Blumenkind - Stephani, Claus
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"Eine junge Frau ohne Mann gehört niemandem, und dann manchmal auch allen. Das ist ihr Schicksal..." Beila, deren auffallend schönes rotes Haar ihr zum Verhängnis werden könnte, muss ihr geliebtes Dorf Arvinitza verlassen, als ihr Mann Jacob von den Wölfen geholt wird. Jahre der Angst und der Entbehrung liegen vor ihr, aber auch Begegnungen großer Leidenschaftlichkeit... Nach der Geburt ihres "Blumenkinds" ist sie gezwungen, immer weiter zu ziehen, bis in die östlichen Karpaten, in die Bukowina, und schließlich in das verträumte, weltabgeschiedene Marmatien. Hier blühen alte Mythen und…mehr

Produktbeschreibung
"Eine junge Frau ohne Mann gehört niemandem, und dann manchmal auch allen. Das ist ihr Schicksal..." Beila, deren auffallend schönes rotes Haar ihr zum Verhängnis werden könnte, muss ihr geliebtes Dorf Arvinitza verlassen, als ihr Mann Jacob von den Wölfen geholt wird. Jahre der Angst und der Entbehrung liegen vor ihr, aber auch Begegnungen großer Leidenschaftlichkeit... Nach der Geburt ihres "Blumenkinds" ist sie gezwungen, immer weiter zu ziehen, bis in die östlichen Karpaten, in die Bukowina, und schließlich in das verträumte, weltabgeschiedene Marmatien. Hier blühen alte Mythen und Märchen, hier leben Deutsche und Juden, Ruthenen und Rumänen, Ungarn, Slowaken und Zigeuner in den Dörfern Seite an Seite, bis die Faschisten kommen...
Jahrzehnte später, 1965, macht sich Maria, Beilas "Blumenkind", auf den Weg in diese bis heute abgeschiedene Gegend Europas, um dem Schicksal ihrer Mutter auf die Spur zu kommen... und verliebt sich dort - ahnungslos, tragisch - selbst in ein Blumenkind.
  • Produktdetails
  • Verlag: Schirmergraf
  • Seitenzahl: 349
  • 2009
  • Ausstattung/Bilder: 2009. 349 S. m. Übers.-Kte.
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 22mm
  • Gewicht: 478g
  • ISBN-13: 9783865550675
  • ISBN-10: 3865550673
  • Best.Nr.: 26411660
Autorenporträt
Claus Stephani, geboren 1938 in Brasov (Kronstadt), Schriftsteller, Ethnologe, Kunsthistoriker, Journalist. Studium der Germanistik, Rumänistik und Journalistik in Bukarest, danach Redakteur der Monatsschrift "Neue Literatur". Seit 1990 in München, wo er Europäische Ethnologie studierte und 1994 zum Dr. phil. promovierte. Veröffentlichungen zahlreicher Bände über ostjüdische Märchen und Lebensberichte und mehr als 500 Veröffentlichungen in internationalen Zeitungen, Zeitschriften und im Rundfunk.
Rezensionen
Besprechung von 28.08.2009
Traumbilder von intakten Welten
Das späte Romandebüt „Blumenkind” des Autors und Ethnologen Claus Stephani ist eine Liebeserklärung an die multiethnische Karpaten-Bevölkerung
In der Maramuresch, am äußersten Rand Europas, besagt ein Sprichwort: Hier, in dieser abgeschiedenen Welt, messen die Uhren nicht die Zeit, sondern die Ewigkeit. Das Gebiet in den rumänischen Waldkarpaten ist Bauern- und Hirtenland, auch heute noch, wo die Errungenschaften des Westens ansonsten eingetroffen sind in dem ehemals kommunistischen Staat. Jedenfalls bekommt man aus Reiseberichten den Eindruck, dass dort immer noch die Natur eher dem Menschen den Takt vorgibt als umgekehrt.
Von München aus gesehen ist die Maramuresch ungefähr so weit weg wie der Mond und von Rumäniens Hauptstadt Bukarest aus ebenfalls. Ein ferner Landstrich, ein Ort ohne Veränderungen, ein geschlossener Kosmos. So etwas weckt Sehnsüchte, Claus Stephani zum Beispiel hat dort eine Art imaginäres Zuhause gefunden. Die schweigsame Karpatenlandschaft ist sein Traumbild von einer intakten Welt, die ihm vertraut erscheint und doch unerreichbar, weil ihre Zeit abläuft. Das war in Bukarest so und ist jetzt in Deutschland genauso. Und der Roman, den der rumänisch-deutsche Münchner Stephani aus seiner Sehnsucht gemacht hat, bezieht gerade daraus seine besondere Kraft.
„Blumenkind” heißt das soeben erschienene Debüt des 1938 geborenen Autors, der seit knapp 20 Jahren in München lebt. Wobei Debüt eigentlich nicht korrekt ist: Wer Stephani an einem Sommertag besucht in seinem Garten mit der weinüberwucherten Pergola, bekommt einen Stapel Bücher präsentiert. Die Bände mit ostjüdischen Märchen, mit Legenden und Lebensberichten aus entlegenen Tälern sind das Ergebnis seiner wissenschaftlichen Tätigkeit – und seiner Sammelleidenschaft. Das gehört beides zusammen, denn als Ethnologe in Rumänien hat der zweisprachig aufgewachsene Stephani die Reisen zu den Menschen immer mehr geschätzt als die Bibliotheksarbeit. Er saß mit jüdischen Schäfern in den Hirtendörfern am Tisch, traf die letzten Bewohner ländlicher Schtetl, ließ sich von den Zipser Sachsen, einer deutschen Volksgruppe, beim „Schnåpsl nach ter Årpeit” ihre eigentümliche Sprache erklären. Und hat alles aufgeschrieben. Aber zum Roman ist er spät gekommen, erst mit 71, und insofern ist das „Blumenkind” über die Jüdin Beila doch ein Debüt. Wobei dem Buch nicht die Frische, aber das Unbeschwerte des Erstlings fehlt: Viele Erzählungen, die Stephani unter den einfachen Leuten sammelte, sind darin eingeflossen, und viele davon waren nicht heiter.
„Es ist eine wahre Geschichte”, sagt Stephani über seine Heldin. Das Schicksal einer Frau, die versucht, gegen Widerstände ihren Weg zu gehen: Seit der Geburt ihrer unehelichen Tochter ist die starke und doch verletzliche Beila mit dem Kind Maria auf der Flucht, sie durchwandern die Landschaften der Moldau und der Bukowina, Nordsiebenbürgen und die Maramuresch. Alte Kulturräume, in denen das Nebeneinander der Volksgruppen funktionierte, bis die vernichtenden Schatten des Naziterrors aufziehen. Beila findet ein kleines Stück Glück, aber auch sie entkommt am Ende den NS-Schergen nicht. Ihre Tochter kehrt als Mary Jahrzehnte später zurück in die Heimat der Mutter, um ihre Spuren zu suchen und findet eine verbotene Liebe. Stephani verwebt die Zeitebenen ineinander und die Sprachen, das Jiddische, das Rumänische, die altertümlichen Idiome der Banater Schwaben und Zipser Sachsen. Auf diese Weise erschafft er eine ganz eigene Welt, die eng erscheint, gleichzeitig großzügig und wie losgelöst von Zeit und Raum.
Und ein wenig ähnlich ergeht es einem während des Gesprächs. Man sitzt mit dem Autor beim Kaffee im Garten, der 71-Jährige erzählt, einen Anflug von östlichem Singsang in der Stimme, von der Entstehung des Buchs, er dürfte einiges gelernt haben von den alten Geschichtenerzählern aus den Karpaten – und am Ende lösen sich die Grenzen zwischen Fiktion und Realität auf. Ob Beilas Geschichte wahr ist oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle, weil „Blumenkind” ganz für sich steht: Eine berührende, auf spröde und poetische Weise eindringliche Geschichte. Blumenkind, „copil din flori” nennen die Rumänen das Kind einer leidenschaftlichen Liebe, weil es angeblich oft auf sommerlichen Wiesen gezeugt wird. Und der Titel ist ein schöner Hinweis darauf, dass Stephani auch ein wunderbarer Liebesroman gelungen ist.
Vor allem aber ist der im SchirmerGraf Verlag erschienene Erstling eine Lesereise in eine fremde, vielsprachige Welt. Die „alte und gütige Mutter Bukowina”, Heimat vieler Völker, das bergige Siebenbürgen, die Maramuresch – Stephani versteht seinen Roman als Hommage an eine Vielfalt, die seit dem Aufkommen des Faschismus sukzessive zerstört wurde und untergeht. Der Leser begegnet dem historisch kundigen Ethnologen Stephani auf jeder Seite: Wie er die Besonderheiten der Volksgruppen hervorhebt, der Rumänen und Ungarn, Deutschen und Ruthenen, die lebendigen Mythen vom Werwolf Prikulitsch und der Schicksalsgöttin Padureanca, die Redensarten, Bräuche, Gerichte, das ist ungeheuer interessant. Und lässt nebenbei die Frage aufkommen, ob die vernetzte Welt von heute wirklich bunter ist als früher. Bei aller Volkskunde verliert der Autor seine Geschichte nie aus dem Blick. Und versucht erst gar nicht, unbeteiligt zu erscheinen: Das Buch ist eine Liebeserklärung an eine geschichtlich enorm belastete Region, deren Verletzungen, Schönheiten ihn faszinieren.
Vielleicht gerade deshalb, weil er selbst als Reisender in die Gegend kam. Zwar war ihm dort nicht alles neu. Das Multiethnische ist für einen Rumäniendeutschen mit schwäbisch-jüdisch geprägter Familientradition wie Stephani gelebte Wirklichkeit. Auch die im Roman allgegenwärtigen Gebirgszüge sind ihm vertraut, in Brasov (Kronstadt) geboren, sei er „ein Kind der Karpaten”. Aber die Geschlossenheit des Wassertals, wo die Uhren die Ewigkeit messen, die hat er sich erst erwandert. Unzählige Male fuhr er von Bukarest in die vergessenen Winkel des Landes. Vielleicht, sagt Stephani, habe ihn eine unbewusste Sehnsucht angetrieben zu seinen Reisen in eine Welt, die es eigentlich gar nicht mehr geben konnte. Weg aus Bukarest, weg von den Schikanen der Diktatur. 1990 verlassen Stephani und seine Frau Rumänien, seither leben sie in München. „Wir haben hier ein Domizil gefunden, ein schönes Domizil, und wir sind zufrieden”, sagt Claus Stephani. „Aber meine innere Heimat bleiben die Landschaften des Blumenkindes.” ANNE GOEBEL
„Karpaten-Kind” Stephani. Foto: Haas
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Besprechung von 04.01.2010
Überwältigt von der wilden Liebe

Kapitulation der Heilkräuter: Der rumäniendeutsche Schriftsteller Claus Stephani hat ein eindringliches Buch über eine Spurensuche im Schatten der Schoa geschrieben.

Claus Stephani nennt "Blumenkind" einen Roman, aber so einfach ist das nicht. Ich glaube, er hat eine melancholische Ballade geschrieben, von Glück, Heimsuchung, Verwirrung und Tod zweier Frauen, einer jüdischen Mutter und ihrer Tochter, in den gefährlichsten Jahren der europäischen Geschichte, die auch vor einsamen Gehöften nicht haltmacht.

Die Moldawa, Siebenbürgen, Marmatien, eine ferne und unvertraute Welt, zumindest für eine mitteleuropäische Leserschaft, aber der Erzähler entflicht uns das Mit- und Durcheinander der Sprachen, Dialekte, Siedler- und Volksgruppen, behält die einzelnen Menschen im Auge, ob Juden, Zipser, Ruthenen, Ungarn, Rumänen oder Volksdeutsche, und arbeitet allen kollektiven Begriffen ruhig entgegen. Im Grunde ist die Geschichte, die er uns erzählt, ein Kapitel der Schoa-Spurensuche, wie sie sich in den jüngsten Jahren in den verschiedensten Gestaltungen herausgebildet hat, ob in W. G. Sebalds "Austerlitz", Jonathan Safran Foers "Everything is illuminated" (2002) oder in Amy Blooms "Away" (2007). Bei Stephani ist es die Tochter, die auf der Suche nach der Mutter ihrem eigenen tödlichen Schicksal entgegengeht.

Stephanis Roman Schritt für Schritt nachzuerzählen hieße, seine tragischen und unvorhergesehenen Geheimnisse vorzeitig zu verraten. Da hilft die Chronologie weiter: Im Jahre 1925 wird Beila, rothaarig und blauäugig, Witwe, weil rumänische Faschisten ihren Mann im Walde erschlagen, und muss, als alleinstehende und gefährdete Frau, anderswo ein Auskommen suchen. Sie findet Zuflucht bei einem freundlichen Ehepaar, aber die Bauern bedrohen die Ortsfremde als "rothaarige Hexe", und sie verdingt sich (nachdem sie eine kurze Zeit des Glücks mit einem Katholiken erlebt und eine Tochter Marie Esther zur Welt bringt) als Haushälterin in einem siebenbürgischen Pfarrhaus, wo sie nicht lange zu arbeiten vermag, weil der Pfarrherr sie missbraucht.

Mutter und Tochter haben vieles gemeinsam: sie beide, Beila und Marie, müssen verbergen, dass sie Jüdinnen sind (man schreibt das Jahr 1940), sprechen deutsch oder rumänisch, aber nicht jiddisch, und beide sind, zu Zeiten von der "wilden Lieb" überwältigt, "zufällig, unbedacht und in Eile", auch die vierzehnjährige Marie, längst wieder, 1945, auf der Flucht in Böhmen und Bayern. Sie liebt den jungen deutschen Sanitäter Heinz, dem sie einen Sohn schenkt (sie wird diesem Sohn zwanzig Jahre später wieder als wilde Liebende begegnen und mit ihm sterben, ohne zu wissen, wer er eigentlich war (Inzest ist ein hartes Wort).

Der Erzähler schafft sich den Vorteil, seine Erzählung doppelt zu konstruieren; einmal als die Geschichte Beilas und ihrer Bedrängnisse und ein andermal, indem er sich ihrer Tochter Marie zuwendet, die im Jahre 1965 in ihrem auffälligen roten Auto nach Rumänien reist (sie heißt jetzt Mary Fleming, eine Zahnärztin aus Köln), um etwas über das Schicksal ihrer Mutter zu erfahren. Es ist der ungarische Schriftsteller Wilhelm Bruckmann, von dem sie in einem kleinen Ort erfährt, wie man Beila tötete, und Bruckmann spricht davon, was ihn dazu bewegt, die alten Geschichten nicht zu vergessen - eine der wenigen Zeilen, in der Stephani, durch Bruckmanns Mund, aber in perspektivischer Verschiebung, auch von sich selbst spricht: "Sehen Sie, ich bin Ungar . . . doch befasse ich mich auch mit dem Schicksal der Schwaben, die einst hier gelebt haben . . kommen junge Leute aus Israel und den USA, die nach ihren Ahnen forschen. Ganz selten ist auch jemand aus Deutschland unter ihnen . . ."

Im Klappentext heißt es, das "Blumenkind" sei der erste Roman Stephanis, aber das ist nicht die ganze, viel kompliziertere Wahrheit. Claus Stephani, der im Jahre 1938 im rumänischen Brasov/Kronstadt zur Welt kam, hat als Lyriker, Prosa-Autor, Philologe und Ethnologe Mannigfaltiges publiziert und nicht allein als Leiter des deutschen Schriftstellerverbandes in Rumänien oder als Redakteur der deutschen Zeitschrift "Neue Literatur" in Bukarest, die er bis 1990 leitete, also bis zu dem Jahr, in dem er mit seiner Familie nach Deutschland emigrierte. Zu seinen früheren Publikationen zählen drei Sammlungen lyrischer Gedichte und der Prosaband "Manchmal im Ostwind" (1977), und zu seinen Verdiensten zählt es auch, eine Sammlung junger deutscher Lyrik in Rumänien, der Generation nach Celan also, in Bukarest ediert zu haben (1978). Eigentlich ist er längst ein weltberühmter Sammler vergessener Märchen und Legenden jiddischer, rumänischer und Zipser Herkunft, die in Amerika, Italien und anderswo erschienen sind, nicht zuletzt in der Reihe Diederichs, und der Autor Stephani bleibt auch als Romanschriftsteller Märchensammler, Ethnologe und Linguist, gerade dort, wo er seine besonderen Frauencharaktere zeichnet, ob Jüdinnen, Volksdeutsche oder Zigeunerinnen.

In der Welt der Blumenkinder, die immer in wilder Liebe in blühenden Wiesen gezeugt werden, durchdringt das Märchenhafte und Mythische die reale Welt der bedrohlichen Historie. Beila sieht die riesenhafte "schwarze Waldmutter", die Unheil bringt, in Nebelwirbeln aus den Bergen niedersteigen (ihr Mann Jacob liegt ermordet unter den Bäumen), und nicht jeder hat den Mut des alten jüdischen Fuhrmannes Herschel, der sich mit einer Knoblauchzehe und einer vom Popen geweihten Mistgabel gegen die bösen Geister wappnet. Gegen die Soldaten und die Nazi-Umsiedlungskommissionen ist sowieso kein Kraut gewachsen.

Zuzeiten schreibt Stephani allerdings mit zwei Händen, mit der rechten des Romanciers und mit der linken des Ethnologen, und die linke gerät der rechten manchmal in die Quere. In der Vorrede mag noch Raum genug sein für eine philologisch professionelle Fußnote über die rumänische Etymologie des Wortes für "Blumenkind" (copil din flori) , aber anderswo schreibt er die Zipser Mundart geruhsam phonetisch aus, und manches Jiddische bedarf umständlicher Übersetzungen. Überzeugender, wenn das Jiddische in den Selbstgesprächen Beilas auftaucht oder sie Jiddisch aus ihren Träumen spricht, in unsagbarer Gefahr. Der Ethnologe Stephani weiß genau, wie wichtig es ist, was die Menschen, nach Herkunft und Zugehörigkeit, zu essen pflegen, und nichts Kulinarisches bleibt uns fremd, weder siebenbürgische Palukes, Maisbrei mit ein wenig Milch dazu, Haluschken, eine Art Knödel, noch "gfillte Krumpirn", Kartoffelhälften, gefüllt mit Topfen, Zwiebeln und Kräutern - im Roman öffnet sich ein ganzes Kochbuch, allerdings eines mit anthropologischen Perspektiven.

Das Überraschende und Paradoxe ist es allerdings, dass der innere Zwiespalt des Autors, zwischen Epik und Ethnologie schwankend, seinem Roman zuletzt gar nicht abträglich wird, im Gegenteil. Mich bewegt selbst seine epische Naivität dazu, inniger mit den Schicksalen seiner Menschen zu sympathisieren, oder genauer gesagt: Ich wehre mich zuzeiten gegen allzu viel Folklore und bin dennoch gezwungen, mit den Einzelnen in ihren Geschichten und in der Geschichte zu fühlen. Es ist ein Roman, den ich, erschüttert, lange nicht zu vergessen vermag.

PETER DEMETZ

Claus Stephani: "Blumenkind". Roman. Schirmer/Graf Verlag. München 2009. 349 S., geb., 19,80 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Das Buch lässt Peter Demetz erschüttert und begeistert zugleich zurück. In jedem Fall bleibt es ihm unvergesslich. Dabei erscheint ihm das von Claus Stephani für sein Buch reklamierte Genre des Romans eigentlich nicht ganz das richtige zu sein. Eher sieht Demetz darin eine melancholische Ballade, die ein weiteres Kapitel der "Schoa-Spurensuche" aufschlägt, diesmal in Siebenbürgen. Erzählt wird vom Glück und Leid zweier Frauen, einer jüdischen Mutter und ihrer Tochter. Und wie der Autor Sprachen und Dialekte verschiedener Volksgruppen und das Mythische und Märchenhafte und sogar das Kulinarische ihrer Welt entfaltet, das hat für Demetz schon etwas von einer enthnologischen Reise. Gern geht er da mit, denn Stephanis von seinem ethnologischen Interesse immer wieder abgelenkte Epik lässt ihn nur noch "inniger" mit dem Schicksal der Menschen sympathisieren.

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