Briefe - Becker, Jurek
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Jurek Becker war ein wunderbarer, mit großem Humor gesegneter Briefeschreiber. Von 1969 bis 1996 reicht diese Sammlung von Briefen, in denen sich das Werden eines Schriftstellers, seine politische Haltung zwischen den Systemen, seine Bekanntschaften und Freundschaften, wachsender Erfolg und di unablässige Schärfung seines ironischen Talents ablesen lassen. Die Briefpartner Jurek Beckers sind, abgesehen von den ihm Allernächsten, diejenigen, die ihm alle "sein" Verlag sind: Siegfried Unseld, Elisabeth Borchers und Burgel Zeeh. Er schreibt an Kollegen wie Max Frisch, Uwe Johnson, Günter Grass…mehr

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Produktbeschreibung

Jurek Becker war ein wunderbarer, mit großem Humor gesegneter Briefeschreiber. Von 1969 bis 1996 reicht diese Sammlung von Briefen, in denen sich das Werden eines Schriftstellers, seine politische Haltung zwischen den Systemen, seine Bekanntschaften und Freundschaften, wachsender Erfolg und die unablässige Schärfung seines ironischen Talents ablesen lassen.
Die Briefpartner Jurek Beckers sind, abgesehen von den ihm Allernächsten, diejenigen, die ihm alle "sein" Verlag sind: Siegfried Unseld, Elisabeth Borchers und Burgel Zeeh. Er schreibt an Kollegen wie Max Frisch, Uwe Johnson, Günter Grass, Stephan Hermlin, Wolf Wondratschek, Bernhard Schlink und Stefan Heym, an Kritiker und Literaturwissenschaftler wie Marcel Reich-Ranicki, Fritz J. Raddatz, Heinz-Ludwig Arnold, Paul Michael Lützeler und Leslie Willson - aber auch an das Präsidium des Schriftstellerverbandes der DDR, die Polizei Delmenhorst sowie die Kundendienstabteilung eines Elektrogeräteherstellers.
Jurek Beckers Briefe, he
  • Produktdetails
  • Verlag: SUHRKAMP
  • Seitenzahl: 441
  • 2004
  • Ausstattung/Bilder: Fototaf.
  • Deutsch
  • Abmessung: 203mm x 128mm x 32mm
  • Gewicht: 520g
  • ISBN-13: 9783518416433
  • ISBN-10: 351841643X
  • Best.Nr.: 12745013

Autorenporträt

Jurek Becker, geb. am 30. September 1937 in Lódz (Polen), wuchs im Ghetto auf und wurde später mit seiner Mutter in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen inhaftiert. Seine Mutter starb kurz nach der Befreiung, seinen Vater, der nach Auschwitz deportiert worden war, fand er nach Kriegsende mithilfe einer Suchorganisation wieder. 1945 zog er gemeinsam mit ihm nach Ost-Berlin. Sein erster Roman Jakob der Lügner (1969) wurde über die Grenzen der DDR hinaus bekannt. Als Becker 1976 gegen den Ausschluss Rainer Kunzes aus dem Schriftstellerverband der DDR und gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestierte, wurde er selbst aus der SED und dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Ein Jahr später verließ er die DDR. Großen Erfolg hat er in der Bundesrepublik mit seinen Drehbüchern für die Erfolgsserie 'Liebling Kreuzberg'. Jurek Becker starb am 14. März 1997 in Sieseby, Schleswig-Holstein.
Jurek Becker

Rezensionen

Besprechung von 22.11.2004
Der Kummer des guten Menschen
Eine Frage des Talents: Jurek Becker in seinen Briefen
„Mir geht es, um auch das zu sagen, ganz gut”, schreibt Jurek Becker im Mai 1980 an den niederländischen Freund und Übersetzer Jaap Walvis. „Die Fremde kann eine hübsche Wohnung sein. Ich arbeite gut, bin gesund, habe noch alle Zähne. Meine einzige Krankheit ist die DDR.” Die „Fremde” ist Westberlin, wo er sich 1977 - nach dem Ausschluss aus der SED und seinem Austritt aus dem Schriftstellerverband der DDR - kurz aufhielt, um sofort als „writer-in-residence” an das Oberlin College in Ohio weiterzuziehen. Erst danach nahm er festen Wohnsitz im Westteil der Stadt. Trotz vieler Sticheleien von offizieller Seite, Anfeindungen und Zensurversuchen blieb für ihn die Ablösung von der DDR schwierig. Noch 1989, zwei Monate vor dem Mauerfall, bat er Klaus Höpcke, den für Literatur und Verlage zuständigen stellvertretenden Kulturminister der DDR, um Verlängerung seines Passes „für eine ziemlich lange Zeit”. Am Schluss des Briefes gestand er, dass ihm „die Vorstellung, ein normaler Westberliner oder Westdeutscher zu werden, sehr schwer fällt”.
Man sollte meinen, dass die von Christine Becker und Joanna Obrusnik ausgewählten und mit einem sorgfältigen Kommentar versehenen Briefe gerade da am interessantesten sind, wo es um Politisches geht und das komplizierte, mehrschichtige Verhältnis Jurek Beckers zur DDR belegt wird. Aber die Briefe an Klaus Höpcke, an den Kulturminister Hans-Joachi Hoffmann, an das Präsidium des Schriftstellerverbandes fördern wenig Neues zu Tage. Die Jurek Becker gemachten Schwierigkeiten nach seinen Protesten gegen den Ausschluss von Reiner Kunze und gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns sind bekannt und machen den geringsten Teil dieses Briefbandes aus, der in drei große Teile zerfällt. Zum einen sind es Briefe an seinen Verlag, an die Lektorin Elisabeth Borchers, an die sehr geschätzte Burgel Zeeh und an den mitunter wunderbar respektlos behandelten Siegfried Unseld, zum anderen an Freunde und Kollegen wie Stefan Heym, Günter Kunert, Max Frisch und Stephan Hermlin oder an Kritiker wie Fritz J. Raddatz oder Marcel Reich-Ranicki, zu dem sich das Verhältnis merklich abkühlt nach dessen lautstarkem Verriss von „Amanda herzlos” im Literarischen Quartett. Den dritten - und eher belanglosen - Teil machen Briefe aus, mit denen Jurek Becker auf Einladungen aus der ganzen Welt reagiert. Es geht um Absagen und, bei Zusage, um Reiseplanungen. Jurek Becker scheint in den achtziger Jahren die Leidenschaft anderer DDR-Autoren für das Reisen geteilt zu haben und konnte Einladungen des Goethe-Instituts nach Sao Paolo, Oslo oder Neu Delhi nur schwerlich widerstehen.
Hellwach und sorgend
Jurek Becker ist kein Briefeschreiber wie Thomas Mann oder Gottfried Benn. Die großen Weltprobleme, literarische, geschweige denn philosophische Fragen sind ihm eher ein Greuel. Es gibt keine Liebesbriefe und so gut wie keine Reiseberichte. Im Grunde geht es in allen diesen Briefen stets um eine konkrete Sache, die entschieden, befördert oder abgelehnt werden soll. Hier zeigt sich der klare, zupackende Verstand von Jurek Becker, und in diesem Zupacken zeigt er oft hinreißende Eleganz, Anmut oder beißende Ironie, auch sich selbst gegenüber. Selten konnte er schroff sein, war es dann aber auf schneidende Weise. Der Charme dieses Bandes liegt also darin, dass die Briefe den berühmten, allseits begehrten Schriftsteller in allen seinen Facetten zeigen, mal schamhaft, mal liebenswürdig, mal Rabauke, immer hellwach, immer mit großer Anteilnahme am anderen. Er konnte sich Sorgen darüber machen, dass Elisabeth Borchers im Suhrkamp Verlag zu sehr geknechtet wird, und in einem anderen Brief seinem Verleger hübsch boshaft eine Geschichte kolportieren, die diesen bloßstellt.
In seiner Gänze gesehen ist der Band auch ein Lehrstück darüber, wie ein Autor um seine Interessen zu kämpfen hat und nie darin nachlassen darf. Am anrührendsten vielleicht sind die introspektiven Stellen. So schreibt er im Dezember 1988 an Marcel Reich-Ranicki, besorgt wohl, dass die seinem Erstling „Jakob der Lügner” folgenden Romane nie die gleiche Wertschätzung erfahren haben: „Seit Jahren schon versuche ich herauszufinden, in welchem Loch das Talent (das ich wahrscheinlich einmal hatte) versickert, und plötzlich offenbart sich mir die Antwort: Es ist mein guter Charakter. Dieser verfluchte gute Charakter treibt den mit ihm geschlagenen Autor dazu, etwas Gutes zu stiften, seinen Texten Nützlichkeit zu verleihen, und damit schaufelt er sich wohl sein eigenes Grab. Es wäre mir ein großer Trost, wenn Du wenigstens einräumen könntest, dass Anständigkeit und Talent einander nicht ausschließen.”
Es ist schade, dass wir die Antwort von Marcel Reich-Ranicki nicht kennen, wie wir überhaupt bei einer Reihe von Briefen gerne wüssten, wie der Briefpartner reagierte. Dieser Band ist wichtig, weil er das Bild eines klugen, aufrechten, geistreichen Jurek Becker vervollständigt und wir uns einmal mehr gewahr werden, welche Lücke sein viel zu früher Tod hinterlassen hat. So wünschen wir uns auch, dass diesem Band bald eine umfassendere Ausgabe wichtiger Briefwechsel folgt.
JOACHIM SARTORIUS
JUREK BECKER: Ihr Unvergleichlichen. Briefe. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 464 Seiten, 24,80 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Besprechung von 26.11.2004
Schreiben verdient keine mildernden Umstände
Kein Mann für Kompromisse: Jurek Becker in seinen Briefen / Von Heinz Ludwig Arnold

Samarkand. Das war das letzte magische Wort zwischen uns. 1995 hatte das Goethe-Institut mich zu einer Reise in die neu sich etablierenden zentralasiatischen Länder eingeladen und gelockt mit dem Hinweis, Jurek Becker fahre auch; und als er hörte, daß ich dabeisein sollte, rief er mich an: "Dann müssen wir aber unbedingt auch nach Samarkand!" Das wollte ich auch, es klang nach Seidenstraße und Marco Polo, da mußten wir hin. Das sollte 1996 sein.

Diese Reise fand nicht statt. Jurek Becker wurde krank und starb am 14. März 1997 im schleswig-holsteinischen Sieseby in seinem Haus an der Schlei, mit einem Strändchen von zwei Metern, auf das er so stolz gewesen war. Und dort, fern vom Betrieb, ist auch sein Grab. Er wollte es so, unbedingt.

Das war er auch: unbedingt. Und direkt. Klar und unmißverständlich. Für ihn galt das gesprochene ebenso wie das geschriebene Wort: Er war Schriftsteller, ohne Wenn und Aber. So schrieb er 1973 "stocksauer" an die Suhrkamp-Lektorin Elisabeth Borchers, in deren Lektorat sein Buch "Irreführung der Behörden" als DDR-Lizenzausgabe mit "37 Fehlern und Ungenauigkeiten" erschienen war: "Du wirst sicher Verständnis für meine Wut haben, denn wenn ich mich durchringen würde, die Sache auf die leichte Schulter zu nehmen, dann könnte ich mir gleich einen Beruf suchen, bei dem es au Worte nicht ankommt."

Und 1987 formulierte er in einem Brief, offensichtlich an eine Studentin, die um Auskünfte zu "Bronsteins Kinder" gebeten hatte: "Opportunismus bedeutet im deutschen Sprachgebrauch: Sich anpassen. Also etwas tun, was man selbst nicht unbedingt für richtig hält, wenn man nur einen Vorteil davon hat. Etwas tun aus Angst, aus Feigheit, indem man sich selbst verleugnet. Ich glaube, daß jemand, der lange genug so handelt, jede Identität verliert. Er weiß bald nicht mehr, was seine eigene Meinung ist, ja, er hat keine. Er muß nur noch herausfinden, was andere von ihm hören wollen." Jurek Becker war das Gegenteil eines Opportunisten: Er hatte immer eine Meinung, seine; und ein Urteil, das er stets gut begründete.

Das alles kann man lesend erfahren in einer Auswahl aus Jurek Beckers Briefen, die seine Frau Christine in diesem Jahr herausgebracht hat. Sie belegen Satz für Satz, wie entschieden er war, wie deutlich er sich im Verhältnis zu seinen Korrespondenten definierte; aber auch, wie wichtig ihm war, daß seine Briefpartner Klartext redeten und nicht um den heißen Brei herum.

Bereits 1972 hatte er geschrieben - wieder an Elisabeth Borchers, deren Lektorat ihn sein Leben lang begleitete und die ihm vermutlich die beste mitarbeitende Freundin war -: "Schreiben ist keine Bitte um mildernde Umstände, da haben die Fetzen zu fliegen, Rücksichten hierbei sind fast immer falsche Rücksichten, und ich verfüge über keinen falschen Hals, in den ich Kritik kriegen könnte . . ." Denn, so ein Jahr später, "mich (lassen) alle Kritiken, ob jubelnde oder verurteilende, kalt (. . .). O.K., ich denke über sie nach, aber für meine Arbeit spielen sie überhaupt keine Rolle."

Und er freute sich doch über positive und ärgerte sich über negative Kritik, vor allem, wenn die dumm war. An den damaligen Literaturchef der "Zeit", Fritz J. Raddatz, immerhin konnte er 1978 schreiben: "wie bei nahezu allen Ihren Rezensionen, weiß ich auch gegen die Besprechung der Schlaflosen Tage so gut wie nichts einzuwenden. Ich hoffe von Herzen, Sie mögen mit der Bemerkung recht haben, es sei mein bisher schwächstes Buch." Und dann kommt der typische Becker-Sound: "Nur eins kann ich Ihnen unmöglich durchgehen lassen: das Bild. Ich bin seit über zwei Jahren Nichtraucher und unmäßig stolz darauf. Da man von der ,Zeit' die größte Aktualität gewohnt ist, wird jetzt jeder Bekannte, der mich dort sieht, sofort an Rückfall denken. Und so weit, meine ich, sollte eine Rezension nicht gehen."

Von diesem ironischen Ton sind viele Briefe Beckers durchzogen - dessen liebenswerte Version hielt er auch für seine Freunde bereit. Bei Burgel Zeeh, der persönlichen Assistentin seines Verlegers Siegfried Unseld, bedankte er sich nach der Rückkehr von einer Norwegen-Reise, für die sie ihm ein Pilzbestimmungsbuch geliehen hatte: "Ihr Pilz-Buch war uns doch noch eine große Hilfe: Gleich nach unserer Rückkehr haben wir in einem Gemüseladen ein Kilo Pilze gekauft und jeden einzelnen anhand des Buches geprüft. Sie waren alle genießbar."

Doch wenn es nötig war, sich gegenüber Aufdringlichen zur Wehr zu setzen, konnte seine Ironie beißend, ja bis zur Offenheit verletzend werden. Dem gerade aus der Bundesrepublik in die DDR gewechselten Schriftsteller Joachim Seyppel, der ihm 1974 unerbetene Ratschläge für einen geplanten (aber nicht realisierten) Film über Johann Sebastian Bach gab, antwortete er: "Ich meine nur, daß Sie, wenn Sie ernstlich einen Film in diese oder jene Richtung hin bewegen wollen, sich einer größeren Mühe unterziehen müßten, als mir einen Brief zu schreiben, aus dem ich kaum mehr ersehen kann, als daß Sie der Absender sind."

Von unmißverständlicher Deutlichkeit sind die wenigen Briefe in diesem Band, die von Beckers Auseinandersetzung mit den Behörden und den offiziellen "Kulturträgern" in der DDR handeln. Fast gewinnt man den Eindruck, er hätte sie bewußt zu einer berechenbaren Reaktion provozieren wollen. Dem Direktor des Hauses der Tschechoslowakischen Kultur schrieb er, man möge ihn mit weiteren Einladungen verschonen, weil "ich mit großer Sorge (beobachte), wie Künstler und Kulturschaffende in Ihrem Land Repressalien, Demütigungen und Verfolgungen ausgesetzt sind. Nun nachdem mein Kollege Václav Havel verhaftet worden ist, verspüre ich absolut keine Lust, an Veranstaltungen in Ihrem Haus teilzunehmen."

Er setzte sich für die Rehabilitierung Reiner Kunzes ein und trat 1977 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Dem stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke warf er im Herbst 1977 vor, ihn quasi als Agenten zu kriminalisieren, und beschloß einen Brief an ihn mit dem Satz: "Aber was soll ich denn anderes tun, als die Wahrheit zu sagen, so laut ich kann, oder, da selbstverständlich auch ich keinen Besitzanspruch auf Wahrheit geltend machen kann, das zu sagen, was ich für Wahrheit halte."

Mit solcher Offenheit war da nichts zu gewinnen. Und so teilte er dem DDR-Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann einen Monat später mit: "Seit geraumer Zeit lebe ich in Umständen, die mir von Tag zu Tag mißlicher erscheinen, unter denen ich nicht arbeiten kann und denen ich nicht länger ausgesetzt sein möchte. Ich halte es daher für eine naheliegende Lösung, die DDR zu verlassen." Bald danach verließ Jurek Becker die DDR.

Viele Facetten eines viel zu kurzen Lebens spiegelt dieser Briefband wider. Und man liest ihn gern, wie jeden Briefband mit einem gewissen Sinn für Voyeurismus, der zur Sucht werden kann. In dieser Hinsicht freilich wird man nicht bedient. Jurek Becker war, was seine Person und sein Privatleben anging, ein im Grunde schweigsamer Mensch.

Und deshalb mögen manche doch einiges vermissen. Ich vermisse am ehesten noch die Antworten der Briefpartner, die das Bild komplett machen würden oder jedenfalls komplexer. Doch dazu sind die Briefpartner zu unterschiedlich und zu vielfältig. Denn dies ist ja kein Briefwechsel.

Was überrascht, ist die Tatsache, daß Briefe an den Freund Manfred Krug fehlen. Was aber daran seinen Grund haben mag, daß Becker und Krug, so sie beide in Berlin waren, fast täglich zusammenhockten; da gab es möglicherweise gar kein Bedürfnis nach schriftlichem Austausch. Und die Postkarten, die Jurek an "Manne" schrieb, hat der ja schon vor einigen Jahren veröffentlicht.

Im übrigen war Jurek Becker ein Mann des unmittelbaren Gesprächs. Da konnte er erzählen - was die Briefe eher vermeiden. Ein Großteil dieser publizierten Korrespondenz bezieht sich denn auch auf Betriebliches aus einem Schriftstellerleben, auf Anfragen, Reisen, Einladungen, Veranstaltungen, die abzusagen oder zu organisieren waren. Aber auch diese Briefe liest man gern. Und alle zusammen ergeben trotz ihres Utilitarismus ein gutes Bild des Schreibers - nicht des Schriftstellers; denn von ästhetischen und literarischen Fragen sind diese Briefe nahezu frei. An dieser Stelle diskutierte er darüber nicht.

Nur etwas davon scheint auf in jenen wenigen Antworten auf einige Leserbriefe, in denen er, selten genug, sich selbst als Schriftsteller definierte; aber immer über Drittes, nie unmittelbar. Über sich selbst sprach er in solchen Briefen nie - er hatte eine große Gabe, Probleme, Fragen in eine Ferne zu schieben, in der sie objektiv erschienen und dann auch objektiv zu beantworten waren. Und war doch einer, der sich entschieden engagierte oder besser: der sich klar entschied und dann für seine Sache stand.

Für einen war er ganz da, mit Haut und Haar: für seinen 1990 geborenen Sohn Jonathan. Seinen Johnny liebte er abgöttisch. Als wir mal, so um 1993, ein paar Tage zusammen in Sieseby waren, gab es nur einen, aber unausgesprochenen Konfliktstoff: Mißtrauisch beäugte Jurek, wie unsere knapp vier Jahre alte Hannah mit Johnny ums Spielzeug stritt. Da durfte er nicht unterliegen, sacht und freundlich stand er ihm bei. Und Hannah, kaum hatten wir Abschied genommen und saßen im Wagen, fragte: Wann fahren wir wieder Johnny ärgern. Als ich Jurek diese Geschichte erzählte, war er nicht amüsiert.

Ihm, seinem lieben Johnny, hat er viele schöne Postkarten geschrieben, so wie sie nur ein ganz lieber und verrückter Vater schreiben konnte - der schrieb an sein liebes Giraffenzebra, an seine liebe Tomatengurke, den alten Wurstmaxe und an das alte Bananenei; und noch viele solcher Namen fand der Vater für den Sohn.

Seine letzte Postkarte schrieb er an den "alten Wackelpudding": "hast Du eigentlich gewußt, daß es die Eisenbahn schon länger gibt als das Auto? Und das Auto länger als das Flugzeug? Und das Flugzeug länger als die Weltraumrakete? Länger als alle Autos gibt es aber die Schuhe. Auf denen kommt man einfach überall hin, Hauptsache man hat genug Zeit. Dein Papi."

Genug Zeit hatte der wunderbare Postkartenschreiber aber nicht mehr. Als Jurek Becker zwei Monate später starb, war sein Johnny gerade sechs Jahre alt.

"Ihr Unvergleichlichen". Jurek Becker. Briefe. Ausgewählt und herausgegeben von Christine Becker und Joanna Obrusnik. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 443 S., geb., 24,80 [Euro].

"Lieber Johnny". Jurek Beckers Briefe an seinen Sohn Jonathan. Herausgegeben von Trude Trunk. Ullstein Verlag, Berlin 2004. 174 S., geb., 20,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ein wichtiger Band ist dieses Buch mit Briefen von Jurek Becker, meint Joachim Sartorius, weil es das Bild eines "klugen, aufrechten, geistreichen" Autors vervollständigt und einmal mehr vergegenwärtigt, welch große Lücke Beckers früher Tod hinterlassen hat. Der Band ist in drei große Teile gegliedert: Verlagskorrespondenz, Briefe an Freunde und Kollegen und schließlich "eher belanglose" Einladungs- und Reiseplanungskorrespondenz. Wer politisch Erhellendes erwartet, wird laut Sartorius enttäuscht werden: Beckers kompliziertes Verhältnis zur DDR und die Schwierigkeiten, die ihm dieses System gemacht hat, sind bekannt und "machen den geringsten Teil dieses Bandes aus". Auch große Weltprobleme werden bei Becker nicht gewälzt; er ist kein Briefeschreibr a la Thomas Mann oder Gottfried Benn, erklärt der Kritiker. Dafür offenbaren die Briefe den "klaren, zupackenden Verstand" des Autors, der in all seinen Facetten, "mal schamhaft, mal liebenswürdig, mal Rabauke" gezeigt wird. Schade findet Joachim Sartorius lediglich die fehlenden Antworten auf Beckers Briefe und wünscht sich daher, "dass diesem Band bald eine umfassendere Ausgabe wichtiger Briefwechsel folgt".

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