Die Beiträge des vorliegenden Bandes gehen davon aus, dass
Identität, Individualität und Personalität heute nicht mehr als
natürliche Gegebenheiten vorausgesetzt werden können, sondern als
fiktive Konstrukte erscheinen. Wenn aber das eigene
Selbstbewusstsein keine stabile Basis mehr bietet, sondern sich als
fragiles Produkt kultureller Praktiken erweist, bleibt das nicht
ohne Auswirkungen auf das Verständnis der persönlichen
Lebensgeschichte. Dieses Bewusstsein für die Fiktionalität von
Lebensläufen spiegelt sich in biographischen und autobiographischen
Darstellungsformen, in künstlerischen Bildnissen und in
philosophischen Entwürfen. Im Zentrum des Bandes stehen
Verfahrensweisen, die in verschiedenen Diskursen zur Anwendung
gelangen, um Identitäten zu konstruieren und zu stilisieren, um
ihren Konstruktcharakter auszustellen oder im Sinne des
Authentizitätsideals zu verbergen.
Inhalt:
- Christian Moser und Jürgen Nelles: Einleitung: Konstruierte
Identitäten
- Hans-Joachim Pieper: Ecce Homo: Aufstieg und Verfall der
'reinen' Subjektivität
- Martin Asiáin: Das anonyme Ich: Leiblichkeit als vorpersonale
Identität bei Maurice Merleau-Ponty
- Ulrich Rehm: Die Bildlichkeit des Bildnisses: Nicolas Poussin und
das Selbstportrait
- Bettina Schlüter: Autobiographie als Zeugenaussage: Die
Vielstimmigkeit des Dmitrij Schostakowitsch
- Christian Moser: Autoethnographien: Identitätskonstruktionen im
Schwellenbereich von Selbst- und Fremddarstellung
- Volker C. Dörr: "Gastarbeiter" vs.
"Kanakstas": Migranten-Biographien zwischen Alterität,
Hybridität und Transkulturalität
- Jürgen Nelles: Konstruierte Identitäten in Biographie-Fiktionen:
Wolfgang Hildesheimers ideale Biographie Marbot
- Autorenverzeichnis
Die hier versammelten Beiträge unternehmen den Versuch, die
Problematik moderner und postmoderner Identitätskonstruktion in
ihren diversen Ausprägungen zu beleuchten. Die philosophischen
Aufsätze nähern sich der Problematik auf einer grundsätzlichen
Ebene an und zeigen die Fragwürdigkeit essentialistischer Konzepte
des Selbst sowie die Notwendigkeit einer konstruktivistischen
Vorgehensweise auf. Die kunst- und musikwissenschaftlichen Beiträge
tragen der Einsicht Rechnung, dass die Individuen bei der Arbeit
der Identitätskonstruktion von den unterschiedlichsten Medien
Gebrauch machen: Sie demonstrieren exemplarisch, wie die
Subjektkonstitution in den Medien des Bildes und der Musik
funktionieren kann. Die literaturwissenschaftlichen Aufsätze
schließlich analysieren verschiedene literarische und rhetorische
Strategien der textuellen Identitätskonstruktion und nehmen dabei
auch die Vervielfältigung der Identitätsmuster im Zuge der
Hybridisierung der Kulturen in den Blick.
Sitemap: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20