, dass die UNESCO eine Organisation für Zusammenarbeit in Fragen der Entwicklung darstellte, und was die Kosten anbelangte, die dem Gemeinwesen durch meinen Aufenthalt in Venedig verursacht wurden, so hatte ich die Absicht, sie möglichst gering zu halten. Ich hätte gern längst mit der Arbeit angefangen, wegen der es das Bildungsministerium für klug gehalten hatte, mich nach Venedig zu schicken. Heikkilä lachte.

Ich sei ein typischer Mensch aus dem Norden: Mann und Ingenieur. Jetzt aber befänden wir uns in der Welt südlich der Alpen, in der apollinischen Kultur des Mittelmeerraums. Ich müsse mich an einen anderen Zeitbegriff gewöhnen. Ich sagte, ich sei bereits seit zwei Wochen damit beschäftigt, mich daran zu gewöhnen. In der Welt nördlich der Alpen, in einem finnischen Ingenieurbüro, hätte man in zwei Wochen bereits das ein oder andere zustande gebracht, zum Beispiel einen hundertsechzig Meter langen neuen Tunnelabschnitt vom Päijänne-See zum Stausee Silvola. Der Dozent fragte, ob hundertsechzig Meter viel seien. Ich entgegnete, das sei Weltrekord.

Noch immer lachend setzte mir der Dozent die Auftragskette auseinander, die mich nach Italien gebracht hatte: Das finnische Bildungsministerium hatte sich verpflichtet, eine Expertendelegation in die Stadt zu schicken, unser eigentlicher Auftraggeber sei aber die UNESCO, die keineswegs bloß eine Entwicklungshilfeorganisation sei, sondern auch eine Institution, die über das Weltkulturerbe wache, und damit hätten wir jetzt hier in Venedig zu tun.

Während des Studiums war uns die Bedeutung der Arbeitsteilung eingetrichtert worden. Auch jetzt hatte ich die Absicht, meine eigene Arbeit so gut wie möglich zu machen und mich nicht in die Bereiche der anderen Fachleute einzumischen. Ich wollte gar nicht erst anfangen, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, in wessen Dienst ich letzten Endes tätig war. Ich stand auf der Gehaltsliste meines Arbeitgebers und kümmerte mich um die Projekte, die mir übertragen wurden. Der Dozent triumphierte.

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