Blutsbrüder - Adams, Karen

Karen Adams 

Blutsbrüder

Ein neuer Fall für Detektiv Dan McAdam. Roman. Deutsche Erstausgabe

Aus d. Amerikan. v. Ronald Gutberlet
Broschiertes Buch
 
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Blutsbrüder

In Karlsruhe sind jede Menge Indianer unterwegs - echte und falsche. Zwei Jungen finden im Wald eine männliche Leiche mit einem Pfeil in der Brust. Auf dem Heimweg verfahren sie sich mit ihren Rädern und werden von einem Indianer mit Karlsruher Dialekt gekidnappt. Der Entführer nennt sich Eisenpfeil. Die Detektei McAdam befasst sich mit der Aufklärung des Mordes und stolpert dabei auch auf andere seltsame Vorfälle.


Produktinformation

  • Verlag: Heyne
  • 2007
  • Ausstattung/Bilder: 2007. 255 S.
  • Seitenzahl: 255
  • Heyne Bücher Nr.43212
  • Deutsch
  • Abmessung: 19 cm
  • Gewicht: 210g
  • ISBN-13: 9783453432123
  • ISBN-10: 3453432126
  • Best.Nr.: 20945455
"Eine Entdeckung? Meine Entdeckung!" Harry Rowohlt

"Eine Entdeckung? Meine Entdeckung!"
Karen Adams ist in den USA geboren und aufgewachsen. Sie studierte englische Literatur in New York und England und promovierte in American Studies in Atlanta. Sie arbeitete an der "Smithsonian Institution" in Washington und an der "University of Texas" in Austin. Seit 1978 lebt sie in Karlsruhe, wo sie Englisch unterrichtet und sich ehrenamtlich um die Amerikanische Bibliothek kümmert. Mit ihrem ersten Karlsruhe-Krimi "Straßenfeger" hatte sie bereits großen Erfolg.

Leseprobe zu "Blutsbrüder"

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Leseprobe zu "Blutsbrüder" von Karen Adams

"Was heißt hier, sie hat ihn gestohlen? Er ist doch noch da."

McAdam sah Kai schräg an und erklärte: "Gestohlen bedeutet, dass die Spielerin schon zur nächsten Markierung gelaufen ist, obwohl sie noch gar nicht dran war. Zwischen den Schlägen." Er musste seine Stimme leicht anheben, weil einige der Zuschauer vor Begeisterung schrien und Beifall klatschten. Die meisten allerdings saßen genau wie Kai staunend und sprachlos auf der kleinen Tribüne, während die schlaksige Spielerin im grauen Trikot sich aufrappelte und sich roten Staub und weiße Kreide von ihrem Hosenboden klopfte.

"Du meinst, es gibt da diese ganzen Regeln, und dann darf man sie einfach missachten?" Kai konnte es nicht glauben, genau wie all die anderen frischgebackenen Baseball-Fans. Seit einigen Durchgängen hatten sie den leise geraunten Kommentaren ihrer eingeweihten Begleiter zugehört und so getan, als würden sie das Spiel verstehen. Aber die meisten Novizen waren einfach nur verwirrt.

"Nur in diesem speziellen Fall", erklärte McAdam mit sehr hoher Stimme und einem leicht debilen Lächeln. Er richtete seine Erklärungen nicht direkt an Kai, sondern an seine Tochter Sandy, die eigentlich Cassandra hieß und eine blauäugige Schönheit von gerade mal sechs Monaten war. Sie lag auf seinen Knien und beantwortete seine Ausführungen zum Thema Baseball mit Jauchzern, Lächeln und lebhaften Arm- und Beinbewegungen. "Andererseits", fuhr McAdam fort, während er Sandys linke Hand zwischen seinem rechten Daumen und Zeigefinger sanft knetete, "wenn der Werfer rechtzeitig reagiert, kann er sie rauswerfen. Aus!" Er schüttelte heftig den Kopf und kitzelte Sandy unter dem Kinn.

"Aber das hier ist jetzt glattgegangen, oder?", fragte Kai.

"Glatt wie ein Kinderpopo." McAdam lächelte seine Tochter an. Kai grinste höflich und hoffte inständig, dass das Spiel bald zu Ende sein möge.

Seine Gebete wurden erhört. Die Schlägerin, ein kleiner Teenie mit Zahnspangen und blauen Strähnen im Haar, schlug den Ball jenseits der Reichweite der linken Feldspielerin hinaus. Die Diebin vom dritten Laufmal rannte zur Homebase, umrundete als Heldin des Tages lässig das quadratische Spielfeld und wurde am Schlagmal von ihren begeisterten Mannschaftskolleginnen mit Küssen und Umarmungen empfangen. Die Karlsruhe Coyotes waren auf dem besten Weg, ihren Titel als Südwest-Meister mit dem stolzen Ergebnis von sieben zu zwei zu verteidigen. Die Sindelfingen Indians blickten niedergeschlagen drein.

Einige der Zuschauer, die jetzt die Tribüne verließen, trugen eine regelrechte Kriegsbemalung im Gesicht. McAdam fragte sich, rein aus gewohnter detektivischer Neugier, ob das alles Fans der Sindelfingen Indians waren oder ob sie, wie er, Sandy und Kai von der Amerikanischen Bibliothek herübergekommen waren, wo gerade ein Powwow stattfand. Eine Gruppe arbeitsloser Museumspädagogen hatte einen Stamm gegründet und verbrachte den Sommer gewinnbringend damit, seine Zelte mal in einem Kindergarten, mal in einem Park oder auf einem Spielplatz aufzustellen. Auf dem Weg zum Baseball-Spiel hatte McAdam seine ausgeliehenen Bücher in der Bibliothek abgegeben, und Kai hatte draußen gewartet und zugeschaut, wie die Sandmaler gemalt, die Regentänzer getanzt und die Bogenschützen ihre großen, bunt beringten Zielscheiben verfehlt hatten. Kai hatte es abgelehnt, sein Gesicht von einem hübschen Kiowa-Mädchen bemalen zu lassen, das ihn mit schwäbischem Akzent dazu überreden wollte. Für den Übungsplatz der Bogenschützen hatte er sich dann doch Zeit genommen und den umstehenden kleinen Kriegern Ausrufe des Erstaunens entlockt, als er einen selbstgefertigten Pfeil mit einem primitiven Bogen fast genau in die Mitte der Zielscheibe geschossen hatte.

"Nicht schlecht, mein Bruder", sagte McAdam, der rechtzeitig zurückgekommen war, um diese Heldentat mitzuerleben. "Wo hast du so gut schießen gelernt?"

"Zen und die Kunst des Bogenschießens", antwortete Kai.

Daraufhin fuhren die drei auf ihren Fahrrädern zurück in den Kanalweg, Sandy wie ein Indianerbaby in McAdams Babytrage gebettet. Das Powwow war vorbei. Sie sahen, wie die Indianer-Pädagogen ihre Sachen in einen Lieferwagen packten, dessen Karosserie mit urtümlichen Motiven von Büffeln und Bären bemalt war.

"Fast so hübsch wie der Regenbogen-Bus", sagte Kai. Sie diskutierten Pro- und Kontra-Argumente bezüglich einer Neubemalung von Kais altersschwachen VW-Bus und ob es vor oder nach der TÜV-Inspektion günstiger wäre. "Wahrscheinlich kommt die Kiste nicht durch, und dann wäre alles umsonst", meinte Kai. "Andererseits könnte die neue Farbe den Rost ganz gut überdecken", sagte McAdam. Sie stoppten vor der Ampel an der Willy-Brandt-Allee, überquerten die Straße und folgten dann dem unbefestigten Fahrradweg in den Wald hinein.

Der modrige Geruch des Waldes erinnerte McAdam an seine Kindheit. Er dachte wieder an Trillium-Blüten und an Baumhütten und giftigen Efeu und daran, wie sie so getan hatten, als könnten sie ein Feuer mit zwei Stöckchen entfachen.

Zwanzig Meter weiter brach mit einem Mal ein Mann durch das Unterholz. Er trug ein marineblaues Sweatshirt, die Kapuze über dem Kopf und eine längliche schwarze Tasche über den Schultern. Ein Musikinstrument?, fragte sich McAdam, der sich diese Details aus reiner Gewohnheit einprägte, obwohl er viel zu sehr in seine Erinnerungen versunken war, um wirklich neugierig zu reagieren.

"Sie scheinen Waldlauf wörtlich zu nehmen", sagte Kai.

"Es wundert mich, dass es Joggern nicht verboten ist, die Jogging-Pfade zu verlassen", sagte McAdam. Sie fuhren gemächlich weiter, und kurz darauf brach ein zweiter Läufer aus dem Unterholz direkt hinter ihnen, ganz so, als würde er den ersten verfolgen. McAdam drehte sich träge um und bremste genügend ab, um den Rücken einer kleineren Gestalt in einer Trainingsjacke und Baseball-Kappe verschwinden zu sehen.

Sie fuhren weiter, bogen beim Kaktus-Restaurant rechts ab Richtung Adenauer-Ring-Überführung. "Hast du den Film 'Der letzte Mohikaner' gesehen?", fragte Kai.

"Ja. Ich hab sogar das Buch gelesen, mit dem der Film allerdings nur wenig zu tun hat", sagte McAdam. Er hatte Literatur in Heidelberg studiert, wo er Uschi kennengelernt hatte, und sich dann entschieden, einen Job zu ergreifen, um genug zu verdienen, dass er sie heiraten konnte.

"Erinnerst du dich an die Anfangsszene? Die mit den Rotwildjägern?", fragte Kai. "Das war genauso wie das hier eben. Männer, die durchs Unterholz preschen."

"Ja, so ähnlich", sagte McAdam, der sich daran erinnerte, dass der Wald im Film nie und nimmer der Wald im Norden des Staats New York gewesen sein könnte, wo der Roman spielte. Er müsste viel weiter südlich gelegen haben, so etwa an der Mason-Dixon-Linie. Die Schluchten waren zu tief, die Bäume zu hoch, und es gab dort Magnolien statt Ahornbäume. Er entschied sich, dies Kai gegenüber nicht zu erwähnen, weil ihm inzwischen klar war, dass er die Geduld seines Freundes mit seinen Ausführungen über das Baseball-Spiel genügend strapaziert hatte. Dennoch konnte er sich nicht ganz zurückhalten und ergänzte: "Aber im Film waren es drei Kerle, die durch den Wald rannten, und hier waren es nur zwei."

"Ja, stimmt", sagte Kai. "Hast du heute Abend Dienst? Wenn nicht, könnten wir uns den Film ja zusammen auf deinem Videogerät ansehen. Uschi muss doch arbeiten, oder?"

"Stimmt. Sie muss im Oasis lesen. Auf dieser Veranstaltung zur Unterstützung der 'Gesellschaft für die Erhaltung der Indianer'. Überall Indianer."

"In Ordnung. Ich bring das Popcorn mit. Was ist mit Conny?"

"Irgendjemand muss ja das Fort bewachen", entgegnete McAdam grinsend.

Felix bewegte sich verstohlen durchs Unterholz. Markus folgte wenige Schritte hinter ihm. Felix hielt an, hob den Arm und wandte sich mit bedeutungsvollem Blick an Markus. Die Kriegsbemalung in seinem Gesicht glänzte. Er warnte seinen Begleiter in Zeichensprache und teilte ihm mit, dass ihre Beute in Sicht war. Dann stieß er lautes Kriegsgeheul aus, stürmte aus dem Gebüsch und schoss gleichzeitig seine Pfeile ab. Markus, der beim Powwow aufmerksamer zugehört hatte, bewegte sich weiter lautlos voran, hielt an, spähte über die Lichtung und flüsterte: "Vetter Elch, ich danke dir, dass du mir erlaubt hast, dich zu töten. Du sollst mich mit deinem Körper und deiner Seele nähren." Er ließ die gespannte Sehne los, und sein frisch geschnitzter Pfeil flog, mit nur leichtem Drall nach rechts, über die helle Lichtung und einen umgestürzten Stamm hinweg und verschwand im Schatten der Bäume. Markus rannte zu dem Baumstamm und sprang darüber. Sein Herz schlug heftig. Er hatte sich so sehr in sein Jagdfieber gesteigert, dass er fast glaubte, er hätte wirklich einen Hirsch gesehen. Es dauerte eine Weile, bis er die Beute entdeckte. Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Zunächst sah er nur eine von Sonnenflecken gesprenkelte Schattenfläche. Der Körper, der unter einem Tarnmuster verborgen lag, war schwierig zu erkennen. Aber mit einem Mal wurde Markus klar, was er da anstarrte. Das war ein Mann mit einem Bauch, der so dick war, dass er wie ein Blätterhaufen wirkte. Er lag auf dem Rücken, trug Cowboystiefel und Bluejeans und eine alte Bundeswehrjacke. Seine Augen und sein Mund waren vor Erstaunen weit aufgerissen, und seine Hände umklammerten den Schaft eines Pfeils, der in seiner Brust steckte.

Conny Hartmann machte mal wieder Überstunden. Immer noch. Obwohl sie den Polizeidienst quittiert hatte. Einer der Vorteile ihres neuen Jobs als Partnerin von McAdam hätte sein sollen, dass sie regelmäßige Arbeitszeiten hatten und sie sich ihre Schichten gleichberechtigt aufteilten. Nicht dass sie McAdam dafür verantwortlich machen konnte, sie war ja selbst daran schuld. Niemand verlangte von ihr, dass sie diesen sonnigen, sommerlichen Samstag im Büro verbrachte. Der eigentliche Plan war gewesen, abwechselnd per Handy erreichbar zu sein, falls ein Klient mit einem dringenden Anliegen unbedingt mit McAdam & Partner Kontakt aufnehmen wollte. Man konnte aber sehr gut an einem Baggersee erreichbar sein oder auf einem Bergpfad im Schwarzwald oder auf einem Weinfest in der Pfalz. Nur ein Masochist würde an so einem Tag drinnen bleiben, Papiere sortieren und den Geruch von frischer Farbe einatmen.

Farbe. Tapete. Conny stand von ihrem Ikea-Schreibtisch auf und füllte Wasser in die Kaffeemaschine. Im letzten Winter erst hatten sie ihre neuen Büroräume in einem Laden im Souterrain eines Hauses in der Karlstraße renoviert. Sie war es gewesen, die das verkratzte Parkett unter dem hässlichen Linoleum entdeckt hatte. Sie war es gewesen, die Staubmaske und Arbeitshandschuhe angezogen hatte, um mit geliehenen Maschinen den Boden abzuschleifen und neu zu versiegeln. Lange nachdem McAdam und Kai schon aufgehört hatten abzukratzen, zu tapezieren und zu malen, war Conny immer noch im Büro geblieben, hatte gesäubert, verbessert und auf Hochglanz gebracht. Sie hatte sich mit McAdam auf ein Budget geeinigt, und er hatte ihr bei der Inneneinrichtung freie Hand gelassen. Kai hatte ihr mit seinem Regenbogen-Bus beim Transport der Neuerwerbungen geholfen. Das Ergebnis war ein sauberes, helles Büro mit weißen Wänden, hellem Holz und skandinavischem Flair. Es sah mehr aus wie das Wartezimmer eines Kinderarztes als wie eines dieser schäbigen Büros, die in Detektivgeschichten beschrieben werden.

Es war ein bisschen so, als würde sie sich ihr Nest bauen. Irgendwann war ihr das klar geworden, und nun grübelte sie darüber nach, zwischen all ihren Topfpflanzen, und starrte nach draußen zu den wenigen perspektivisch verzerrten Fußgängern, die den Bürgersteig entlanggingen. Sie schenkte sich Kaffee in einen schönen roten Becher ein und prostete den Jungs auf dem berühmten Foto von Lewis Hines zu, das eine Gruppe Bauarbeiter bei der Frühstückspause auf einem frei schwebenden Eisenträger hoch oben auf dem Empire State Building zeigte. Die großformatige Reproduktion war als Scherz gedacht und sollte die Souterrain-Lage des Büros optisch ausgleichen. Am Abend vorher hatte sie eine TV-Dokumentation über diese Arbeiter gesehen. Die meisten von ihnen waren Mohawks, von denen es hieß, dass sie schwindelfrei seien.

Ja, sie hatte sich ein gemütliches Büro eingerichtet, ein Nest für sich und ihren Partner. Aber McAdam hatte schon ein Nest, in dem auch Frau und Kind bereits Platz gefunden hatten. Uschi war hochschwanger gewesen und hatte sich deshalb von den Renovierungsarbeiten ferngehalten, aber Conny hatte sie zu allen wichtigen Angelegenheiten befragt, zu den Möbeln und sonstigen Details. Sie waren Freundinnen geworden, manchmal hatten sie sich sogar regelrecht verschworen. Uschi hatte sie sogar gefragt, ob sie Sandys Patentante werden wollte. Kai sollte der Patenonkel sein. Zusammen wären sie ein höchst ungewöhnliches Paar von Paten gewesen. Beide waren sie Singles und jeder auf seine Art ein Workaholic und Eigenbrötler. Eigenbrötler, ja genau. Conny konnte noch immer nicht ganz den Verdacht beiseiteschieben, dass Uschi, die ja als Erste auf die Idee mit dem gemeinsamen Detektivbüro gekommen war, den Drang hatte, Conny in ihr Familienleben einzubeziehen, damit sie nicht länger eine Gefahr für ihre Ehe darstellte. Das war sie ja in der Tat gewesen, als sie zusammen mit McAdam die Straßenbahnmorde aufgeklärt hatte.

Eine Gefahr für die Ehe. Ha! Uschis Strategie, falls es wirklich eine war, hatte sich jedenfalls bewährt. McAdam hatte nur noch Augen für das Baby. Sandy hier und Sandy da. Der Mann war total in seine Tochter verknallt. Er hatte sich nicht mal zu Connys Inneneinrichtung geäußert. Schließlich musste sie ihn direkt darauf ansprechen: "Also, McAdam, gefällt es dir nun?" "Was denn?" "Das Büro, McAdam. Dein neues Hauptquartier." "Oh, ja, klar. Super, echt super. Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass Sandy letzte Nacht zum ersten Mal durchgeschlafen hat ..."

Die McAdam-Familie schlief jetzt also die Nacht durch. Vergiss es, Conny, denk einfach gar nicht daran. Sie schaltete den Computer ein, ohne Grund, einfach nur um sein freundliches Brummen zu hören. Das Telefon klingelte.

Conny griff nach dem Hörer. "McAdam & Partner. Hartmann am Apparat."

"Oh, prima. Hallo, Conny. Hier spricht Ulli Döring, erinnerst du dich noch an mich?"

"Ulli! Hallo! Bist du wieder aus Afrika zurück?"

"Ja, und in Brasilien bin ich danach auch noch gewesen. Ich habe ein Jahr bei den Xingus verbracht."

"Wahnsinn! Deine Hobbyaufnahmen sehen bestimmt super aus." Conny merkte, dass sie einen leicht ironischen Ton angeschlagen hatte. Das wollte sie eigentlich nicht. Sie bewunderte Leute, die ihr postindustrielles Luxusleben aufgaben, um in weniger wohlhabenden Ländern zu leben und sich dort nützlich zu machen. So wie ihr Bruder in Tansania. Aber trotz allem war Ulli, ein ehemaliger Klassenkamerad, ihr immer ein bisschen naiv, weltverbesserisch und hippiemäßig vorgekommen - als wäre er ein Wiedergänger der 68er. "Arbeitest du immer noch für den Deutschen Entwicklungsdienst?"

"Nein, ich studiere jetzt Anthropologie, Conny. Ich rufe dich übrigens aus beruflichen Gründen an."

"Geht's um deinen oder um meinen Beruf?"

"Deinen - ich brauche einen Leibwächter."

"Einen Leibwächter? Wieso das denn? Hast du die Gräber der Xingus ausgeraubt? Hoppla, entschuldige, Ulli, hör nicht auf das, was ich sage. Ich bin auf meine alten Tage ein bisschen zynisch geworden."

"Es geht nicht um mich", sagte Ulli, genauso ernst wie er immer geklungen hatte. "Es geht um unseren Gast. Wenn ich wir sage, meine ich übrigens 'Ursprung', du weißt schon, die Gesellschaft zur Rettung der indigenen Völker."

Na klar, wer gerettet werden soll, braucht Bodyguards, logisch, dachte Conny. Diesmal aber hielt sie den Mund.

"Der Redner auf unserer Veranstaltung heute Abend ist Brett Two Lights, ein nordamerikanischer Schamane und Dichter."

"Ja, ich erinnere mich. Ich hab die Plakate überall in der Stadt gesehen." Er sollte Gedichte lesen und über seine Reisen zu gefährdeten Volksstämmen in vier Erdteilen berichten. Hey, sollte nicht auch Uschi heute Abend Texte über irgendwelche amerikanischen Ureinwohner lesen? "Das findet im Oasis-Theater statt, richtig? Ein Stück weit die Straße rauf."

"Oh, hm, leider nicht, das ist die Konkurrenz-Veranstaltung. Die Gesellschaft für die Erhaltung der Indianer unterstützt das. Wie üblich haben sie uns nichts davon erzählt..."

"Und ihr habt ihnen nichts erzählt", stellte Conny fest. Sie hatte keine Lust, in eine Diskussion über die Rivalitäten irgendwelcher Vereine in Karlsruhe zu geraten.

"Na ja. Wie auch immer, unsere Veranstaltung findet im Jute-Beet-Klub statt. Und Two Lights hat eine Todesdrohung erhalten."

"Tatsächlich?" Ein nordamerikanischer Indianer hatte eine Todesdrohung erhalten? Conny war überrascht. Flüchtlinge aus Afrika oder Asien fühlten sich in Deutschland mitunter bedroht. In den östlichen Bundesländern hatten Skinheads fremdartig aussehende Menschen zu Tode geprügelt. In Karlsruhe war vor einiger Zeit eine türkische Familie bei einer Brandstiftung in ihrer Wohnung ums Leben gekommen, und das Verbrechen war nie aufgeklärt worden. Kurden wurden gelegentlich von Türken bedroht oder umgekehrt; Kroaten von Serben und umgekehrt. Ein italienischer Restaurant-Besitzer war auf offener Straße niedergeschossen worden, wahrscheinlich von anderen Italienern. Aber ein nordamerikanischer Indianer? Kein Deutscher würde jemals darüber nachdenken, so jemanden anzugreifen, dachte Conny. Tatsächlich träumten viele Deutsche heimlich davon, selbst ein Indianer zu sein, seit die Winnetou-Romane von Karl May Teil der Jugendliteratur geworden waren.

"Allerdings hat nicht er die Drohung erhalten, sondern wir."

"Auf welche Art denn?"

"Oh - genauso wie im Fernsehen. In einem Brief mit ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben. Und einem zerbrochenen Pfeil."

"Ein Bild von einem zerbrochenen Pfeil?"

"Nein, ein echter. Mit gestreiften Federn, Steinspitze und einem roten Schaft, der in der Mitte durchgebrochen ist. Die Nachricht dazu lautete: 'Wenn du kommst, wirst du sterben!'"

"Wenn du kommst, wirst du sterben", wiederholte Conny. Sie versuchte den begeisterten Ton in ihrer Stimme zu unterdrücken. Nach Wochen des Renovierens und Routinefällen von Versicherungsbetrügereien und vermissten Personen, die irgendwann dann doch den Weg zurück nach Hause allein gefunden hatten, schien dies hier endlich mal ein interessanter Fall zu sein.

"Könnte es nicht sein, dass sich da jemand einen Scherz erlaubt hat?"

"Bestimmt nicht."

Conny nickte vor sich hin. Ulli und seine Freunde waren nicht gerade für ihren Humor bekannt. "Und? Habt ihr die Polizei benachrichtigt? Wurde der Brief auf Fingerabdrücke untersucht?" Falls es sich um eine ernsthafte Warnung handelte, würden keine drauf sein.

"Das ist ja das Problem. Two Lights hat uns verboten, zur Polizei zu gehen. Oder einen Leibwächter einzustellen. Er glaubt, es ist nur ein Scherz. Außerdem denkt er, dass er gut auf sich selbst aufpassen kann. Er ist ein Roter Krieger in der Tushka-Homa-Disziplin."

"Wie bitte?"

"Das ist so eine indianische Kampfsportart, die mit Messern ausgetragen wird." In Ullis Stimme schwang ein leichter Unterton von Missbilligung mit.

"Sehr beeindruckend. Wie kann ich euch also helfen?"

"Na ja, Conny, du bist doch mal Polizistin gewesen. Du bist Karate-Expertin oder so was Ähnliches, das weiß ich noch, und du kennst dich mit Waffen aus. Ich dachte mir, vielleicht könntest du ihn bewachen, ohne dass er es merkt. Bei dir würde er wahrscheinlich nie darauf kommen ..."

"Die wichtigste Waffe eines Leibwächters ist Präsenz zu zeigen, um einen potenziellen Angreifer abzuschrecken", dozierte Conny. Niemand musste ihr erzählen, dass sie mit ihren gerade mal 160 Zentimetern Körpergröße und ihrer rundlichen, kleinen Figur und ihrem langen kastanienbraunen Haar nicht im mindesten so stark aussah, wie sie tatsächlich war. Besonders jetzt, wo sie ihre senfgelbe und olivgrüne Uniform nicht mehr trug. "Aber dennoch, wenn ihr es möchtet, schütze ich ihn natürlich. Du musst nur arrangieren, dass ich ganz unverdächtig in seiner Nähe stehen und das Publikum im Blick behalten kann. Wo ist er denn jetzt?"

"Er wird bald im Zug aus Straßburg sitzen. Eine Abordnung von uns wird ihn um neunzehn Uhr vierunddreißig am Bahnhof abholen. Wir fahren dann direkt mit dem Taxi zum Jute-Beet. Normalerweise verstößt das gegen unsere Umweltschutz-Prinzipien. Wir nehmen sonst immer die Straßenbahn, aber in diesem Fall ..."

"Vernünftiger Gedanke", sagte Conny. "Ich mische mich einfach unter das Begrüßungskomitee. Du kannst ihm ja erzählen, dass ich die offizielle Fotografin für diese Veranstaltung bin."

"Super! Ach so, Conny ..."

"Wie viel Honorar ich nehme? Ich fürchte, ich kann euch keinen Sonderpreis machen, Ulli. Ich muss meinem Partner gegenüber fair sein."

"Geht klar, Conny. Ursprung wird dich bezahlen, kein Problem.""Also bis dann. Und vergiss nicht, den Brief mitzubringen. Und den Pfeil." "Mach ich." Ulli klang erleichtert und beinahe fröhlich. Conny war tatsächlich fröhlich, nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte. Endlich mal ein Samstagabend, an dem sie etwas zu tun hatte.

Kundenbewertungen zu "Blutsbrüder" von "Karen Adams"

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Bewertung von Tuppi am 12.01.2012 ***** gut
spannend und unterhaltsam

Karlsruhe steht im Zeichen der Indianer. Verschiedene Veranstaltungen sollen die Bewohner über das Leben der amerikanischen Ureinwohner informieren. Nach einem Erlebnisnachmittag finden zwei Kinder im Wald eine Leiche, ermordet mit einem Pfeil. Auf dem Weg nach Hause verfahren sie sich und begegnen einem Indianer, der sie gefangen nimmt. Zeitgleich bekommt Conny für die Kanzlei McAdam & Partner den Auftrag, einen Indianer bei einer Lesung zu beschützen, der einen Drohbrief erhalten hat. Den Mordanschlag kann Conny vereiteln, aber der arrogante Mann verhält sich nicht kooperativ.

Dieses Buch beginnt etwa ein halbes Jahr, nachdem der erste Band aufgehört hat. Inzwischen hat Conny ihren Job als Polizistin aufgegeben und ist bei McAdam in die Kanzlei eingestiegen. Der amerikanische Charmeur ist inzwischen Vater geworden.
Auch dieses Buch war spannend, aber leider nicht so fesselnd wie das erste. Ich konnte mir die Protagonisten, die Gegenden und die Situationen auch dieses mal sehr gut vorstellen, sie waren wunderbar beschrieben. Karlsruhe war auch in diesem Buch der Ort des Geschehens, jedoch wieder nur als Randerscheinung.
Die drei verschiedenen Handlungsstränge liefen erst am Ende zusammen. Die Ereignisse wurden fast vollständig aufgeklärt.

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