Alles, was wir geben mussten - Ishiguro, Kazuo

Kazuo Ishiguro 

Alles, was wir geben mussten

Roman.

Dtsch. v. Barbara Schaden
Gebundenes Buch
 
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Alles, was wir geben mussten

Ein Speisesaal, ein Sportplatz und getrennte Schlafsäle für Jungen und Mädchen - auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches Internat zu sein. Aber die Lehrer, so freundlich und engagiert sie auch sind, heißen hier "Wächter" und lassendie Kinder früh spüren, dass ihnen ein besonderes Schicksal auferlegt worden ist. Diese Gewissheit verbindet Kathy, Ruth und Tommy durch alle Stürme der Pubertät und Verwirrungen der Liebe - bis für zwei von ihnen das Ende naht.
Ein anrührendes und ungewöhnlich spannendes Meisterwerk über Menschen, deren Leben auf beklemmende Weise vorherbestimmt ist.


Produktinformation

  • Verlag: BLESSING
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. 348 S.
  • Seitenzahl: 348
  • Deutsch
  • Abmessung: 22 cm
  • Gewicht: 573g
  • ISBN-13: 9783896672339
  • ISBN-10: 3896672339
  • Best.Nr.: 14121090
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 25.11.2005

Große Würfe

DIE FRAGE, ob der Mensch Herr seines Schicksals ist, ob die Vergangenheit stärker ist als die Zukunft und ob die Einsamkeit dazu führt, daß manche Menschen das Leben, über das sie so angestrengt nachdenken, schlicht verpassen, steht im Mittelpunkt von drei Romanen, die ihre Themen mit so viel stilistischer und gedanklicher Brillanz verfolgen, daß ihre Lektüre unvergeßlich bleibt. Ob man, wie der japanischstämmige Engländer Kazuo Ishiguro in "Alles, was wir geben mußten", die Ohnmacht des Menschen seinem Schicksal gegenüber untersucht oder, wie der Ire Colm Tóibín in "Porträt des Meisters in mittleren Jahren", den Schriftsteller Henry James in seiner eigensinnigen Sturheit so zum Leben erweckt, daß der Leser am Ende ebenso gut und schlecht über ihn urteilen kann wie über einen engen Freund, oder ob man, wie der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk im Roman "Schnee" zeigt, wie die beeindruckenden, zugleich unheimlichen Kräfte des Glaubens Religion zu Politik und Politik zu Religion werden lassen - die ebenso brennenden wie mutigen Fragen, die diese drei Autoren aufwerfen, sind von immerwährender Aktualität.

fvl.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Als "Meisterwerk" feiert Rezensent Hubert Spiegel diesen Roman im Aufmacher der Herbst-Buchmessenbeilage. Darin wird, wie er schreibt, das Aufwachsen von drei Kindern in einem Internat beschrieben, das sich bald als Eliteaufzuchtsanstalt für Klone entpuppt. Zwei der drei jungen Menschen sterben als menschliche Ersatzteillager schließlich einen qualvollen Tod. Was den Rezensenten an diesem "großartigen Roman" besonders fasziniert ist die Art, wie der Autor darin alle Erwartungen an das Thema unterläuft. Keine grellen Effekte, kein "reißerisch aufgetakelter Kulturpessimismus" a la Houellebecq, nicht mal "Begriffe wie Biotechnologie, Labor oder Reagenzglas" kommen vor. Seite um Seite wird dem Rezensenten das Herz wie "mit einem Schraubstock unaufhaltsam zusammengepresst", während Kazo Ishiguro "langsam, quälend langsam" beschreibt, wie sich das Krebsgeschwür der Erkenntnis ihres unabweisbaren Schicksals den Kindern immer tiefer in jene Seele fresse, die ihnen doch abgesprochen werde. "Genial" findet Spiegel auch, dass es nie einen Blick von außen auf die kleine Gemeinschaft gibt. Alles sei aus der Perspektive des überlebenden Klonmädchens Kathy erzählt. Schließlich stellt der Rezensent mit Erschütterung fest, dass sich die Lügengebäude eines Ibsen oder Strindberg wie "läppisches Geflunker" gegenüber den "Lebenslügen eines Klons"ausnehmen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 07.11.2005

Der Traum des Klons von der Kübelpflanze
„Alles, was wir geben mussten”: Kazuo Ishiguro erzählt von Kindern, die als Organspender gezüchtet werden
Nichts ist, wenn man der Literatur glauben darf, so englisch wie ein Internat; und am liebsten tritt es, von Enid Blytons fünf Freunden bis Harry Potter, gleich serienweise auf. Als Internatsgeschichte schreibt auch Kazuo Ishiguro, den es schon als Kind nach England verschlagen hat, seinen Roman „Alles, was wir geben mussten”.
Aber Hailsham ist ein spezielles Internat. Kathy H. denkt daran zurück, sooft sie ihr Auto durchs ländliche England lenkt und halb hinter Pappelreihen verborgen ein altes Herrenhaus erblickt. „Betreuerin” ist sie von Beruf, ein Wort, dem man sofort vage misstraut, noch ehe man weiß, worum eigentlich es sich handelt. Der ganze Kreis, in dem sie von Geburt an gelebt hat, wird umhegt von solchen Vokabeln mit sinister sedierendem Klang: als „Spender” sind diese Kinder herangezogen worden, und nach der vierten „Spende” wird von ihnen erwartet, dass sie „abschließen”. Insbesondere achtet man bei ihnen in der anfälligen Phase zwischen dem vierzehnten und dem sechzehnten …

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"Ein Meisterwerk, das den Leser gefühlsmäßig auf unerhörte Art bereichert." Kirkus Reviews

"Ishiguro zeichnet das Bild einer unbeirrbaren menschlichen Zartheit, obwohl die Katastrophe bereits stattgefunden haben könnte."

"Die Frage, ob der Mensch Herr seines Schicksals ist, ob die Vergangenheit stärker ist als die Zukunft und ob die Einsamkeit dazu führt, dass manche Menschen das Leben, über das sie so angestrengt nachdenken, schlicht verpassen, steht im Mittelpunkt dieses Roman, der die Themen mit so viel stilistischer und gedanklicher Brillanz verfolgt, dass die Lektüre unvergesslich bleibt." FAZ
Kazuo Ishiguro, geb. 1954 in Nagasaki, kam 1960 nach London, wo er Englisch und Philosophie studierte. 1995 wurde ihm der Cheltenham Prize verliehen und 2006 der Belletristikpreis der 'Zeit'. Kazuo Ishiguros Werk wurde bisher in 28 Sprachen übersetzt. Der Autor lebt mit Frau und Kind in London. 2006 erhält er den Corine-Preis.

Leseprobe zu "Alles, was wir geben mussten"

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Leseprobe zu "Alles, was wir geben mussten" von Kazuo Ishiguro

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Leseprobe zu "Alles, was wir geben mussten" von Kazuo Ishiguro

Ich heiße Kathy H. Ich bin einunddreißig Jahre alt und arbeite inzwischen seit über elf Jahren als Betreuerin. Eine lange Zeit, scheint es, und dennoch soll ich jetzt noch acht Monate weitermachen, bis zum Ende des Jahres. Dann wären es fast genau zwölf Jahre. Dass ich schon so lange Betreuerin bin, liegt nicht unbedingt daran, dass sie meine Arbeit phantastisch finden. Es gibt ausgezeichnete Betreuer, die nach nur zwei oder drei Jahren aufhören mussten. Und mir fällt mindestens eine Betreuerin ein, die den Job sogar vierzehn Jahre erledigt hat, obwohl sie eine glatte Fehlbesetzung war. Also will ich mich lieber nicht zu sehr brüsten. Andererseits weiß ich genau, dass sie mit meiner Arbeit zufrieden waren, und im Großen und Ganzen war ich selbst es auch. Meine Spender haben sich fast immer viel besser gehalten als erwartet. Ihre Erholungszeiten waren beeindruckend, und kaum einer wurde als "aufgewühlt" eingestuft, auch nicht vor der vierten Spende. Okay, jetzt fange ich vielleicht doch an zu prahlen. Aber es bedeutet mir wirklich viel, dass ich den Anforderungen meiner Arbeit gewachsen bin, vor allem, dass meine Spender "ruhig" bleiben. Ich habe eine Art Instinkt im Umgang mit ihnen entwickelt, so dass ich genau weiß, wann es besser ist, an ihrer Seite zu sein und sie zu trösten, und wann man sie lieber sich selbst überlässt; wann ich ihnen geduldig zuhören und wann ich bloß mit den Schultern zucken und ihnen raten sollte, sich wieder zu beruhigen.

Jedenfalls bilde ich mir nicht besonders viel auf meine Leistung ein. Ich kenne Betreuer, die bestimmt genauso gut sind wie ich, aber nicht halb so viel Anerkennung erhalten. Falls Sie zu diesen gehören sollten, könnte ich es verstehen, wenn Sie mir manche Annehmlichkeit missgönnen sollten - mein Einzimmerapartment, mein Auto und vor allem die Tatsache, dass ich mir aussuchen darf, wen ich betreue. Schließlich bin ich eine ehemalige Hailsham-Kollegiatin - das allein reicht manchmal schon aus, um die Leute gegen sich aufzubringen. Kathy H., heißt es, darf sich die Leute aussuchen, und immer sucht sie sich ihresgleichen aus: Ehemalige aus Hailsham oder aus einer der anderen privilegierten Einrichtungen. Kein Wunder, dass sie ausgezeichnete Ergebnisse vorzuweisen hat. Ich habe es so oft mit eigenen Ohren gehört, da werden Sie es sicher noch öfter gehört haben, und vielleicht ist ja auch etwas Wahres daran. Aber ich bin nicht die Erste, die selbst darüber verfügen darf, wen sie betreut, und ich werde auch nicht die Letzte sein. Überdies habe ich sehr wohl Spender betreut, die an anderen Orten aufgewachsen sind. Wenn ich aufhöre, werde ich immerhin zwölf Jahre hinter mir haben, und wählen durfte ich erst in den letzten sechs.

Und warum auch nicht? Betreuer sind keine Maschinen. Natürlich versucht man bei jedem Spender sein Bestes zu geben, aber irgendwann zermürbt es einen. Man hat eben nicht unendlich viel Kraft und Geduld. Wenn man sich also seine Leute auswählen kann, zieht man selbstverständlich seinesgleichen vor. Das ist ganz natürlich. Ich hätte diese Arbeit nie und nimmer so lange durchgehalten, hätte ich nicht in jeder Phase des Prozesses mit meinen Spendern mitempfunden. Und wenn ich nicht eines Tages angefangen hätte, mir selbst die Leute auszusuchen, die ich betreue, wie wäre ich nach all den Jahren je wieder Ruth und Tommy nahe gekommen?

Doch inzwischen schrumpft die Anzahl möglicher Spender, die ich von früher noch persönlich kenne, so dass die Auswahl gar nicht so groß ist. Wie ich schon sagte, die Arbeit wird sehr viel schwieriger, wenn man nicht eine innige Beziehung mit dem Spender aufbauen kann, und obwohl es mir auch schwer fallen wird, keine Betreuerin mehr zu sein, ist es schon in Ordnung, dass ich Ende des Jahres endlich damit aufhöre.

Übrigens war Ruth erst der dritte oder vierte Fall, den ich mir aussuchen durfte. Ihr war damals schon eine Betreuerin zugewiesen worden, und für mich war es nicht ganz einfach, meinen Willen durchzusetzen. Aber am Ende gelang es mir, und in dem Augenblick, als ich Ruth wiedersah, in diesem Erholungszentrum in Dover, fielen unsere vielen Differenzen - auch wenn sie sich nicht gerade in Luft auflösten - weit weniger ins Gewicht als all das Verbindende: zum Beispiel, dass wir miteinander in Hailsham aufgewachsen waren, dass wir Erinnerungen teilten, die nur uns gehörten. Ich glaube, in jenen Tagen habe ich damit angefangen, mir als Spender bewusst Menschen auszusuchen, die ich von früher kannte, vorzugsweise ehemalige Hailsham-Kollegiaten.

Im Laufe der Jahre hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen ich Hailsham zu vergessen versuchte und mir vornahm, nicht so oft zurückzublicken. Bis ich an den Punkt gelangte, wo ich aufhörte, dieser Versuchung zu widerstehen. Es hing mit jenem Spender zusammen, für den ich in meinem dritten Jahr als Betreuerin zuständig war; mit seiner Reaktion, als ich erwähnte, ich stamme aus Hailsham. Er hatte gerade seine dritte Spende hinter sich, sie war nicht gut verlaufen, und er muss gewusst haben, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er konnte kaum atmen, aber er sah mich an und sagte: "Hailsham. Ich wette, es war schön dort." Am nächsten Morgen, als ich mit ihm plauderte, um ihn abzulenken, und fragte, wo er denn aufgewachsen sei, nannte er einen Ort in Dorset, und sein Gesicht unter den Flecken verzog sich zu einer Grimasse, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Und in dem Moment wurde mir klar, wie verzweifelt er sich bemühte, nicht daran zu denken. Stattdessen wollte er von Hailsham hören.

Also erzählte ich ihm während der nächsten fünf oder sechs Tage alles, was er wissen wollte, und er lag da, an Geräte und Schläuche angeschlossen, und ein sanftes Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Er fragte mich nach den großen und den kleinen Dingen. Nach unseren Aufsehern, nach den Schatzkisten unter jedem Bett, in denen wir unsere Sammlungen aufbewahrten, nach unseren Fußball- und Rounders-Matches, nach dem schmalen Pfad, der rund um das Haupthaus führte und dessen Winkeln und Spalten folgte, nach dem Ententeich, dem Essen, dem Blick aus dem Zeichensaal über die Felder an einem nebligen Morgen. Manches wollte er wieder und wieder hören; gelegentlich fragte er nach Dingen, die ich ihm erst am Vortag erzählt hatte, so als hätte ich sie noch nie erwähnt. "Hattet ihr einen Pavillon auf dem Sportplatz?" - "Wer war dein Lieblingsaufseher?" Zuerst hielt ich das für eine Folge der Medikamente, aber dann begriff ich, dass er eigentlich ganz klar im Kopf war. Er wollte nicht nur von Hailsham hören, sondern sich an Hailsham erinnern, als wäre es seine eigene Kindheit gewesen. Er wusste, dass er nahe daran war abzuschließen, und anscheinend war das seine Art, damit umzugehen: sich von mir Eindrücke so beschreiben zu lassen, dass sie ganz tief eindrangen - vielleicht damit ihm in den schlaflosen Nächten, unter dem Einfluss der Medikamente, der Schmerzen und der Erschöpfung, die Grenze zwischen meinen und seinen Erinnerungen verschwamm. Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, wirklich bewusst, wie viel Glück wir gehabt hatten - Tommy, Ruth, ich, wir alle.

Wenn ich jetzt übers Land fahre, erinnern mich immer noch viele Dinge an Hailsham. Ich fahre an einer nebelverhangenen Wiese entlang oder durchquere ein Tal, und in der Ferne, halb hinter Bäumen verborgen, taucht ein Herrenhaus auf oder auch eine Gruppe Pappeln in einer bestimmten Anordnung auf einem Hügel, und ich denke: Vielleicht ist es das! Ich hab's gefunden! Das ist Hailsham! Dann erkenne ich, dass es ein Irrtum war, und fahre weiter, und meine Gedanken schweifen ab. Vor allem diese Pavillons, die ich überall im Land entdecke: Sie stehen am Rand eines Sportplatzes, kleine weiße Fertigteilgebäude mit einer Reihe Fenster unnatürlich hoch oben, fast schon unter dem Dachgesims. Ich glaube, in den Fünfzigern und Sechzigern wurden sehr viele solcher Containergebäude aufgestellt, wahrscheinlich stammte auch unser Pavillon aus dieser Zeit. Wenn ich an einem vorbeikomme, schaue ich so lange wie möglich zu ihm hinüber; auf diese Weise werde ich noch das Auto zu Schrott fahren, aber ich kann nicht anders. Unlängst fuhr ich durch eine menschenleere Gegend in Worcestershire und entdeckte einen Pavillon am Rand eines Kricketfelds, der unserem Pavillon in Hailsham so ähnlich war, dass ich wendete und umkehrte, um ihn mir aus der Nähe anzusehen.

Wir liebten unseren Sportplatz-Pavillon, vielleicht weil er uns an die hübschen kleinen Cottages aus den Bilderbüchern unserer Kindheit erinnerte. In den Junior-Klassen bestürmten wir immer wieder die Aufseher, die nächste Stunde nicht im normalen Klassenzimmer, sondern im Pavillon abzuhalten. Als wir dann in Senior 2 waren - und zwölf, fast dreizehn Jahre alt -, wurde er unsere Zufluchtstätte, in der man mit den besten Freundinnen verschwand, wenn man sich von den anderen absondern wollte.

Der Pavillon war groß genug, dass sich zwei separate Gruppen darin aufhalten konnten, ohne sich gegenseitig in die Quere zu kommen, und im Sommer war draußen auf der Veranda noch Platz für eine dritte Gruppe. Natürlich wollte ihn jede Gruppe am liebsten für sich allein haben, und deshalb gab es immer Gerangel und Streit. Die Aufseher ermahnten uns unablässig zu anständigem Verhalten, aber das änderte nichts daran, dass man einiger starker Persönlichkeiten in seiner Gruppe bedurfte, um überhaupt eine Chance zu haben, den Pavillon in einer Pause oder Freistunde zu bekommen. Ich war selbst nicht gerade zimperlich, aber dass wir ihn so oft bekamen, hatten wir, glaube ich, vor allem Ruth zu verdanken. Normalerweise verteilten wir uns einfach auf den Bänken und Stühlen - wir waren zu fünft, zu sechst, wenn Jenny B. mitkam -und schwatzten drauflos. Solche Gespräche waren nur hier im Schutz dieses Gebäudes möglich; manchmal redeten wir über Dinge, die uns Sorgen bereiteten, oder wir fingen an, vor Lachen zu kreischen, dann wieder endete es mit einem handfesten Krach. Vor allem war es eine Gelegenheit, einfach eine Zeit lang abzuschalten, gemeinsam mit den engsten Freundinnen.

An dem Nachmittag, den ich jetzt vor Augen habe, drängten wir uns stehend auf Hockern und Bänken vor den hohen Fenstern. Von hier aus hatten wir eine gute Sicht auf den nördlichen Sportplatz, wo sich etwa ein Dutzend Jungen aus unserem Jahrgang und Senior 3 zum Fußball getroffen hatten. Es herrschte strahlender Sonnenschein, doch kurz zuvor muss es geregnet haben, denn ich weiß noch, wie es blitzte und funkelte im nassen Gras.

Jemand meinte, wir sollten nicht so auffällig schauen, aber niemand wich von den Fenstern zurück. Dann sagte Ruth: "Er ahnt überhaupt nichts. Schaut ihn euch nur an. Er ahnt wirklich rein gar nichts."

Ich sah Ruth scharf an und fragte mich, ob sie missbilligte, was die Jungs mit Tommy vorhatten. Doch schon im nächsten Moment lachte Ruth auf und rief: "Dieser Volltrottel!"

Da begriff ich auf einmal, dass für Ruth und die anderen das, was die Jungs planten, nichts mit uns zu tun hatte; ob wir damit einverstanden waren oder nicht, spielte keine Rolle. An den Fenstern standen wir nicht, weil wir uns an dem Anblick weiden wollten, wie Tommy wieder einmal gedemütigt wurde, sondern weil wir eben von dem neuesten Plan gehört hatten und halbwegs gespannt auf seine Umsetzung waren. Darüber hinaus, glaube ich, interessierte es uns nicht, was die Jungs damals untereinander trieben. Ruth und den anderen war es im Grunde ziemlich gleichgültig, und mir wahrscheinlich ebenso.

Vielleicht trügt mich aber auch die Erinnerung. Vielleicht empfand ich schon damals einen kleinen Stich des Mitgefühls, als ich Tommy über diesen Platz rennen sah, mit unverhohlenem Entzücken, weil die Gruppe ihn wieder aufgenommen hatte; zumal ich ihm ja ansah, wie sehr er sich auf das Spiel freute, in dem er so gut war. Ich weiß es nicht mehr. Was ich allerdings noch genau weiß, ist, dass Tommy an diesem Tag das hellblaue Polohemd trug, das er auf dem Basar im Monat zuvor erstanden hatte - und auf das er schrecklich stolz war. Wirklich blöd, dieses Hemd zum Fußball anzuziehen, dachte ich. Er wird es sich ruinieren, und dann ist das Geschrei wieder groß. Laut sagte ich, an niemand Besonderen gerichtet: "Tommy hat sein Lieblingshemd an. Sein Polohemd."

Ich glaube nicht, dass mich jemand hörte, denn in dem Moment lachten alle über Laura, den Clown in unserer Gruppe, die Tommys wechselhaftes Mienenspiel imitierte, während er rannte, winkte, rief und dem Gegner den Ball abjagte. Die anderen Jungen schleppten sich so träge über das Feld, wie es beim Aufwärmen üblich ist, aber Tommy in seiner Aufregung war anscheinend schon in voller Fahrt. Dieses Mal sagte ich etwas lauter als zuvor: "Es wird ihn wahnsinnig machen, wenn er sich dieses Hemd ruiniert." Ruth hörte mich, dachte aber wohl anscheinend, ich hätte es im Scherz gemeint, denn sie lachte halbherzig und hängte noch irgendeine spitze Bemerkung an.

Inzwischen hatten die Jungs aufgehört, den Ball hin und her zu kicken, und standen in einer Gruppe zusammen im Matsch. Ich sah, wie sich ihre Schultern sanft hoben und senkten, während sie auf die Zusammenstellung der Mannschaften warteten. Die beiden Kapitäne, die jetzt auftauchten, gehörten zur Senior 3, aber jeder wusste, dass Tommy besser spielte als alle aus diesem Jahrgang. Sie warfen eine Münze, wer mit der Wahl anfangen durfte, und der Gewinner musterte die Gruppe.

"Schaut ihn euch an", sagte jemand hinter mir. "Er ist sich absolut sicher, dass er als Erster ausgesucht wird. Schaut ihn euch bloß an!"

Tatsächlich hatte Tommy in diesem Moment etwas Komisches an sich, das einen unwillkürlich denken ließ: Also gut, wenn er wirklich so dämlich ist, hat er's nicht anders verdient. Die anderen Jungs taten so, als wäre ihnen diese Wahl völlig gleichgültig, als lasse sie es völlig kalt, wann sie aufgerufen wurden. Manche unterhielten sich halblaut miteinander, andere banden sich die Schuhe neu, wieder andere starrten einfach auf ihre Füße, die im Matsch auf der Stelle traten. Nur Tommy blickte die Senior-3-Jungen so gespannt an, als würde er jeden Augenblick aufgerufen.

Während der ganzen Zeit, in der die beiden Teams zusammengestellt wurden, ahmte Laura unverdrossen Tommys wechselnde Gesichtsausdrücke nach: die leuchtende, eifrige Miene zu Beginn; die Verwirrung und die Besorgnis, als jeweils vier Spieler ausgewählt waren, er jedoch noch nicht; die Kränkung und Panik, als ihm zu dämmern begann, was hier vor sich ging. Ich drehte mich aber nicht ständig nach Laura um, denn ich beobachtete Tommy; was sie tat, merkte ich am Gelächter und an den anfeuernden Bemerkungen der anderen. Dann, als Tommy als Letzter dastand und die anderen schon zu kichern anfingen, hörte ich Ruth sagen:

"Gleich ist es so weit. Wartet. Sieben Sekunden. Sieben, sechs, fünf ..."

Weiter kam sie nicht. Tommy brach in ein markerschütterndes Gebrüll aus, und die anderen Jungen lachten jetzt lauthals auf und stürmten zum südlichen Sportplatz davon. Tommy rannte ihnen ein paar Schritte hinterher - es war schwer zu sagen, ob er ihnen im ersten Impuls zornig nachsetzen wollte oder ob er Panik bekam, weil er allein zurückgelassen worden war. Jedenfalls blieb er bald wieder stehen. Er stand da, dunkelrot im Gesicht, und starrte den Jungen nach. Dann begann er zu schreien und zu kreischen, ein wüstes Durcheinander aus Schimpfwörtern und Flüchen.

Da wir Tommys Wutanfälle schon zur Genüge kannten, stiegen wir von den Hockern und verteilten uns im Pavillon. Eigentlich hätten wir uns jetzt gern über etwas anderes unterhalten, aber im Hintergrund ging das Wüten unvermindert weiter, und obwohl wir zuerst die Augen verdrehten und Tommy zu ignorieren versuchten, standen wir schließlich - sicher volle zehn Minuten später - wieder am Fenster.

Von den anderen Jungen war weit und breit nichts mehr zu sehen, und Tommy hatte es aufgegeben, seine Schmähungen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Er tobte nur, gestikulierte wild, reckte beschwörend die Arme zum Himmel, in den Wind, gegen den nächsten Zaunpfosten. Laura sagte, vielleicht "probt er seinen Shakespeare", und eine andere machte uns darauf aufmerksam, dass er bei jedem Aufschrei einen Fuß vom Boden hob und seitwärts stieß, "wie ein pinkelnder Hund". Ich hatte diese Fußbewegung ebenfalls bemerkt, aber vor allem fiel mir auf, dass bei jedem Aufstampfen der Dreck aufspritzte und um seine Schienbeine flog. Wieder dachte ich an sein kostbares Hemd, aber er war zu weit weg, als dass ich hätte erkennen können, wie schmutzig es schon war.

"Es ist wahrscheinlich ein bisschen grausam", sagte Ruth, "wie sie ihn immer wieder in den Wahnsinn treiben. Aber er ist selber schuld. Wenn er nicht lernt, sich zu beherrschen, werden sie ihn nie in Frieden lassen."

"Ich glaube nicht, dass es ihm helfen würde", sagte Hannah. "Graham K. ist genauso jähzornig, aber mit ihm gehen sie umso vorsichtiger um. Auf Tommy haben sie's deswegen abgesehen, weil er ein faules Stück ist."

Nun redeten alle durcheinander - dass Tommy nie auch nur den Versuch unternahm, kreativ zu sein, nicht einmal etwas für den Frühjahrstauschmarkt gegeben hatte. In Wahrheit, glaube ich, wünschten wir uns inzwischen wohl alle insgeheim, dass ein Aufseher aus dem Haupthaus hervorkäme und ihn mitnähme. Zwar hatten wir mit dieser jüngsten Verschwörung gegen Tommy nichts zu tun, aber immerhin hatten wir von der ersten Reihe aus zugesehen und begannen uns schuldig zu fühlen. Doch es war nirgends ein Aufseher in Sicht, so dass wir uns einfach weiterhin Gründe aufzählten, weshalb Tommy das verdient habe, was er jetzt erhielt. Als Ruth schließlich mit einem Blick auf die Uhr sagte, es sei zwar noch Zeit, aber wir sollten doch lieber jetzt schon zum Haupthaus zurückgehen, erhob niemand einen Einwand.Tommy tobte immer noch, als wir aus dem Pavillon traten. Das Haupthaus befand sich links von uns, und da Tommy in gerader Linie vor uns auf der Wiese stand, brauchten wir nicht weiter in seine Nähe zu kommen. Ohnehin drehte er uns den Rücken zu und nahm uns offensichtlich gar nicht wahr.

Kundenbewertungen zu "Alles, was wir geben mussten" von "Kazuo Ishiguro"

7 Kundenbewertungen (Durchschnitt 4.4 von 5 Sterne bei 7 Bewertungen **** sehr gut)
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Bewertung von VatervonzweiKindern aus Bamberg am 26.02.2012 ***** ausgezeichnet
"Alles was wir geben mussten" ist eine tragische und tieftraurige Geschichte, aber, dass möchte ich im Gegensatz zu den anderen Kommentatoren betonen, eine die n auch Hoffnung gibt! Trotz des bedauernswerten Lebens und unglaublichen Bestimmungszwecks der Kinder/Klone, haben sie etwas, um dass wir sie alle beneiden. Keine sozialen Klassen trennen sie, keine oberflächlichen Werte und banalen Wichtigkeiten unserer Zeit. Statt dessen ist der Hoffnungsschimmer in dieser Geschichte dieser: Freundschaft und Verbundenheit, Zusammenhalt und Vertrauen egal was passiert! Beistand und Halt selbst im Sterben und über den Tod hinaus! Festhalten an vertrauten Menschen trotz Eifersucht und Komplikationen! Verzeihen, obwohl der andere einen verletzte, eben weil er einem so wichtig ist! Zusammenhalt und Beistand bis zum bitteren Ende! In gewisser Weise sind die Klone so menschlichere und bessere Menschen, als die Originale. Und genau dies macht die Geschichte so anrührend und wunderschön!

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Bewertung von http://gottagivethembooks.wordpress.com am 23.08.2011 ***** ausgezeichnet
Hailsham, ein Internat in England: Kathy, Ruth und Tommy sind Freunde und kennen sich, seit sie denken können, denn sie haben nie woanders gelebt. Es gibt keine Familien, bei denen die Kollegiaten ihre Ferien verbringen, kein Zuhause, außer Hailsham. Kollegiaten? Oder doch eher Insassen? Denn die Lehrer heißen in Hailsham Aufseher und für die Kinder und Jugendlichen, die hier leben, gibt es nichts außerhalb der Mauern und Zäune des Internats. Aber sie sind nicht unglücklich, denn sie wissen nicht, dass es da etwas geben sollte. Sie leben, lernen, weinen und lachen zusammen – bis sie ihrer Bestimmung, ihrem einzigen Daseinszweck, folgen müssen.

Neulich las ich im Kulturteil von Zeit-Online einen Artikel von Christoph Schröder über moderne Klappentexte und er bemängelt, dass offenbar in letzter Zeit besonders das Attribut “verstörend” mit der ganz großen Kelle verteilt wird. Nun, ich gebe ihm grundsätzlich recht und in neunzig Prozent der Fälle ist es nichts anderes als eine Masche des Verlages, um dem Buch eine interessante Note zu geben, die es in dem Maß gar nicht hat. Aber im Falle dieses Romans von Kazuo Ishiguro fällt mir kein einziges Wort ein, welches dieses Buch besser charakterisieren könnte.

Verstörend, wie die Ich-Erzählerin Kathy einfach so ihre Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die durch die streckenweise völlig wertungsfreie Erzählweise eine Dichte und Kraft aufbaut, die fassungslos macht. Die vielen unglaublich geschickt eingewobenen Stellen, die, der Erzählerin offensichtlich nicht wirklich klar, dem Leser umso spürbarer deutlich machen, wie ungeheuerlich die Situation der Hauptfiguren und, damit verbunden, der ganzen Welt ist, zeugen von großem Können und einem ausgeprägten Bewusstsein für Sprache.

Ishiguro verleiht seinen Charakteren eine so intensive Tiefe, dass man sich ihnen unmöglich entziehen kann. Die Schauplätze unterstreichen die teilweise klaustrophobische Atmosphäre beängstigend perfekt und geben der Geschichte einen vollkommenen Rahmen. Eindringlich beweist dieser Roman, dass es keiner künstlichen Dramatik, keiner Action und keiner großen Worte bedarf um eine Geschichte zu erzählen, die den Leser in tiefster Seele berührt und bis in seine Träume verfolgt.

“Alles, was wir geben mussten” entließ mich mit dem Gefühl absoluter Hoffnungslosigkeit und tiefer Traurigkeit. Verstört!

Stil und Aufbau können nur als herausragend bezeichnet werden. Herausragend aus einer Fülle von Büchern, die Herausragendes versprechen und am Ende allenfalls großartig sind.

Zitate:

Wichtig war uns etwas ganz anderes, nämlich, wie Ruth eines Abends, als wir in ihrem gefliesten Zimmer in Dover saßen und in den Sonnenuntergang hinausblickten, sehr treffend formulierte: “Wenn wir etwas Kostbares verloren hatten und es überall wie verrückt suchten, aber nicht fanden, brauchten wir trotzdem nicht völlig verzweifeln, weil wir uns als letzten Trost vorstellen konnten, dass wir eines Tages, wenn wir erwachsen wären und überallhin fahren könnten, nach Norfolk gehen und es dort wiederfinden würden.” (Seite 86)

(Leider gekürzt wegen Begrenzung auf 4000 Zeichen)

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Bewertung von buchwürmchen aus reutlingen am 21.07.2011 ***** ausgezeichnet
Kazuo Ishiguro beschreibt das Leben dreier Jugendlicher aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Kathy, in sachlicher emotionsloser Sprache, über derer Kindheit ohne Eltern, in einem englischen Internat. Eine scheinbar ganz normale Kindheit und Jugend mit allen Konflikten, die Teenies unter sich auszutragen haben. Doch diese Internat Kinder sind Klone, lebende Organspender, die ein trauriges Ende erwartet.
Das Buch beschäftigt sich jedoch nicht mit den technischen Fragen des Klonens, auch ist es kein moralischer Aspekt der Gentechnologie. Vielmehr behandelt der Autor Essenzielleres: Was sind wir bereit zu nehmen, was zu geben? Wissen wir überhaupt, was uns zusteht? Wissen wir, was kommt, was bleibt? Wie wollen wir leben? Was ist wichtig? Sind wir für den Fortschritt bereit? Es ist ein nachdenkliches und überaus berührendes Buch über das Menschsein und die Verantwortung die damit verbunden ist.
Vielleicht wird man nach der Lektüre ein wenig bewusster leben, sich öfter, ähnlich wie Kathy, Ruth und Tommy, an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Das Buch berührt langsam, tief und wie zufällig. Ich liebe es!

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Bewertung von Pippi Langstrumpf aus Lippstadt am 29.08.2010 ***** sehr gut
Der Roman "Alles was wir geben mussten", von Kazuo Ishiguro spielt in den 70er und 80er Jahren des 20.Jahrhunderts in England. Es geht um Kathi,Tomy, Ruth, Laura und viele andere junge Menschen, die in einer Art Parallelwelt leben. In ihr wir ihr gesamtes Leben vorbestimmt und selbst die Vorstellung in einem Büro zu arbeiten ist für die jungen Leute abendteuerlich. Der einzige Zweck der ihnen zu kommt ist es Organe zu spenden; nicht erst nach ihrem Tod sondern schon zu Lebenszeiten. Aus diesem Grund sind sie nicht auf natürlichem Wege gezeugt worden, sondern sind Klone.
Ich glaube, durch die interesante Art des Erzählens lenkt Ishiguro ganz bewusst die Aufmerksamkeit seiner Leser auf die aktuellen Themen "Menschenzüchtung" und "Organhandel". Ein Buch was man wunderbar lesen kann und zudem noch zum nachdenken anregt.

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Bewertung von sabisteb aus Freiburg am 08.06.2010 ***** sehr gut
Dieses Buch erzählt die Lebensgeschichte von Kathy H. und ihrer Freunde Ruth und Tommy. In Drei Teilen erzählt Kathy H. ihre Lebensgeschichte. Von ihrer Kindheit in einer Art Internat Namen Hailsham, von ihrer kurzen Jungend in den Cottages und ihrem Leben als Spender und Betreuer.

Im ersten Teil, der Kindheit, entfaltet sich eine einerseits heile Welt wie in einem Hanni und Nanni Internat, andererseits schwebt da dieses Damoklesschwert „spenden“ über den Kindern, denn noch bevor sie überhaupt in die mittleren Jahre kommen, werden ihnen nach und nach die lebenswichtigen Organen entnommen.
Die Kinder waren noch nie in der wahren Welt, sie sind ihr Leben lang in Hailsham interniert, in ihrer eigenen, kleinen, „heilen“ Welt. Für das Leben nach Hailsham gibt es Fächer wie Gesellschaftskunde in welchem Fähigkeiten in Rollenspielen eingeübt werden, die man als normaler Mensch einfach so mitbekommt und erlebt. Die Lehrer werden Aufseher genannt, was sie wohl auch in gewisser weise sind. Dieses Hailsham ist Internat und Gefängnis zugleich. Die Lehrer scheinen mit ihrer Rolle auch nicht glücklich zu sein. Da wäre miss Lucy, die wütend wird, wenn die Kinder Fragen über das Spenden stellen. Die Aufseher verlieren sich in mysteriösen Andeutungen wie "Es geschieht aus gutem Grund. Aus einem sehr wichtigen Grund. (S. 55)" Dann ist da die seltsame Madame, die die schönsten Kunstwerke abholt und sich dabei jedoch vor den Kindern ekelt, wie vor Spinnen (S. 48 ). Warum wird in Hailsham so viel Wert auf Kreativität gelegt und so wenig auf Naturwissenschaften und logisches Denken? Nie sind die Kinder allein, immer in Gruppen.
Eine interessante Mischung aus heiler Internatswelt, seltsamer Internierung und Abschottung vor der Außenwelt und einem großen Geheimnis, das immer nur angedeutet wird. Beklemmend und doch wieder heile Welt, surreal und doch wieder nicht.

Der Autor entwirft eine geschickte Utopie, wie Menschen zu Dingen werden, das akzeptieren, sich in ihre Rolle einfinden und stolz darauf sind. Das ganze Menschenbild oder besser Spenderbild, das in diesem Buch gezeigt wird ist menschenunwürdig. Ein Spender stirbt nicht, er schließt ab. Die Cottages machen den Eindruck einer Auswilderung. Wie bei wilden Tieren. Ab und an mal vorsichtige Ausflüge ins Umlang um die neue Welt zu erkunden, nachdem man sein Leben im Zoo / Hailsham verbracht haben. Man lernt menschliche Verhaltensweisen unreflektiert aus dem Fernsehen, schaut aber nie Nachrichten und interessiert sich nicht dafür, was in der Welt wirklich passiert.
Diese Menschen lernen nie Probleme zu klären. Probleme schwären vor sich hin, werden vermieden, verschwiegen und irgendwann muss es dann zum Ausbruch und Zusammenbruch kommen, was wohl auch beabsichtig ist, die Cottages sollen die Jugendlichen, die vorher zusammenhielten und in der Masse und in ihrer Verbundenheit eine Gefahr wären, entzweien. Sie flüchten in den einzigen ihnen möglichen Beruf als Betreuer, in welchem sie Spender auf dem Weg des Sterbens begleiten. Sie sehen Jahrelang das Leid um sich herum, haben keinen um darüber zu sprechen und das macht sie kaputt. Sie sind psychisch letztendlich so am Ende, dass sie einfach nur spenden und sterben wollen. Ein extrem perfides Kontrollsystem.

Probleme hatte ich mit der Datierung der Geschichte, sie spielt in den 1970er – 1990er Jahren. Aber damals war es noch nicht möglich Menschen zu klonen, mir wäre eine Datierung in die Zukunft logischer erschienen. Wer hat diese Kinder geboren?

Fazit: Dieses Buch liest sich flüssig und spricht auf emotionale und poetische Weise ethische Dilemmas an, die das Klonen mit sich bringen wird/kann. Das Buch hat aber vielleicht gerade wegen seiner Emotionalität einige logische Lücken und Probleme, die nicht gelöst werden, wie die Datierung der Geschichte. Dennoch extrem lesenswert.

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Bewertung von sabisteb aus Freiburg am 08.06.2010 ***** sehr gut
Dieses Buch erzählt die Lebensgeschichte von Kathy H. und ihrer Freunde Ruth und Tommy. In Drei Teilen erzählt Kathy H. ihre Lebensgeschichte. Von ihrer Kindheit in einer Art Internat Namen Hailsham, von ihrer kurzen Jungend in den Cottages und ihrem Leben als Spender und Betreuer.

Im ersten Teil, der Kindheit, entfaltet sich eine einerseits heile Welt wie in einem Hanni und Nanni Internat, andererseits schwebt da dieses Damoklesschwert „spenden“ über den Kindern, denn noch bevor sie überhaupt in die mittleren Jahre kommen, werden ihnen nach und nach die lebenswichtigen Organen entnommen.
Die Kinder waren noch nie in der wahren Welt, sie sind ihr Leben lang in Hailsham interniert, in ihrer eigenen, kleinen, „heilen“ Welt. Für das Leben nach Hailsham gibt es Fächer wie Gesellschaftskunde in welchem Fähigkeiten in Rollenspielen eingeübt werden, die man als normaler Mensch einfach so mitbekommt und erlebt. Die Lehrer werden Aufseher genannt, was sie wohl auch in gewisser weise sind. Dieses Hailsham ist Internat und Gefängnis zugleich. Die Lehrer scheinen mit ihrer Rolle auch nicht glücklich zu sein. Da wäre miss Lucy, die wütend wird, wenn die Kinder Fragen über das Spenden stellen. Die Aufseher verlieren sich in mysteriösen Andeutungen wie "Es geschieht aus gutem Grund. Aus einem sehr wichtigen Grund. (S. 55)" Dann ist da die seltsame Madame, die die schönsten Kunstwerke abholt und sich dabei jedoch vor den Kindern ekelt, wie vor Spinnen (S. 48 ). Warum wird in Hailsham so viel Wert auf Kreativität gelegt und so wenig auf Naturwissenschaften und logisches Denken? Nie sind die Kinder allein, immer in Gruppen.
Eine interessante Mischung aus heiler Internatswelt, seltsamer Internierung und Abschottung vor der Außenwelt und einem großen Geheimnis, das immer nur angedeutet wird. Beklemmend und doch wieder heile Welt, surreal und doch wieder nicht.

Der Autor entwirft eine geschickte Utopie, wie Menschen zu Dingen werden, das akzeptieren, sich in ihre Rolle einfinden und stolz darauf sind. Das ganze Menschenbild oder besser Spenderbild, das in diesem Buch gezeigt wird ist menschenunwürdig. Ein Spender stirbt nicht, er schließt ab. Die Cottages machen den Eindruck einer Auswilderung. Wie bei wilden Tieren. Ab und an mal vorsichtige Ausflüge ins Umlang um die neue Welt zu erkunden, nachdem man sein Leben im Zoo / Hailsham verbracht haben. Man lernt menschliche Verhaltensweisen unreflektiert aus dem Fernsehen, schaut aber nie Nachrichten und interessiert sich nicht dafür, was in der Welt wirklich passiert.
Diese Menschen lernen nie Probleme zu klären. Probleme schwären vor sich hin, werden vermieden, verschwiegen und irgendwann muss es dann zum Ausbruch und Zusammenbruch kommen, was wohl auch beabsichtig ist, die Cottages sollen die Jugendlichen, die vorher zusammenhielten und in der Masse und in ihrer Verbundenheit eine Gefahr wären, entzweien. Sie flüchten in den einzigen ihnen möglichen Beruf als Betreuer, in welchem sie Spender auf dem Weg des Sterbens begleiten. Sie sehen Jahrelang das Leid um sich herum, haben keinen um darüber zu sprechen und das macht sie kaputt. Sie sind psychisch letztendlich so am Ende, dass sie einfach nur spenden und sterben wollen. Ein extrem perfides Kontrollsystem.

Probleme hatte ich mit der Datierung der Geschichte, sie spielt in den 1970er – 1990er Jahren. Aber damals war es noch nicht möglich Menschen zu klonen, mir wäre eine Datierung in die Zukunft logischer erschienen. Wer hat diese Kinder geboren?

Fazit: Dieses Buch liest sich flüssig und spricht auf emotionale und poetische Weise ethische Dilemmas an, die das Klonen mit sich bringen wird/kann. Das Buch hat aber vielleicht gerade wegen seiner Emotionalität einige logische Lücken und Probleme, die nicht gelöst werden, wie die Datierung der Geschichte. Dennoch extrem lesenswert.

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Bewertung von Lehmann, Peter aus Elsfleth b. Bremen am 17.02.2008 ***** sehr gut
Eine sehr interessante, spannend erzählte Geschichte. Nur leider sehr schlampig ins Deutsche übersetzt. Ansonsten sehr empfehlenswert, man kann das Buch nicht aus der Hand legen, bis es durchgelesen ist...

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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