Seitdem sich die Forschung im ausgehenden 19. Jahrhundert dem
Volkstanz zugewandt hat, sind vielerlei Definitionen desselben
formuliert, revidiert und präzisiert worden. Die Ansichten darüber,
was denn Volkstanz eigentlich sei, gingen und gehen dabei weit
auseinander. 'Volkstanz', das war und ist eine durchlässige
Größe, und entsprechend groß fallt die allfällige Diskrepanz
zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit aus. So ist jener überaus
uneinheitlich definierte 'Volkstanz' immer irgendwie
politisch und kann nur in seinem historischen Kontext verstanden
werden. Mit dem 'Dritten Reich' und der Deutschen
Demokratischen Republik nutzten zwei - zugespitzt formuliert -
ideologisch konträre Regimes mit dem Volkstanz dasselbe Mittel zur
Inszenierung und politisch-ideologischen Manipulation der
Volksgemeinschaft bzw. Volksmasse. Die vorliegende Studie
untersucht die konkreten Bezuge zwischen Körperbildern und
politischer Ideologie, Massenveranstaltungen und nationaler
Gemeinschaft, fragt nach dem Einfluss des Diskurses um diese
Denkfiguren und kulturellen Praktiken auf den Volkstanz und
analysiert die Begriffsentwicklungen in den beiden
Untersuchungszeitraumen. Damit werden nicht nur evidente
Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgefiltert und durchleuchtet,
sondern im Ergebnis auch Kontinuitäten zwischen den beiden
untersuchten Systemen aufgezeigt.
Hanna Walsdorf studierte Musik- und Tanzwissenschaft, Politische Wissenschaft sowie Historische Hilfswissenschaften und Archivkunde an den Universitäten Salzburg, Bonn und Bern.
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