Barins Dreieck - Nesser, Hakan

Hakan Nesser 

Barins Dreieck

Roman

Aus d. Schwed. v. Christel Hildebrandt
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Barins Dreieck

Drei Männer, drei Morde, drei tödliche Verbindungen ...

Schon längst ist er kein Geheimtipp mehr, schon längst warten seine Fans mit Hochspannung auf jeden neuen Roman von ihm: H. Nesser ist nicht nur in Schweden ein Superstar, auch in Deutschland hat er inzwischen Millionen von begeisterten Lesern.
Für seine Kriminalromane um Kommissar Van Veeteren und seine raffinierten Psychothriller erhielt er zahllose Auszeichnungen.

In Barins Dreieck erzählt Nesser von drei Männern, die plötzlich und unerwartet mit drei Morden konfrontiert werden: ein verwitweter Übersetzer, ein verunsicherter Psychotherapeut und ein Lehrer kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Was verbindet die drei? Bilden sie sich die Morde etwa nur ein?
Barins Dreieck ist ein Buch, das einem den Schauer über den Rücken jagt. Ein ungewöhnlicher Kriminalroman, der Nervenkitzel und Spannung bietet bis zum Schluss.



Produktinformation

  • Verlag: BTB BEI GOLDMANN
  • 2003
  • Ausstattung/Bilder: 2003. 505 S.
  • Seitenzahl: 512
  • btb Bd.73171
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 118mm x 35mm
  • Gewicht: 432g
  • ISBN-13: 9783442731718
  • ISBN-10: 3442731712
  • Best.Nr.: 11962126
kulturnews - RezensionBesprechung
Bereitgestellt von kulturnews.de
(c) bunkverlag
Bedrückend wie Kafkas Käfer und rätselhaft wie der Auster der frühen Jahre - so kommt Nessers hintergründige Trilogie um Identitätsverdoppelung und damit auch -verlust daher. Sein Balanceakt zwischen den verschiedenen Ebenen der menschlichen Psyche lässt einen in die Klaustrophobie eines Dreiecks fallen, das weder zwischen den Bermudas noch in New York liegt, sondern erschreckenderweise womöglich in jedem von uns. Das absolut Beste, was Nesser bisher geschrieben hat, auch, oder vielleicht gerade wegen des Verzichts auf Van Veteren & Co. (bl)

"Atmosphärisch dicht und einfallsreich, faszinierend und furchteinflößend: dieses Buch entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann!"

"Atmosphärisch dicht und einfallsreich, faszinierend und furchteinflößend: dieses Buch entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann!"<br />Upsala Nya Tidning<br/><br/>"Dieses Buch ist leichtfüßig und tiefgründig zugleich, man liest - und kann nicht mehr aufhören damit."<br />Göteborgs-Posten<br/><br/>"Schwedens führender Krimiautor bestätigt, dass er auch ohne seine Hauptfigur Van Veeteren atmosphärisch dicht, einfallsreich und Furcht einflössend schreibt. Der Krimi entwickelt einen Sog des Schreckens, dem man sich nicht entziehen kann."<br />Schweizer Illustrierte
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der interessantesten und aufregendsten Krimiautoren Schwedens. Für seine Kriminalromane um Kommissar Van Veeteren erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in mehrere Sprachen übersetzt und wurden erfolgreich verfilmt. Daneben schreibt er Psychothriller, die in ihrer Intensität und atmosphärischen Dichte an die besten Bücher von Georges Simenon und Patricia Highsmith erinnern. "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" oder "Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla" gelten inzwischen als Klassiker in Schweden, werden als Schullektüre eingesetzt, und haben seinen Ruf als großartiger Stilist nachhaltig begründet. Håkan Nesser lebt mit seiner Frau derzeit in London und auf Gotland.

Leseprobe zu "Barins Dreieck" von Hakan Nesser

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Leseprobe zu "Barins Dreieck" von Hakan Nesser

Rein

Ich hatte zwei Gründe, nach A. zu reisen, vielleicht sogar drei, und weil es mein Ziel ist, über alles so genau wie möglich Rechenschaft abzulegen, wähle ich sie als Ausgangspunkt. Meine Reise nach A.

Wie ich es jetzt in dem noch nicht Geschriebenen sehe, besteht natürlich das Risiko, dass Sachen und Dinge verwischen, unklar werden. Dass es mir vielleicht nicht gänzlich gelingt, alle Ereignisse und Zusammenhänge auseinander zu halten. Und dann ist es natürlich eine gute Regel, wenn man sich an die Chronologie hält, die sich sowieso anbietet. Auch wenn ich - das ist zumindest meine Hoffnung - nicht der Versuchung verfallen bin, mich, so weit es geht, in das Urgestein der Zeit zurückzuverirren.

Wer kann sagen, wann etwas eigentlich anfängt?

Wer?

Der erste Anlass war also dieses Rundfunkkonzert. Beethovens Violinkonzert, das bekanntermaßen in D-Dur gespielt wird, es soll angeblich im Jahr 1806 in erster Linie für den Geiger Franz Clement geschrieben worden sein, und es heißt, dass Beethoven selbst es als so ein Meisterwerk ansah, dass er nie wieder versuchte, in diesem Genre etwas zu schreiben. Unübertrefflich, mit anderen Worten.

Wie üblich hatte ich es mir mit einer Decke über den Beinen auf meinem Barnedale-Sofa bequem gemacht. Ein Glas Portwein stand in Reichweite auf dem Tisch, dazu eine Schale mit Nüssen und eine einsame Kerze. Ich erinnere mich noch, wie mir der Gedanke kam, dass der leicht flackernde Lichtkegel in gewisser Weise den Abstand zwischen mir und der Musik zu gestalten schien, dieses undurchdringliche Land, die schwammige, aber definitive Grenze zwischen dem Ich und dem Es. Draußen peitschte ein hartnäckiger Regen gegen das Fenster, wir hatten schon Mitte November, und das Wetter war, wie es zu dieser Jahreszeit zu sein pflegt. Dunkel, nass und schwermütig. Böige Winde jagten durch die Straßen und Gassen, und die Temperatur war in den letzten Wochen zwischen Null und einigen Graden darüber hin und her gependelt. Nie höher.

Die Sendung begann wenige Minuten nach zwanzig Uhr, und ich befand mich bald in diesem Zustand, der sowohl starke Konzentration als auch Entspannung beinhaltet und der so charakteristisch, vielleicht auch einzigartig für ein gutes Musikerlebnis ist. Vielleicht bin ich auch für ein paar Minuten eingenickt, aber ich bin mir sicher, dass ich trotzdem nicht einen Ton von Corrado Blanchettis souveränem Spiel verpasst habe.

Das Husten kam ganz zum Schluss, gerade während der leisesten Partie vom Rondo, und es versetzte mir einen Schlag. Ich habe immer wieder sowohl über das Geräusch als auch über meine Reaktion darauf nachgedacht, und ich weiß, dass es eigentlich keinerlei Zweifel in irgendeiner Richtung daran gibt. Es war ein elektrischer Stoß, ganz einfach. Elektrisch. Emotional. Ich verfiel in einen Schockzustand, und er dauerte eine ganze Weile: Während ich abgestumpft dem Schlussakkord des Konzerts lauschte, während des folgenden Applauses und bis der Rundfunksprecher erklärte, dass wir gerade Beethovens Violinkonzert in einer Einspielung der Rundfunksymphoniker in A. genossen hätten. Der Solist sei Corrado Blanchetti gewesen, das Datum des Konzertes der 4. Mai dieses Jahres.

Ich will nicht leugnen, dass es trotzdem bereits vom ersten Augenblick an einen gewissen intellektuellen Zweifel gab. Auf eine bestimmte Art war mir der Gedanke, ich könnte mich verhört haben, fremd. Dass ich mich geirrt haben könnte. Ich überlegte, verwarf und analysierte diese nur Sekunden währende Hörerinnerung wirklich kritisch. Ich bin weiß Gott kein Mensch schneller Entschlüsse, aber in meinem tiefsten Inneren - im geschützten Raum der Gefühle - wusste ich natürlich, dass ich mich in keiner Weise selbst belogen hatte.

Das war sie gewesen. Das war Ewas Husten. Meine verschwundene Ehefrau hatte während dieser gut ein halbes Jahr alten Aufnahme irgendwo im Publikum gesessen, und auf Grund eines leichten Kratzens im Hals, das zu unterdrücken ihr nicht gelungen war, erhielt ich das erste Lebenszeichen von ihr seit mehr als drei Jahren.

Ein Husten aus A. Eineinhalb Minuten vor Ende von Beethovens Violinkonzert in D-Dur. Natürlich mag es sonderbar und unglaublich klingen, aber im Lichte von vielem anderen betrachtet, was mir früher und auch später noch zustieß, erscheint es wiederum gar nicht mehr so aufregend.

Es kostete mich eine gute Woche - neun Tage, um genau zu sein -, um an die Aufnahme des Rundfunksenders zu kommen (mein Tonbandgerät war während der Sendung leider ausgeschaltet gewesen, da ich vergessen hatte, neue Bänder zu kaufen), aber so sehr es den Zweifeln auch gelungen war, während dieser Wartezeit ihre Klauen in mich zu schlagen, so lockerte sich der Griff doch unmittelbar, als ich mich hinsetzen und das Konzert noch einmal hören konnte. Vier, fünf Mal spulte ich vor und zurück bei der betreffenden Stelle, und jedes Mal versuchte ich, mir wieder ganz unvoreingenommen und gleichzeitig besonders aufmerksam das Geräusch anzuhören.

Ich kann es natürlich nicht beschreiben. Gibt es überhaupt Worte für so etwas wie ein Husten? Mir kommt der Gedanke, wie wenig von unserer Wirklichkeit und unseren Vorstellungen von ihr eigentlich in den Bereich der Sprache fällt. Während es also kein Problem für mich darstellt, mit Hilfe eines ganz kurzen Höreindrucks das Charakteristische an dem spezifischen Husten eines Menschen herauszufiltern - unter dem von Millionen -, besitze ich kaum ein adäquates Wort oder einen Ausdruck, um dieses Geräusch zu beschreiben. Ich nehme an, dass eine genaue Unterscheidung mit Hilfe komparativer Luftfrequenzkurven und ähnlicher Techniken zu Stande kommen könnte, aber was mich betrifft, war dieser Aspekt von Anfang an überflüssig und uninteressant.

Es war Ewa, die da hustete. Am 4. Mai hatte sie in A. gesessen und Beethovens Violinkonzert gehört. Ich hatte es sofort gewusst, als ich es hörte, und ich wusste es immer noch genau, nachdem ich es mir wieder und wieder angehört hatte.

Sie lebte. Sie lebte, und es gab sie. Zumindest vor sechs Monaten.

Und das versetzte mir einen Schlag, wie schon gesagt.

Der zweite Grund, nach A. zu fahren, trat zwei Wochen nach dem Rundfunkkonzert ein. Frühmorgens rief mich der Verleger Arnold Kerr an und teilte mir mit, dass Rein tot sei und dass er soeben dessen neues Manuskript erhalten habe.

Das klang natürlich gleichzeitig verwirrend und ein wenig widersprüchlich, und noch am gleichen Tag verabredeten wir uns im Klosterkeller zur Mittagszeit, um die Geschichte zu erörtern.

Das heißt, das Wenige zu erörtern, das es zu diesem Zeitpunkt zu erörtern gab. Rein sei tot, stellte Kerr fest und stocherte ein wenig lustlos mit der Gabel in seinen Fettucini herum. Die genauen Umstände waren noch unbekannt, aber er war während der letzten Jahre nie so richtig gesund gewesen, also war es so gesehen keine große Überraschung. Ich versuchte natürlich, Details zu erfahren, aber die meiste Zeit saß Kerr nur da und zuckte abwehrend mit den Schultern, und bald war klar, dass er nicht besonders viel darüber wusste, was eigentlich passiert war. Er hatte die Nachricht per Telefon erhalten. Zimmermann hatte am vergangenen Abend aus A. angerufen und die Tatsache mitgeteilt, und Kerr nahm an, dass alle näheren Umstände in dem Pressecommuniqué stehen würden, das zwar zugegebenermaßen ungewöhnlich lange auf sich warten ließ, aber mit Sicherheit bis zum Abend auftauchen würde. Rein war schließlich ein bekannter Mann gewesen, sowohl in seinem Heimatland als auch in einigen anderen Teilen der zivilisierten Welt.

Wählerisch und möglicherweise ein wenig schwierig, aber viel gelesen und geschätzt, oh doch. Und in gut zehn Sprachen übersetzt. Und hier kam ich ins Bild - oder war besser gesagt hereingekommen. Reins frühe Werke - die Tschanda-la-Suite und seine Essays - hatte noch Henry Darke in unsere Sprache übersetzt und interpretiert, aber seit Kroulls Schweigen hatte ich es übernommen. Darkes Krankheit hatte allen Übersetzeraufträgen einen Riegel vorgeschoben, und in vielen Gesprächen war mir außerdem klar geworden, dass er nie mit seinem letztendlichen Text oder mit seiner Beziehung zu Rein selbst zufrieden gewesen war. Bei einer unserer letzten Zusammenkünfte - nur wenige Monate vor Darkes Dahinscheiden - drückte er es sogar mit den Worten aus, dass Rein ihm Unlust bereite. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich Rein noch nicht persönlich und fand natürlich, dass das ein bisschen merkwürdig klang, aber mit den Jahren hatte ich seine Äußerung immer besser verstehen können und mich Darkes Standpunkt angenähert, das will ich gar nicht leugnen. Ich war Rein zwar nur bei vier, fünf Gelegenheiten begegnet, aber unweigerlich war mir etwas schwer zu Akzeptierendes in seiner Person aufgefallen. Ich habe nie wirklich sagen können, worauf es eigentlich beruhte, aber nichtsdestotrotz war dieses Gefühl vorhanden.

Ja, auf jeden Fall bis zu dem Tag, an dem Kerr und ich im Klosterkeller saßen und darüber grübelten, warum immer noch nichts von seinem Dahinscheiden bekannt geworden war, weder in den Zeitungen noch im Rundfunk oder Fernsehen. Obwohl doch seitdem mindestens vierundzwanzig Stunden vergangen sein mussten, jedenfalls so ungefähr. "Und was war das mit dem Manuskript?", fragte ich. Kerr bückte sich und wühlte in seiner Aktentasche, die an einem Tischbein lehnte. Zog einen gelben Ordner heraus, kreuz und quer mit einem Gummiband umwickelt.

"Das ist ja das verdammt Merkwürdige daran", sagte er und wischte sich etwas nervös die Mundwinkel mit der Serviette ab.

Er schob die Gummibänder herunter und öffnete den Ordner, zog einen Papierbogen heraus, den obersten des Stapels, und reichte ihn mir. Er war handgeschrieben, schwarze Tinte, ziemlich ausladende Piktur. Ich erkannte sie wieder.

"A., den 17. XI. 199-

Ich schicke Ihnen mein letztes Manuskript zur

Übersetzung und Veröffentlichung. Verboten ist jeglicher

Kontakt mit meinen Verlegern und anderen. Das Buch

darf unter keinen Umständen in meiner Muttersprache

herauskommen. Höchste Diskretion ist notwendig.

Hochachtungsvoll

Germund Rein

P.S. Das ist die einzige Kopie. Ich gehe davon aus,

dass ich mich auf Sie verlassen kann. D.S."

Ich sah Kerr an.

"Was zum Teufel bedeutet das?"

Er breitete die Arme aus.

"Keine Ahnung."

Er erklärte, dass das Paket am Tag zuvor angekommen sei, mit der Nachmittagspost, und dass er mehrere Male versucht habe, mit Rein telefonisch Kontakt aufzunehmen. Seine Versuche hätten, wie er sich ausdrückte, ein natürliches Ende gefunden, als Zimmermann ihn anrief und berichtete, dass Rein tot war.

Nach dieser Erläuterung saßen wir schweigend da und widmeten uns einige Minuten lang nur unserem Essen, und ich erinnere mich daran, dass es mir schwer fiel, den Blick von der gelben Mappe fern zu halten, die Kerr rechts von sich auf dem Tisch liegen hatte. Natürlich verspürte ich eine große Neugier, aber auch eine gewisse Verachtung. Mein letztes Treffen mit Rein hatte vor gut einem halben Jahr stattgefunden. Anlass war die Veröffentlichung seines letzten Buches in meiner Übersetzung gewesen. "Die roten Schwestern" hieß es. Wir hatten uns nur ganz kurz im Verlag gesehen, und wie üblich war er sehr wortkarg gewesen, fast schon autistisch, obwohl wir seine Anweisungen für die Pressekonferenz auf Punkt und Komma befolgt hatten. Wir hatten mit Champagner und Sherry angestoßen, Amundsen hatte seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass das Buch ein Erfolg werden möge, und Rein hatte in seinem verschlissenen alten Kordanzug dagesessen und ausgesehen, als sei Verachtung das einzige Gefühl, zu dem er sich eventuell noch aufraffen könnte. Eine graue, gleichgültige und desinteressierte Verachtung, die zu verbergen er überhaupt keinen Versuch machte.

Nein, es wäre gelogen, wollte ich behaupten, ich hegte irgendwelche wärmeren Gefühle für Germund Rein.

"Und?", fragte ich schließlich.

Kerr kaute zu Ende und schluckte umständlich hinunter, bevor er den Blick hob und mich aus seinen bleichen Verlegeraugen ansah. Gleichzeitig legte er sein Besteck weg und begann, mit den Fingern auf die gelbe Mappe zu trommeln.

"Ich habe mit Amundsen geredet."

Ich nickte. Natürlich. Amundsen war der Verlagsleiter und derjenige, der die letztendliche Verantwortung trug.

"Wir sind ganz einer Meinung."

Ich wartete. Er hörte auf zu trommeln. Faltete stattdessen die Hände und schaute aus dem Fenster auf den Karlsplatz, die Straßenbahnen und Horden von Tauben. Mir war klar, dass er durch diese einfache Gebärde dem Augenblick das Gewicht verleihen wollte, das ihm zustand. Kerr war nicht gerade dafür bekannt, einen Effekt zu versäumen.

"Du kannst es nehmen. Wir wollen, dass du es sofort übersetzt."

Ich gab keine Antwort.

"Wenn es genauso viele Anspielungen enthält wie das vorherige, dann ist es sicher am besten, wenn du nach A. fährst. Soweit mir bekannt ist, gibt es doch nichts, was dich hier bindet, oder?"

Das war eine vollkommen richtige Vermutung, wohl wahr. Seit drei Jahren hatte ich außer meiner zweifelhaften Arbeit und meiner eigenen Trägheit nichts, was mich an dem Ort hielt, und das wusste Kerr verdammt genau. Dennoch konnte ich mich natürlich nicht einfach so auf der Stelle entscheiden, vielleicht hatte ich auch das Gefühl, ich müsste die Verlagsleute ein paar Stunden auf die Folter spannen, deshalb bat ich um Bedenkzeit. Zumindest für ein paar Tage - oder bis die Details um Reins Tod richtig bekannt geworden waren. Kerr ging auf meinen Wunsch ein, aber als wir uns vor dem Restaurant trennten, konnte ich deutlich erkennen, wie es in ihm gärte.

Das war natürlich alles andere als verwunderlich. Während ich durch den rauen Wind nach Hause ging, dachte ich über die Sache nach und versuchte mir die Lage etwas klarer zu machen. Wenn es stimmte, was Rein da in seinem Brief geschrieben hatte, dann handelte es sich hier um ein gewissermaßen jungfräuliches Manuskript. Ungelesen und unbekannt. Es war kein Problem, sich vorzustellen, für welche Sensation das in Verlagskreisen und bei der Bücher lesenden Allgemeinheit sorgen konnte, wenn es erschien. Germund Reins letztes Werk. Erste Veröffentlichung in Übersetzung! Warum nicht am Jahrestag des Dahinscheidens des Autors?

Ohne den Inhalt in Betracht zu ziehen, würde das Buch bestimmt im Handumdrehen an die Spitze der Bestsellerliste klettern und weiß Gott benötigtes Geld für den Verlag einbringen, der - und das war wohl kaum ein Geheimnis - es in den letzten Jahren ein wenig schwer gehabt hatte.

Voraussetzung dafür war natürlich, dass die Schweigepflicht eingehalten wurde und man die Sache mit der gebotenen Diskretion behandelte. Wie es um diese Besonderheit genau bestellt war, war natürlich in einem so frühen Stadium nur schwer zu sagen, aber wenn es so war, wie Kerr hoffte, dann gab es möglicherweise nur vier Menschen auf der ganzen Welt, die von der Existenz dieses Manuskripts wussten. Kerr und Amundsen. Ich selbst und Rein.

Und Rein war ganz offensichtlich tot.

Während wir im Klosterkeller gesessen hatten, hatte ich kein einziges Mal darum gebeten, mir die Mappe näher anschauen zu dürfen, und Kerr hatte es mir auch nicht angeboten. Und bis ich einen positiven Bescheid ablieferte, würde ich natürlich weiterhin in Unwissenheit über den Inhalt bleiben. Mit einer fast rituellen Gewissenhaftigkeit hatte Kerr die Gummibänder wieder an ihren Platz geschoben und das Manuskript in die Aktentasche. Nachdem wir in der Garderobe unsere Mäntel angezogen hatten, sicherte er außerdem noch den Taschengriff mit einer Kette an seinem Handgelenk. Es war nicht zu übersehen, dass er alles in allem wirklich die größte Sorgfalt aufwandte. Außerdem kam ich zu dem Schluss, dass sowohl er als auch Amundsen vermutlich Reins Ermahnung ad notam genommen und keine weitere Kopie gezogen hatten.

Was ich bisher berichtet habe, spielte sich am Donnerstag in der Woche vor dem ersten Advent ab, und auch wenn ich mich noch nicht entschieden hatte, so klärten sich die Dinge am nächsten Tag, als ich zu meinem Arbeitsplatz im Institut kam.

Schinkler und Vejmanen empfingen mich mit finsteren Mienen, und ich begriff sofort, was geschehen war. Wir hatten auf unser Ersuchen nach zusätzlichen Projektmitteln eine Absage erhalten. Ich fragte nach und bekam die Bestätigung mittels eines langen Fluchs von Vejmanen. Schinkler wedelte mit einem Brief vom Bildungsministerium herum, der vor einer halben Stunde eingetroffen war, und sah dabei sehr resigniert aus.

Uns dreien war die Lage nur allzu klar. Auch wenn wir nicht viel Zeit darauf verwendeten, die Sache zu diskutieren, so wussten wir doch, was das bedeutete.

Wir mussten runterschrauben. Wir waren drei Personen, und wir hatten nur Projektmittel für zwei.

Einmal Vollzeit und zweimal Teilzeit. Oder zweimal Vollzeit und einmal feuern.

Schinkler war der Älteste von uns. Vejmanen hatte Frau und Kinder. Wenn ich heute zurückblicke, bin ich immer noch davon überzeugt, dass ich keine große Wahl hatte.

"Ich glaube, ich kann ein Übersetzerstipendium kriegen", sagte ich.

Vejmanen blickte zu Boden und kratzte sich nervös an der Handwurzel.

"Für wie lange?", fragte Schinkler.

Ich zuckte mit den Schultern.

"Ein halbes Jahr, nehme ich mal an."

"Dann ist es abgemacht", sagte Schinkler. "Bis zum nächsten Herbst werden wir verdammt noch mal ja wohl wieder etwas Geld auftreiben können."

Und damit war die Sache entschieden. Ich verbrachte den Vormittag damit, meinen Schreibtisch aufzuräumen und meinen bescheidenen Teil der Whiskyflasche zu leeren, die Vejmanen unten im Laden auf der anderen Straßenseite gekauft hatte, und als ich nach Hause kam, rief ich Kerr an und fragte ihn, ob er mehr über Reins Tod erfahren habe.

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