Briefwechsel - Jünger, Ernst; Schmitt, Carl

Ernst Jünger Carl Schmitt 

Briefwechsel

Herausgegeben von Kiesel, Helmuth
Gebundenes Buch
 
versandkostenfrei
innerhalb Deutschlands
62 ebmiles sammeln
EUR 62,00
Sofort lieferbar
Alle Preise inkl. MwSt.
Bewerten Empfehlen Merken Auf Lieblingsliste


Briefwechsel

Ernst Jünger (1895-1998) und Carl Schmitt (1888- 1985) lernten sich 1930 in Berlin kennen. Beide hatten sich schon einen Namen gemacht und versuchten damals, mit gedanklich zugespitzten und brillant geschriebenen Essays die verfahren wirkenden Verhältnisse nicht nur zu analysieren, sondern auch in einem konservativen und zugleich revolutionären Sinn zu beeinflussen. Schmitt avancierte darüber zum »Kronjuristen des Dritten Reiches«, der 1936 allerdings kaltgestellt wurde. Jünger wahrte Distanz gegenüber den Nazis und wurde zum kritischen Beobachter und Chronisten der deutschen Verfehlung. Nach 1945 mußte sich Schmitt mit einem glanzlosen Dasein in provinzieller Abgeschiedenheit begnügen, während Jünger zu einem vielbeachteten, wenn auch vielfach angefeindeten Autor aufsteigen konnte. Gleichwohl hielten Jünger und Schmitt über all diese Jahre hinweg Kontakt und reflektierten ihr Verhalten während dieser verwerfungsreichen Zeit in einem kontinuierlich geführten Briefwechsel, der größtenteils erhalten ist und hier einschränkungslos wiedergegeben wird: über 400 Briefe, bemerkenswert nicht nur als Quelle biographischer und werkgeschichtlicher Informationen, sondern auch als Dokumente eines Versuchs, die Tragik der eigenen Geschichte durch Bezugnahme auf mythologische, literarische und historische Existenzmuster zu verstehen und aushaltbar zu machen. Der Herausgeber Professor Dr. phil., Helmuth Kiesel (Jahrgang 1947) ist Inhaber eines Lehrstuhls für Geschichte der neueren deutschsprachigen Literatur am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg. Er ist Herausgeber und erster Kommentator des Kriegstagebuchs Ernst Jüngers, des Briefwechsels von Gotthold Ephraim Lessing, Herausgeber der Werke von Martin Walser und Verfasser zahlreicher Studien zur Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Ernst Jünger (1895 1998) und Carl Schmitt (1888 1985) lernten sich 1930 in Berlin kennen. Beide hatten sich schon einen Namen gemacht und versuchten damals, mit gedanklich zugespitzten und brillant geschriebenen Essays die verfahren wirkenden Verhältnisse nicht nur zu analysieren, sondern auch in einem konservativen und zugleich revolutionären Sinn zu beeinflussen. Jünger und Schmitt hielten über viele Jahre hinweg Kontakt und reflektierten ihr Verhalten während dieser verwerfungsreichen Zeit in einem kontinierlich geführten Briefwechsel, der größtenteils erhalten ist und hier ohne Einschränkung wiedergegeben wird: über 400 Briefe, bemerkenswert nicht nur als Quelle biographischer und werkgeschichtlicher Informationen, sondern auch als Dokumente eines Versuchs, die Tragik der eigenen Geschichte zu verstehen und aushaltbar zu machen.


Produktinformation

  • Verlag: Klett-Cotta
  • 2012
  • Überarb. Neuausg.
  • Ausstattung/Bilder: Überarb. Neuausg. 2012. 870 S.
  • Seitenzahl: 940
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 146mm x 66mm
  • Gewicht: 1041g
  • ISBN-13: 9783608939408
  • ISBN-10: 3608939407
  • Best.Nr.: 34500065
»Ein Austausch hochgebildeter Seelen, die sich alle Mühe geben, möglichen Verstimmungen des Partners von vornherein aus dem Wege zu gehen. So sind diese mehr als 50 Jahre Briefwechsel, die übrigens sehr unterschiedlich auf die Lebensphasen verteilt sind, ein Dokument von zwei Symbolfiguren dieses Jahrhunderts, die sich immer suchten, aber nie ganz fanden. Es liegt nunmehr in einer von Helmuth Kiesel mustergültig betreuten Ausgabe vor, in der von den 832 Seiten fast die Hälfte den Fußnoten eingeräumt ist. Die sind auch nötig, denn beide Briefpartner reiten Steckenpferde, die nicht unbedingt zum Bildungsfundus auch des Gebildeten gehören. Schnell wird dabei ersichtlich, wie viel Ernst Jünger den Anregungen seines gelehrten Freundes verdankt. [...] 100-jährig notiert er: >Carl Schmitt ist in meiner und ich bin in seiner Biografie unvermeidlich.< Und: >Carl Schmitts Briefe sind geistiges Hochland im Vergleich zu dem, was heute in Deutschland geboten wird<. Das gilt - ohne den Vergleich zu übernehmen - auch für Jünger. Dieser Briefwechsel dokumentiert, was an Briefkultur in Deutschland verloren ging.« Paul Noack, Die Welt, 09.10.1999 »Das Faszinierende an Carl Schmitt ist, dass alles, was er schreibt, gleichzeitig anachronistisch und hochaktuell klingt. Seine Begriffe sind immer radikal, polemisch und rapide, das macht sie prägnant. [...] In all den Lebensetappen, die der Briefwechsel Revue passieren lässt, geht es Ernst Jünger in erster Linie immer darum, eine gute Beobachtungsposition einzunehmen, gerade auch gegenüber dem absoluten Schrecken. [...] Ernst Jünger - das dokumentiert der Briefwechsel sehr schön - wird sich selbst historisch, sieht die Geschichte am Ende und tritt aus ihr aus. Schwund durch Beschleunigung ist für ihn die Signatur der Zeit nach dem Ende der Geschichte.« Norbert Bolz, Frankfurter Rundschau, 13.10.1999 »Zivilisationskritik - der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Carl Schmitt dokumentiert eine problematische Freundschaft. Über fünf Jahrzehnte korrespondierten der Schriftsteller und der Staatsrechtler. Ihre Briefe sind ideengeschichtlich höchst aufschlußreich. [...] Die geistige Partnerschaft zwischen Schmitt und Jünger lebte im wesentlichen von wechselseitiger Anregung und Bestätigung. Geschichtsphilosophische Spekulationen, Symbole, Orakel und Mantras, Mythologisches und Kabbalistisches, Visionen von Hieronymus Bosch, Astrologisches und Parapsychologisches, Wortarchäologie und Buchstabensymbolik - sie sind der Stoff, aus dem die Briefpartner eine gemeinsame Gegenwelt zu der von beiden als unheilvoll empfundenen Moderne schaffen. Und dann ein schönes Zitat hier, ein selbstverfaßtes Epigramm oder Gedicht dort: kostbare kleine Geschenke, die wie Edelsteine oder exotische Käfer funkeln. [...] Wir können hier [...] zwei Alchimisten des Wortes bei der Herstellung geheimnisvoll schillernder Formulierungen beobachten. In den Tiegeln und Reagenzgläsern ihres Labors mischt sich Erhabenes mit Banalem, Ergreifendes mit Lächerlichem, Erfreuliches mit Abstoßendem. Heraus kommt ein starker Zaubertrank, der auf die einen berauschend, auf die anderen aber ernüchternd wirken wird. [...] Zweitens legt die Korrespondenz manche Querverbindung, Anhänglichkeit und Abhängigkeit zwischen verschiedenen Zivilisationskritikern unseres Jahrhunderts offen. Diese bunte Truppe ist international, und es sind keineswegs nur >Rechte< darunter. Das Netz reicht von Gottfried Benn, Ernst Niekisch, Martin Heidegger und Walter Benjamin über Oswald Spengler und Arnold Toynbee bis Louis-Ferdinand Céline, Ezra Pound und, manchen wird's erstaunen, Henry Miller. [...] Drittens wird verständlich, weshalb die antidemokratischen Rechtsintellektuellen der Weimarer Zeit der jungen Bundesrepublik nicht gefährlich werden konnten: Sie zogen sich in ihre Elfenbeintürme zurück und blickten von dort aus hochmütig herab auf die anschwellende Flut umerzogener, von angelsächsischen Einflüssen verdorbener Bundesbürger, denen der schlichte Verfassungsartikel >Die Würde des Menschen ist unantastbar< als Staatsräson völlig ausreichte. Dieser Briefwechsel ist eine Fundgrube für alle, die an der Geschichte konservativer Zivilisationskritik im 20. Jahrhundert interessiert sind. Das ausgezeichnete Nachwort des Herausgebers Helmuth Kiesel und der von ihm mit großer Detailkenntnis und souveränem Oberblick erarbeitete Kommentar helfen Kennern wie Neulingen, sicher durch das oft hermetisch anmutende Universum der beiden Korrespondenten zu navigieren.« Michael Mertens, Rheinischer Merkur, 17.09.1999
Ernst Jünger, geboren in Heidelberg am 29. 3. 1895, war Soldat in der Fremdenlegion, dann in der Reichswehr und der Wehrmacht. Er ist der Bruder von Friedrich Georg J.; seine Schriften "In Stahlgewittern" (Tageb., 1920), "Der Kampf als inneres Erlebnis" (Essay, 1922) und "Feuer und Blut" (En., 1925) gelten als Verherrlichung von Soldatentum und Krieg. Später Schriften gegen Gewalt und Macht. Jüngers Teilzeitideologien sind bis heute ebenso umstritten wie seine literarischen Werke, u. a. "Der Friede" (Essay, 1945), "Eine gefährliche Begegnung" (R., 1985), "Zwei Mal Halley" (Tageb., 1987); "Die Schere" (Schriften, 1990). 1982 erhielt er den Frankfurter Goethe-Preis.

Leseprobe zu "Briefwechsel" von Ernst Jünger; Carl Schmitt

Ernst Jünger an Carl Schmitt

Berlin NW 21, Dortmunder Straße 13, 14.10.30.

Sehr geehrter Herr Professor!

Ihrer Schrift "Der Begriff des Politischen" widme ich folgendes Epigramm:
"Videtur: suprema laus", denn der Grad ihrer unmittelbaren Evidenz ist so stark, daß jede Stellungnahme überflüssig wird, und die Mitteilung, daß man Kenntnis genommen hat, dem Verfasser genügt.

Die Abfuhr, die allem leeren Geschwätz, das Europa erfüllt, auf diesen dreißig Seiten erteilt wird, ist so irreparabel, daß man zur Tagesordnung also, um mit Ihnen zu sprechen, zur Feststellung des konkreten Freund-Feind-Verhältnisses übergehen kann. Ich schätze das Wort zu sehr, um nicht die vollkommene Sicherheit, Kaltblütigkeit und Bösartigkeit Ihres Hiebes zu würdigen, der durch alle Paraden geht.

Der Rang eines Geistes wird heute durch sein Verhältnis zur Rüstung bestimmt. Ihnen ist eine besondere kriegstechnische Erfindung gelungen: eine Mine, die lautlos explodiert. Man sieht wie durch Zauberei die Trümmer zusammensinken; und die Zerstörung ist bereits geschehen, ehe sie ruchbar wird.

Was mich betrifft, so fühle ich mich durch diese substantielle Mahlzeit recht gestärkt. Ich gedenke, Ihnen einige jener Leser zuzuführen, die heute ebenso selten wie Bücher sind.

Mit Hochachtung Ernst Jünger Carl Schmitt an Ernst Jünger Plettenberg, 7/5 57 Lieber Ernst Jünger. also am Sonntag, den 14. April - Vollmond - ereignete sich der ominöse Stich des Giftrochens; um welche Stunde? Ich hörte am Abend dieses Tages (7 Uhr) infolge eines merkwürdigen Zufalls im Radio (das ich sonst nicht höre) einen Vortrag des Atomphysikers Manfred von Ardenne aus der Ostzone, über die Wirkung der Atombomben. (Todeskreis, Verwundungskreis, Verseuchungskreis); Ardenne war unser Nachbar in Schlachtensee.

Schreiben Sie mir wie es Ihnen geht! Die Serpentara ist einfach wunderbar, in allem wahrhaft klassisch, als Idylle wie als Erzählung. Der Schweizer Peter Schneider, der ein dickes Buch über meine Rechtslehre veröffentlicht hat (ein junger Mensch, Zürcher, schicksallos wie der schlafende Säugling, über mich, einen schicksalbeladenen Alten) behauptet, ich wäre ein "Erzähler" das ist ganz falsch, offenbar weiß er nicht was erzählen ist. Sie sind ein Erzähler, dem die epische Zeit-Nahme mit jedem Satz gelingt.

Ihr Schema der 2000jährigen Weltalter ist mir seit 50 Jahren geläufig, und als Schema verdächtig, weil es in den Kreisen okkultisch-theo= und anthroposophischer Magier allzu beliebt und benutzt ist. Ich zweifle nicht daran, daß es Ihnen gelingt, dem Schema einen interessanten Inhalt zu geben, aber ich fürchte, Sie plazieren sich damit in eine Umgebung, deren kompaktes System stärker und bestimmender ist als Ihr individuell-origineller Beitrag.

Anima ist, wie ich, von der Serpentara entzückt und beglückt; sie ist als "novia" mit Nähen und Briefschreiben beschäftigt; der novio macht seinen förmlichen Besuch in Plettenberg im August; er spricht kein Wort Deutsch und kommt aus Santiago de Compostela. Seit einer Woche hat sich ein Amerikaner (New Yorker) von der Columbia-Universität im benachbarten Hotel einquartiert, für zwei Monate; er schreibt mit ungeheurem Fleiß und Eifer ein Buch über political theory und findet das Sauerland "paradiesisch"; so wird man über den Wandel der Begriffe belehrt.

Alle guten Wünsche für Ihre Gesundheit und herzliche Grüße Ihres alten Carl Schmitt.

Ernst Jünger an Carl Schmitt Wilflingen über Riedlingen, 9.5.57.

Lieber Carl Schmitt, herzlichen Dank für Ihre Zeilen vom 7.5., die mich noch immer im Bett treffen. Also es war Vollmond am 14. April? Wahrscheinlich ist dann der Fisch besonders geladen, sei es mit Elektrizität, sei es mit Gift. Die Begegnung fand zwischen 1100 und 1200 Mittags statt. Auch von den Eingeborenen wurde sie als merkwürdig empfunden. Unfälle mit dem Tier gibt es eigentlich nur für den Fischer, wenn er die Beute sortiert. Dann wird er in die Hand gestochen und bekommt einen dicken Arm. Wenn man beim Baden ins Meer geht, schwimmt der Rochen, der sich im Sande vergraben hat, leise davon. Das höchst Merkwürdige an meinem Abenteuer war, daß ich, nachdem ich schwimmend die Küste erreicht hatte, auf dem Rücken des Fisches landete. Da ich mit den Füßen auf ihm stand, konnte er nicht entweichen und versetzte mir acht Stiche in die Zehen, die Waden und die Schenkel. Dann trennten wir uns. [...] In der Hoffnung, daß diese Zeilen Sie bei guter Gesundheit treffen, bleibe ich Ihr Ernst Jünger